Anomalien: Bomben-Sondierung am Bahnhof

Gießen (pm/aw). Am 23. und 24. August wird ein Gelände am Bahnhof Gießen genauer unter die Lupe genommen. Dort, wo eine große Fahrradabstellanlage geplant ist (hinter der Neuen Post), wird dann im Untergrund nach möglichen noch scharfen Bomben aus der Weltkriegszeit gesucht. 16 sogenannte Anomalien im Untergrund, so haben erste Untersuchungen an der Oberfläche des Baugebiets gezeigt, geben Anlass, genauer hinzuschauen, was sich unter der Oberfläche befindet. Als Anomalien bezeichnet man Auffälligkeiten, die auf Metall hinweisen. Es muss sich dabei nicht um alte Weltkriegs-Bomben handeln! Die verwendeten Metall-Detektoren weisen auch auf anderes Metall hin, das im Untergrund schlummert. Es könnte aber sein, dass sich in diesem Gebiet auch eine noch scharfe Bombe befindet. Der Gießener Bahnhof war eines der Haupt-Bomben-Abwurfgebiete der Alliierten Streitkräfte im Kampf gegen Nazi-Deutschland.

Aus diesem Grund bereitet sich die Stadt nun auf alle Eventualitäten vor – unabhängig von der Wahrscheinlichkeit eines Fundes, die niemand berechnen kann. Sollte am 23./24. August tatsächlich eine Bombe am Bahnhof gefunden werden, müsste diese zügig entschärft werden, um Gefahren frühzeitig abzuwenden. Der Zeitpunkt dafür kann auch erst dann festgelegt werden, wenn klar ist, um welches Kampfmittel es sich handelt und welche Gefahr tatsächlich von ihm ausgeht.

Unklar ist derzeit auch, in welchem Umkreis dann Sicherheitsmaßnahmen für die Bevölkerung ergriffen werden müssten. Größere Weltkriegsbomben erfordern in der Regel einen größeren Umkreis, in dem die Bevölkerung bei der Entschärfung vorsichtshalber evakuiert werden muss – zwischen 500 Metern und einem Kilometer ist dabei alles möglich. Im schlimmsten Fall – bei einem notwendigen Evakuierungs-Radius von einem Kilometer um eine mögliche Fundstelle – wären von Sicherungsmaßnahmen auch die Universitätskliniken und das Katholische Krankenhaus betroffen. Daneben auch Altersheime, Kitas und Schulen sowie Firmen und rund 15.000 Bewohner/innen des Gebietes.

Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz berichtete dazu: „Sollte es bei den Untersuchungen tatsächlich zu einem Bombenfund kommen und sollte dieser auch den unwahrscheinlichen Worst-Case bedeuten, dass wir in einem Umkreis von einem Kilometer alles räumen müssen, so stellen wir natürlich sicher, dass niemand auf anderem Wege zu gesundheitlichem Schaden kommt.“ Insbesondere die Aufrechterhaltung der medizinischen Maximalversorgung, die für uns das UKGM besonders im Bereich der Intensivmedizin, aber auch in den herausragenden Bereichen der Frühgeborenen-Versorgung oder der deutschlandweit einzigartigen Kinder-Krebsstation leistet, werde darunter nicht leiden. „Eine Voll-Evakuierung des Uni-Klinikums und auch des Katholischen Krankenhauses kommt nicht in Frage. Gerade im Intensiv-Medizin-Bereich werden wir das abwenden“, so die OB.

Dazu habe es in den letzten Tagen intensive Gespräche und Beratung auch durch den hessischen Kampfmittelräumdienst gegeben. Andere Sicherungssysteme müssten dann installiert werden. „Die Gefahr, dass Menschen durch eine Evakuierung in Gefahr für Leib und Leben kommen, um sie vor einer möglichen Bombenexplosion zu schützen, musste und muss dann immer abgewogen werden. Als Maxime gilt, dass wir im gegebenen Fall mit den Betreibern aller Einrichtungen alles daransetzen werden, jeglichen Schaden zu vermeiden. Klar ist dabei aber auch, dass eine Räumung der Intensivstationen nicht möglich ist.“ Darin wisse sie sich mit den Experten der Kampfmittelräumung und den Betreibern der Kliniken einig. Dafür müssten dann andere Sicherheitsmaßnahmen gefunden werden.

Unzweifelhaft sei eine mögliche Evakuierung eine große Belastungsprobe für all die vielen Menschen, die betroffen wären. „Wir könnten dies aber nicht umgehen“, so die OB. Jede scharfe Bombe im Untergrund sei auch eine Gefahr auf Zeit. Ein Dutzend alte Bomben seien in Hessen bereits ohne Einwirkung von außen explodiert. „Selbst wenn wir auf die Baumaßnahme verzichten würden, möchte ich nicht dafür verantwortlich sein, wenn eine alte Bombe ohne unser Zutun explodiert und Menschenleben gefährdet. Am besten ist es: Wir wissen, da schlummert nichts im Untergrund und es kann auch in Zukunft niemand gefährdet werden. Jede entschärfte Gefahrenlage ist wichtig und gut.“

Die Stadt Gießen beabsichtigt, am Bahnhof hinter der Neuen Post eine neue Fahrradabstellanlage für rund 400 Räder zu bauen. Diese Maßnahme im Umfang von 800.000 € wird aus dem Programm Hessenkasse des Landes Hessen gefördert. Damit soll dem zunehmenden Bedürfnis nach sicheren Abstellmöglichkeiten an diesem zentralen Ort nachgekommen werden. Im Zuge der Vorbereitungen des Baus musste der Untergrund oberflächlich mit Detektoren nach Kampfmitteln abgesucht werden.