An der Reihe – Von Maria Grzeschista

Foto: pixelio/Clara Diercks

Mittwoch. Das bedeutete wohl oder übel, mal wieder den ganzen Tag Theorie. Es langweilte sie ungemein. So vieles auf dieser schönen Welt war um einiges interessanter. Dieser trockene Unterricht entzog ihr jegliche Kreativität. Früher hatte sie sehr gerne Bilder gemalt, auf ganz verschiedene Art und Weise. Ob mit Wasserfarbe, Kohle und Kreide oder Ölfarbe – sie liebte die Kunst abgöttisch. Zu einigen Bildern schrieb sie ab und zu ein paar Zeilen. Aber im Moment kam sie einfach zu nichts mehr. Zum Glück gab es da noch Tina. Sie kannten sich seit Beginn der Ausbildung, saßen nebeneinander und verstanden sich wunderbar. Frau Gruber redete an diesem Tag wieder mal ewig von ihren Urlauben in Amerika und von der Safari vom letzten Jahr. Wie oft hatten sie diese Geschichten schon gehört? Mittlerweile konnte das doch die gesamte Berufsschulklasse bereits in – und auswendig, wahrscheinlich noch viel besser als den Unterrichtsstoff, der wirklich zählte.

Conny schob kurz vor der Frühstückspause einen kleinen karierten Zettel zu Tina hinüber. „Willst du mit mir gehen? … und zwar in der großen Pause zum Chinesen, um zu Mittag zu essen?“ Tina schmunzelte. Während sie eine Antwort auf den Papierschnipsel kritzelte, plapperte Frau Gruber gerade von Sunny, dem amerikanischen Kurzhaarkater, in den sie sich in Florida Hals über Kopf verliebte und den sie sofort kurzerhand mitnahm. Er gehörte vorher zu einem betagten Ehepaar, die sich nicht mehr richtig um ihn kümmern konnten und wollten. Die Frau hatte wohl von Anfang an keine Katze gewollt und der Mann hatte in den letzten Monaten eine Allergie entwickelt. Die Tatsache, dass Frau Gruber dieses Tier aufgenommen hatte, freute Conny von Herzen, denn sie liebte Katzen. Aber nicht einmal das konnte ihr nervtötendes Geplapper entschuldigen.

„Stellt euch doch mal vor, was das arme Ding ohne mich gemacht hätte,“ rief Frau Gruber empört, wobei ihre Stimme sich beinahe überschlug und sie dramatisch die Hände in die Luft riss. „Sie wäre ganz bestimmt umgekommen, die süße Mieze! Aber ich habe mich aufopferungsvoll von diesem Tage an um das Tier gekümmert und kann bis heute mit reinem Gewissen sagen, dass das eine selbstlose und gute Tat war!“ Conny seufzte, verdrehte genervt die Augen und schüttelte verständnislos mit dem Kopf. Eine Katze war durchaus in der Lage, sich selbst zu versorgen und wenn es solch eine gute Tat gewesen wäre, wie ihre Lehrerin meinte, dann würde sie damit nicht so herumprahlen müssen, denn es zählte sicherlich auch so. Zählte nicht alles im Leben auf eine bestimmte Art und Weise?

Während sie sich stumm diese Frage stellte, schob Tina den Zettel zurück, auf dem mit pinker Glitzerschrift ganz groß und deutlich ‚Ja‘ stand. „Ich bin ein unglaublicher Tierfreund, müsst ihr wissen,“ tönte Frau Gruber und nickte dabei so eifrig, dass Conny schon befürchtete, sie könnte sich damit versehentlich das Genick brechen. Sie fragte sich, ob Frau Gruber Fleisch aß. Das wäre doch ein Widerspruch, oder? Nachdem sie so übertrieben betont hatte, wie sehr sie Tiere liebte, wie konnte sie diese dann essen? Immerhin hatte sie sich nicht spezialisiert. Sie sagte Tiere, was bedeutete, dass Tiere im Allgemeinen gemeint waren, also jeglicher Art. Wussten die Menschen eigentlich immer, was sie da redeten oder war ihnen die Bedeutung der eigenen Worte oft gar nicht richtig klar? Endlich verkündete Frau Gruber mal etwas Positives, nämlich das nun Pause war.

