Wünsch dir was – Von Marius Kuhle

Foto: pixelio/Susanne Richter

Raymond Harris hatte nie viel Glück in seinem Leben gehabt.
Eine gescheiterte Ehe. Jedes Quartal ein neuer Job. Ein Berg Schulden bei mehreren Buchmachern.
Er war so klamm, wie die feuchten Wände in seiner Kellerwohnung, mit deren Miete er schon fast drei Monate im Rückstand war.
Doch nun hielt er eine echte Goldmünze in seinen Händen. Im flackernden Neonlicht, das durch sein Fenster fiel, hielt er sie hoch. Sie war auffallend glänzend und zweieinhalb Zentimeter breit.
Wie viel war sie wohl wert? Hundert Dollar? Zweihundert Dollar? Wofür sollte Raymond sie ausgeben? Seine Schulden bezahlen? Er lachte leise bei dem Gedanken. Eine Sauftour durch die Bars war wahrscheinlicher. Wenn nicht sogar eine Frau für eine Nacht, mit genügend Geld ließ sich immer eine finden.
Der Schweiß perlte über seine buschigen Augenbrauen und sein Herz raste, als stünden McDonalds Schuldeneintreiber vor ihm, aber sein Wunsch war tatsächlich wahr geworden.
Er war reich.
Lachend schob er die Hand in seine Stoffhose und wollte schon zur Tür hinauseilen, als er ein Geräusch vernahm.
Das Klirren einer Münze.
Genau vor ihm auf dem Boden drehte sich ein weiterer, runder Goldschatz wie ein Kreisel. Solange bis sie zum liegen kam. Von dem dunklen Boden hob sie sich wie eine kleine Sonne ab.
Nervös und mit schweißnassen Fingern hob er sie auch auf.
Er hatte sich noch nicht erhoben, da fiel von oben zu seiner rechten eine weitere Münze. Eine weitere, eine zweite, eine dritte und so weiter. Sie schoben sich durch die Deckenrisse und es regnete Gold in seine Kellerwohnung.
Die harten Münzen prasselten auf Raymonds Kopf. Es tat weh und lachend trat er zurück. Er rieb seine Stirn und beobachtete mit funkelnden Augen, wie der Boden mit Gold bedeckt wurde. Rasch bildeten sich kleinere Berge und sie hörten nicht auf zu wachsen.
Raymond fiel auf die Knie, griff mit beiden Händen in die Hügel und warf die Münzen jubelnd zurück in die Luft. Erst jetzt sah er, dass die Risse durch den plötzlichen Regenschauer größer wurden.
Größer und größer und so regnete es immer mehr Münzen. Es hörte gar nicht mehr auf. Rasch stand er bis zu den Knöcheln in Gold und das Prasseln wurde ohrenbetäubend. Sie fielen weiter auf Raymond auf und jede Einzelne tat weh. Schützend hielt er die Hände über sich und wollte zur Tür gehen, aber er kam nur schwer vorwärts.
Es war, als würde man durch festen Schnee laufen, der ihm jetzt schon bis zu den Knien reichte. Krachend explodierte eine Fontäne aus Münzen aus dem Abfluss in der Küche in Höhe. Quollen aus jedem weiteren Riss, Spalt oder Mäuseloch. Der Goldsee im Keller stieg und stieg.
Die Münzen erdrückten Raymond. Pressten seinen Körper von allen Seiten zusammen und nahmen ihm die Luft zu atmen. Er versuchte, zur Tür zu schwimmen, doch die Wellen aus hartem Metall warfen ihn ständig zurück.
Während sich das Gold schon bis zu seinem Kellerfenster türmte, wurde Raymond schreiend darunter begraben …

„Also, was haben wir hier?“, fragte Phil leise und schob sich ein Streichholz in den Mund.
Ein Keller der von Goldmünzen regelrecht überquoll. Sie waren durch das Fenster durchgebrochen und hatten selbst die Tür aus den Angeln gehoben.
