Verloren – Von Maria Grzeschista

Foto: pixelio/Günther Gumhold

Als man sie gegen ihren Willen gewaltsam an diesen Ort gebracht hatte war sie immerhin noch am Leben gewesen. Es stand sicher nicht zum Besten mit ihr, aber es war ein Leben. Es war ihr Leben gewesen.

Und nun? Tja, das konnte man sicherlich sehen, wie man wollte. Sie war noch da. Sie war genau hier. Doch nun war ihre Seele taub vor Schmerz, ihre Augen waren leer und sie bemerkte, dass sie weder atmete, noch dies benötigte. Ihr Körper war klinisch tot.

Sie hatte niemandem etwas getan. Es war ein ganz normaler Abend gewesen. Mit ihrer langjährigen Freundin hatte sie sich einen Film angesehen, etwas zu Abend gegessen und sich anschließend auf den Heimweg gemacht. Ihr Zuhause befand sich nur vier Häuser weiter weg. Da sie dort oft allein war, weil ihre Mutter zwei Jobs hatte, um sie beide zu ernähren, besuchte sie häufig ihre Freundin und blieb gern bis abends.

Leider sollte sich das als fataler Fehler herausstellen. Sie kannte die Männer nicht. Der Wagen hielt einfach neben ihr, ein Fremder packte sie am Arm, hielt ihr zeitgleich den Mund zu und zerrte sie in das Auto. Dann fuhren sie mit ihr an diesen Ort.

Bereits im Auto vergingen sich zwei der Männer an ihr. Als ein dritter sie halbnackt mit zerrissener Kleidung aus dem Wagen zog und sie auf der menschenleeren Straße auf den Boden drückte schrie sie, so laut sie nur konnte. Die Männer lachten nur über sie, bevor sie ein drittes Mal vergewaltigt wurde.

Danach meinte sie, es wäre endlich vorbei und sie wünschte sich, dass man sie umbrachte, denn so wollte sie nicht weiterleben. Aber zwei von ihnen schändeten sie jeweils ein weiteres Mal, bevor sie mit bloßen Händen zu Tode gedrosselt wurde.

Vermeintlich tot, das war sie. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Es schien eine verlassene Geisterstadt zu sein. Natürlich hatte sie auf der Fahrt hierher nicht mitbekommen, auf welchem Weg sie an diesen Ort gelangt war. Möglicherweise war das bloß ein winziger Teil der Großstadt, in der sie lebte, den sie nie richtig wahrgenommen hatte, weil sich offensichtlich kein Mensch hier aufhielt.

Auch wusste sie nicht, wie es möglich war, dass sie nicht mehr atmete, nicht mehr lebte und doch immer noch hier war. An ihrem eigenen Körper konnte sie feststellen, dass das Leben sie verlassen hatte. Nichts tat ihr mehr weh, zumindest nicht körperlich, obwohl sie verletzt war und Schmerzen hätte haben müssen.

Ihre Seele schmerzte allerdings trotzdem. So viel Leid und so viel Hass waren innerhalb von so kurzer Zeit in ihr entstanden. Jedoch war eines seltsam. Sie konnte ganz genau fühlen, dass sie nicht das erste Mädchen war, mit dem diese Leute so etwas an jenem Ort abgezogen hatten. Doch die anderen waren nicht mehr hier. Sie waren weg. Sie sind tatsächlich gestorben.

Sie allerdings nicht. Zumindest nicht ganz, wenn man das so sagen konnte. Wie man die ganze Sache nun auch nennen mochte, diese Männer würden mit einem weiteren Mädchen wiederkommen und auch dieses Mädchen würde man erbarmungslos umbringen, nachdem man es grausam misshandelt hatte.

Sie musste nicht lange nach dem Grund suchen, wieso sie noch hier war. Es war egal, wie all das möglich sein konnte. Wichtig war nur eine Sache. Die Männer waren sich sicher gewesen, dass sie verloren hat, als sie ihren Körper hier liegen gelassen hatten. Meine Güte, sie selbst war sich da sogar sicher gewesen! Sie hatte sich natürlich auch so gefühlt – verloren. Auf irgendeine Art und Weise war sie ja tatsächlich gestorben.

Aber die Wahrheit sah anders aus. Sie war noch da. Sie war hier und sie wartete. Hockend und geduckt im Schatten einer Hauswand lauerte sie auf ihre Mörder und plötzlich empfand sie eine Art Hunger. Natürlich war das nicht der Drang nach normaler Nahrung. Diese benötigte sie nicht mehr, da es keinen Organismus mehr gab. Es war der Hunger nach blutiger Rache.

Etwas Animalisches ließ ihr die Vorstellung, ihre bloßen Eckzähne in den Hals eines Menschen zu schlagen, besonders verlockend vorkommen. Es kam ihr fast so vor, als ob der Geschmack vom Fleisch ihrer Peiniger ihre geschundene Seele als einziges wieder heilen lassen konnte und das sollte sie, bevor sie Frieden finden würde.

Vielleicht war es irgeindeine höhere Macht, die nun für Gerechtigkeit sorgte und dafür, dass diese Grausamkeit ein für alle Mal endete. Sollten sie nur wieder herkommen! Es würde das letzte Mädchen sein, bei dem sie das versuchten! Denn in Wahrheit hatten sie jetzt verloren.

Maria Grzeschista

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