Theater im ehemaligen Versorgungskontor Industrietextilien

Versorgungskontor Industrietextilien. Foto: rottenplaces Archivfoto.

Weißenfels (aw). Jeder, der mit dem Zug in den Weißenfelser Bahnhof einfährt, dem fällt die große Industrieruine des ehemaligen Versorgungskontors Industrietextilien mit dem markanten Giebel auf. Seit Jahren verfällt das Gebäude zusehends, doch nun könnte eine Theatergruppe dem ehemaligen Versorgungskontor neues Leben einhauchen. Das Theater „Das letzte Kleinod“ aus Geestenseth in Niedersachsen möchte die Geschichte des Unternehmens auf die Theaterbühne bringen. Mit seiner neuen Auflage des „Theaterspaziergangs“ macht das Theater Ende März mit seinem Zug auf einem Gleis direkt am Güterbahnhof halt.

Nach der Ankunft sollen hier sechs Schauspieler mit den Proben für Szenen aus der Geschichte der markanten Immobilie, die in Form eines Stationentheaters erzählt wird, beginnen. Wie die Sprecherin des Theaters weiter mitteilte, hat man im Internet freiwillige Mitwirkende gesucht. Darunter Tänzer, Sänger, Musiker, Fassadenkletterer, Pferdebegeisterte, Bodybuilder, Feuerwehrfrauen und -männer. Das Theaterprojekt nutzt keine feste Bühne, sondern inszeniert an ungewöhnlichen Orten deren Geschichte – war bereits weltweit aktiv. Der Zug verfügt über neun Eisenbahnwaggons mit Werkstätten, Büros und Unterkünften für die Theatercrew.

Die Stadt Weißenfels unterstützt das Projekt und stellt dafür 5.000 Euro zur Verfügung. Das Theater hat mit dem Privateigentümer einen Vertrag zur Nutzung der maroden Immobilie unterzeichnet. Aktuell wurden Bäume und Wildwuchs an der Ruine entfernt, um einen gefahrlosen Zugang zu ermöglichen. Erste Vorführungen sind für Ende April/Anfang Mai geplant. Dann kann der Zuschauer im Gebäude an mehreren Stationen Szenen aus seiner wechselvollen Geschichte bewundern.

Historie des Versorgungskontors Industrietextilien

Historische Unterlagen belegen, dass der Industriebau zu aktiven Zeiten einer Vielzahl von Unternehmen als Domizil diente. Willi Otto Senior kaufte die Immobilie Anfang 1900 und betrieb dort eines der größten Getreidegeschäfte der Umgebung. 1908 befanden sich auch eine Papiergroßhandlung sowie eine Geschäftsbücher- und Schreibheftfabrik und ein Backofenproduzent im Gebäude.

Ein Schuhproduzent lagerte hier zudem Material ein. 1950 miete das Versorgungskontor das Gebäude vom Eigentümer an. Die alten Inschriften am Giebel wurden entfernt und durch die noch heute sichtbaren ersetzt. 1961 übernahm Willy Otto Junior den Betrieb, die Lagerung von Textilien wurde fortgeführt. Beliefert wurde die gesamte Hausschuhindustrie, das Gesundheitswesen mit Bekleidung und alle fünf Ostseewerften mit Filz.

1982 brannte der Speicher – ausgelöst durch eine Silvesterrakete – bis auf die Grundmauern nieder. Ursprünglich war angedacht, selbigen wieder aufzubauen, doch weil das Versorgungskontor auf mehr Lagerraum bestand, kam es zum Abbruch. 1985 ging die Immobilie in eine Erbengemeinschaft über, 1990 erfolgte die Liquidation des Betriebes. Die Erbengemeinschaft verkaufte das Objekt 2008 über eine Immobilien-Auktion.

Mehr Informationen zum Theater aus Niedersachsen finden Sie im Internet unter www.das-letzte-kleinod.de.

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