Zollverein: Von der Kokerei zum modernen Büroimmobilienstandort

Haus 2 mit Kokerei, UNESCO Welterbe Zollverein. Foto: RAG Montan Immobilien/Thomas Stachelhaus

Essen (pm/aw). „Hier, wo früher die Kokerei-Kumpel ihre verdreckte Arbeitskluft ablegten, sich duschten und anschließend ihre saubere Straßenkleidung anzogen, arbeiten jetzt IT-Experten und Büroangestellte in hochmodernen denkmalgerecht umgebauten Büros“, sagt Sascha Potrafke, Architekt des Büros „GMR Architekten“ aus Gelsenkirchen. Gemeinsam präsentiert er mit seinem Auftraggeber Thomas Beermann, Leiter der Immobilienverwaltung der RAG Montan Immobilien, die modernisierte ehemalige Kokerei-Kaue auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen-Katernberg. Im Auftrag der RAG Montan Immobilien hat das Gelsenkirchener Architekturbüro das kathedralenartige „dreischiffige“ etwa 20 Meter breite und 60 Meter lange Gebäude mit Auflagen des Denkmalschutzes und Vorgaben der UNESCO saniert und umgebaut.

So ist der erfolgreiche Umbau der Kaue der Abschluss eines ambitionierten Immobilienprojekts auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein betont Thomas Beermann: „Wir haben hier im Nordwesten von Zollverein auf dem Kokereiareal den so genannten RAG Campus als hochwertigen Büroimmobilienstandort geschaffen. An diesem Standort haben wir in sechs denkmalgeschützten Gebäuden der ehemaligen Kokerei und in zwei Neubauten Büroflächen mit über 22.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche (BGF) realisiert. Den Umbau des Altbestands haben wir dabei nach den Vorgaben des Denkmalschutzes umgesetzt. Den Neubau des RAG Montan Immobilien-Unternehmenssitz und der neuen Hauptverwaltung der RAG-Stiftung und der RAG Aktiengesellschaft haben wir nach den Bauvorgaben auf dem UNESCO-Welterbe und modernen Nachhaltigkeitsstandards realisiert. Inzwischen arbeiten auf dem Campus rund 600 Menschen.“

Alle geplanten Umbauarbeiten stimmten Bauherr und Architekten aufgrund des Welterbestatus, den die UNESCO dem Standort Zollverein im Dezember 2001 verliehen hatte, im Vorfeld mit dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) und der Bezirksregierung Düsseldorf ab. Der abschließende Kauenumbau stellte sich dabei als architektonisch und denkmaltechnisch anspruchsvolles Projekt dar.

„Ziel war es, im Inneren des Gebäudes typische Elemente der Kaue zu erhalten. Außen sollten sich die genehmigten Umbaumaßnahmen in Form und Farbgebung an die Ursprungsplanung der Industriearchitekten Fritz Schupp und Martin Kremmer anlehnen“, erläutert Architekt Potrafke. Schupp und Kremmer hatten die Schachtanlage Zollverein in den 1930er-Jahren als sachlich-funktionale Industriebauten mit einer klaren Formensprache errichtet. Auch die Kokerei Zollverein wurde in den Jahren 1957 bis 1961 nach deren architektonischen Kriterien der „Neuen Sachlichkeit“ erbaut.

In dem Kauengebäude direkt am früheren Haupteingang der Kokerei sind nun über zwei Etagen Büros mit insgesamt 2.570 Quadratmetern BGF entstanden. Hier arbeiten allein im Erdgeschoss auf zwei Tageslicht durchfluteten Ebenen über 40 Mitarbeiter, mit einer mittig angeordneten Kommunikationszone sowie zwei Besprechungsräumen. Auf der zweite Etage befinden sich weitere moderne Büros und Konferenzräume – alle ausgestattet mit modernster Netzwerk- und Beleuchtungstechnik.

An die einzigartige Industriegeschichte des Gebäudes erinnern von außen die rote Ziegelfassade mit den langen schmalen Fensterfronten. Im Inneren haben die GMR-Architekten aufgrund der Denkmalschutzvorgaben zahlreiche architek-tonische Details erhalten und in den modernen Bürobau integriert.

