Vergessen im Harz: Interview mit Enno Seifried

Zwei Jahre waren der Leipziger Filmemacher Enno Seifried und sein Team in der Harzregion unterwegs, haben nach verlassenen Orten – so genannter Lost Places – abseits der Touristenpfade gesucht und die zugehörigen Geschichten der Menschen recherchiert. Das Ergebnis ist der 95-minütige Dokumentarfilm „Vergessen im Harz“, der nahtlos an die Produktionen von „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ anknüpft. „Vergessen im Harz“ nimmt den Betrachter mit auf eine Reise zu einst prachtvollen Hotels, ehemaligen Militärgeländen, FDGB-Heimen, Gewerbeobjekten und leer stehenden Sanatorien. Davon gab und gibt es im Mittelgebirge eine Vielzahl. Wir haben nachgefragt … Einen ausführlichen Artikel zum Film lesen Sie hier.

rottenplaces: Das GHVM-Tam hat den Harz und die Harzregion entdeckt. Wie sind eure Eindrücke nach zwei Jahren Drehzeit?

Seifried: 2012 war ich mit einem Teammitglied der GHVM-Crew das erste Mal wirklich bewusst im Harz unterwegs. Eigentlich zum Wandern entlang der Teufelsmauer und anderen Naturhighlights. Schnell wurde am Straßenrand der ein oder andere Lost Place entdeckt und plötzlich war klar, in dieser Gegend gibt es alles, was das Herz begehrt: Unberührte Natur und Lost Places. Während der Drehzeit war ich hauptsächlich mit Nina Jassmann (Regieassistenz) im Harz unterwegs und wir haben uns in die Gegend verliebt. Es ist einfach ein wunderschöner Landstrich und alle Menschen, zu denen wir Kontakt aufgenommen haben, waren unserem Projekt und uns gegenüber immer sehr aufgeschlossen und freundlich. Der Harz ist einfach geil.

rottenplaces: Was hat euch dazu bewogen, ausgerechnet den Harz auszuwählen für das neue Projekt?

Seifried: Wie schon erwähnt, es war eigentlich eher Zufall. Für die Filme in Leipzig war ein Ende, aber an der Freude weiterhin diese Art Filme zu machen kein Ende abzusehen. Also musste eine neue Idee her. Und kam die die Wandertour 2012 durch den Harz gerade recht.

rottenplaces: Ist euer Team dasselbe geblieben oder habt ihr „Zuwachs“ bekommen? Wenn ja, wer und welche Funktion hat diese Person inne?

Seifried: Das Hauptteam wird sich wohl nie ändern, das gehört einfach zusammen. Für diesen Film hatten wir einen weiteren Helfer – Uwe Walther – der uns zwar schon seit den Anfängen der GHVM-Reihe unterstützt, diesmal aber entscheidende Arbeit bei den Recherchen geleistet hat. Weiterhin ist Alexandra Schmid dazu gekommen. Sie hat diesmal neben dem alten GHVM-Verdächtigen Musiker Peter Schneider, an der Filmmusik mitgewirkt.

rottenplaces: Wie sind euch die Menschen begegnet, die ihr zum Mitwirken für euren Film bewegen wolltet?

Seifried: Der Großteil war von unserer Projektidee begeistert. Die Harzer waren auch stets bemüht uns zu helfen, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Vor Beginn der Dreharbeiten wurden wir immer mal gewarnt, dass die Harzer etwas Eigen und nicht unbedingt das lockerste Völkchen sind. Das können wir allerdings nicht bestätigen. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir immer mit einem fröhlichen Grinsen im Gesicht durch den Harz gezogen sind. Und man sagt ja: „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus.“ Das scheint auch auf die Harzer Wälder zuzutreffen.

rottenplaces: Ist die deutsche Teilung und die innerdeutsche Grenze bei Gesprächen mit Zeitzeugen und Protagonisten noch ein deutliches Thema?

Seifried: Es ist auf jeden Fall immer wieder Thema. Aber klar, die Grenze verlief genau durch den Harz. Wir wollten uns in dem Film nicht zu sehr auf das Thema konzentrieren, da wir zu denen gehören, für die das wenig Priorität hat. Wir sind ein Land und dieser ganze Ossi-Wessi-Kram kann ganz schön nervig sein. Darüber hinaus entstehen Grenzen doch ohnehin nur in den Köpfen der Leute und durch Linien auf Landkarten. Politisch spielt es natürlich eine Rolle und gerade wie sich beide Teile nach der Wende und durch die Wende verändert haben ist natürlich auch bei Zeitzeugengesprächen immer mal Thema. Gewisse Hintergründe zu dem Thema sind nicht von der Hand zu weisen, weswegen der Film an einigen Stellen mit diversen Aussagen Bezug darauf nimmt.

rottenplaces: Der Harz ist voller Mythen und Sagen. Ob Moore, tiefe Wälder oder der Brocken – konntet ihr etwas von diesen Erzählsträngen erfahren oder haben euch diese Themen bei euren Drehtagen beschäftigt?

