Villa Winter – Mysteriöses Feriendomizil auf den Kanaren

Villa Winter. Foto: wollex/CC BY-SA 3.0
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Jedes Jahr pilgern urlaubsreife Touristen auf die Kanareninsel Fuerteventura, der zweitgrößten Insel des Archipels. Fuerteventura ist die älteste Insel der Kanaren, vulkanischen Ursprungs und entstand vor etwa 20,6 Millionen Jahren. Hier ist das Klima beständig, die Strände kilometerlang und die Dünen malerisch. Die Insel lebt vom Tourismus, von Menschen, die ihren Urlaub naturnah im Inselinneren gestalten wollen, bis hin zu stark frequentierten Hotelketten für Massentourismus im Küstenbereich. Vielen Urlaubern bieten sich diverse touristische Attraktionen, doch nur wenige kennen diesen einen Ort, der geheimnisvoller nicht sein könnte und um den sich viele Geschichten ranken.

Auf dem Bergmassiv der im Süden gelegenen Halbinsel Jandía, nahe dem Ort Cofete, thront seit vielen Jahrzehnten weithin sichtbar die „Casa Winter“ (Villa Winter). Nur ein verwitterter, stoppeliger Weg führt zu dem zweigeschossig gehaltenen Anwesen mit dem runden, in nordöstlicher Richtung gehaltenen Aussichtsturm. Im umzäunten Teil des Anwesens, vorne und hinten wächst Gemüse des täglichen Bedarfs. Was für viele Touristen als Rückzugsort eines spanischen Industriellen bezeichnet werden würde, sorgt seit vielen Jahren weltweit für die unterschiedlichsten Geschichten, Mythen und Verschwörungstheorien.

Der deutsche Ingenieur Gustav Winter ließ die Villa 1936 erbauen. Auf den Türen zum Gebäude ist ein großes „W“ eingearbeitet. Historiker deuten diese Winter zu („W“ wie Winter), der von den Spaniern „Don Gustavo“ genannt wurde. Die Insulaner konnten (oder wollen) bis heute nicht sagen, warum der Ingenieur, der als angeblicher Vertrauter Adolf Hitlers galt und 1971 verstarb, hier sein Domizil errichtete. Auch ein Spanier, der das Anwesen gemeinsam mit seiner Schwester seit vielen Jahren bewohnt, will nichts über die Geschichte des Anwesens wissen. Gleiches gilt nicht nur für die umliegenden Dorfbewohner, sondern für die gesamte Insel. Die heutigen „Bewohner“ nehmen ab und an ein kleines Entgelt von Touristen, die sich hier umsehen wollen und in die spekulative Geschichte des Hauses eintauchen wollen.

Gustav Winter war seit 1915 in spanischen Gefilden aktiv und an diversen Projekten nicht nur beteiligt, sondern auch für diese verantwortlich. Winter realisierte eine Straße von der Costa Calma bis Jandía. Die Begründung gab Winter als Bestrebungen an, eine Tomatenplantage errichten zu wollen und um so die Ware schnell transportieren zu können. Aufgrund des enormen, natürlichen Wassermangels und der teilweisen Unfruchtbarkeit der Gegend ist dies relativ unlogisch. Die teils asphaltierte Straße wurde nur bis zum Sattel des Bergzuges erschlossen.

Winter hatte, belegbar durch einen kulturhistorischen Führer der Bezirksregierung, bereits 1937 einen Pachtvertrag für die Halbinsel Jandía unterschrieben. Später soll er Verwalter einer landwirtschaftlichen Gesellschaft gewesen sein, die den Aufschwung in der Region bringen sollte. Der Tourismus in dieser Region startete erst in den 1970er Jahren. Belegt ist auch, dass bis zu dieser Freigabe alle Höhlen unterhalb der Villa um 1950 gesprengt wurden, drei Jahre nachdem Winter nach Fuerteventura zurückgekehrt war. Am Bau eines Elektrizitätswerkes auf Gran Canaria war Winter ebenso beteiligt, wie am Bau eines U-Boot-Stützpunktes in Frankreich.

Ein Mythos, wonach unter der Villa in den Kellergewölben eine versteckte Bunkeranlage Adolf Hitler als Flucht- und Schutzpunkt dienen sollte, konnte bis heute nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Auch ein unterirdisches Höhlensystem, das die Villa mit dem Meer verband, und als U-Boot-Stützpunkt dienen sollte, ist bis heute nur Spekulation. Lediglich zwei verfallene Rollfelder für Flugzeuge im Süden und Überreste einer Lore aus dem Bergbau der Firma Krupp sorgen bis heute für reichlich Gesprächsstoff. Spekulationen, nachdem ehemalige Nazigrößen nach dem Zweiten Weltkrieg – auf der Flucht vor den Befreiern Deutschlands und der Justiz – nach Südamerika hier einen geheimen Unterschlupf vorfanden, konnten nicht eindeutig belegt werden. Eine TV-Dokumentation mit Experten und dem Titel „Hunting Hitler“, die sich 2015 in einer Folge ausführlich mit der Villa Winter und dem umliegenden Gelände beschäftigten, konnte die Spekulationen nicht ausräumen.

Bis heute ist nicht klar, in wessen Eigentum sich die Villa samt Ländereien heute befindet. Grund dafür sind die eigentümlichen spanischen Registerbestimmungen. In den 1990er Jahren wurde die Immobilie von der spanischen Baugesellschaft Lopesan S.A. erworben. Die Rechtmäßigkeit der Verträge ist jedoch strittig, da die Nachfahren Winters ebenfalls Anspruch auf Villa und Ländereien anmeldeten. Diese waren bisher der Meinung, dass beide auch über die Lebenszeit Gustav Winters hinaus vererbbar sind. Hartnäckige neue Gerüchte, wonach die Villa abgerissen oder von einem entfernten Verwandten Winters in ein Wellnesszentrum umgewandelt werden sollte, bestätigten sich bisher nicht. Das spanische Baurecht stand diesen Planungen bisher im Wege.

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