„Vergessen im Harz“-Premiere lässt Kälte vergessen

Lange hatten die Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne des Dokumentarfilms „Vergessen im Harz“ und das Filmteam der Premiere entgegengefiebert. Denn am letzten Maiwochenende (29. bis 31. Mai) sollte nicht nur ein neues Werk aus der Schmiede „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ uraufgeführt werden, diesmal hatte sich das Produktionsteam rund um den Leipziger Regisseur Enno Seifried auch eine ganz besondere Location zur Filmvorführung ausgesucht (wir berichteten). Nach den früheren Premieren in Leipzig im Sowjetischen Pavillon, im Kulturkino Zwenkau und im Hauptpostamt entschied man sich für die Premiere im Harz für die Baumannshöhle in Rübeland (Elbingerode). Und mit dieser Wahl traf man wieder genau ins Schwarze und gleichzeitig ins Herz der Zuschauer.

Die Baumannshöhle, die aus mehreren, miteinander verbundenen Hohlräumen besteht, blickt auf eine lange Historie zurück. Einer Sage nach entdeckte der Bergmann Friedrich Baumann 1536 die Höhle, die aus diesem Grund noch heute seinen Namen trägt. Baumann soll in diese Höhle auf der Suche nach einer Erzlagerstätte geraten sein, nachdem sein Grubenlicht erloschen war. Baumann konnte noch von einer Höhle berichten, starb aber kurz darauf an seinen Entbehrungen. Das Funddatum 1536 stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus und diente nur dem einen Zweck, ein Jubiläum feiern zu können. Der Zeitpunkt der regulären Führungen geht auf das Jahr 1649 zurück, als die Herzöge von Braunschweig einem Rübeländer das Privileg erteilten, Besucher durch die Höhle zu führen. Da immer wieder Tropfsteine zerstört wurden, erließ der Braunschweiger Herzog Rudolf August eine Verordnung zum Schutz der Baumannshöhle, diese gilt daher auch als erstes, rechtlich unter Schutz gestelltes Naturdenkmal.

Über einen gepflasterten, geschwungenen Weg vorbei an kunstvollen Stalagmiten und Stalaktiten, eingehüllt in diffuses Licht – erreichte man den Goethesaal mit seinem künstlich angelegten Wolfgangssee. Hier war der Saal mit Leinwand und Bänken ausgestattet worden, um etwa 300 Personen Platz zu bieten. Regelmäßig finden an diesem Ort auch Konzerte und gelegentlich Theaterstücke statt. Seinen Namen verdanken Saal und See keinem anderen als Johann Wolfgang von Goethe, der die Höhle 1777, 1783 und 1784 besuchte. Um die in der Höhle vorkommenden Federmäuse zu schützen, war das Fotografieren mit Blitzlicht während des Aufenthaltes in der Baumannshöhle verboten. Da in der Höhle konstant 9 Grad Celsius zu messen sind und eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht, konnten die Zuschauer neben entsprechender Kleidung auch Decken oder sonstige „Warmhalter“ mitbringen.

Nach den früheren Premieren in Leipzig im Sowjetischen Pavillon, im Kulturkino Zwenkau und im Hauptpostamt entschied man sich für die Premiere im Harz für die Baumannshöhle in Rübeland (Elbingerode).
Nach den früheren Premieren in Leipzig im Sowjetischen Pavillon, im Kulturkino Zwenkau und im Hauptpostamt entschied man sich für die Premiere im Harz für die Baumannshöhle in Rübeland (Elbingerode).

Schon zeitig vor Filmbeginn füllte sich das Eingangsgebäude und vor der Schleuse zum Goethesaal bildete sich eine lange Schlange. Nachdem die wartende Meute eingelassen worden war und die Plätze eingenommen hatte, richtete Produktionsleiter Tilo Esche in seiner gewohnt humorvollen Art ein paar einleitende Worte an die Zuschauer. Esche dankte den Anwesenden für die einzigartige Unterstützung und verwies darauf, dass „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ das erfolgreichste Projekt des Crowdfunding-Unternehmens VisionBakery seit deren Gründung ist. Wir erinnern uns: „Vergessen im Harz“ hatte sich keine zwölf Stunden nach dem Crowdfunding-Aktionsstart finanziert, wenige Wochen später gleich mehrfach. „Die enorme Spendenbereitschaft der Crowd ermöglichte uns neben der finanziellen Absicherung der Veranstaltung und der DVD-Produktion beispielsweise auch die Anschaffung von neuem Equipment“, sagte Esche. Gleichzeitig und das war neu, kündigte Esche die Fortsetzung – also den zweiten Teil – von „Vergessen im Harz“ für das Frühjahr nächsten Jahres an und erntete dafür entsprechenden Beifall.

