Niko Rollmann – Der lange Kampf – Die „Cuvry“-Siedlung in Berlin

Kaum ein Grundstück in der Landeshauptstadt Berlin hat über Jahre so viel Aufmerksamkeit erfahren, wie die so genannte „Cuvry-Bache“ in Berlin-Kreuzberg, östlich des Schlesischen Tors und der Oberbaumbrücke. Das Areal am nördlichen Ende der Cuvrystraße, welches für seine nicht genehmigte und gleichnamige Siedlung bekannt wurde, erstreckt sich von der Schlesischen Straße bis zum Spreeufer. Hier sollte ursprünglich das Investorenprojekt „Mediaspree“ realisiert werden. Dieses wurde schon während der ersten Planungen scharf kritisiert. Es entwickelte sich an diesem Ort ein Kuriosum, handelnd von Zuflucht, Elend und Vertreibung, bis hin zu Protesten, Hilflosigkeit und einem Musterbeispiel für misslungene Stadtentwicklung. Letztere wurde im Fall der „Cuvry“ zu einem Desaster – nicht nur für das politische Berlin.

Der Historiker Niko Rollmann hat sein Buch „Der lange Kampf – Die „Cuvry“-Siedlung in Berlin“ den Menschen gewidmet, die auf der Brache lebten. In neun Kapiteln werden alle Phasen der „Cuvry“ detailliert und schonungslos vermittelt. Rollmann war nach dem Feuer 2014 fast eine Woche lang auf der Brache zu Dokumentationszwecken unterwegs, als 120 „Bewohner“ ihre Bleibe verloren und somit obdachlos wurden. Dem Autor fielen in diesem Zusammenhang schnell die verdrehten Realitäten auf, die er selbst – auch durch Gespräche mit Siedlungsbewohnern – am eigenen Leib erlebte. Die teilweise enorm wahrheitsfremden Artikel der Medien ließen häufig einen investigativen Journalismus anzweifeln.

Das Buch des Autors basiert auf drei wesentlichen Quellen. Da wären zum einen die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen Rollmanns mit der Brache. Zweitens die ausführliche Befragungen und Sichtweisen der ehemaligen Bewohner auf der „Cuvry“ und drittens mit Akteuren, die in gewisser Weise mit der Brache zu tun hatten. Darunter finden sich Politiker, karitative Einrichtungen, politische Initiativen, Anwohner und weitere. Das ganze Thema „Cuvry“ stellte den Autor vor große Herausforderungen. Denn die Geschichten der Siedlungs-Bewohner und die vielschichtige Realität konnte nicht systematisch recherchiert werden. Obwohl der Autor darauf verweist, dass sein Buch Lücken, Brüche und Widersprüche enthält, ist ihm die schriftliche, chronische Zusammenfassung äußerst glaubhaft gelungen.

Die „Cuvry“-Brache wurde von einigen Anwohnern und verschiedenen Medien abwertend „Berlins erstes Slum“ genannt. Tatsächlich wurde und wird hier besonders deutlich, wie nah Luxus und Wohlstand, Mietpreisexplosion und soziale Brennpunkte miteinander verschmelzen. Während die meisten kriegs- und teilungsbedingte Baulücken längst geschlossen sind und jedes freie Baugrundstück wahre Bietergefechte auslöst, wird der Platz für Geringverdiener, Wohnungslose, Vertriebene und Suchtkranke immer geringer. Es scheint, als würden sich diese Gegebenheiten zu wahren Alltagskämpfen entwickeln.

Wie bei der „Cuvry“. 2005 wurde diese von einem Berliner entdeckt, der sich 2011 hier in den Sommermonaten niederließ. Dies beschreibt „Flieger“, wie er in einem Interview im Buch genannt wird, als Gründung der Siedlung. Aus einer wurden mehrere Personen, aus Schlafsäcken wurden Zelte. Dann kamen mehr und mehr Menschen, Tipis wurden aufgestellt. 2012 wollte sich das „BMW- Guggenheim-Lab“ für einige Wochen auf der Brache niederlassen. Nach dem Aufstellen einiger Protestzelte und heftiger Anwohnerkritik zog das „Lab“ an einen anderen Ort. Aus den Protestzelten entwickelte sich ein „Hüttendorf“, in dem sogar zeitweise bis zu 180 Menschen aus verschiedenen Ländern lebten – darunter Romafamilien, Obdachlose, Lebenskünstler und Menschen, die „unsichtbar“ bleiben mussten.