Das trübe Herbstlicht am Morgen ließ das Gold schimmern und leuchten. Es flimmerte wie die Schemen von Wüstenluft.
Phil ging in die Hocke, hob eine der Münzen auf und wog sie in seiner Hand.
Irgendwo unter diesem Schatz war eine Leiche, vermutlich ein Mordopfer.
Die Kollegen in ihren dunkelblauen Uniformen hatten Mühe, die Schaulustigen und Diebe vom Tatort fernzuhalten. Er warf die Münze zurück und ging zu der Vermieterin des Hauses, die oben an der Treppe stand.
Daniela Gruber, eine dicke, alte Frau mit schütten, graulockigem Haar und einem dunkelgelben, fleckigen Pullover, die lüstern auf das Gold starrte.
„Das Gold gehört mir!“, krächzte sie mit ihrem strengen deutschen Akzent.
„Na klar.“
„Der Mann schuldet mir noch Geld. Ich fordere nur das, was mir rechtmäßig zusteht.“
„Und wie viele Säcke sind das genau? Zwei? Drei?“
Phil versuchte erst gar nicht, seinen sarkastischen Ton zu verbergen. Er schob seinen verbeulten, hellbraunen Hut mit dem Stift ein Stück nach hinten und setzte die Spitze dann auf seinen Block ab.
„Sie kannten das Opfer?“
„Raymond Harris. Dieser Verlierer. Ist mit der Miete seit drei Monaten im Rückstand.“
Phil notierte sich den Namen und sah die Treppe hinunter. Ein Pleitegeier, der plötzlich zu Reichtum gekommen war und der ihn das Leben gekostet hatte.
„Ist Ihnen letzte Nacht irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Ich meine … ihr Mieter wird wohl kaum mit einem Karren voll mit Gold nach Hause gekommen sein.“
Sie lachte trocken.
„Quatsch. Ich bin ihm gestern noch begegnet. Pleite wie immer. Wollte mir irgendeinen wertlosen Ramsch andrehen, um seine Miete zu bezahlen. Schmuck mit Glasdiamanten, eine alte Öllampe und eine kaputte Taschenuhr.“
„Und Sie haben nichts genommen? Weder die Wertgegenstände noch eine der Münzen?“
Daniela spuckte vor Phils Füßen.
„Für wen halten Sie mich? Ich habe die Schreie und Hilferufe gehört und die Polizei verständigt.“
„Natürlich“, sagte er und spuckte das Streichholz in ihre bräunliche Spuckpfütze.
Phil bedankte sich monotonlos und ging zu seinem 40er Ford und fuhr zur Zentrale.

Phils abgenutzter Schreibtisch stand am äußeren Rand der Mordkommission, verborgen hinter Dutzenden von Karteischränken und Aktenbergen.
Hinter ihm war eine Pinnwand aus Kork, völlig bedeckt von Fahndungsplakaten. Ein paar Buchstaben in seinem Namensschild fehlten. Seit mehreren Stunden saß er hier und tat nichts weiter, als die Beine auf den Tisch zu legen, auf Streichhölzer herum zu kauen und in Akten zu wälzen. Was sollte er auch sonst anderes tun?
Wieder einmal hatte man ihm einen unlösbaren Fall zugeteilt. Oder wie sollte er diesen Mord sonst einzustufen? Das Opfer war in Gold ertrunken.
Vom Druck und Gewicht fast völlig zusammengepresst, so flach wie eine leere Zigarettenschachtel und der Pathologe hatte sogar Münzen in seinem Magen und Lungen gefunden.
Phil wusste gar nicht wo und wie er anfangen sollte, geschweige denn später einen halbwegs logischen Bericht zu schreiben.
Wie kamen die Unmengen an Goldmünzen ungesehen in seine Wohnung? Sie waren wohl kaum vom Himmel gefallen.