Mit den ersten Umbaumaßnahmen hatte die RAG Montan Immobilien im Jahr 2014 begonnen. Erst wurde das alte Magazingebäude saniert und modernisiert. Anschließend entstand in einem der Kaue vorgelagerten ehemaligen Pförtner- und Kantinenbereich auf rund 530 Quadratmetern das neue Bewegungszentrum der RAG am Standort Zollverein.

Im Anschluss daran nahmen die Architekten das eigentliche Kauengebäude in Angriff, das nach Stilllegung der Kokerei im Jahr 1993 von der RAG als Archiv und Lager genutzte wurde. Dabei mussten die Architekten aufgrund der Vorgaben die bauliche Struktur des dreigeteilten Gebäudes berücksichtigen, mit der Schwarz-kaue zur Straßenseite, der Waschkaue in der Mittelzone und der Weißkaue zum Innenhof. Die Schwarzkaue bezeichnet dabei den Bereich, in dem die Kumpel nach der Schicht ihre verschmutzte Kleidung ablegten und im Korb mit dem Stahlseil zum Lüften an die Decke zogen. Bei der Waschkaue handelte es sich um den gefließten Bereich mit den Duschen und Waschbecken. In der daran anschließenden Weißkaue legten die Kumpel dann wieder ihre saubere Straßenkleidung an.

Aber nicht nur die bauliche Aufteilung der Innenräume wurde nach den Vorgaben des Denkmalschutzes gestaltet. Dieser gab auch vor, welche Elemente erhalten werden mussten, u.a. der Raum des Kauenwärters mit seiner mittig angeordneten erhöhten Plattform mit Sichtverbindung in den feuchten Dusch- und Waschbereich. Diesen funktionierten die Architekten zum zentralen Technik- und Druckerraum um. Auch Teile des original weißen Fliesenspiegels, eine innen gelegene Ziegelwand mit Fensterausschnitten sowie kleine Details wie einen Handwaschtrog in der zweiten Etage blieben vorhanden und erinnern heute an die frühere Nutzung.

In einem Teilbereich des Gebäudes erhielten die Architekten die originale Kaue mit Kauenbank und Haken für die Kauenkörbe unter der Decke. Um beim Umbau die Originalhöhe der Schwarzkaue von ca. 5,60 Metern auszunutzen, bauten die Planer eine zusätzliche Galerieebene ein und brachten auf dieser weitere zusätzliche Büroräume unter. Ein Übergang in der Galerieebene lädt zum Blick auf das erhaltene Kauenensemble ein.

Architekt Potrafke und Bauherr Beermann sind sich einig: „Der denkmalgerechte Umbau war allein schon eine Herausforderung. Hinzu kam aber noch, dass wir, wie bei allen Sanierungsmaßnahmen von früheren Industriegebäuden, die Schadstoffsanierung der Boden- und Wandflächen berücksichtigen mussten. Aber jetzt ist der Umbau mit der Sanierung der Außenfassade und einer befahrbaren Kellerrampe der Kaue vollständig abgeschlossen“, betont Thomas Beermann von der RAG Montan Immobilien.

Inklusive der Kaue sanierte die RAG Montan Immobilien in den vergangenen sieben Jahren sechs Bestandsgebäude der Kokerei mit rund 7.600 Quadratmetern Bruttogrundfläche: In einem früheren Labor- und weiteren Werkstatt- und Verwaltungsgebäuden entstanden ebenfalls neue hochwertige Büroräume u.a. für die konzernweite RAG-Poststelle und zwischenzeitlich ein Zentrum für Start-up-Unternehmen.

Diese Gebäude bilden gemeinsam mit drei Neubauten – dem 2012 eröffneten Unternehmenssitz der RAG Montan Immobilien, der Ende 2017 eröffneten Hauptverwaltung der RAG-Stiftung und der RAG Aktiengesellschaft sowie der Anfang 2019 eröffneten neuen Tiefgarage mit begrüntem Parkdach – den so genannten RAG Campus. Dieser erstreckt sich entlang der Straße „Im Welterbe“ auf über 80.000 Quadratmeter im Nordwesten des UNESCO-Welterbes in Essen-Katernberg – eingeschlossen die über 40.000 Quadratmeter große Waldfläche zwischen dem „Großwesterkamp“ und der „Kokereiallee“ entlang der „Arendahls Wiese“.