Was geschieht eigentlich mit Lost Places?

Die Antwort darauf ist leider häufig die eine: Abbruch. Wenn Lost Places keine Sanierung erfahren, jahrzehntelang den Witterungseinflüssen ausgesetzt sind, oder diese nach einem Brand kollabieren, droht ihnen in 80 Prozent der Fälle das Ende. Umfangreiche, teilweise flächendeckende Rückbaumaßnahmen fanden in Portugal, Italien und Frankreich in den Vororten großer Städte und im Osten Deutschlands nach der Wiedervereinigung statt. In Portugal, Italien und Frankreich sollte der Abriss vor allem soziale Probleme beseitigen. In Deutschland ist in den neuen Bundesländern die demografische Entwicklung der ausschlaggebende Faktor für einen Stadtumbau. Der Abbruch vormals gewerblich genutzter Flächen wird durchgeführt, um brachliegende Liegenschaften einer neuen Nutzung zuzuführen. Durch die Umnutzung bereits bebauter Areale werden städtebauliche Zusammenhänge erhalten oder wiedergewonnen und die Versiegelung unbebauter Flächen vermieden. Häufig sind die Maßnahmen des Abbruchs auch die logische Konsequenz, wenn der Vandalismus an solchen Orten zunimmt, oder selbige zu sozialen Brennpunkten werden.

Bei Ruinen sieht man den Verfallszustand in Ingenieur- und Architektenkreisen als einen Natürlichen an, dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine historisch entstandene oder um eine künstliche Ruine handelt. Bei künstlichen Ruinen, beispielsweise bei Fragmenten im Schönbrunner Schlossgarten in Wien (Römische Ruine), wird durch das Zusammenwachsen des Bauwerks mit der Natur ein Stimmungswert geschaffen, durch strukturierten Pflanzenbewuchs bei einer Teilsanierung beispielsweise ein fortschreitender Verfall künstlich erzeugt. Dies sind allerdings Einzelbeispiele. Der Großteil wird seinem Schicksal überlassen – die Natur erkämpft sich ihr Territorium zurück und schwächt auch die stärkste Substanz. Jedes Jahr, in dem der Verfall fortschreitet, wird die Chance einer Sanierung, bzw. Umnutzung geringer.

Viele Projekte aber zeigen auch, wie Denkmalschutz und Interessen der Bewohner und der Kapitalanleger in Einklang gebracht werden können. Oft geht es um die perfekte Synthese aus Tradition und Moderne. Moderne Planungs- und Architekturbüros haben sich auf solche Projekte spezialisiert und bereits zahlreiche Musterbeispiele geschaffen. Oft wird ein Teil der Betriebsgebäude – gerade bei ehemaligen Industriebetrieben – unter Beachtung des Denkmalschutzes erhalten und zu gewerblichen sowie Wohnzwecken umgenutzt. Viele Projekte aber zeigen auch, wie Denkmalschutz und Interessen harmonisieren können. Im Vorfeld eines solchen Projektes müssen alle nutzungs- und baustoffbedingten Schadstoffe entfernt und ordnungsgemäß entsorgt werden. Hinzu kommen oft die asbesthaltigen Brandschutzeinrichtungen, die schadstoffbehafteten oder giftigen Anstriche (oftmals PCB) oder die öl- und chemikalienverunreinigten Böden die weichen müssen, bevor eine Entkernung und die Sanierung, bzw. Erweiterung starten kann.

Diese Maßnahmen sind allerdings im Vergleich zu der Anzahl bereits abgebrochener und noch immer existierender Lost Places nur ein Tropfen auf den heißen Stein. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise wurden nach dem Zechensterben ein Großteil der Betriebe förmlich dem Erdboden gleichgemacht. Selbst vor den Fördertürmen oder -gerüsten machte man nicht halt. Was für die Einheimischen als Wahrzeichen oder ortsprägend gesehen wurde, war ein Dorn im Auge der Investoren und Planer, die jeden Quadratmeter anderweitig nutzen wollten. Von ehemals mehr als 1.000 Zechen im Ruhrgebiet sind zwei übrig geblieben, auf denen noch Kohle gefördert wird. An acht weiteren wird Wasserhaltung betrieben, der Rest ist Geschichte. In den neuen Bundesländern gab es nach der Wende bis heute die Abbruchwut bei ehemals namhaften Industriebetrieben. Industrie- und Handwerksbetriebe wurden zu DDR-Zeiten zu VEBs (Volkseigene Betriebe) umgewandelt. Von den ehemals mehren tausend Betrieben gibt es heute nur noch wenige Überbleibsel. Die Betriebe, die man ab 1989 nicht um- bzw. weiternutzen oder modernisieren konnte, riss man ab oder überließ sie ihrem Schicksal.

Es gibt allerdings auch Konzepte, wie ein Eigentümer sein leer stehendes Objekt vor Vandalismus schützen und zugleich noch Kapital in die Kasse bekommt, so auch in vielen Fällen Kosten für die Objektsicherung (Wachschutz etc.) vermieden werden können. Da ist zum einen – gerade bei Industriebrachen oder sonstigen leer stehenden Gebäuden – die Teilverpachtung oder -vermietung an Mischgewerbe. Die Verträge hierfür gelten bis zu einem eventuellen Verkauf des Objektes durch den Eigentümer. Für Pächter oder Mieter gibt es den entscheidenden Vorteil der geringen Kosten bei der Pacht oder Miete auch von großen Teilflächen, für die Städte und Gemeinden wieder mehr Menschen in einem Arbeitsverhältnis und klar: höhere Steuereinnahmen.

Dann ist da die Möglichkeit sogenannter Hauswächter. Marktführer auf diesem Gebiet ist Camelot – ein Unternehmen, das leer stehende Gebäude in ganz Europa verwaltet, die auf eine neue Nutzung warten. Dieses bietet interessierten Menschen die Möglichkeit, in einem Lost Place zu wohnen und gleichzeitig in Form eines „Wächters“ auf selbigen achtzugeben. Somit wird auch hier dem Vandalismus vorgebeugt. Hauswächter zahlen keine Miete, lediglich die monatlichen Verwaltungsgebühren müssen entrichtet und vor Einzug ein Brandschutz-Paket erworben werden. Weiter fällt eine Vertragsabschlussgebühr an und eine Sicherheitsleistung – die ähnlich einer Kaution bei Auszug zurückgezahlt wird. Somit wird preisgünstiges Wohnen in teilweise spektakulären Gebäuden ermöglicht. Wer wollte nicht schon immer einmal in einer alten Schule, einem Bürogebäude oder gar einem alten Sanatorium wohnen? Der kleine Nachteil: Es gibt gewisse Vorgaben, wie man sich einrichten muss, beispielsweise ist es untersagt, Bilder oder Regale an der Wand zu befestigen. Und es ist möglich, dass Gebäude innerhalb von wenigen Monaten wieder geräumt werden müssen, beispielsweise wenn es abgerissen, renoviert, verkauft, oder vermietet wird.