Georgschacht Stadthagen

Teil des ehemaligen Georgschachts Stadthagen. Foto: André Winternitz, rottenplaces.de

In den Jahren von 1902 bis 1960 wurde im ehemaligen Bergwerk Georgschacht, etwa zwei Kilometer südwestlich des Zentrums von Stadthagen (Landkreis Schaumburg), Steinkohle gefördert. Der Georgschacht war die zentrale Schachtanlage eines der ältesten Bergbaugebiete Deutschlands und wird als Musterbeispiel eines Kohlebergwerkes gesehen. Weil die Kesselanlagen zum Betrieb der Dampfmaschinen sauberes Wasser benötigten, wurde 1901 der Wasserturm errichtet. Das 34 Meter hohe Bauwerk gilt als eines der ältesten Gebäude des Georgschachtes.

Nachdem bei Obernkirchen bereits modernere Förderschächte entstanden waren, sollte Ende des 19. Jahrhunderts die Kohleförderung im Osten des Schaumburger Reviers neu geordnet werden. Als Zentralschacht wurde in den Jahren 1899 bis 1902 südwestlich von Stadthagen der Schacht I mit einem Durchmesser von 5 Metern auf 251 Meter abgeteuft. Seine feierliche Einweihung erfolgte am 8. Dezember 1902. Nach dem dabei anwesenden Fürsten Georg erhielt die Zeche den Namen Georgschacht. Ein Gleisanschluss an die Rinteln-Stadthagener Eisenbahn entstand im Jahr 1902. Die Kohleproduktion Untertage wurde nach 1910 durch den Einsatz von Drucklufthämmern und Schüttelrutschen modernisiert.

Auf dem späteren Gelände des Georgschachts wurde seit dem Jahr 1890 mit der Erzeugung von Elektrizität aus Kohle experimentiert. Mittels zweier je 500 PS starker Dampfkolbenmotoren wurde um 1902 mit etwa einem Prozent ein höherer Wirkungsgrad als bei Dampfmaschinen erreicht. Die Erzeugung einer Kilowattstunde Strom erforderte 12,3 kg Kohle. Neben der Deckung des Eigenbedarfs wurden auch andere Abnehmer in der Gegend versorgt. 1905 entstand dazu eine 7 km lange 6 kV-Freileitung nach Obernkirchen. Das Kraftwerk Georgschacht versorgte im Jahr 1914 rechnerisch 80 % der Grafschaft Schaumburg. Nach dem Netzverbund mit dem Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg und Modernisierungen in den Jahren 1916/17 und 1929 waren am Georgschacht Turbogeneratoren mit einer Maschinenleistung von 10 MW installiert.

Nach mehreren Vorversuchen lief seit Dezember 1902 die Kohlenwäsche und Kokerei auf der Tiefbauanlage Georgschacht. Die Anlage mit 60 je 6,1 Tonnen Kohle fassenden Öfen der Bauart Brunck produzierte im Jahr 1910 etwa 85.400 Tonnen Koks, 2.400 Tonnen Steinkohlenteer und 1000 Tonnen Ammoniumsulfat. Anfang 1926 wurde diese Anlage durch eine nach neuestem Stand der Technik gebaute ersetzt, die auch die beigemischte weniger gut verkäufliche Magerkohle des Lietstollens bei Obernkirchen verarbeiten konnte. Da die Produktion nun den Eigenbedarf übertraf, wurde seit 1930 Gas per Fernleitung nach Stadthagen, Obernkirchen und Bückeburg und in das Netz der Ruhrgas geliefert. Im Jahr 1952 erzeugten die über 200 Beschäftigten der Kokerei aus 181.560 Tonnen Steinkohle 153.280 Tonnen Koks, 3.840 Tonnen Rohteer, 767 Tonnen Benzol und 1.440 Tonnen Ammoniumsulfat. Die bessere Lagerfähigkeit von Koks gegenüber von Kohle ermöglichte das Überstehen von in den 1950er Jahren auftretenden Absatzschwankungen.