Er spuckte das Streichholz in Richtung Mülleimer, verfehlte ihn jedoch knapp. So einige lagen noch verteilt neben dem grauen Metallkorb. Seit er von heut auf morgen mit dem Trinken und Rauchen aufgehört hatte, kaute er nur noch auf den kleinen Zündhölzchen herum.
Phil beugte sich zur Seite und sah zwischen den Bergen zu seinen Kollegen, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand beobachtete. Also öffnete er die unterste Schublade ein Stück und der einzige Gegenstand in ihr war ein altes, fast verblasstes Foto.
Es zeigte ihn und seine Frau Lucy beim Picknick. Es war ihr letzter gemeinsamer Ausflug gewesen bevor …
„Matheson!“
Phil rammte die Schublade zu.
„Was ist?“, blaffte er seinen jungen Kollegen Brian Cooke an.
Ein junger, ehrgeiziger Heißsporn, der keine ungelöste Akte im Fach hatte und sich beharrlich weigerte, die Grenzen des Gesetzes zu dehnen, falls es von Nöten war.
Genau deswegen verabscheute Phil ihn so sehr.
„Hier, das haben wir bei deinem Goldstück gefunden.“
Er warf ihm eine Visitenkarte und eine Quittung hin. Schnaufend nahm Phil den Beleg in die Hand und überflog sie kurz.
Alles was darauf stand deckte sich mit der Aussage der Vermieterin. Nur wertlosen Schrott.
„Soll mir das irgendwie helfen? Da steht nichts von einer Tonne Gold drauf.“
„Und selbst wenn, würde es wohl kaum deinen alten, faltigen Hintern aus dem Stuhl befördern“, lachte Brian und lief schon wieder in die andere Richtung.
„Arschloch“, knurrte Phil, legte wieder die Beine auf den Schreibtisch und betrachtete sich die Visitenkarte. Die aufgedruckte Schrift war golden und kunstvoll geschrieben.
Scheherazade.
Phil wiederholte leise den Namen. Er kam ihm irgendwie bekannt vor. Er überlegte noch einen Moment und er fuhr erschrocken zusammen, als das Telefon klingelte.
„Ja?“, bellte er in den Hörer.
„´lo Matheson. Ich hab noch einen Mord für dich.“
Er verdrehte die Augen und lehnte sich noch mehr im Stuhl zurück.
„Noch einen? Hören Sie … ich weiß nicht was ich noch machen soll. Ich meine … ich stecke bis zum Hals in Arbeit und …“
„Sie machen das schon und es dürfte für Sie kein großer Umweg sein. Im gleichen Gebäude wie der Goldschatzmord.“

Die junge Frau lag nackt auf dem Bett.
Vergewaltigt und totgeschlagen. Die Bettwäsche war vollkommen in Blut getränkt.
Vom Täter fehlte jede Spur und vor allem gab das Opfer Rätsel auf.
Sie war Anfang Zwanzig, langes schwarzes Haar, weiße Porzellanhaut und einen Körper, für den man zu gerne morden würde.
Nur wer war sie? Der Fundort gab ebenfalls kaum Rückschlüsse darauf, denn es war die Wohnung von Raymond Harris Vermieterin Daniela Gruber. Dunkel, voll von kitschigen Nippes, alten Möbeln, ausgetretenen Läufern und es stank, als hätte die Frau noch nie in ihrem Leben gelüftet.
Von der alten Hexe fehlte jede Spur, so dass man sie nicht befragen konnte.
War das Opfer eine Mieterin?
Wenn ja, warum lag sie nicht in ihrer eigenen Wohnung?
Phil ging in die Hocke, kaute nachdenklich auf seinem Streichholz und betrachtete sich die Frau.
Auch wenn ihr Gesicht eingeschlagen und völlig mit Blut bedeckt war, gab es doch eine gewisse Ähnlichkeit zu Miss Gruber.
