Stephan-Maria Aust: Portraits zu unseren Füßen

Stephan-Maria Aust und das Motiv der Begierde. Foto: Heike Winter

Auf der Suche nach aussagekräftigen Motiven seiner „manhole covers“ zieht es Stephan-Maria Aust zu „rotten places“. Der Einzelgänger spürt seine Schätze europaweit auf. Industriebrachen und alte Hafenanlagen gehören ebenso zu den bevorzugten Jagdgebieten, wie Abbruchterrains und Lieferantengassen. In Glasgow beispielsweise befindet sich in der Renfrew-Street die renommierte Glasgow School of Arts. Das Gebäude der Kunsthochschule wurde Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen des schottischen Jugendstil-Architekten Charles Rennie Mackintosh errichtet.

Doch weder die historischen Mauern noch die modernen Glas- und Stahlbauten haben es ihm angetan. Es sind die gleichnamigen „Lanes“ hinter den herausgeputzten „Streets“, die er erkundet. Frei nach dem Motto „Vorne hui, hinten pfui“ kriecht er hier auf Ellbogen und Knien über Kopfsteinpflaster und durch Schlaglöcher auf der Suche nach DEM Porträt eines Kanaldeckels.

Die Vorstellung, was sich unterhalb der Motive befindet, ist ebenso unbequem, wie der Gestank, den sie oftmals verströmen. Ein Teil des Themas: Was verbirgt sich darunter? „Es geht mir um das Sehen, Wahrnehmen und Zulassen von Standpunkten und Perspektiven“, so der Fotograf, „wer genau hinschaut, und andere Sichtweisen zulässt, versteht die scheinbar unbequemen Motive.“

Coffee2go. Foto: Stephan-Maria Aust
Coffee2go. Foto: Stephan-Maria Aust

Das Gully-Porträt an sich soll ursprünglich sein. Der Künstler nimmt seinen Motiven nichts weg, fügt nichts hinzu. Es entstehen keine künstlichen Arrangements, sondern echte Momentaufnahmen. An „Coffee2go“ zeigt sich beispielhaft, dass es neben der Struktur des eigentlichen Kanaldeckels um den Gesamteindruck geht. Die tote Katze im Rinnstein, ein achtlos weggeworfener Kaffeebecher, ein verlorenes Stofftier. Der Protagonist selbst tritt so manches Mal in den Hintergrund und verhilft somit er gesamten Szenerie zu noch mehr Tiefe. Die Bearbeitung des Materials gehört zum künstlerischen Prozess und verdichtet die Aussage. Es werden lediglich Akzente gesetzt, durch Kontrast, Farbverstärkung oder Umsetzung in Schwarz/Weiß.

Austs Leidenschaft beginnt 2005 in der Bretagne. Die Geometrie der Gosse erregt seine Aufmerksamkeit. Seit dem sieht er öfter auch mal nach unten. Wo Straße auf Rinnstein trifft oder mitten auf der Fahrbahn in Asphalt integriert und oft schwer zugänglich, liegen die Objekte seiner Begierde. Kopfsteinpflaster, Bordsteine, betonierte, asphaltierte oder geteerte Flächen gewinnen eine besondere Bedeutung. Das Formenspiel der Straße mit Rauten und Gittern, konzentrisch oder segmentierten Kreisen, Quadraten und Rechtecken ist eine Sprache für sich. Aust weiß sie zu lesen.

Paterswolde. Foto: Stephan-Maria Aust
Paterswolde. Foto: Stephan-Maria Aust

Jede Umgebung ist einzigartig, scheint zunächst banal und unspektakulär. Der fotografisch geübte Blick erkennt die Individualität des Kanaldeckels. Die Gullys selbst weisen oft „Spuren des Lebens“ auf. Sie sind abgefahren, zerbrochen, verrostet, geflickt, übermalt – verachtet, getreten, überfahren. Unwillkürlich tun sich Assoziationen zum Menschsein auf.

Aust geht so weit zu sagen: Zeige mir deinen Kanaldeckel und ich sage dir, wo Du wohnst. So finden sich in noblen Wohngegenden „rotten places“ im Kleinen und – sehr skurril – in den schäbigsten Straßen die nagelneusten Schachtabdeckungen. Stephan-Maria Austs „manhole covers“ geben in industriellen sowie digitalen Zeiten ein bemerkenswertes Statement ab: Die Behauptung des Einzelnen gegen die unendliche Reproduzierbarkeit seiner selbst.

Der aus Duisburg stammende Künstler lebt in Deutschland und Schottland und wagte kürzlich ein neues Experiment: Kanaldeckel-Poesie. Zu seinen manhole-cover-Fotografien dichtete die Lyrikerin Heike Winter Texte zu deutschen und schottischen Motiven. Entstanden ist „StreetLyrics“. Ein außergewöhnliches Buch, denn neben deutschen und englischen Texten sind die Gedichte auch in der Ursprache der Schotten zu finden, in schottisch-gälisch. Die Gedichte beziehen sich nicht ausschließlich auf das Thema des Bildes, sondern ermöglichen weitgehende Assoziationen. Die Gedanken des Betrachters fliegen zwischen Bild und Text hin und her, zwischen dem, was sichtbar ist und dem was daraus gelesen werden kann. Welche Funktion die Kanaldeckel in Wirklichkeit erfüllen, wird beim Lesen der Texte und Ansehen der Fotografien schnell vergessen.

Die „manhole covers“ beginnen ein eigenes, neues Leben, weisen ihre Herkunft als industrielles Massenprodukt weit von sich. Jedes Motiv ein Unikat, weshalb die Fotografien auch größtenteils nur als Unikate erhältlich.

Fotograf Stephan-Maria Aust
Düsseldorf und Schottland
www.stephan-maria-aust.de

Fotokunst/Gedichtband StreetLyrics
160 überwiegend farbige Seiten,
mit 68 Motiven, Format 30 x 24 cm
aufwändig gebundene Ausgabe
www.streetlyrics.de
ISBN: 978-9-185765-32-4

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