Dies war jedoch erst die Frühstückspause, welche nur zwanzig Minuten dauerte. Essen gehen wollte Conny erst in der einstündigen Mittagspause, denn da hatte man genug Zeit, um in Ruhe zu essen. „Endlich mal Ruhe vor dieser Plapperschnepfe,“ stöhnte Tina entnervt und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, wobei sie sich genüsslich streckte. Ihr lockiges Haar fing das Sonnenlicht ein und reflektierte es, was dazu führte, dass ihre rehbraunen Haare wunderschön glänzten. „Benutzt du ein neues Glanzshampoo, von dem ich nichts weiß,“ fragte Conny, während sie bewundernd auf die Locken ihrer Freundin starrte. „Nein, eigentlich nicht. Du blondierst zu oft, lass das lieber. Ehrlich, vertrau mir. Würde ich das machen, dann sähen meine Haare auch ganz anders aus.“ Conny zuckte die Achseln und stand auf. „Ich geh mal schnell pinkeln,“ meinte sie und sah Tina fragend an, aber diese schüttelte den Kopf und scrollte durch ihr Handy. Das bedeutete wohl, dass sie nicht mitkommen wollte. Natürlich mussten sie nicht dauernd zu zweit auf die Toilette, aber wenn sie beide ohnehin mussten, dann gingen sie eben schon zusammen.

„Na schön, dann verlasse ich dich jetzt und beende hiermit auch gleich unsere nicht vorhandene Beziehung, damit du es weißt,“ flötete Conny und machte sich auf den Weg. „Oh nein,“ wimmerte Tina und griff sich theatralisch ans Herz, wobei sie sich krümmte. „Tu mir das doch nicht an, ich werde es so vermissen – das, was nicht existierte…“ Beide grinsten. Beide wussten es, obwohl keine von ihnen das Gesicht der anderen sehen konnte. In Gedanken begann Conny damit, die restlichen Unterrichtsstunden durchzugehen, die heute noch vor ihr lagen. Gleich zwei Stunden Mathematik standen sofort nach dieser Pause an. Später musste sie dann noch Deutsch, Englisch und Wirtschaftskunde überstehen. Das war zwar viel, aber sie hatte diese Ausbildung zur Wirtschaftsassistentin gewollt und sie würde das auch durchziehen.

Trotzdem dachte sie mehr als einmal pro Woche daran, wenn morgens der Wecker klingelte und sie damit unsanft aus dem Schlaf riss, irgendwie beim Arzt einen Krankenschein abzukassieren und blau zu machen. Aber so ging es wohl nahezu jedem Menschen, der in ihrer Lage war. Doch brachte es wirklich etwas, damit nicht allein zu sein? Wenn ja, was? Wahrscheinlich machte sie sich einfach nur um alles mögliche viel zu viele Gedanken. Seufzend betrat sie den Vorraum mit den Spiegeln und den Waschbecken. Bereits ab der ersten Sekunde überkam sie ein mulmiges Gefühl und sie wusste ehrlich nicht, woran das lag. Dann bemerkte sie, dass noch jemand auf einer der Toiletten war. Ein Schluchzen war zu hören und kurz darauf ein Schnäuzen. Conny blieb kurz zögernd stehen.

Alles in ihr wollte dort sofort wieder weg, aber ihr fiel kein logischer Grund ein, wieso sie jetzt nicht ihre Blase entlasten sollte. Also blieb sie. Zwar hasste sie es, wenn sie von einer fremden Person beim Pinkeln gehört wurde, aber immerhin waren doch alle aus demselben Grund hier, oder etwa nicht? Was sollte also dieses Thetaer? Entschlossen ging sie in eine der Kabinen, schloss hinter sich ab und klappte den Klodeckel hoch. Dann hielt sie einen Moment inne und horchte. Kein einziger Laut war zu vernehmen. Wieso ging die Person nicht einfach, wenn sie offensichtlich fertig war? Oder war es ihr ebenso peinlich und sie wollte nicht pinkeln, bis Conny weg war? Aber das war doch lächerlich!