Möglicherweise eine Verwandte. Eine Tochter, Enkelin oder Nichte vielleicht. Es deutete aber nichts darauf hin, dass die junge Frau hier wohnte. Der Kleiderschrank quoll über mit Kleidung, die nur für eine ältere „Dame“ geeignet war und nach Mottenkugeln stank.
Keine Kleidung für eine junge Frau.
Auch kein Koffer.
„Scheiße“, fluchte Phil in sich hinein.
Anscheinend der zweite Fall Kategorie ungelöst an einem Tag.
Er ging zu der Kommode, öffnete die Schublade, wühlte ein wenig in löchrigen Strumpfhosen und dicken Liebestötern herum, bis sein Blick auf die zahlreichen Bilder fiel.
Auf jedem eingerahmten Foto war das Opfer zu sehen.
Kinderbilder in Düsseldorf. Wie sie ihren Abschluss machte. Das erste Bild in Amerika. Ein Strandurlaub. Vor dem Haus hier.
Immer alleine. Nie einen Freund, Ehemann oder irgendwelche Kinder.
Stutzend verfolgte Phil, wie die Frau auf jedem Bild älter und älter wurde. Das dunkle Haar wurde grauer, das Gesicht faltiger und der Körper dicker. Mit zunehmendem Alter ähnelte die Frau immer mehr … Miss Gruber.
Phil biss auf sein Streichholz, riss das Foto vom Urlaub von der Kommode und sprang fast zum Bett. Er hielt es auf der Höhe mit ihrem Schulterblatt. Dort hatte das Opfer ein auffälliges Muttermal. Genau wie die junge Miss Gruber. Man konnte es auch auf dem alten Bild sehr gut erkennen.
Das Opfer, die junge Frau auf dem Bett, war die alte Daniela Gruber von heute Morgen.
Phil ließ das Bild fallen und er trat langsam zurück.
Ihm wurde schlecht, alles schien sich zu drehen.
Das Rot des Blutes verschwamm vor seinen Augen wie Wasserfarbe, die mit der Wirklichkeit ineinanderlief.
Wie war das möglich?
Wie konnte eine alte Frau in wenigen Stunden sich um Jahrzehnte verjüngen?
Wie konnte ein Mann in seiner Kellerwohnung in Gold ertrinken?
Phil trat gegen etwas.
Etwas Großes aus Metall. Es rutschte ein wenig über den Boden und blieb am zerfransten Ende des dunkelblauen Läufers hängen.
Es war eine orientalische Öllampe.
Sie war weiß, überzogen mit rötlichen, arabischen Schriften. An ihrem kunstvoll gewölbten Griff war eine goldene Kette befestigt, die zu dem kleinen, runden Deckel führte.
Hatte Raymond nicht eine Öllampe gekauft und versucht sie Miss Gruber anzudrehen? Anscheinend hatte sie Phil am Morgen belogen, als er sie gefragt hatte, ob sie etwas vom Tatort endwendet hatte.
Als er sich die Lampe noch einmal genauer betrachtete, glaubte er die Verbindung der beiden Morde erkannt zu haben, egal wie phantastisch und unerklärlich sie auch sein mochte.
„Scheherazade.“, sagte Phil, warf das Streichholz in den Mülleimer und verließ die Wohnung.

Es goss wie aus Kübeln und der nachtschwarze Himmel spuckte in regelmäßigen Abständen weißblaue Blitze aus, als Phil aus dem Wagen stieg und zu dem Laden Scheherazade eilte.
Begleitet wurde er von der Stimme Lucys, die trotz des stürmischen Windes und lauten Regenprasseln laut und deutlich zu hören war.
„… der Film ist wundervoll. Sogar in Technicolor. Ein Film aus tausendundeiner Nacht …“
Der Laden lag jenseits jeder Einkaufsmeile, verborgen in einer Seitengasse.
