Premiere von Vergessen im Harz 2 – Ein Hauch von Glamour

Thale (aw). Es ist vollbracht! Die Premierenfeierlichkeiten liegen zurück und der zweite Teil von „Vergessen im Harz“ flimmerte ein ganzes Wochenende in Thale (Landkreis Harz) über die Leinwand. Um der Nachfrage für Tickets gerecht zu werden, hatte man zu den bestehenden Terminen am Sonntag eine zusätzliche Filmvorführung angeboten. Im fünften Jahr und mit dem fünften Werk beweisen die Leipziger, wie sehr sie ihr Gespür für einen sehenswerten Dokumentarfilm geschärft haben und ihr Handwerk verstehen. Der zweite Teil von „Vergessen im Harz“ ist im Vergleich zu den sehenswerten Produktionen der Vorjahre noch ansprechender und emotionaler. Auch wenn die Geschichten hinter diesen Gebäuden häufig traurig, rührend oder verärgernd sind, sorgen die Beiträge wieder zusätzlich an gewissen Stellen für ein Augenzwinkern, oder zaubern dem Betrachter gar ein dezentes Schmunzeln ins Gesicht. Nach dem fulminanten Crowdfunding-Erfolg fieberten das Filmteam, aber vor allem die vielen Unterstützer den drei Tagen im ehemaligen Hotel Zehnpfund am Thalenser Bahnhof entgegen.

Theodor Fontane prominentester Gast

Hotel Zehnpfund. Foto: Xocolatl/CC BY 3.0
Hotel Zehnpfund, Ort der Premiere von „Vergessen im Harz 2“ in Thale. Foto: Xocolatl/CC BY 3.0

Die Immobilie der Filmpremiere wurde 1863 erbaut, im Folgejahr von August Zehnpfund gekauft und galt viele Jahre als vornehmstes Haus im Harz und größtes Sommerhotel Deutschlands – verfügte über mehr als 100 Zimmer und Suiten. Theodor Fontane gastierte hier zwischen 1868 und 1882 gleich mehrfach. Fontane machte das Zehnpfund noch berühmter, denn er verlegte nicht nur einen wesentlichen Teil seines Romans Cécile in das Hotel, er entdeckte hier auch das Vorbild für seine Effi Briest. 1913 stellte man den Hotelbetrieb ein und verkaufte 1920 die Immobilie an den Landkreis Quedlinburg. Ein Jahr später zog die Gemeindeverwaltung ein. Nachfolgend wurde das Gebäude vielfältig umfunktioniert, z. B. als Lazarett, Stadtverwaltung, Bibliothek und bis 2003 kommunal als Rathaus. Hier nutzte man jedoch nur wenige Räume für die verwaltungstechnischen Arbeiten, die Ratsfraktionen tagten im glamourösen Speise- bzw. Festsaal. Seit dem Auszug der Stadtverwaltung steht das Gebäude leer. Mehrere Pläne, das Ensemble einer neuen Nutzung zuzuführen, scheiterten bisher. Bis zum Premierenwochenende für „Vergessen im Harz 2“.

Atmosphäre mit einem Hauch von Glamour

vergessenimharz2_cDas einstige Hotel Zehnpfund bot die perfekte Kulisse für diese Art der Veranstaltung. Über das Eingangsportal (hier waren auch das Buffet, Bar und Merchandise-Stand eingerichtet) führte der Weg über zwei kunstvoll geschwungene Treppen links und rechts in das erste Stockwerk und somit in den Festsaal. Alle anderen Stockwerke waren aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich. Die riesigen Kronleuchter im Festsaal wurden speziell für das Premierenwochenende wieder zum Leben erweckt. „Es war schon ein Aufwand, Stromquellen anzuzapfen, denn beinahe alle Kabelstränge waren gekappt und mussten einzeln durchgemessen werden“, sagt Produktionsleiter Tilo Esche. Drei Tage schuftete die Crew um Enno Seifried, um rechtzeitig zur Premiere fertig zu sein. Geschaffen wurde eine Atmosphäre mit einem kleinen Hauch von Glamour. Dafür sorgte nicht alleine der Festsaal, auch die Lichtinstallationen und Dekorationen waren stimmig.

Einstige FDGB-Paläste, Sanatorien und Bergbau

vergessenimharz2_aIm zweiten Teil von „Vergessen im Harz“ werden dem Zuschauer wieder die unterschiedlichsten, wohl aber architektonisch prägnantesten Bauwerke vorgestellt, Zeitzeugen oder Historiker erzählen von besseren Zeiten. Neben den einstigen FDGB-Häusern Hermann Duncker, Fritz Heckert und Heinrich Heine – dessen Ende besiegelt ist – führt die Reise auch zur Johanniter Heilstätte. Auf dem seit vielen Jahren verfallenden Gelände ist aktuell ein Schlittenhunde Erlebniscamp heimisch. Für zwei altbekannte Hotels in Braunlage und Elend scheint eine Rettung in weite Ferne gerückt zu sein: Niemand interessiert sich dafür. Über die ehemalige Zeche Büchenberg „fliegt“ man nach Ballenstedt zur Nationalpolitischen Lehranstalt, kurz Napola. Hier berichtet Klaus Kleinau hochemotional von seiner Zeit als Napolaschüler vor Ort und seinen oft schrecklichen Erlebnissen. Ergänzt werden alle Geschichten mit historischem Bildmaterial und teilweise sehenswerten Drohnenaufnahmen.

Thales Bürgermeister Thomas Balcerowski (CDU) dankte am Ende der Premierenvorführung Seifried und seinem Team für das „wertvolle Zeitdokument“, wie er sagte. Man habe eine wunderbare aber auch schonungslose Sichtweise auf die „Vergessenen Bauwerke“ geschaffen. Das Stadtoberhaupt, das sich derzeit in der dritten Amtszeit befindet, hatte das Hotel Zehnpfund beispielsweise in seiner Funktion als Rathaus noch selbst erleben dürfen. „Der Bürgermeister hat uns beispielhaft unterstützt, dem Filmteam viele Türen geöffnet und vor allem entsprechende Genehmigungen vereinfacht“, sagt Produzent und Regisseur Enno Seifried.

Filmteam funktioniert wie ein präzises Uhrwerk

Spricht Seifried von seinem Filmteam, dann ist er immer voll des Lobes. Der Regisseur betont die Leidenschaft, Kreativität, Bereitschaft und vor allem den mehr als freundschaftlichen Umgang miteinander. Das dem wirklich so ist, müssen Seifrieds Mitstreiter nicht beweisen. Man kann es an der Art sehen, wie jene Jahr für Jahr unermüdlich arbeiten und sich mit ganzem Herzen einbringen. Auch welche Worte jeder für den anderen findet. Kurz: Das Filmteam läuft wie ein präzises Uhrwerk. Kein Wunder also, dass die Qualität der Dokumentationen in jedem Jahr steigt. Dafür sorgt nicht nur der Spaß und das persönliche Interesse, den jedes Teammitglied mitbringt, auch der Charakter, die Fähigkeiten und vor allem die Bereitschaft zu teamorientierter und ehrenamtlicher Tätigkeit. Davon kann sich jeder selbst überzeugen – im nächsten Jahr, im Harz, beim dritten Teil.

Weitere Informationen und ein Onlineshop, in dem alle bisherigen Dokumentationen erworben werden können unter www.vergessenimharz.de

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