Seifried: Wir haben uns witziger Weise in der Tat mit den Mythen und Sagen der Region beschäftigt, allerdings wird es im Film keine Rolle spielen. Es ist ohnehin schon immer sehr schwer all die interessanten Geschichten und Erinnerungen zu sortieren. Wohl oder übel muss da im Film reduziert werden. Man könnte locker über jeden Protagonisten und seine Story einen eigenen Film machen. Wir müssen immer wieder streichen, streichen, streichen. Und wenn wir jetzt noch von den Mythen und Sagen der Region berichten wollen, reichen 95 Minuten nicht mal mehr ansatzweise.

rottenplaces: Welche vergessenen Orte waren euch bei eurem neuen Dokumentarfilm besonders wichtig und gab es eine Geschichte, die besonders hängen geblieben ist?

Seifried: Sorry, aber an dieser Stelle wollen wir natürlich noch nicht verraten, welche Locations im Film behandelt werden. Es gibt sicher Geschichten die bei uns besonders hängen geblieben sind, aber um den Zuschauer nicht schon einen Fokus vor zu geben, bleibt auch das unser Geheimnis. Jeder soll am Ende selber entscheiden, was ihn besonders berührt oder gefesselt hat.

rottenplaces: Einige Harzregionen haben mit einem drastischen Bevölkerungsrückgang zu kämpfen. Das größten Probleme sind der dadurch resultierende Leerstand und der voranschreitende Zusammenbruch ganzer Ortschaften. Wie ist deine Erfahrung und Meinung nach zwei Jahren Drehzeit im Harz?

Seifried: Es ist wirklich sehr krass, wie sich der Harz in den letzten beiden Jahrzehnten entwickelt hat. Das klingt zwar hart, aber manchmal fragt man sich was noch mal zwei Jahrzehnte später übrig bleiben wird. Natürlich ist uns während der Drehzeit im Harz der Leerstand, der Touristenmangel und vieles mehr immer wieder aufgefallen, dennoch möchte ich sagen, dass viele der Harzer an ihre Region glauben und voller Hoffnung sind, das die goldenen Zeiten wiederkommen. Der Harz war einst ein sehr beliebtes Urlaubsgebiet und mit vielen Luftkurorten und Sanatorien reich an Besuchern. Dadurch wiederum waren die Hotels und Pensionen gebucht. All dies ist nun eindeutig zurückgegangen. Sanatorien gibt es nur noch wenige und die Gasthäuser mussten auf die fehlenden Besucher der Region reagieren. Nichts desto trotz glaube ich, und viele der Harzer hoffen und galauben das auch, dass die Zeiten ständig im Wandel sind und der Tourismus wieder aufgebaut werden kann. Aber ihr habt recht, ein Problem stellt es auf jeden Fall dar. Hier und da sind schon viele Lösungsanstätze zu sehen und ich denke die Region braucht noch ein wenig Zeit, um aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen.

rottenplaces: Die Filmpremiere findet im Goethesaal der Baumannshöhle in Rübeland statt. Warum habt ihr euch für diesen Ort entschieden, bzw. wie entstand diese Idee?

Seifried: Wir waren gerade in der Gegend um Rübeland unterwegs und saßen zu viert abends bei Bier und Grillwurst am Lagerfeuer. In solchen Momenten kommen einem bekanntlich die besten Ideen. Ich weiß gar nicht mehr wer sie hatte, oder aus welcher Intension. Fakt ist, für uns stand auf Anhieb fest, dass die Höhle als Premieren-Location dermaßen passend für die Harzregion wäre, dass es einfach klappen musste. Erst diesen Monat haben wir das mit der Höhlenverwaltung fest gemacht. Die Geschäftsführung der Höhle ist neu, voller Tatendrang und begeisterungsfähig. Es war sehr unkompliziert sich zu einigen und nun freuen wir uns gemeinsam auf das Premierenwochenende.

rottenplaces: Hast du ein paar persönliche Worte an die Unterstützer, die so tat- und zahlungskräftig für die Realisierung des Projekts gesorgt haben?

Seifried: An der Stelle kann ich es ja mal zugeben: Ich bin nicht so wortgewandt. IHR SEID DIE GEILSTEN ist das was mir immer als Erstes einfällt, wenn ich an die Crowd denke, die uns so abgefahren unterstützt … Abgefahren, seht ihr, es sind eher die einfachen Worte, die da aus mir raus platzen. Mit der Förmlichkeit hab ich es wahrscheinlich auch nicht so ganz. Aber mal im Ernst. Wir sind wirklich unheimlich glücklich, wie die ersten 24 Stunden gelaufen sind. Wir wussten einfach nicht, was passiert, wenn wir uns aus unserer Homezone heraus bewegen und dann toppen wir alle vorangegangenen Projekte mit 13 Stunden bis zur Mindestfinanzierungssumme! Das ist einfach unglaublich! Wenn man über zwei Jahre eine Menge an privater Zeit und Geld in so eine Herzensprojekt steckt, ist so viel Zuspruch wirklich die schönste Belohnung die ich mir vorstellen kann. Ich sag´s mal so: Unsere Unterstützer sind der Hammer!

Wir danken Enno Seifried für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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