Das braune Schild hing ein wenig schief über der Eingangstür und die goldene Schrift war abgeblättert.
„… buntes, exotisches Wunderreich …“
Phil späte durch das dunkle Schaufenster. Bis auf verzerrte, unheimliche Umrisse konnte er im Laden nichts ausmachen. Er ging zur Tür und begleitet von einem dumpfen Blitzschlag trat er die Tür ein.
„… eine Prinzessin und verhüllte Bauchtänzerinnen …“
Das Innere des Ladens war vollgestopft mit Möbel, Accessoires und Lampen aus dem Orient. An den warmen, roten Tapeten waren ganze Regalreihen mit Shishas und darunter Behälter mit Kohle.
„… fliegende Teppiche …“
Phil stellte die Öllampe auf einen Mosaiktisch und setzte sich in den Sessel davor. Er saß nur da, ließ die Tropfen von seinem Hut vor sich auf den Boden fallen und starrte auf die Lampe.
„… und Dschinns …“
Das war der heimliche Star des Farbfilms DIE NÄCHTE VON BAGDAD gewesen. Ein Geist aus der Flasche der einem drei Wünsche erfüllte.
Lucy hatte ihn damals ins Kino geschleppt. Ein blinder Bettler erzählte den Kindern die Geschichte von Scheherazade. Einer Frau, die zum Tode verurteilt war und in der Nacht vor der Hinrichtung, dem Kalifen Geschichten erzählte, eben jene, die der Zuschauer in diese fantastische Welt beförderte. Der größte und prächtigste Farbfilm mit einem Budget von einer Million Dollar.
Daher kam ihm der Name des Ladens so bekannt vor.
Phil hörte nicht auf, auf die Lampe zu starren.
Konnte es wirklich sein? Eine Wunderlampe die einen Wünsche erfüllte?
Alle Wünsche?
Die Vorstellung war zu schön, um wahr zu sein. So etwas konnte es nicht in der Wirklichkeit geben. Allerdings hatte Phil heute schon zwei Fälle erlebt, die mit logischem Verstand nicht zu erklären waren.
Seine Fingerspitzen kribbelten vor Nervosität und Neugier.
Was wäre wenn es nicht funktionieren würde?
Was wenn doch?
Ein Stockwerk höher ging ein Licht an, zögerliche, langsame Schritte näherten sich der Treppe hinter der Kasse.
Phil drückte sich noch tiefer in den Sessel und griff zu seinem Revolver. Er wartete geduldig bis der kleine, glatzköpfige Mann in einem braunen Morgenmantel die Treppe hinunter geeilt kam. Er fluchte etwas in einer Sprache, die Phil nicht verstand. In seiner linken Hand hielt er eine Kerze, in der Anderen eine Pistole.
Der Mann blieb vor der offenen Tür stehen, die im Sturmwind ständig auf und zu schlug.
„Hinsetzen!“, befahl Phil, als der Inhaber die Tür geschlossen hatte.
Der fuhr erschrocken herum, aber Phil hielt seinen Finger auf die Lippen und winkte mit seinem Revolver, dass er seine Waffe weglegen und sich vor ihm hinsetzen sollte. Zögernd folgte der Mann dem Befehl.
Er war alt, mit tiefen Furchen in seinem Gesicht. Ein dichter Ziegenbart baumelte von seinem Kinn.
„Wer …“
„Tut nichts zur Sache. Ich weiß aber wer Sie sind Ahmad Areebah. Ist sonst noch jemand oben?“
Ahmad schüttelte mit dem Kopf. Er hatte die Kerze neben der Öllampe gestellt. Ihr Weiß nahm im unruhigen Kerzenschein eine merkwürdige Farbe an.
„Kommt Ihnen die Lampe bekannt vor?“
Schnaufend machte sich Ahmad, so gut es diese Umstände erlaubte, in dem großen Sessel bequem und schlug die Beine übereinander.
