„Visionär“ dreht Dokumentation über Ihme-Zentrum

Erhält Fördermittel in Höhe von 2 Mio. Euro: Das Ihme-Zentrum in Hannover. Foto: ChristianSchd/CC BY-SA 3.0

Hannover (aw). Direkt am Ufer des namensgebenden Flusses Ihme im Stadtteil Linden-Mitte in Hannover thront das Ihme-Zentrum – ein Wohn-, Büro- und Einkaufszentrum im Stile des Brutalismus. Auf einer Gesamtfläche von etwa 285.000 Quadratmetern befinden sich gut 105.000 Quadratmeter Gewerbeflächen, samt Büro- und Geschäftsräumen. Hinzu kommen rund 860 Wohnungen. Bei der Grundsteinlegung am 11. November 1971 sprach Oberstadtdirektor Martin Neuffer vom Beginn eines „Jahrzehnts der großen Umbauten“, das Vorhaben galt damals europaweit als urbane Utopie. Heute sprechen manche Baufachleute, Einheimische und Medien von der größten Bausünde im Stadtgebiet, fordern den Abbruch. Dabei ist selbiger nahezu unmöglich, schon aus finanziellen und sozialen Gründen.

Der Nachhaltigkeitsberater, Politikwissenschaftler und freie Journalist Constantin Alexander widmet dem größten Betonfundament Europas eine eigene Dokumentation. Alexander zog 2014 selber in das Ihme-Zentrum und betreibt dort seitdem eine Umweltanalyse. „Ich untersuche, welche Faktoren zu dem partiellen Scheitern geführt haben, vor welchen Herausforderungen die Bewohner stehen und welche Möglichkeiten es gibt, das Ganze zu reparieren“, sagt Alexander gegenüber rottenplaces.de. Das Ganze dokumentiert er im Stil des subjektiven und konstruktiven Journalismus auch auf einem Blog ihmezentrum.org.

Dokumentation in drei Akten

Constantin Alexander. Foto: Kevin Münkel
Constantin Alexander. Foto: Kevin Münkel

In dem etwa 45-minütigen, dreiaktigen Film „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“ möchte Alexander zeigen, aus welchen Gründen die „Stadt in der Stadt“ teilweise gescheitert ist, welche vielfältigen Möglichkeiten diese aber trotz oder gerade wegen der architektonischen Probleme für eine nachhaltige Stadtentwicklung und die Transformation zu einem bunten Hotspot des urbanen Lebens bietet. Unterstützt wird Alexander vom technischen Redakteur, Filmemacher und Produzenten Hendrik Millauer, der sich bei der Dokumentation um alles Technische kümmert. Im ersten Teil „Traum“ erklären beide, warum das Ihme-Zentrum einmal gebaut wurde und wieso es als Utopie galt. Der zweite Akt „Ruine“ schildert den Niedergang des Gewerbeteils und warum dies symptomatisch für eine unnachhaltige Immobilienwirtschaft ist. Im letzten Akt „Zukunft“ werden die Entwicklungsmöglichkeiten des Zentrums visioniert.

Von Ende November 2015 bis Ende Januar dieses Jahres hat Alexander eine Crowdfunding-Aktion gestartet, um den Kurzfilm realisieren zu können – mit Erfolg. Das Fundingziel wurde sogar überschritten. Mit dem Geld soll in erster Linie die Technik und Materialausstattung finanziert werden. Zudem fallen diverse Kosten für die Postproduktion, die Soundabmischung, Lizenzen für die Nutzung von Archivmaterial und die kleine Auflage einer DVD an. Für den Soundtrack wird ein professioneller Musiker verpflichtet.

Konstruktiver Beitrag zu nachhaltiger Stadtentwicklung

Die Dokumentation „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“ soll einen konstruktiven Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung in Hannover und darüber hinaus leisten und richtet sich nicht nur an Hannoveraner und Brutalismus-Liebhaber. Sie spricht auch alle Menschen an, die sich für Stadtentwicklung und Architektur interessieren und denen eine lebenswerte und bunte urbane Zukunft am Herzen liegt. Am 27. Februar wurden erste Szenen des Films (Prescreening) auf dem Utopianale Filmfestival 2016 im Freizeitheim Linden in Hannover gezeigt und fanden großen Anklang.

Zurzeit arbeitet Alexander mit einer Gruppe aus Architekten, Ingenieuren, Stadtplanern und Juristen daran, hier neben einem neuen Image auch konkret infrastrukturelle Impulse umzusetzen. Das Ziel ist eine ideale, nachhaltige Stadt in zehn bis fünfzehn Jahren: Das Ihme-Zentrum erzeugt dann mehr Strom, als es selbst verbraucht, in urbanen Gärten wachsen Obst und Gemüse, es ist ein sicherer und generationsgerechter Ort, an dem sich Menschen aus der ganzen Welt wohlfühlen. Und Menschen aus der ganzen Welt kommen her, um sich anzuschauen, wie so eine Transformation gelingen kann.

„Die Stadt Hannover möchte in einigen Jahren Kulturhauptstadt Europas sein. Anstatt ein teures Ausstellungsgelände zu entwickeln, wie es mit dem Expo-Gelände ja leider schon passiert ist, könnten wir das Ihme-Zentrum zu einem neuen Typ eines Kulturzentrums umbauen. Denn zu Kultur gehört ja nicht nur Kunst, Musik oder Literatur, sondern auch eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit überhaupt: das Reparieren“, sagt Alexander. Nach Angaben des Journalisten, der auch kommentierte Spaziergänge durch das Zentrum anbietet, sind alle Teilprobleme technisch lösbar: „Wenn es uns gelingt, das Ihme-Zentrum zu transformieren, dann gewinnen alle. Und Hannover würde zeigen können, dass es nicht die langweilige und graue Stadt ist, als die viele sie bezeichnen. Das hätte positive finanzielle Effekte auf die ganze Region.“

Ein ausführliches Interview mit Constantin Alexander finden Sie hier.

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