Plötzlich überkam Conny ein seltsam vertrautes Gefühl, welches sie sich ebenso wenig erklären konnte wie ihre Skepsis beim Betreten der Toiletten. Sie wartete noch einen Moment, doch in der anderen Kabine rührte sich nichts und niemand. Wie dem auch war, Conny beschloss, das Eis zu brechen und erleichterte sich genervt. Dabei kam ihr wieder das Schluchzen in den Sinn. Weinte sie hier etwa nur und war doch nicht aus demselben Grund wie sie hier? Sie entschied sich dafür, so schnell wie möglich wieder zu verschwinden. Dann würde sie vielleicht nicht mal gesehen werden und es wäre weniger peinlich, für alle Beteiligten. Sie zog sich wieder an, drückte die Spültaste hinunter, sperrte die Kabinentür auf, öffnete diese und trat in den Waschraum hinaus. Genau in diesem Moment hatte die fremde Person, die in der anderen Kabine geschluchzt hatte, exakt das gleiche getan und sie standen sich nun Auge in Auge gegenüber.

Conny traf fast der Schlag. Das junge Mädchen sah Eins zu Eins genauso aus wie sie selbst! Ihr wurde heiß und kalt und obwohl bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts Schlimmes passiert war, so wusste sie dennoch, dass es ein schrecklicher Fehler war, allein mit ihr hier zu sein. Ihr war bewusst, dass gleich etwas Schreckliches geschehen würde. Sie konnte nicht sagen, woher sie das wusste. Aber es war völlig klar: nur eine von ihnen würde die Toilette wieder verlassen! Frei nach dem Motto: es kann nur Eine geben! Was war hier nur los? Wie war das möglich und warum passierte das überhaupt? Ehe sie sich weitere Fragen stellen oder eine Antwort darauf finden konnte, wurde sie auch schon von dem fremden Mädchen angegriffen. Sie wusste weder, warum sie ihr feindlich gesinnt war, noch wusste sie, was sie damit bezwecken wollte, aber ihr kam ein unheimlicher Verdacht.

Conny schrie auf, als ihr Kopf gepackt und erst gegen den Waschbeckenrand und anschließend mit voller Wucht gegen den Spiegel geknallt wurde. Der Spiegel klirrte und deutliche Rissen zeichneten sich auf der glatten Oberfläche ab. Als sie ein zweites Mal brutal dagegen gestoßen wurde, klirrten die Scherben und eine besonders große davon schlitzte ihr die linke Wange auf. Eine andere bohrte sich tief in ihre Haut. Sie war derart fassungslos über das Geschehen, dass sie nicht einmal wusste, wie sie sich zur Wehr setzen sollte. Conny war keineswegs gewaltbereit. Selbst wenn sie nun angegriffen wurde und sie sogar Angst um ihr Leben hatte, so brachte sie es nicht fertig, ernsthaft brutal zu werden.

„Nein, hör auf,“ schrie sie ihre Peinigerin an, doch diese lachte nur gehässig. Connys Fingernägel bohrten sich verzweifelt in die Hände, welche noch immer ihren Kopf umklammert hielten. Es brachte ungefähr so viel wie einem Mörder zu sagen, wenn er einen gehen lässt, sagt man keinem irgendetwas. Wieder und wieder wurde ihr Kopf gegen das Waschbecken geknallt. Die Spiegelscherbe bohrte sich noch tiefer in ihre Haut und ihr Fleisch hinein. Conny schrie wie verrückt, aber es war, als wäre die Außenwelt von diesem ganzen Prozess abgeschirmt. Keiner kam ihr zu Hilfe und sie war sich fast sicher, dass außerhalb der Toilette die Zeit stehen geblieben war und sie von niemandem gehört werden konnte.

Irgendwann verlor sie das Bewusstsein, doch ihre Widersacherin hörte erst auf, als sie nicht mehr atmete und ihr Kopf bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. Dann ließ sie endlich los. Der leblose Körper sank zu Boden. Das Mädchen sah ihr totes Ebenbild mit leerem Gesichtsausdruck für eine Weile an. Sie musste die Leiche verschwinden lassen, aber darum würde sie sich später kümmern. Erstmal zog sie den Leichnam in eine der Kabinen, rückte sie so zurecht, dass man von außen nichts unter der Tür durch sah und kletterte über die dünne Holzwand in die unverschlossene Nachbarkabine, welche sie dann auch sogleich verließ und den Klassenraum von Conny aufsuchte. Dies war nun ihr Leben, welches sie sich mit aller Gewalt angeeignet hatte. Ihre Identität ganz allein und sie war nicht bereit, diese für irgendjemanden aufzugeben. Conny war lange genug an der Reihe gewesen. Nun war sie dran.

Maria Grzeschista