„Ja, das ist eine Lampe aus meinem Laden. Ich habe viele Lampen.“
Mit einer Handbewegung deutete er auf ein Regal mit verschiedenen Lampen und Laternen aus dem Orient.
„Sie haben diese Öllampe gestern jemandem verkauft. Der ist verstorben.“
„Mein …“
„Genau wie die nächste Besitzerin der Lampe. Nur darum geht es mir nicht.“
Phil beugte sich vor, immer noch die Waffe auf den Inhaber gerichtet. Ein Donnergrollen kündigte sich an und der Regen schlug fester gegen die Scheiben.
„Ich will dasselbe was die beiden armen Teufel auch hatten. Meine drei Wünsche.“
Fragend zog Ahmad die buschigen Augenbrauen zusammen.
Phil tippte mit dem Lauf seiner Waffe auf die Lampe.
„Das Scheißteil funktioniert aber nicht. Ich hab an dem Ding öfter gerubbelt und gerieben als an meinem Schwanz als Teenager, aber nichts ist passiert. Also …“
Er entsicherte den Revolver und lehnte sich wieder zurück. Die Flamme zuckte durch den Lufthauch wieder unkontrolliert umher und warf bizarre Schatten auf die Lampe.
Ahmad lachte trocken und glättete seinen Ziegenbart.
„Ihr dummen Amerikaner glaubt alles, was ihr im Kino seht oder in Märchenbüchern steht.“
Seine Augen begannen zu funkeln und sein Blick wurde starr. Er strich seinen Bart sachte und langsam.
„Alles ist wahr“, grinste er.
„Und warum bist du dann nicht reich? Oder hast dir ewige Jugend gewünscht und verrottest als stinkender, alter Kadaver hier in diesem miesen Laden?“
Schmunzelnd zuckte der Alte mit seinen Schultern.
„Na ja … es ist eben nicht alles so wie man es denkt. Der Dschinn gewährt einem nur einen Wunsch.“
Er riss die knochige, mit dicken, wuchernden Adern überzogene Hand hoch und streckte mahnend den Zeigefinger in die Höhe. Ein langer, dunkelgelber Fingernagel ragte an seiner Spitze.
„Nur einen!“
„Das soll ich Ihnen glauben?“
„Vielleicht hatte ich meinen Wunsch schon oder hatte ihn noch nicht nötig. Man muss sehr genau sein, mit seinem Wunsch. Der Dschinn nimmt alles sehr wörtlich.“
„Was ist der Trick bei der Lampe? Öffnen lässt sie sich auch nicht. Wie kriege ich den Geist aus der Flasche?“
„Warum sollte ich das Ihnen verraten?“
„Ich schieße Ihnen in den Bauch und behaupte dann bei meinen Kollegen ich hätte in Notwehr gehandelt. Die Waffe auf dem Tisch ist mir dabei sicher hilfreich.“
Die Augen von Ahmad wurden kleiner.
Er ahnte jetzt, mit wem und was er hier zu tun hatte.
„Wenn Sie mich erschießen erfahren Sie nie, wie Sie den Dschinn beschwören können.“
„Ich finde sicher einen anderen. Wissen Sie … ich bin schon etwas älter, eingerostet. Bei mir könnte ein Bauchschuss auch zu einem Treffer in Ihre Eier werden.“
Ahmad schielte auf die Lampe. Er hörte auf seinen Bart zu streichen und räusperte sich.
„Nun gut. Sie müssen alleine sein. Haben Sie Zündhölzer dabei?“
Phil nahm sein Streichholz aus dem Mund und hielt ihm das schmale Stück entgegen.
„Sie müssen den Docht mit Ihrer eigenen Flamme anzünden. Warten Sie bis der Dschinn erscheint. Und vergessen Sie nicht …“
Seine Stimme nahm einen unheilvollen Klang an.
„Nur einen einzigen Wunsch, wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht und überzeugen Sie den Dschinn von Ihrem Anliegen.“
Lachend winkte Phil ihn nach oben.