Nach zahlreichen Zwischenfällen wollte der damalige Eigentümer das Areal mithilfe der Polizei räumen lassen. 2014 brannte es auf der „Cuvry“ auf einer Fläche von rund 100 Quadratmetern. Die Flammen hatten sich schnell ausgebreitet. Die Bewohner wurden des Geländes verwiesen, auch weil die Polizei ihre Spurensicherung ankündigte. Man versprach den Bewohnern zunächst, später wieder in ihre Hütten zurückkehren zu können. Wie der Autor schreibt, wurde das Gelände jedoch entsprechend offizieller Informationen am nächsten Tag von der Polizei an den Eigentümer übergeben. Unmittelbar nach dem Brand kursierten die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien. Bis heute ist die Brandursache nicht hinreichend geklärt.

Mit den Umständen und Vorwürfen sowie den Tatsachen rund um den Brand setzt sich der Autor in seinem Buch sorgfältig und neutral auseinander. Dieses Kapitel schildert in teilweise schockierenden Details den Umgang mit den Siedlungsbewohnern. Obwohl nicht genau klar ist, wo alle Brachenbewohner kurz- oder langfristig untergekommen sind, listet der Autor die bekannten Details zum Verbleib einiger ehemaliger Bewohner auf. Klar wird hier auch ein weiteres Mal, dass jene, die als „pflegeleicht“ einzustufen waren, schnell eine neue Bleibe vermittelt bekommen hatten, als jene, die als „problematisch“ eingestuft wurden. Mit Letzteren waren Suchtkranke oder Menschen mit psychischen Störungen gemeint.

Mit der Evakuierung war die Geschichte der „Cuvry“ noch lange nicht beendet. Denn es entwickelte sich massiver Protest. Die Brache wurde zum Schauplatz politischer Aktionen. Dazu gehörte auch die Entfernung der zwei großflächigen Fassadenbilder des italienischen Street-Art-Künstlers Blu an zwei Brandwänden am Rand der „Cuvry“. Im Dezember 2014 wurden die Graffiti im Einvernehmen mit dem Künstler als Zeichen gegen die Stadtentwicklungspolitik und den Umgang Berlins mit der Kunst mit schwarzer Farbe übermalt. Zuvor hatten Unterstützer mit einer Online-Petition versucht, einen Denkmalschutz für die Kunstwerke erreichen. Ein „Cuvry Mobil“ diente wenige Wochen als Informationsstand zur Brache. Im Juni 2015 besetzten Aktivisten für kurze Zeit die „Cuvry“, wurden dann aber von der Polizei geräumt. Einige Demonstrationen hatten die Gentrifizierung großstädtischer Viertel zum Thema.

Nach 20 Jahren Brachfläche soll hier jetzt das Projekt namens „Spreespeicher“ entstehen. Erste Vorkehrungen dafür wurden 2016 getroffen. Rollmanns Blick auf die „politische“ Wahrnehmung der „Cuvry“ vollendet das Kapitel der Siedlung. Hier wird einmal mehr klar, wie oft die Berliner Volksvertreter den Kopf in den Sand gesteckt haben. Teilweise, weil sie völlig überfordert mit den Situationen östlich des Schlesischen Tors waren, hilflos zuschauten oder ganz wegsahen. Bezahlen mussten dafür die ehemaligen Bewohner, die Menschen – ganz egal, ob diese hier illegal oder legal eine Unterkunft oder einen Rückzugsort hatten. All jenen setzt der Historiker Niko Rollmann zumindest ein Denkmal auf Textbasis.

Niko Rollmann – Der lange Kampf – Die „Cuvry“-Siedlung in Berlin
Herausgegeben im Selbstverlag
ISBN: 978-3000530425
80 Seiten, 18 EUR (Versand zzgl. Porto und Verpackung)
Bestellung unter cuvry-siedlung@gmx.de

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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