Das Hotel – Von Rebecca Selena Rottensteiner

Foto: pixelio/Dieter Schütz/Calyx Sustainable

Eine Landstraße. Eine sehr lange Landstraße. Ein altes halb verrostetes Schild mit dem Straßennamen: Maple Street. Ein Mini bahnte sich seinen Weg durch die Nebelschwaden. Die Fenster waren geschlossen, die Klimaanlage war auf 28° eingestellt. Das Paar im Wagen unterhielt sich, während Musik im Radio lief. „Das ist unser Lied, Schatz“, erwähnte die Frau auf dem Beifahrersitz. „Ja. Damals, auf der Geburtstagsfeier meines Chefs, als ich dich zum Tanz aufgefordert hatte“, erwiderte der Mann mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. „Und dann, als du mich gefragt hast…“ „Oh, ja. Ich erinnere mich nur allzu gut daran.“ „Der Sonnenuntergang auf dem Dach des Hochhauses…“ „Das war der schönste Tag meines Lebens.“

„Nicht nur deiner.“ Die Frau zeigte auf ein riesiges Gebäude etwas entfernt, das am Straßenrand über den Bäumen thronte, die wie zerstreute Schafe ab und zu auf der Wiese neben der Straße erkennbar waren. Ein Hotel, gebaut auf einem Hügel, halb bedeckt von dem Nebel. Der Mann bog in den Hof des Hotels ab und hielt in einer markierten Parklücke. „Sicher, dass wir hier bleiben sollen? Ich glaube hier ist schon lange niemand. Es sieht doch so verlassen aus…“ „Doch, ja. Bleiben wir hier, es sieht so nett aus und überhaupt brauchen wir eine Pause vor der Heimfahrt, zudem versperrt der Nebel jegliche Sicht. Und da siehst du dort brennt ein Licht!“ „Gut. Was immer du sagst, Jane.“

Der Mann stellte den Motor ab und stieg zeitgleich mit seiner Frau aus. Er öffnete den Kofferraum und holte zwei Taschen heraus. Der Weg zum Hotel ging bergauf und so waren die beiden erschöpft als sie endlich in der Hotellobby ankamen. „Mr. und Mrs. Doe?“ „Ja.“, völlig erschrocken darüber, dass die Empfangsdame ihren Namen wusste, schritt das Paar zur Rezeption. „Geben sie ihr Gepäck doch Raul.“ Die etwas dickliche Dame zeigte mit ihren wurstigen Fingern auf einen rothaarigen, dürren Burschen. Das Paar drehte sich um und übergab das Gepäck wobei ihnen die Uniformen des Hotels auffielen, die die Angestellten trugen. Blaue Anzüge mit einem großen Wappen auf der Brust. Ein Totenkopf mit Lorbeerzweigen.

Geschockt sahen sie wieder zu der dicken Dame, die bereits die Zimmerschlüssel bereit hielt. „Fahren sie doch mit dem Fahrstuhl in den 21. Stock. Das letzte Zimmer auf der rechten Seite ist ihres. Es hat die Nummer 17.“ „Wo ist denn der Aufzug?“ „Sie wissen das nicht mehr? Na, dort…“ Der Finger zeigte eine goldene Treppe hinauf, die mit rotem Teppich verziert war. Das Geländer glänzte und der Fahrstuhl war bereits offen. „Er wartet auf sie. Wie immer.“ „Wo gibt es denn Essen?“ „Oh hinter ihnen. Einfach die Türen öffnen und sie sitzen mit den anderen Gästen im Restaurantbereich.“ „Ah…danke.“ Das Paar ging die Treppe hoch und verschwand im Aufzug, der sofort die Türen schloss und losfuhr, als die beiden drin waren. Im Zimmer angekommen zogen sich die beiden um. Ihr Gepäck lag ja bereits im Raum.