Als die Lichter in der Höhle erloschen und das Filmintro zu „Vergessen im Harz“ auf der Leinwand startete, konnte man die Spannung der Zuschauer förmlich spüren. Schauspielerin und Sängerin Nina Maria Föhr, die im Film wieder als Erzählerin die einzelnen Stationen anmoderiert und auch begleitend durch die Dokumentation führt, formuliert es gleich zu Anfang treffend: “ Im Herzen von Deutschland befindet sich eines der schönsten und interessantesten Landschaftsgebiete in der Bundesrepublik. Der Harz – bei den Menschen geschätzt und geologisch geprägt durch wunderschöne Berglandschaften, Täler, Flüsse, Seen und Wälder und bekannt durch zahlreiche ehemalige Sanatorien, FDGB-Heime und prachtvolle Hotels.“ Und wirklich, abseits der Touristenpfade und in keinem Reisführer gelistet, findet man noch heute anmutende Zeitzeugen mit teilweise ergreifenden Geschichten dahinter – einige von ihnen erlebten die Zuschauer während des Films hautnah.

In Großörner startete die Reise zu den vergessenen Mauern. Der ehemalige Chefarzt Dr. Peter Feseler berichtet von der ehemaligen Nervenklinik , die in den dreißiger Jahren als Wohnheim für die sogenannten Landmädchen erbaut und später als Klinik betrieben und ausgebaut wurde. 2002 wurde die diese geschlossen und verfällt seitdem. Weiter geht es beispielsweise nach Wippra zur verlassenen Kinderklinik, ins Selketal zum Albrechtshaus, nach Werna zum ehemaligen Rittergut, zu den Sanatorien nach Sülzhayn, ins Siebertal, zum damaligen Sprengstoffwerk mit dem Decknamen „Tanne“ und zum Schluss nach Bad Harzburg – immer inmitten malerischer Natur mit romantischen Dörfern und sehenswerten Gemeinden, alle mit eindrucksvollen, leer stehenden Zeitzeugen. Hier alle Ziele der Dokumentation aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen.

Zwei Geschichten allerdings sind besonders bewegend, einmal die der ehemaligen Anwohnerin der Knappschafts-Heilstätte Dr. Med. Gerda Fliesenberg und die des Schicksals des Harzburger Hofes. Trotz jahrelanger Aufopferung und grenzenlosem Engagement von Bediensteten und Anwohnern konnten beide Gebäude nicht gehalten werden und wurden ihrem Schicksal überlassen. Wer beide Bauwerke kennt, weiss wie schlimm der Zustand dort heute ist, beide sind nicht mehr zu retten. Alle Beispiele im Film verdeutlichen aber wieder schonungslos aufs Neue, was geschieht, wenn bauliche Substanzen nicht als Chance, sondern als Konsequenz von Fehlinvestitionen, Immobilienspekulationen und Ähnlichem werden.

Erprobt im signieren: Der Regisseur Enno Seifried.
Erprobt im signieren: Der Regisseur Enno Seifried.

Nach dem Film bat Tilo Esche das Filmteam auf die Bühne und Regisseur Enno Seifried ergriff die Gelegenheit, seinen Produzenten wie auch allen Beteiligten des Films zu danken. „Ihr seid einfach das beste Team der Welt, alles funktioniert immer so wunderbar mit euch“, sagte der sichtlich emotional bewegte Seifried. Auch die Zuschauer dankten den Verantwortlichen mit lange anhaltendem Applaus. Im Anschluss an das Buffet im Eingangsbereich der Baumannshöhle hatten die Zuschauer dann noch die Gelegenheit mit Akteuren des Filmteams Gespräche zu führen oder sich Fimplakate und DVDs signieren zu lassen.

Die Premieren-Veranstaltung von „Vergessen im Harz“ in der Baumannshöhle war gleichzeitig eine Premiere für die Betreiber und Gastgeber. Markus Mende vom Tourismusbetrieb Oberharz kündigte weitere Kino-Abende im Goethesaal an, jedoch wird es keine weiteren Vorführung von „Vergessen im Harz“ geben – auch in anderen Kinos im Harz nicht. Ob diese Entscheidung allerdings von langer Dauer sein wird, ist zu bezweifeln, denn die Nachfrage und das Interesse – gerade in der Harzregion – für diese Art der Dokumentationen ist definitiv gegeben. (aw)

Die DVD „Vergessen im Harz“ ist über die Webseite www.vergessenimharz.de erhältlich.

Eine ausführliche Bilderserie von der Premieren-Veranstaltung finden Sie in der kommenden 10. Ausgabe unseres rottenplaces Magazins, die am 1. Juli 2015 erscheint.

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