Sie – Von Stefan Sebastian Kassner

Foto: Fabrigas Gomez/Fotomontage

Sie waren wieder da! Fassungslos starrte er auf den blutenden Stumpf, dort wo früher mal sein linker Zeigefinger gewesen war. Seine rechte Hand hielt noch das blutige Küchenbeil, mit dem er den Finger abgetrennt hatte. Die feste Schlinge, die er mit einem Gummizug kurz unterhalb der Stelle, wo er den Schnitt zum Abtrennen des linken Zeigefingers durchgeführt hatte angebracht hatte sorgte zwar dafür, dass die Blutung nicht sehr stark war, aber Sie hatte die Schlinge scheinbar nicht aufhalten können.
Er sah Sie, wie Sie unter seiner Haut weiterkrochen, seinen Arm hinauf.
Es hämmerte an der Tür.
„LUDGER! MACH SOFORT DIE TÜR AUF!“

Wie perfekt Sie ihre Stimme imitierten, nachdem Sie ihren Körper übernommen hatten, den seiner Schwester. Warum hatte Iris nur nicht auf ihn gehört? Besorgt hatte sie ihn angeschaut. Mit diesem Blick. Diesem Blick, den er kannte. Als wäre er nicht ganz bei Sinnen.
Dann war sie zum Telefon gegangen und er hatte Sie ihren Nacken hochkriechen sehen. Da wusste er, dass auch seine Schwester verloren war.
Er hatte sich daraufhin in seiner Wohnung eingeschlossen. Hatte gehofft, hier vor Ihnen sicher zu sein.

Er hatte die Schlinge nun um seinen Oberarm festgezogen und es schien zu funktionieren. Die widerliche, wurmartige Bewegung unter seiner Haut machte dort halt, schien diese Barriere nicht überwinden zu können.
Erneut wurde gegen seine Tür gehämmert.
„HERR WIEGEL! MACHEN SIE SOFORT DIE TÜR AUF!“ Eine Männerstimme, die er nicht kannte. Eine andere Person, oder waren Sie auch in der Lage, mit anderen Stimmen zu sprechen, wenn Sie von einer Person Besitz ergriffen hatten?
Er wusste es nicht. So, wie er so vieles nicht wusste. Sie waren eine Art Parasit, der die Menschen befiel und dann die Kontrolle übernahm. Das war etwas, das er wusste.

Wo Sie herkamen? Das war etwas, über das er nur spekulieren konnte. Vielleicht waren Sie aus einem Forschungslabor entwischt? Sogar außerirdischen Ursprungs?
Er wusste nur, dass er einer der letzten Menschen war, die noch nicht befallen waren. Noch.
Er öffnete die Schublade und nahm das elektrische Messer heraus. Etwas in ihm schrie panisch auf, doch er wusste, dass er es tun musste.
Plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel. War da etwas? Was?
Er rannte ins Badezimmer zum Spiegel. Ein Wimmern entrang sich seiner Kehle. Der Schweiß brach ihm aus. Dem Mann im Spiegel standen die braunen Haare wirr vom Kopf ab, die dunklen Augenringe und eingefallenen Wangen ließen ihn alt und verbraucht aussehen. Sein Gesicht mit dem weit aufgerissenen Mund, war eine Maske des Entsetzens. Mit schreckgeweiteten Augen glotzte er auf sein Antlitz im Spiegel. Sie waren in seinem rechten Auge. Er konnte sehen, wie zwei von ihnen durch seinen Augapfel schwammen. Nur eine Frage von Sekunden, bis Sie auch ihn befallen hatten.

Er rannte zurück in die Küche. Riss die Schubladen heraus. Besteck fiel scheppernd auf den Boden. Dann hatte er das gefunden, was er brauchte.
„Sie werden mich nie bekommen!“ Das war sein letzter Gedanke, bevor er sich den Bratenspieß in das rechte Auge rammte.

Stefan Sebastian Kassner
www.stefan-kassner.de

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