Er wusste, dass der Alte kaum die Polizei verständigen würde. Nach seinem Wunsch konnte er ihn immer noch aus dem Weg räumen.
Ein nervöser Schauder überlief Phil, als er das von seinem Speichel klamme Streichholz über den Tisch zog und so anzündete.
Sachte, ganz sachte ließ er seine Hand nach unten wandern und die kleine Flamme sprang auf den kurzen, schwarzen Docht über. In den Flammen spiegelte sich einen Moment der Kinobesuch mit Lucy.
Die satten, bunten Farben des Palastes. Die endlosen Wüstenlandschaften unter dem fliegenden Teppich. Der böse Wesir mit seinen dämonischen Kräften.
Ein plötzlicher Windstoß stieß die Tür lautstark auf, fegte durch den kleinen Laden und ließ alle Lampen an der Decke hin und her tanzen. Gerade als sich Phil zur Tür umgedreht hatte, rammte sie wie von Geisterhand wieder zu und beide Kerzenflammen gingen gleichzeitig aus.
Für einen kurzen Moment war es stockdunkel im Laden und nur das Regenprasseln gegen das Schaufenster und Phils Herzschlag waren zu hören.
Dann sprühte ein rosafarbener Rauch aus der Öffnung der Lampe. Er war so dicht wie der Nebel am Hafen um Mitternacht und leuchtete in seinem Inneren. In wenigen Sekunden füllte er den gesamten Raum. Verschluckte alles bis um Phil herum nichts mehr anderes gab.
Dann stieg sie langsam aus dem Dunstvorhang hervor.
Eine große Frau mit dunkler, lila Hautfarbe die glitzerte wie nasser Asphalt. Sie hatte eine Glatze, dafür ragten aus ihrer Stirn zwei große, pechschwarze Hörner, die sich über den Kopf schlängelten und bis hinab zu ihrem Hintern führten.
Ihr Gesicht war von einem hellblauen Schleier bedeckt, nur ihre pupillenlosen, weißen Augen waren zu erkennen.
Sie trug Armstulpen und an ihren Handgelenken waren massive, goldene Armreifen. Das knappe Top, das nur aus rasselnden Münzen bestand bedeckte kaum ihre Brüste. Die Hose war transparent und Schmucksteine waren an den Seiten befestigt.
Sie bewegte sich wie bei einem Bauchtanz.
Kam langsam auf Phil zu, drehte sich von ihm weg und umrundete ihn dann doch.
„Ich will …“
Der Dschinn war plötzlich hinter ihm und ihre warme Hand, strich ihm über die Brust. Nervös leckte sich Phil die Lippen.
„Meine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben. Sie …“
Sie bohrte ihre langen, schwarzen Nägel in sein ungebügeltes, verschwitztes Hemd.
„Sie hat den Druck einfach nicht verkraftet und hat sich meine Waffe … seither ist mein Leben …“
Der Dschinn tänzelte vor ihm, regelrecht obszön bewegte sie fordernd ihre Hüften, ließ ihr Becken kreisen, als wollte sie den Sterblichen in Versuchung führen.
„Ich liebe sie und will sie wieder haben. Ich will das meine Frau Lucy von den Toten zurückkehrt.“
Sie warf ihren Schleier Phil ins Gesicht. Er riss sich den gut riechenden, dünnen Stoff sofort von den Augen und zu seiner Überraschung war das Wesen fort.
Kein Dschinn mehr und kein Nebel.
Nur noch ein dunkler, stiller Laden und der stürmische Wind mit dem festen Regen. Selbst das Gewitter schien leiser geworden zu sein. In Phils Hand befand sich auch nichts weiter mehr als ein Häufchen Sand.
Leise, wie einen dünnen Wasserfall, ließ er ihn durch seine Hand auf den Boden gleiten.
Und jetzt?

