Romantik Bahnhofskino: B-Movies und Schmuddelfilme

Erstes deutsches Wochenschaukino in Berlin 1931. Foto: Bundesarchiv/GeorgPahl/CC BY-SA 3.0

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs baute die Bahn die Bahnhöfe der Großstädte wie Frankfurt, München, Köln, Düsseldorf oder Stuttgart wieder auf. Um den wartenden Reisenden die Zeit etwas zu versüßen, errichtete der Konzern eigene Kinos – die sogenannten Bahnhofskinos, mit Platz für 500 Zuschauer oder mehr. Bezeichnet wurden die als Aktualitätenkino (AKI), in der DDR Zeitkino, auch Aktualitätenlichtspiele (ALI), Bahnhofslichtspiele (BALI) oder, in Österreich, Wochenschaukino oder Nonstop-Kino. Das erste Aktualitätenkino wurde am 2. November 1929 unter dem Namen „Embassy“ am Broadway in New York eröffnet. In Deutschland war es „Die Wochenschau“, eröffnet 1931 in Berlin.

Programm in Dauerschleife

Zu Beginn zeigte man Wochenschauen, Zeichentrick- und Slapstikfilme, Dokumentationen und Infos vom Boulevard für die ganze Familie. Niemand hätte sich ausmalen können, dass diese eine lange Zeit sogar Kultstatus erreichten, bis heute. Das Konzept dieser Kinogattung (1929-1999) war denkbar einfach: Die Filme liefen in einer Endlosschleife, von 9.00 Uhr morgens bis spät in die Nacht. Dies war ein Vorteil, denn wann immer man im Kino Platz nahm, hatte man das Gefühl, nichts verpasst zu haben.

1948 hoben die Alliierten den Vorführzwang für Dokumentarfilme aus US-amerikanischer und britischer Produktion, die im 16-mm-Schmalfilmformat auch in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit eingesetzt wurden, auf. Gleichzeitig wurden Geldmittel für die Filmproduktion in Stuttgart, München, Hamburg und Berlin zur Verfügung gestellt, was die Entwicklung und Verbreitung von Aktualitätenkinos stark föderte. In Frankfurt eröffnete die „AKI Aktualitätenkino-Betriebs-GmbH & Co“ 1951 im Hauptbahnhof ihr erstes Aktualitätenkino.

Unter dem Slogan „In 50 Minuten um die Welt“ wurde ein 50 Minuten langes Programm gezeigt, das vom jeweiligen Kinoleiter zunächst individuell zusammengestellt wurde. Später wurde das Schema vorgegeben – nach Beiträgen der „Fox Tönenden Wochenschau“ folgte ein kurzer Werbeblock und „Blick in die Welt“. Anschließend zeigte man einen kurzen Kulturfilm, weitere Nachrichten der „Neuen Deutschen Wochenschau“ und einen zweiten Kulturfilm. Das Programm schloss nach „Welt im Bild“ mit einem Zeichentrick- oder Slapstickfilm und begann nach wenigen Sekunden Pause wieder von vorn. Nicht selten gab es Schlangen an den Kinokassen, da alle Plätze zügig besetzt waren.

Low-Budget-Filme im Programm

Als Mitte der 60er Jahre das Fernsehen in die deutschen Wohnzimmer Einzug hielt, wandelte sich das Programm der Bahnhofskinos in Bahnhöfen, Bahnhofnähe, oder anderen, stark frequentierten Lokalitäten. Die Lichtspielhäuser zeigten nun Filme, die es anderswo nicht zu sehen gab oder die niemand zeigen wollte. Da flimmerten Low-Budget-Filme über die Leinwand, die oft in heimischer Produktion gedreht wurden. Unvergessen sind da Streifen wie die St.-Pauli-Reihe, der „Bademeister-Report“, psychedelische Roadmovies wie „Ich – Ein Groupie“ bis hin zu Actionreißern wie „Blutiger Freitag“. Gezeigt wurden auch exotische Abenteuerstreifen genauso wie die keinem Genre zuzuordnenden Filmproduktionen wie „Die Todesgöttin des Liebescamps“ oder später die ersten Horrorstreifen. Die Angebote der B-Movies wurden immer exotischer und reißerischer.

Untergang der Bahnhofskinos

In den 70er Jahren zeigten viele Bahnhofskinos ausschließlich Sex- und Actionfilme in Spielfilmlänge. Titel wie „Agent 505 – Todesfalle Beirut“, „Western-Jack“, Shaolin – Rache mit der Todeshand und „Blutjunge Masseusen“ zogen die Zuschauer in Strömen an. In den 80er Jahren hielten zusätzlich Grusel- und Horrorfilme aus überwiegend italienischer oder japanischer Produktion Einzug. Bekanntestes Werk, das über die Leinwand flimmerte, ist George A. Romeros „Night of the Living Dead“. Ende der 70er Jahre hatte sich der schlechte Ruf der Bahnhofskinos manifestiert. Die Bahn wandelte ihre Bahnhöfe in Kaufhäuser mit Gleisanschluss um, sodass Bahnhofskinos nicht mehr in das Konzept passten. 1999 schloss das letzte Bahnhofskino, dies war das AKI am Hauptbahnhof in Nürnberg.

Der Kult aber ist bis heute geblieben. Dafür sorgten nicht zuletzt die Filme des Kult-Regisseurs Quentin Tarantino oder anderen.