Das Bett war unglaublich groß und bequem. Das Schlafzimmer war riesig und es gab noch sieben weitere Türen hinter diesen sich Badezimmer, Küche, Arbeitszimmer, Gäste-WC, Wohnzimmer, Sauna und ein begehbarer Kleiderschrank befanden. In bequemen Jogginganzügen machten sich Mr. und Mrs. Doe auf den Weg in den Restaurantbereich. „Ich freue mich schon auf zuhause.“ „Endlich bei der Familie und den Kindern.“ „Ja, genau.“ Sie öffneten die Türen und standen auch schon im Restaurant. Die anderen Gäste ignorierten sie, als wär das Paar nicht da. Der Kellner bat sie zu ihrem Tisch.

Es war der größte im Raum, direkt in der Mitte, leicht erhöht zu den anderen im Raum. Sie wurden bedient und aßen die Speisen. Die Frau wollte gerade trinken, als sie einen Schrei hörte. Sie schreckte auf und stellte das Glas zurück auf den Tisch. Sie sah sich im Raum um. Niemand beachtete die Schreie, die sich nun immer mehr häuften. Ein Mädchen weinte und schrie, doch niemand bewegte sich. Mr. Doe fragte ihren Mann ob er das selbe hörte wie sie, doch er rührte sich nicht. sein Körper war steif. Nichtmal der Brustkorb bewegte sich auf und ab. War er tot? , fragte sich die Frau. Sie rüttelte ihn bis er schließlich vom Stuhl kippte und auf dem Boden landete.

Der Mund offen, die Augen aufgerissen vor Entsetzen. „Schatz? Schatz?!“ „Oh bitte… reden sie etwas leiser die anderen Gäste fühlen sich gestört.“, ermahnte sie der Ober.

Jane Doe stand auf und drehte sich um – der Ober, der sie eben noch ermahnte, war verschwunden. Und nicht nur er, auch die Gäste waren weg. Die Stühle, wie sie einst golden und glänzend gewesen sind, waren nun verrostet und klapprig. Das Essen, das eben noch ein Festmahl war, vergammelt und braun. Doch eins war immer noch so wie vorher. Die Schreie waren noch zu hören. Nachdem auch ihr Mann verschwunden war entschied sich Jane den Schreien auf den Grund zu gehen und begann sich im Restaurant um zu sehen. Nichts. Nur kaputtes Mobiliar und gammeliges Essen weit und breit. Doch nun entdeckte sie eine Tür, die vorher noch nicht da war. Langsam schritt sie auf die Tür zu, ohne zu wissen was sich dahinter verbarg. Die Tür quietsche, als sie sie öffnete und schlagartig wurde Jane schlecht. Es war eine Gästetoilette.

Es roch streng und sie musste sich den Ärmel ihrer jacke vor die Nase halten. Der Geruch wurde schlimmer, je näher sie der vorletzten Tür kam. Langsam voller Furcht darüber, was diese Toilette verbarg, schob sie die Tür auf. Doch was sie sah übertraf all ihre Vorstellungen. Eine rosa Schleife zierte die Haare eines kleinen weinenden Mädchens. Die Haut im Gesicht war verfault und die Arme und Beine braun und grün. Es blickte zu Jane auf. „Du bist gekommen. Endlich.“ Die Leiche rappelte sich auf und humpelte auf Jane zu, die immer weiter zurück ging, bis sie schließlich die Tür zum Restaurant berührte. Sie drückte dagegen und fiel rückwärts in die Arme ihres Mannes. Glücklich drehte sie sich um und erblickte ihren Mann, doch auch seine Haut war zerfetzt. Fleisch fehlte und die Haut hing in Fetzen herunter. Seine Klamotten waren blutgetränkt, sein Gesicht erstarrt so wie sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Sie schlug sich von ihm frei und rannte zur Lobbytür. Dann stolperte sie in den Lobbybereich und sah noch mehr Leichen herumwandeln. Kurz hielten die Toten inne, schließlich musterten sie die junge Frau und schlurften auf sie zu, die Arme nach ihr ausgestreckt.

