Gefängnis-Villa

Die wunderschöne, ehemalige Villa, erbaut 1914, war Teil eines großen, landwirtschaftlichen Anwesens (rund 500 Morgen) mit großem Bauernhof, welcher heute bereits nicht mehr existiert. Da die Eigentümer sehr wohlhabend waren, ließen sie zusätzlich ein großes Wohnhaus als Villa auf ihrem Anwesen errichten, indem auch Familienmitglieder wohnten. Im Jahre 1936, zu Zeiten des Nationalsozialismus, wurden die Gefangenenlager Oberems gegründet. Im Großraum des Standortes wurden Gutsbesitzer und Hauseigentümer gesucht, die ihr Objekt für eines dieser Lager zur Verfügung stellen.

So kam es, dass die Justizverwaltung Nordrhein-Westfalen dieses nachträglich erbaute Wohnhaus zur Errichtung eines Außenlagers pachtete. Inhaftiert wurden dort überwiegend NS-Kritiker oder Aufständige, die zur landwirtschaftlichen Arbeit – und unter ständiger Bewachung stehend – gezwungen wurden. Der Gefängnisleiter wohnte mit seiner Familie über den Zellenräumen in einer Dienstwohnung. Zur damaligen Zeit, vor der Strafvollzugsreform 1970, differenzierte man zwischen der Gefängnisstrafe und dem Zuchthaus. Wie in weiteren Außenlagern auch waren in diesem Gebäude zahlreiche Zuchthäusler inhaftiert, die sich mit ihrer Anstaltskleidung – sie trugen braune Kleidung – klar von den Gefängnissträflingen in blauer Kleidung unterschieden. Wer Strafgefangene in brauner Anstaltskleidung sah, wusste sofort, dass es sich hier um „schwere Jungs“ handelte. Nach der Zeit des Nationalsozialismus waren diese Methoden und auch die Zwangsarbeit sehr umstritten.

1970 wurde dieses Gefangenenlager, aus unwirtschaftlichen Gründen aufgelöst und das Anwesen stand einige Zeit leer. Der damalige Eigentümer verpachtete das Anwesen dann an eine Musikproduktionsfirma, die sich dort niederließ. Aber auch dieses Unternehmen währte nicht lange und so kam es erneut zum Leerstand. Vor einigen Jahren erwarb eine Unternehmerfamilie die ehemalige Villa um – nach Zeitzeugenaussagen – eine Komplettsanierung und Modernisierung durchzuführen und dort einzuziehen. Deutlich sind die bereits ausgeführten Arbeiten zu sehen, die schon seit dem Erwerb des neuen Eigentümers vor Jahren unternommen wurden. Dort wurden mit Enthusiasmus und Leidenschaft Wände eingerissen oder saniert und bestehende marode Träger und Balkenkonstruktionen erneuert. Mit einem Mal, von heute auf morgen, war dann Baustillstand und die Villa wurde ihrem Schicksal überlassen.

Nichts deutet heute mehr auf eine einst schöne Villa mit gepflegtem Anwesen und Garten. Das Gebäude zerfällt zusehends und ist teilweise stark einsturzgefährdet. Auf dem Grundstück bekommt man einen Eindruck, als hätten die Eigentümer und die ausführende Baufirma in einer Nacht- und Nebelaktion das Grundstück verlassen und alle Pläne aufgegeben. Bis heute steht ein Baukran vor dem Haus, der selbst mittlerweile stark verrostet und nur noch schrottreif ist. Es wäre wünschenswert, fände man einen Investor, der mit viel Liebe zum Detail und dem entsprechenden Geldbeutel dieses Gebäude für die Nachwelt und als Zeitzeuge erhalten würde.

Dokument-Information

Objekt ID: rp-000489
Kategorie: Häuser & Villen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Standort: keine Angabe
Baujahr: 1914
Denkmalschutz: nein
Architekt: keine Angabe
Objekt erfasst: 12.09.2009
Objekt erstellt: 22.01.2010
Letzte Änderung: 19.06.2018

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.