Tschernobyl – Rückblick auf die Nuklearkatastrophe

Reaktor IV mit Monument zur Erinnerung an 1986. Foto: Tiia Monto/CC BY-SA 3.0
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Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 und gilt laut der Internationalen Bewertungsskala (INES) für nukleare Ereignisse neben der Nuklearkatastrophe von Fukushima als schlimmste Havarie in der Geschichte der Kernenergienutzung. Der Reaktor Block IV des Kernkraftwerks explodierte, es gelangten radioaktive Stoffe in die Erdatmosphäre, die infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie viele Länder in Europa kontaminierten. Bis heute ist die Region unbewohnbar, Mensch und Natur kämpfen mit den Spätfolgen.

Am Tag der Havarie sollte ursprünglich ein vollständiger Stromausfall im Kernreaktor simuliert werden, um den Nachweis zu erbringen, dass nach einer Reaktorabschaltung immer noch eine ausreichende Stromversorgung gewährzuleisten ist, bis die Notstromgeneratoren anspringen. Grund für das Experiment war ein neuer Spannungsregler für die Turbinengeneratoren, der erprobt werden sollte. Die Leitung des Versuches hatte der stellvertretende Chefingenieur des Kernkraftwerkes, Anatoli Stepanowitsch Djatlow. Der Kerntechniker war 1973 nach Prypjat gezogen. Die Belegschaft, die in Block IV arbeitete, genoss einen ausgezeichneten Ruf, exakt so hoch war auch das Selbstbewusstsein selbiger. Geplant war, das „kleine Experiment“ im Rahmen der offiziellen, jährlichen Revision nebenbei durchzuführen.

Beginn des „Experiments“

Kontrollraum in Block III. Foto: IAEA Imagebank/CC BY-SA 2.0
Kontrollraum in Block III. Foto: IAEA Imagebank/CC BY-SA 2.0

Der mit 100 Prozent Leistung laufende Reaktor IV wurde am frühen Morgen des 25. April allmählich heruntergefahren. Das Personal schaltete in den Mittagsstunden entgegen der Betriebsvorschriften das Notkühlsystem ab. Als die Stadt Kiew erhöhten Strombedarf anmeldete, stoppte man das Herunterfahren bei 50 Prozent Leistung. Das Notkühlsystem ließ man ausgeschaltet – ein weiterer Verstoß gegen die Vorschriften. Kurz vor Mitternacht wurde der Reaktor wieder weiter heruntergefahren, sollte bei 20 bis 30 Prozent Leistung abgefangen werden – knapp oberhalb des zulässigen Minimums. Wird diese Grenze unterschritten, kann es zu einer Instabilität des Reaktors kommen, der dann außer Kontrolle geraten kann.

Die ersten Probleme begannen kurz nach Mitternacht des 26. April, als trotz manuellen Gegensteuerns der Reaktor auf 1 Prozent absackte. Ein Mitarbeiter im Kontrollraum hatte die Reaktorautomatik mit falschen Zahlen gefüttert. Die Techniker fuhren die Steuerstäbe hinaus, konnten die Leistung aber nicht über 7 Prozent steigern. Zusätzlich zu den sechs Hauptwasserpumpen schaltete man zwei Ersatzpumpen hinzu. Um 1.19 Uhr blockierten Techniker das Signal für die Schnellabschaltung des Reaktors – ein erneut gravierender Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften. Als das Experiment trotz aller vorherigen Geschehnisse um 1.23 Uhr gestartet wurde, begann eine unkontrollierbare und verheerende Kettenreaktion. Was ein eher unspektakulärer und gedacht-routinemäßiger Eingriff sein sollte, entpuppte sich als Auslöser des Super-GAUs.

Die Kettenreaktion

Die Sicherheitsventile der beiden Turbinengeneratoren wurden vom Schichtleiter Aleksandr Akimov geschlossen. Akimov hatte sich bis zuletzt gegen das Experiment aufgrund des Zustands des Reaktors gewehrt, wurde jedoch von seinem Vorgesetzten Djatlow mit der Drohung einer Kündigung zur Fortsetzung des Tests angehalten. Als die Temperatur im Reaktor durch die Verringerung des Wasserzuflusses extrem anstieg, wollte der Nukleartechniker Akimov per Hand die Notabschaltung auslösen. Der Versuch misslang, denn durch die große Hitze und die dadurch verbogenen Röhren konnten die Steuerstäbe nicht mehr eingeschoben werden. Innerhalb von Sekunden stieg die Megawatt-Produktion des Reaktors katastrophal auf das Hundertfache an. Durch die Bildung von Wasserstoff kam es zu zwei schweren Explosionen, wodurch die Abdeckplatte des Reaktorkerns abgesprengt wurde und das ganze Dach des Gebäudes aufriss. Die Notstromversorgung fiel aus, überall entstanden Brände. Große Mengen radioaktive Partikel wurden in die Luft geschleudert. Die sofort eingesetzten Feuerwehrleute, die die Brände löschen sollten, liefen in ihr Verderben.