Schnell hastete sie die Treppe hinauf und in den Aufzug, der sie sogleich in den 21. Stock fuhr. Dann rannte sie in ihr Zimmer und packte die Sachen zusammen, sowohl ihre, als auch die ihres Mannes. Mit den Taschen in der Hand flüchtete sie in den Gang und stolperte in den Aufzug. Der fuhr sie wieder zur Lobby. Jane stieg aus und blickte um sich. Niemand war zu sehen und draußen ging langsam die Sonne auf. Mit den Taschen in der Hand fiel sie die Treppe hinunter und landete auf ihrem Kopf. Sie war bewusstlos. So kurz vor dem Ziel fiel sie und war in Ohnmacht. Als etwas an ihr zerrte und kniff, riss sie die Augen auf. Eine Gruppe Tote kniete über ihr und begann ihr in die Haut zu beissen und ihr das Fleisch von den Knochen zu ziehen. Die Schmerzen waren höllisch und sie schüttelte sich um die Leichen kurz los zu werden und sich aufzurappeln. Als sie stand wurde ihr bewusst, wie viel Blut sie verloren hatte. Ihr wurde klar, dass sie schnellst möglich ins Auto musste. Sie wehrte einige Tote ab um sich zu ihren Taschen durch zu kämpfen und ergriff diese nach einigen Schlägen, die sie den Toten gab.

Mit den Taschen stürmte sie zum Ausgang und riss die Tür auf, um die ersten Sonnenstrahlen ihr Gesicht wärmen zu lassen. Hinter ihr wüteten die Toten aus dem Hotel und krochen in ihre Richtung. Sofort lief sie zum Auto, machte es mit dem Schlüssel aus der Tasche ihres Mannes auf und startete den Motor. Sie weinte um ihren Mann, als sie ihn mitten unter den Leichen sah, die gerade auf sie zu kamen. Sie gab Gas und fuhr einige von ihnen um, bevor sie wendete und sich weiter zur Ausfahrt aufmachte.

Ein letztes Mal sah sie zurück und blickte in die Augen ihres toten Mannes, sie waren immer noch voller Entsetzen und Furcht. Schließlich bahnte sich der Mini einen Weg durch die Maple Street in Richtung Heimat. Nichtsahnend was bald geschehen würde. Sie schaltete das Radio ein und hörte das Lied. Es war das selbe Lied. Das Lied bei dem ihr Mann vor ihr kniete und um ihre Hand anhielt. Kurz schloss sie die Augen und schluchzte. Dann, gerade als sie sie wieder öffnete, spürte sie eine Hand in ihrem Nacken. Sie war warm. Lebendig. Die Frau drehte sich zum Beifahrersitz und erkannte ihren Mann. Glücklich. Voller Freude. Lebend.

Zuhause angekommen legten sich die beiden ins Bett und schliefen. Es war zwar Morgen doch sie brauchten die Ruhe. Jane schloss ihre Augen und schlief. Am Nachmittag wachte sie auf. Etwas zerrte an ihrem Körper und zwickte. Als sie ihre Augen öffnete, bemerkte sie dass sie in der Hotellobby lag. Ihr Mann kniete über ihr und riss ihr Stück für Stück das Fleisch heraus.

Es war ein Traum. Nur ein Traum! Jane verlor so viel Blut, dass sie kaum mehr etwas sah doch da waren Hotelgäste. Entsetzt. Angestellte standen um sie und ihren Mann. Geschockt. Sie waren nicht tot. Doch ihr Mann… und bald würde auch sie es sein. Jane schrie ein letztes Mal auf bevor sie sich für den kurzen Schlaf zur Unsterblichkeit ausruhte und ihre Augen schloss. Bald würde sie wieder mit ihm vereint sein. Mit ihrem Mann. Dann könnten sie das Hotel wieder führen. Endlich waren sie wieder gekommen. In ihrem Hotel. Ihr toter Mann stellte ihr eine Schachtel hin. Auf der Schachtel war ein Totenkopf mit Lorbeerzweigen.

Sie waren zurück…

Rebecca Selena Rottensteiner