Spielzeug-Ritter landet in Toilette

Minden (lwl/aw). Ein Grabungsteam unter Fachaufsicht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist in der Greisenbruchstraße in Minden auf Zeugnisse der Frühzeit Mindens gestoßen und hat unter anderem einen Spielzeug-Ritter entdeckt. Die umfangreichen Überreste stammen aus dem 13. bis frühen 17. Jahrhundert und belegen eine rege Bautätigkeit am westlichen Altstadtrand. Die Ritterfigur beleuchtet den Alltag Mindener Bürgerkinder im Mittelalter. Bereits der Blick in die ersten beiden Grabungsschnitte machte den Fachleuten klar, dass die Überreste der mittelalterlichen Bürgerhäuser, die hier gestanden haben müssen, durch die Keller jüngerer Häuser fast vollständig beseitigt worden sind. Allerdings trafen sie auf eine Vielzahl an Gruben und Latrinen. Dadurch lässt sich nahezu die gesamte Baugeschichte der Grundstücke rekonstruieren.

„Dies ist möglich, da die Hinterhöfe und Gärten der Bürger auch als wichtiges Baustofflager für die Fachwerkhäuser dienten. Zwar kam das Bauholz aus den umliegenden Wäldern, aber der gelbe Lehm für die Wände konnte direkt unter dem Gartenboden gewonnen werden“, erklärt Grabungsleiterin Claudia Melisch. Ein aufwändiger Transport war somit nicht nötig, gleichzeitig sparte das Kosten.

Über den Alltag der Menschen, die das mittelalterliche Minden bewohnten, erhoffen sich die Archäolog:innen vor allem Aussagen durch Funde aus den Latrinen. Ihre große Anzahl, die sich vorwiegend in den hinteren Grundstücksbereichen fand, spricht dafür, dass hier seit dem 13. Jahrhundert ein immer wieder erneuertes Toilettenhäuschen zur Verfügung stand. Dort wurden auch die Abfälle des Haushaltes, meistens zerschlagenes Geschirr und Speisereste entsorgt. Ein schönes Beispiel eines „Alltagsfundes“ ist eine kleine Ritterfigur. Sie zeigt, dass die Mindener Bürgerkinder im Mittelalter das höfische Leben nachspielten.

Dr. Sven Spiong, Leiter der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie, freut sich darüber, einzelne Bauphasen eindeutig bestimmen zu können: „Da es keine Steinwerke gibt, deren Fundamente sich in den mittleren oder hinteren Grundstücksbereichen erhalten hätten, gehen wir von einer reinen Fachwerkbebauung am westlichen Rande der Altstadt aus.“ Anhand der vielen tausend Scherben, die die Fachleute inzwischen aus den Lehm-Entnahmegruben geborgen haben, könnten die einzelnen Gruben datiert werden. Aus der Menge an entnommenem Lehm lässt sich zudem grob der Umfang der in den jeweiligen Jahrhunderten hier errichteten Fachwerkhäuser rekonstruieren.

Bevor die genaue Datierung der einzelnen Gruben erfolgen kann, muss in der Bielefelder Außenstelle die Keramik aus den Gruben jeweils einzeln bestimmt werden. Spiong sieht hier eine große Herausforderung auf das Team der LWL-Archäolog:innen zukommen: „Wenn alle Scherben gereinigt und gepuzzelt sind, können wir jede einzelne Grube datieren und einen ersten Phasenplan der Lehm-Entnahmestellen entwerfen. Das ist dann die Grundlage für indirekte Rekonstruktion der Bauphasen und ihres ungefähren Ausmaßes“.

Für die Expert:innen ist klar klar, dass die Mindener Altstadt an ihren Rändern bald nach der Errichtung der ersten Stadtmauer flächig besiedelt war. Nur in unwegsamem Gelände – wie etwa jüngst am Deichhof nachgewiesen – kam es noch im 14. Jahrhundert zur Nachverdichtung. Auffällig ist auch, dass die Bebauung im Laufe des 17. Jahrhunderts für einige Zeit abbricht. Dies könnte eine unmittelbare Folge der Ereignisse während des 30-jährigen Kriegs gewesen sein.