Gegen 4.30 Uhr meldete Akimov seinem Vorgesetzten Nikolai Fomin, dass der Reaktor intakt geblieben sei und man diesen „nur“ kühlen müsse. Diese Meldung übermittelte man nach Moskau. Währenddessen schleuderte der offene Block IV weiter ungehindert seine Strahlenlast in die Atmosphäre. In den Nachmittagsstunden begab sich der Werksfotograf Anatoli Rasskasov in einen Hubschrauber und fertigte erste Aufnahmen der radioaktiven Rauchsäule und des zerstörten Reaktorblocks. Aufgrund der extrem hohen Strahlungsaktivität war ein Großteil seiner Aufnahmen unbrauchbar. Rasskasov übergab die Fotos samt Negative dem Notfallstab und den Sicherheitsbehörden, behielt aber einige Abzüge für sich. Erste Aufnahmen davon wurden am 30. April 1986 retuschiert im sowjetischen Fernsehen gezeigt, um das Ausmaß der Katastrophe weniger dramatisch darstellen zu können.

Liquidatoren auf dem Dach von Reaktor IV. Foto: YouTube
Liquidatoren auf dem Dach von Reaktor IV. Foto: YouTube

Bis in die Abendstunden blieb die Werksleitung standhaft, niemand dachte dabei an die Evakuierung der nur wenige Kilometer entfernten Stadt Prypjat mit seinen rund 50.000 Einwohnern. Diese ahnten nichts von der Katastrophe, viele hatten aufgrund des schönen Wetters die Fenster geöffnet. Von den höher liegenden Balkonen sah man die glühende Reaktormasse am Horizont schimmern. Nur wenige waren sich dieser Gefahr bewusst und flohen aus der Stadt. Als am 27. April die Parteizeitung Prawda erschien, war nichts von der Katastrophe in Tschernobyl zu lesen. Die Evakuierung von Prypjat lief viel zu spät an. Die Einwohner evakuierte man mit Bussen, gaukelte ihnen eine Übung vor, und versprach, jeder könne später wieder zurückkehren – bis heute wissen wir, wie dies endete.

Planlose Maßnahmen gegen die Zeit

Währenddessen warfen Armeehubschrauber Blei, Bor, Dolomit, Sand und Lehm über dem Reaktor ab, um den brennenden Graphit im Kern abzudecken, eine Kettenreaktion zu unterbinden, die Wärmeentwicklung zu verringern und die radiaktiven Stoffe zu filtern. Viele Hubschrauberpiloten wurden bei diesen Aktionen schwerst verstrahlt, während der Stabschef der Flieger im Wehrbezirk Kiew, Generaloberst Nikolai Antoschkin, vom Dach des Gasthauses Prypjat seine Mannen über Funk anwies. Erst gegen 21.00 Uhr meldete die sowjetische Nachrichtenagentur Tass eine „Havarie“ in Tschernobyl. Nach der Evakuierung der Stadt Pripjat evakuierte man bis zum 3. Mai 1986 sämtliche Einwohner aus einem Umkreis von zehn Kilometern um den Reaktor. Einen Tag später wurde das Evakuierungsgebiet auf 30 Kilometer ausgeweitet – dies betraf 116.000 Einwohner. In den Folgejahren waren weitere 210.000 Einwohner betroffen, der Radius betrug nun 37 Kilometer. Mehrere Dutzend Ortschaften im Gebiet Kiew und im weißrussischen Gebiet Gomel gab man auf.

Gemessene Strahlung in Prypjat. Foto: Alex Kühni/CC BY-SA 2.0
Gemessene Strahlung in Prypjat. Foto: Alex Kühni/CC BY-SA 2.0

Ungeachtet aller Evakuierungsmaßnahmen brannte es derweil im Block IV weiter. Es bestand die Gefahr, dass sich die glühende Reaktormasse durch den Beton schmelzen würde. So begann man damit, freiwillige Helfer auf dem Dach abzusetzen, diese sollten im Laufschritt die Trümmerteile in den offenen Reaktor werfen. 400 Bergleute aus dem Donezbecken untertunnelten den Reaktor und errichteten ein provisorisches Kühlsystem mit Stickstoff. Der Begriff „Liquidatoren“ war geboren. Am 10. Mai wurden die Materialabwürfe der Hubschrauber eingestellt, der Reaktor kühlte etwas ab und die Freisetzung der radiaktiven Stoffe ging zurück. Kreml-Chef Michail Gorbatschow äußert sich zum ersten Mal zu dem „Ereignis“ in Tschernobyl, ohne ein einziges Wort der Entschuldigung für die Opfer zu finden. Gorbatschow machte später das Kraftwerkpersonal verantwortlich, über die fehlerhaften Baumaterialien bei der Konstruktion und die gravierenden Sicherheitsmängel verlor er kein Wort.