Er wollte schon nach oben zu Ahmad stürzen, als er draußen einen kleinen Schatten vorbeihuschen sah. Schwankend verschwand er aus dem Laternenlicht und näherte sich der Tür. Der Regen verdeckte die kleine, dünne Gestalt.
Phils Herz begann schneller und schneller, zu schlagen. Seine Knie wurden weich. Allein die Umrisse waren unverkennbar seine Lucy.
Seine kleine, dürre Lucy mit dem runden Gesicht und den Sommersprossen. Den roten Lippen und der langen, blonden Löwenmähne.
Phil warf die Waffe in den Sessel und stolperte zur Tür.
Es hatte tatsächlich funktioniert. Sein Wunsch hatte sich erfüllt. Er wollte nicht warten, bis Lucy die Tür erreicht hatte.
Kaum stand sie davor riss er sie auf.
Phil stand einen Moment da, unfähig etwas zu sagen oder zu tun. Er erstarrte vollkommen, nur sein Mund öffnete sich und der Zahnstocher fiel auf den Boden.
Seine Lucy stand vor ihm.
Ihre fahle Haut, wenn sie auf den verdreckten Knochen überhaupt noch vorhanden war, war verwest und grau. Nur noch wenige Streifen Haare hingen ihr vom kahlen Schädel. In den Augenhöhlen waren nur noch Maden und Würmer, die es sich dort bequem gemacht hatten.
Das schneeweiße Totenkleid, was sie bei der Beerdigung anhatte, war völlig zerfetzt und schmutzig. Ihre fransigen Lippen formten sich zu einem Lächeln.
Dadurch konnte er durch ihren Mund das Loch im Hinterkopf erkennen, dass entstanden war, als sie sich damals mit seiner Dienstwaffe das Leben genommen hatte. Das spärliche Mondlicht fiel durch die hintere Öffnung hindurch und verließ als einen dünnen Strahl ihren Mund.
„Schatz …“, knirschte sie weil ihr Mund voller Friedhofserde war.
„… ich bin wieder da.“

Ahmad entschuldigte sich vielmals bei Brian Cooke und grinste zufrieden, als der seinen Laden verließ.
Er ermittelte im Fall Phil Matheson, der seit wenigen Tagen verschwunden war.
Die letzte Spur führe ihn eben hierher, aber Ahmad hatte seinen Kollegen nie gesehen.
Ahmad sah ihm durch das Schaufenster hinterher und ging mit verschränkten Armen zu seinem Regal. Er wusste wirklich nicht wo Phil war oder ob er überhaupt noch lebte.
Er hatte ihn nur noch schreien gehört und alles was von ihm noch zu finden gewesen war, waren seine Waffe im Sessel, das abgebrannte Streichhölzchen neben der Lampe und eine große Pfütze aus Blut an seiner Türschwelle.
So konnte es eben gehen, bei unbedachten und zu schnell geäußerten Wünschen.
Wer in Reichtum schwimmen wollte ertrank nun mal darin und wer als Frau wieder jung und schön sein wollte, geriet eventuell an die falschen Leute.
Vermutlich hatte die Gattin ihren Mann zu sich nach Hause gezerrt. In ihr kaltes, dunkles Grab um sich mit ihm zu vergnügen …
Phils letzte Überbleibsel, den Dienstrevolver und seinen Wagen, hatte Ahmad vorsichtshalber entsorgt.
Nun betrachtete er sich seine Wunderlampe auf dem Regal.
Ja, seine Wunderlampe.
Liebevoll strich er über ihr Metall.
Als junger Mann hatte er damals nur einen einzigen Wunsch geäußert.
Das Sein größter Schatz, den er stets teuer verkaufte oder ihm vielleicht mal gestohlen werden sollte, immer wieder zu ihm zurückkehren würde.
Immer wieder und wieder.
Egal wie und egal welche Opfer es auch kostete …

Marius Kuhle

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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