Spinnerei des Textilwerks Bocholt wieder ans Netz

Textilwerk Bocholt. Foto: LWL/Holtappels

Bocholt (lwl/aw). Am Sonntag hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) den neuen Ausstellungsbereich „Die Macher und die Spinnerei“ im Textilwerk Bocholt eröffnet. Auf zwei Ebenen präsentiert das LWL-Industriemuseum in der ehemaligen Spinnerei Herding Geschichte und Wirken der Textilunternehmer in Westfalen. Das Spektrum der Exponate reicht vom Füllhalter über Möbel und Gemälde bis zu Mode aus verschiedenen Jahrzehnten und funktionstüchtigen Maschinen. Parallel zieht hochkarätige zeitgenössische Kunst in das mehr als 100 Jahre alte Gebäude ein: Unter dem Titel „Textile Erinnerungen“ zeigen Gali Cnaani aus Israel und Kaoru Hirano aus Japan textile Objekte und Installationen.

Für LWL-Direktor Matthias Löb markiert die Eröffnung einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des Bocholter Industriemuseums. Bei der Vorstellung der Ausstellungen am Donnerstag (29.9.) in Bocholt skizzierte er die weiteren Planungen des LWL, der im Rahmen des Regionale 2016-Projektes „kubaai“ (Kulturquartier Bocholter Aa und Industriestraße) kräftig in seinen Standort investieren will: „Wenn Weberei und Spinnerei im nächsten Jahr durch eine Brücke über die Aa miteinander verbunden sind, wollen wir im wörtlichen Sinn Zäune einreißen und die bisherigen Hinterhöfe unserer Häuser zu einladenden, öffentlichen Plätzen gestalten. Wir wollen an der Weberei ein sogenanntes „Family-Lab“ bauen – einen Mix aus Themenspielplatz, Experimentierstationen, überbetrieblicher Ausbildung und Forscherlaboren. Und wir wollen ein Archiv der Textilmuster einrichten, das zum Treffpunkt für die Designszene werden könnte“, so Löb. Damit werde das Textilwerk zum Herzstück des neuen Stadtquartiers.

Einen Teil aus dem großen Fundus textiler Musterbücher präsentiert das LWL-Industriemuseum bereits jetzt in einer über 20 Meter langen Glasvitrine. Als Laufsteg aufgebaut, lädt der „Parcours de la Mode“ im Erdgeschoss der Spinnerei mit Originalkleidung aus der Zeit zwischen 1880 und 2000 zu einem Streifzug durch die Geschichte der Mode ein. „Diesen Bereich der Ausstellung werden wir regelmäßig erneuern“, kündigte Museumsdirektor Dirk Zache an. Eine Etage höher lernen Besucher auf einer Fläche von 900 Quadratmetern die Welt der westfälischen Textilunternehmer kennen. „Die Macher, die heute wie vor 150 Jahren Entscheidungen treffen, Produkte entwickeln oder neue Vertriebswege aufbauen, rücken mit dieser Ausstellung erstmals ins Zentrum“, so Zache.

Die Macher und die Spinnerei

Über 500 Exponate haben die Ausstellungsmacher für die Schau in Szene gesetzt. Zu sehen ist beispielsweise der Schreibtisch des Textilunternehmers Carl Herding, den er Anfang des 20. Jahrhunderts gekauft hat und über viele Jahrzehnte hinweg benutzte. Eine Quittung für einen gebrauchten Konzertflügel und ein preisgünstiges Modell eines Füllhalters verweisen darauf, dass die Firmenbosse der Region zwar auf globalen Märkten agierten, in der Heimat jedoch eher bescheiden lebten. Auch die ausgestellten Porträts zeugen weniger von Prunk, als viel mehr von der Verpflichtung gegenüber der Familientradition. Die Ausstellung bleibt aber nicht in der Vergangenheit stehen: An einem Medientisch kommen 14 Unternehmer aus der Region zu Wort. Besucher können ihren Antworten auf Fragen zu Motiven, Entscheidungen und Einschätzungen zuhören.

Der neue Teil des Museums verzahnt die Lebens- und Geschäftswelt der Unternehmer mit der Produktion. Deshalb präsentiert das LWL-Industriemuseum teils gewaltige Maschinen aus seiner Sammlung, die in ihrem Umfang und der Bandbreite als einmalig in Europa gilt. Einige der Relikte aus der historischen Textilproduktion wurden in den vergangenen Jahren aufwändig restauriert und wieder funktionstüchtig gemacht. Die bis zu knapp 20 Meter langen Maschinen – vom „Öffnerzug“ aus dem Jahr 1910 bis zur „OE-Feinspinnmaschine“ von 1986 – dienten alle der Herstellung von Baumwollgarnen. Medienterminals zeigen historische Aufnahmen und erklären die Funktionsweise der Spinnmaschinen. „Einige dieser Maschinen werden wir unseren Besuchern regelmäßig vorführen“, kündigt LWL-Museumsleiter Dr. Hermann Josef Stenkamp an.

Textile Erinnerungen – Remembering Textiles

In einem weiteren Spinnsaal im zweiten Obergeschoss, dem sogenannten „Atelier Industrie“, ist vom 2. Oktober 2016 bis 29. Januar 2017 die Sonderausstellung „Textile Erinnerungen – Remembering Textiles“ mit Werken der Künstlerinnen Gali Cnaani aus Israel und Kaoru Hirano aus Japan zu sehen. Beide verbindet ihr radikaler Ansatz, Kleider bis auf die Fäden aufzulösen und mit den offengelegten Strukturen Neues zu schaffen. Hirano verknüpft die Fäden wieder so, dass sie eine schemenhafte Skulptur formen – in Reminiszenz an die ehemaligen Trägerinnen. Cnaani hingegen verwebt die in ihre Strukturen aufgelösten Kleider wieder neu und verbindet sie dabei mit anderen Kleidungsstücken. Daraus entsteht eine überraschende Ästhetik, die das Textile als Sprache offenbart. „Auf unterschiedliche Weise spüren so beide Künstlerinnen den Erinnerungen der Textilien nach, den ehemaligen Trägerinnen oder dem Gedächtnis des Materials selbst“, erklärt Kurator Martin Schmidt, wissenschaftlicher Referent des LWL-Industriemuseums.

Die Macher und die Spinnerei
ab 2. Oktober 2016
Textilwerk Bocholt | Spinnerei
Industriestraße 5, 46395 Bocholt:
Di-So sowie an Feiertagen 10-18 Uhr

Textile Erinnerungen – Remembering Textiles
Kaoru Hirano | Gali Cnaani
2. Oktober 2016 – 29. Januar 2017
Textilwerk Bocholt / Spinnerei
Industriestraße 5, 46395 Bocholt:
Di-So sowie an Feiertagen 10-18 Uhr

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