Nachgefragt bei: Yvonne Hagedorn

Yvonne Hagedorn. Foto: privat

Im November 1969 wurde das Bonn-Center im alten Parlaments- und Regierungsviertel eröffnet. Das Bonn-Center gliederte sich in das 18-geschossige Hochhaus und einen fünfgeschossigen Seitentrakt, mit ursprünglicher, eingeschossige Ladenzeile. Das Hochhaus verfügte über eine zentrale Eingangshalle, die bei dem Umbau von 1989 an die Stelle der vormaligen Hotelrezeption trat. Der Innenhof war ursprünglich mit einer Überdachung und einer Treppenanlage ausgestattet, die ebenfalls im Zuge des damaligen Umbaus abgebrochen wurden. Eine Tiefgarage umfasste bei der Eröffnung des Bonn-Centers 550 Stellflächen für PKWs sowie eine Waschanlage.

Seit der Eröffnung beherbergte das Hochhaus ein Steigenberger-Hotel, Staatsoberhäupter, Politprominenz und Prominente gingen hier ein und aus. Nach glanzvollen Jahren zog 1988 das Hotel aus. Über die Jahre waren im Gebäude Botschaftskanzleien, Fernsehsender, Parteizentralen aber auch namhafte gastronomische Einrichtungen ansässig. Die ehemals als Hotel genutzten Stockwerke wurden zu Büroraum umgewandelt. Das zwischenzeitlich der Bremer Landesbank gehörende Gebäude war ab 2007 Eigentum der niederländischen Larmag- bzw. Dalag-Gruppe. Sanierungspläne scheiterten 2009 aufgrund der Insolvenz des Unternehmens. 2011 zog die Deutsche Post aus. Das Hochhaus verwaiste immer mehr, 14 von 18 Etagen standen leer. Zuletzt probte die Polizei hier den Ernstfall.

Im Herbst 2014 erwarb ein Immobilienunternehmen das Bonn-Center. Ab Sommer 2017 soll hier ein neues Stadtquartier entstehen, ein neues Hochhaus mit voraussichtlich 18 Etagen. Die drei damit verbundenen flachen Blöcke haben fünf bis sechs Stockwerke, zudem wird es eine Zufahrt und zwei Tiefgaragen geben. So entstehen insgesamt rund 60.000 Quadratmeter Brutto-Geschossfläche. 2020 soll das Quartier fertig sein. Der von weitem sichtbare, acht mal acht Meter große Mercedes-Stern, den so viele erhalten, bzw. retten wollten, wurde von der Mercedes Benz AG fachgerecht abmontiert und entsorgt.

Yvonne Hagedorn, Grafikerin mit Schwerpunkt und Leidenschaft für Trickfilm, möchte den Rückbau mit einem Blog dokumentieren. Hier werden seit Oktober 2016 aus einem Dachfenster täglich Fotos vom Bonn-Center gefertigt. Diese und kurze Videos werden dann im Blog veröffentlicht. Ist das alte Gebäude einmal abgerissen, sollen Zeitrafferaufnahmen den Baufortschritt zeigen. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Rückbau des Bonn-Centers in einem Blog zu dokumentieren?

Hagedorn: Ich bin Grafikerin mit Schwerpunkt und Leidenschaft für Trickfilm. Da ich selbst Stop Motion Filme mache, bot sich ein Rückbau im Zeitraffer an – zumal wir aus dem Dachfenster einen ganz guten Blick haben. Solle nun doch gesprengt werden werde ich das Konzept etwas variieren müssen. Zuerst gab es die Idee für einen Stop Motion Film. Ein Nachbar hat für mich ein Raspberry Pi so programmiert, dass jede Stunde ein Foto gemacht wird. Erst danach kam die Idee, einen Blog anzulegen, weil der Abriss ja sehr lange dauert und wir dieses aktuelle Material haben und alle hier im Viertel den Abriss beobachten. Die Zukunft des Mercedes-Sterns oben auf dem Dach ist in der Lokalpresse in vielen Artikeln heiß diskutiert.

rottenplaces: Was bedeutet(e) das Bonn-Center für Sie?

Hagedorn: Ich bin selbst erstaunt, dass ich doch ein bisschen wehmütig bin. Das Bonn Center ist ein hässlicher Block („Städtebaulicher Authist“ hat der Investor es genannt – das trifft es ganz gut), aber der Mercedes-Stern oben drauf hat 20 Jahre lang in mein Fenster geleuchtet – wir wohnen recht nah dran.

rottenplaces: Finden Sie persönlich einen Rückbau erforderlich oder hätten Sie eine Sanierung bevorzugt?

Hagedorn: Das kann ich garnicht genau sagen – Wie gesagt, das Gebäude ist hässlich, und hat sicherlich nicht den Charme einer alten Fabrik oder der anderen Gebäude, die man auf rottenplaces sieht. Andereseits ist es traurig, dass so ein Gebäude nach nur 50 Jahren nicht mehr genutzt werden kann, bzw. es anscheinend wirtschaftlicher ist abzureißen und neu zu bauen. Ohne die wirtschaftlichen und bautechnischen Fragen beurteilen zu können, hätte ich ein riesiges Studentenwohnheim cool gefunden. Wohnraum für Studenten ist in der Unistadt Bonn extrem knapp.

rottenplaces: Was halten Sie von den Plänen des Investors, der hier ein neues Stadtquartier entstehen lassen wird?

Hagedorn: Weiß ich noch nicht.

rottenplaces: Wie kann man sich Ihre Dokumentation vorstellen? Welche Pläne haben Sie mit Ihrem Blog?

Hagedorn: Der Vorgang des Abrisses (oder auch die Sprengung) sind sehr imposante Vorgänge. In der Rubrik „der Film“ ist immer der aktuellste Film zu sehen, der die Zeit vom 8 Oktober an zeigt – Dieser Film wird aber nur alle paar Wochen ausgetauscht. Das sind aber alles noch „Work-in-progress“-Versionen. Für die endgültige Version wird Timing, Ton usw. natürlich in der Nachbearbeitung noch angepasst. Im Blogteil „Day by Day“ wollten wir ursprünglich täglich eine kleinen ‚Tagesfilm‘ hochladen – Dazu passiert meistens aber zu wenig. So hat sich Blog zu einer Sammlung von aktuellen Fotos oder Links, Videoschnipseln und Animationen entwickelt.

rottenplaces: Was geschieht nach dem Rückbau mit Ihrem Blog?

Hagedorn: Der Bildauschnitt ist so gewählt, dass der Neubau mit aufgenommen werden kann. Fertigstellung 2020! Mal sehen ob ich so lange Spaß an der Sache hab. Was danach passiert mit dem Blog, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.

Den Blog finden Sie unter www.bonncenter.wordpress.com

Wir danken Yvonne Hagedorn für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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