Das Zechenhaus entstand in den Jahren 1905 bis 1908. Es enthielt die Waschkaue sowie im Ostteil die Verwaltung des Bergwerks. Das im Jugendstil errichtete repräsentative Gebäude war mit seiner luxuriösen Bauweise in Schaumburg einzigartig und wurde landläufig „Kohlenkirche“ genannt. Der Eingang lag im Süden des Gebäudes. Rechts daneben waren Badewannenkabinen für die Steiger. Im Norden der Waschkaue lagen die Gemeinschaftsduschen der Mannschaften. Das Warmwasser kam aus Kesseln im Dachgeschoss des Verwaltungstrakts und wurde durch Dampf aus dem Kesselhaus aufgeheizt. Das hohe Mittelschiff der Waschkaue mit einem Dachstuhl aus Stahlprofilen und zur Lüftung zu öffnenden Klappen im Dach enthielt die Kleidungs-Kettenzüge. Der Weg zur Arbeit führte an der Lampenstube vorbei durch den Ausgang im Westen des Gebäudes. Die Grubenwehr hatte ihre Räume im Keller des Gebäudekomplexes und betrieb dort zudem eine Kompressoranlage zum Befüllen der Atemluftflaschen.

Von 1925 bis 1928 wurde 60 Meter südlich von Schacht I der 353 Meter tiefe Schacht II abgeteuft. Der Rundschacht mit 5 Meter Durchmesser hatte ein 32 Meter hohes Fördergerüst und ein eigenes Fördergebäude. Ab 1913 entstanden die im Jahr 2017 noch vorhandenen drei aneinander grenzenden Werkstatthallen. Diese beherbergten eine Schmiede, die Schlosserei und eine Elektrowerkstatt. Das abgesetzte vierte Gebäude nutzte die Tischlerei.
Abraum und die Schlacke aus dem Kesselhaus des Elektrizitätswerks wurden mittels zweier Förderbrücken über die Verladegleise und die Straße hinweg auf eine Abraumhalde transportiert. Diese erreichte eine Fläche von 120 Morgen und eine Höhe von bis zu 30 Meter.

Am 28. März 1960 beschloss der Aufsichtsrat der Preussag, den Betrieb des Georgschachts und der anderen Bergwerke im Schaumburger Land zum Jahresende einzustellen. Der Stadt Stadthagen gelang es, als Nachfolgenutzung mehrere Zweigniederlassungen von Metallbauunternehmen auf dem Gelände anzusiedeln. Nach Schließung dieser Betriebsstätten etwa in den 1980er Jahren folgten zumeist Schrott- und Recyclingbetriebe nach.

Heute befinden sich die verbliebenen Gebäude in einem schlechten bis sehr schlechten Zustand. Bisherige Pläne, Gebäude zu sanieren, verliefen – auch aus Kostengründen – im Sande. Im Planungs- und Bauausschuss der Stadt Stadthagen wurde 2017 diskutiert, die Kohlenkirche und das Umspannwerk ab 2018 mit Fördergeldern aus dem LEADER-Programm der Europäischen Union zu sanieren, während der Oberteil des Wasserturms auf Kosten der Stadt abgerissen werden würde, da eine Sanierung für den Besitzer nicht tragbar sei. Letztere Pläne sollen zeitnah umgesetzt werden.

Zechenhaus und Maschinenhaus werden als „Gebäude der Hauptzechenanlage Georgschacht des ehemaligen Steinkohlen-Bergbaus im Obernkirchener Revier“ unter der Nummer 3621/02 als Geotop geführt. Grund ist ihre Bedeutung als geowissenschaftliche, kulturhistorische Objekte.

Quellen: Wikipedia, Preussag Immobilien GmbH, Ludwig Kraus: Der Georgschacht, privat

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Dokument erstellt am 13.06.2017
Letzte Änderung am 13.06.2017