Werk Tanne: Altlasten fordern aktuellen Eigentümer

Werk Tanne in Clausthal-Zellerfeld. Foto: rottenplaces Archivfoto

Clausthal-Zellerfeld (aw). Anfang 2018 wurde der Verkauf der ehemaligen Munitionsfabrik bekannt. Aktueller Eigentümer ist entsprechend einer Mitteilungsvorlage des Landkreises Goslar das Jagdunternehmen Halali & Co. GmbH aus Berlin. Der vorherige Eigentümer, die IVG Management GmbH & Co., hatte das ehemalige Militärareal – welches mit zahlreichen Rüstungsaltlasten verseucht ist – Anfang 2018 verkauft. Mitte des Jahres präsentierte das Unternehmen unter der Leitung des Geschäftsführers Prinz von Schönburg-Hartenstein im Ausschuss für Bauen und Umwelt und im Kreisausschuss die ausführlichen Pläne für die Zukunft.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde im vor Luftaufklärern getarnten Werk Tanne der Sprengstoff Trinitrotoluol (TNT) hergestellt. Bis zu 1.300 Zwangsarbeiter, von der Bevölkerung „Goldköpfchen“ oder „Kanarienvögel“ genannt, mussten unter menschenunwürdigen Umständen, und meist in Lebensgefahr, in den Produktionsstätten Bomben und Munition herstellen. Immer wieder kam es zu schweren Unfällen und Erkrankungen unter den Arbeitern. Das Areal wurde in den Folgejahren weitläufig verseucht. Über den Erdboden und die Abwasserkanäle gelangten Giftstoffe in die Umwelt. Wie der BUND damals gegenüber diversen Medien mitteilte, wurde ein Rückhaltebecken implementiert und entsprechende Sanierungsbemühungen unternommen, um weitere und schlimmere Schäden zu vermeiden. Laut BUND waren diese Bemühungen bisher nur Not- beziehungsweise Zwischenlösungen.

Kurz nach den Meldungen über einen neuen Eigentümer des Areals berichtete der NDR in einem Beitrag über vier Menschen in Petershütte (Landkreis Göttingen), die an einer Tumorart namens Glioblastom erkrankt waren. Diese Erkrankungen könnten laut NDR mit Giftstoffen in Verbindung stehen, die noch heute die Umgebung des Werks Tanne belasten. Wie der deutsche Geologe und Naturschützer Dr. Friedhart Knolle berichtete, kamen diese Vermutungen nicht aus heiterem Himmel. Denn vermehrte Hirntumor-Krebsfälle sind auch im Südharz nicht überraschend. Ähnliche Nachweise werden – entsprechend Knolles Aussagen – in Clausthal-Zellerfeld (Tanne) und Herzberg am Harz (Kiefer) vermutet.

Das Land Niedersachsen genehmigte dem Landkreis Göttingen mehr als 200.000 Euro für Grundwasser- und Bodenproben. Mit diesem Geld sollen bis 2020 Gewässer, Böden und Brunnen im Südharz auf Altlasten der TNT-Produktion analysiert werden.

Perfekte Umgebung für eine Munitionsfabrik

Weil Clausthal-Zellerfeld zentral im Dritten Reich lag, bot sich eine Munitionsfabrik in der Gegend mehr als an. Als 1935 die Verantwortlichen den Kaufvertrag für ein Rüstungswerk in der Region unterzeichnen, ist nur ein Jahr später das „Werk Tanne“, wie der Tarnname des Werks lautet, bereits in Teilen fertiggestellt. Das aus etwa 214 Einzelgebäuden bestehende Munitionswerk war zunächst nur ein „Schlafwerk“. In diesem befanden sich zwei Produktionslinien – falls das Werk angegriffenen werden sollte oder es sonstige Ausfälle geben würde. Das „Werk Tanne“ fiel unter die höchste Geheimhaltungsstufe. 1939 begann man mit der Produktion von TNT und anderen Sprengstoffen, die man in Granaten, Waffen und Bomben füllte. Zu Glanzzeiten wurden in Clausthal-Zellerfeld zwölf Prozent des gesamten deutschen TNTs produziert.

1941 kam es im Werk zu einer schlimmen Explosion. Dabei starben 61 Menschen, größtenteils Zwangsarbeiter. Augenzeugen berichteten, dass Teile aus den Produktionshallen bis in den nahegelegenen Ort geschleudert wurden. Eine Gedenktafel befindet sich auf dem Areal.

Bodenaufbereitung im Werk Tanne

Nachdem sich Experten und Umweltschützer viele Jahre mit den Altlasten der früheren Munitionsfabrik beschäftigt hatten, wurde vor Gericht ein Vergleich erreicht. Die IVG Immobilien AG – Besitzer des Grundstücks und Nachfolgegesellschaft der MONTAN, Eigentümerin zur Zeit des Nationalsozialismus – zahlt seit 2014 für weitere 15 Jahre jährlich zwei Millionen Euro. Mit diesem Geld sollen Boden und Grundwasser rund um das Werk Tanne und zwei andere Fabriken saniert werden. Wer jedoch die gesamte Bodenaufbereitung zahlen muss, wird ein noch andauernder Rechtsstreit klären. Bisher saniert wurden die Pfauenteiche in der Nähe des Werks, die viele Jahre mit hochgiftigen Altlasten verseucht waren.

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