Erster Sarkophag um Reaktor IV. Foto: IAEA Imagebank/CC BY-SA 2.0
Erster Sarkophag um Reaktor IV. Foto: IAEA Imagebank/CC BY-SA 2.0

Die „Liquidatoren“ errichteten ab Sommer 1986 unter Einsatz ihres Lebens eine Hülle aus 300.000 Tonnen Beton und 7.000 Tonnen Stahl um das Reaktorgebäude – den so genannten „Sarkophag“. Im September war dieser fertiggestellt. Am Ende der Aufräumarbeiten wurden die drei noch funktionierenden Blöcke wieder hochgefahren. Die sowjetische Regierung war der Ansicht, dass die Strahlung keine Auswirkungen auf das Personal habe. Im Oktober 1991 schaltete man den Block II nach einem Feuer in der Turbinenhalle ab. Nach dem Memorandum of Understanding wurde Block I 1996 vom Netz genommen und Block III im Jahr 2000.

Anatoli Stepanowitsch Djatlow bekannte sich 1987 für „kriminelles Leiten eines potenziell explosionsgefährlichen Versuchs“ schuldig und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, aus der er nach fünf Jahren entlassen wurde. In seinem Buch (Tschernobyl. How it was., engl. Titel) sowie in einem Artikel der Nuclear Engineering machte Djatlow klar, dass nicht das Kraftwerkspersonal, sondern die Konstruktionsweise des Reaktors für die Katastrophe verantwortlich gewesen sei. Während des Unglücks soll der Kerntechniker einer Strahlendosis von 3,9 Sv ausgesetzt gewesen sein. Er starb am 13. Dezember 1995 an einem Herzinfarkt, einer bekannten Spätfolge hoher Strahlenexposition.

Bau eines neuen Sarkophages

Jahre nach der Nuklearkatastrophe entdeckten Experten, dass der installierte Sarkophag brüchig wurde, Strahlung freisetzte und sogar teilweise einsturzgefährdet war. Man entschloss sich, nach dem internationalen „Shelter Implementation Plan“ einen neuen Sarkophag („New Safe Confinement“) zu bauen, der nach Fertigstellung 2016 (ursprünglich 2015, 2014 Baustopp wegen fehlender Gelder, Anm. d. Redaktion) über die alte Konstruktion gefahren werden sollte. Danach soll der alten Sarkophag entfernt werden, ohne das radioaktive Stoffe entweichen können. Den Auftrag zum Bau der neuen „Hülle“ erhielt 2007 das Konsortium NOVARKA. Das Konstrukt besteht aus einer 257 Meter breiten, 162 Meter langen sowie 108 Meter hohen Stahlhülle und soll die Umgebung rund 100 Jahre lang vor Strahlung schützen. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) übernimmt mit 350 Millionen Euro den größten Teil der Kosten. Insgesamt 165 Millionen Euro steuern die EU-Kommission und die G7-Staaten bei. Komplett rechnet man mit finalen Baukosten von rund 900 Millionen Euro (einige Quellen sprechen sogar von bis zu 1,5 Milliarden Euro). Die fehlenden Millionen sollen von Russland selbst und klammen Geberländern in den nächsten Jahren kommen.

Der neue Sarkophag im Jahr 2013. Foto: Arne Müseler/CC BY-SA 3.0
Der neue Sarkophag im Jahr 2013. Foto: Arne Müseler/CC BY-SA 3.0

Im November 2016 war die neue Schutzhülle nahezu fertiggestellt. Das Konstrukt mit seinen mehr als 30.000 Tonnen gilt als größtes bewegliches Bauwerk der Welt. Mit einem einzigartigen Manöver wurde der Koloss dann auf einem Spezialschienen-System 250 Meter zum Reaktor transportiert und soll diesen ab sofort komplett verschließen. In selbigem befinden sich noch etwa 200 Tonnen Uran. Mit dem neuen Sarkophag sind die Arbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks längst nicht abgeschlossen. Im Inneren des Konstrukts sind Kräne montiert, die nun das weiterhin hoch radioaktive Uran aus dem Reaktor bergen sollen. Direkt neben dem ehemaligen Kraftwerk ist in den vergangenen Jahren ein Zwischenlager für Atommüll entstanden.

Über die genauen Ursachen und Fakten streitet man sich seit dem Super-GAU. Viele Dokumente, darunter viele geheime Daten und Unterlagen, die das gesundheitliche Schicksal der Helfer und evakuierten Bevölkerung betreffen, werden nach wie vor unter Verschluss gehalten. Vieles wurde vertuscht, was nicht vertuscht werden konnte, spielte man herunter. 360.000 Menschen wurden evakuiert, von den Hunderttausenden Helfern – die Zahlen schwanken je nach Quelle – sollen etwa 1.000 lebensbedrohlichen Strahlendosen ausgesetzt gewesen sein. 2005 schätzte eine Untersuchung der Vereinten Nationen die Gesamtzahl der Todesfälle, die auf die Tschernobyl-Katastrophe zurückzuführen sind, auf etwa 4.000 – Tendenz steigend. Auch hier gehen die Spekulationen deutlich auseinander.

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