Nachgefragt bei: Thomas Deicke

Der Saarbrücker Thomas Deicke hat seine Leidenschaft für die Fotografie vor mehr als 20 Jahren entdeckt. Tagsüber ging er auf Fototouren, die Nächte verbrachte er in der Dunkelkammer. Auf seiner Webseite www.urbex-online.de zeigt Deicke eine besondere Leidenschaft seiner Fotografie, nimmt den Besucher mit auf eine Entdeckungsreise an längst vergessene und verfallene Orte. Diese setzt er in ein ganz eigenes Licht, findet spannende Motive. Wir haben nachgefragt.

rottenplaces: Thomas, du fotografierst verfallene und teilweise längst vergessene Gebäude und Objekte? Woher kommt diese Faszination?

Deicke: Meine Faszination für diese Orte speist sich aus mehreren Quellen: Es ist einerseits die Neugierde, diese Orte zu entdecken und zu erkunden. Es ist die Spannung, was ich wohl in einer Fabrik o.ä. entdecken könnte. Andererseits ist es die Lust, das besondere Licht dieser Orte auf mich wirken zu lassen bzw. es mit der Kamera zu bannen. Denn ich bin der Ansicht, dass solche Orte meist Einzigartiges zu bieten haben.

rottenplaces: Fotografen, die ihre Berufung in der extravaganten oder urbanen Fotografie sehen, durch verlassene und teilweise einsturzgefährdete Gebäude streifen, werden sofort dem Urban Exploring zugeteilt. Würdest du das so unterschreiben oder ordnest du dich lieber als Fotograf zu Dokumentationszwecken ein?

Deicke: Nein, mir geht es bei meinen Arbeiten nicht um die Dokumentation dieser Orte, ihres Zustands oder anderer Dinge ringsherum. Meist weiß ich – bevor ich einen solchen Ort betrete – nicht einmal etwas über seine Geschichte. Das interessiert mich in dem Moment (noch) nicht. Das kommt erst später. Denn wenn ich den Ort erfasst habe, würde ich gern mehr über seine Historie wissen. Aber nicht, um dies dann später auf meiner Homepage zu dokumentieren, sondern um vielleicht eine ähnliche Neugierde anderer Fotografen zu befriedigen. Es muss ja nicht jeder immer die gleichen Dinge mühsam zusammensuchen.

Mir geht es bei meinen Touren um die Befriedigung meiner Neugierde und insbesondere um die Fotografie. Es geht mir um das Licht und sein Spiel. Daher sieht man bei mir auch kaum Detailaufnahmen. Eine rostige Maschine, einen Schaltkasten oder Ähnliches lasse ich meist (als Detailaufnahmen) links liegen. Es sei denn, die rostige Maschine steht in einem eindrucksvollen Raum mit interessantem Licht.

rottenplaces: Auf deiner Webseite nimmst du den Besucher mit auf virtuelle Urban-Exploring-Touren. Du zeigst spannende Einblicke und fesselnde Motive, auch von Objekten, die längst abgerissen sind. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt – welches war das – und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Deicke: Oh ja, ich erinnere mich noch sehr gut an das erste Objekt. Es war eine alte Färberei in Chemnitz, wo ich seinerzeit und für kurze Zeit wohnte. Sie lag mitten in der Stadt und war total ausgeräumt. Dennoch fand ich den Ort unwahrscheinlich spannend. Das ist jetzt knapp 3 Jahre her. Und ich weiß auch noch genau, dass ich in der Fabrik anfangs stand und angestrengt lauschte. Ich wollte hören, ob ich allein bin. Dabei stellte ich fest, dass die Fabrik einen besonderen Klang hat. Nein, so ist es nicht ganz richtig formuliert. Ich stellte fest, dass man in der Stille schon was hört. Nach und nach – denn ich gewöhnte mir an, anfangs immer erst einmal beim Betreten solcher Gebäude inne zu halten, um zu horchen – stellte ich fest, dass jede Fabrik ihren eigenen Klang hat. Diese Angewohnheit habe ich mir bis heute bewahrt. Da ich viel allein unterwegs bin, habe ich auch die Ruhe dazu. Ich bin mir natürlich sicher, dass viele Leser jetzt denken „… der spinnt.“ Ich bin mir aber auch sicher, dass es die meisten Leser noch nie probiert haben. Einmal stehen bleiben und die vermeidliche Stille auf sich wirken lassen.

rottenplaces: Deine Fotografien werden auf deiner Webseite teilweise in Farbe und auch in schwarzweiß gezeigt. Hast du dich bewusst für beide Darstellungsvarianten entschieden, oder hast du doch eine Lieblingsvariante?

Deicke: Also von einer bewussten Darstellungsvariante kann man nicht sprechen. Mein Herz gehört schon immer der s/w-Fotografie. Sie vermag das zu zeigen, was ich möchte. Nämlich die Konzentration auf das Wesentliche, das Spiel des Lichts. Da lenkt keine Farbe ab. Ich empfinde es sogar so, dass Farbe die eigentliche Information verwischt. Außerdem empfinde ich es als relativ leicht, ein attraktives Farbfoto zu erstellen. Man hat mehr Dinge, die man mischen kann, um ein Erlebnis zu erzeugen. Bei s/w reduzieren sich die Möglichkeiten.

Dennoch ist es richtig, dass ich in den letzten Monaten immer mehr mit Farbe arbeite. Das ist eher der Neugierde geschuldet. Inzwischen bin ich der Ansicht, dass Farbaufnahmen weniger ausdrucksstark sind als s/w-Aufnahmen. Dennoch spring ich heute hin und her – je nachdem, wie ich die Location wahrnehme. Ist Letzteres nachzuvollziehen? Ich bin mir da nicht sicher.

rottenplaces: Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, der eine lichtet die Gebäude nur von außen ab, der andere legt Wert auf eine bunte Mischung zwischen Innen- und Außenaufnahmen und wieder andere dokumentieren fotografisch jeden Winkel und noch so kleinen Raum. Auch bei dir gibt es eine „bunte“ Mischung. Wie ist deine bevorzugte Herangehensweise?

Deicke: Stimmt. Die Wege, die die verschiedenen Fotografen gehen, sind sehr unterschiedlich. Ich empfinde Außenaufnahmen als langweilig. Und dennoch gibt es sie gelegentlich bei mir zu sehen. Allerdings dann immer nur (und maximal) eine Außenaufnahme. Ich stelle sie online, weil ich dem Besucher meiner Homepage einen leichteren Zugang zum Objekt ermöglichen möchte. Man weiß, wie das Objekt von außen aussieht und ich hoffe, dass man dann dem Inneren besser folgen kann. Ansonsten interessieren mich Außenaufnahmen von den Objekten nicht. Es sind auch immer die letzten Bilder vor Ort – gemacht mit dem Gedanken: „… ach ja, für den Fall der Fälle noch eine Außenaufnahme.“

rottenplaces: Welche Kamera(s) werden von dir bevorzugt eingesetzt und was für ein Equipment nutzt du?

Deicke: Ich gehöre der Canon-Welt an. Fast alle Aufnahmen entstehen in der letzten Zeit mit einem 14-mm-Weitwinkel oder gelegentlich einem 15-mm-Fisheye. Andere Objektive nutze ich nicht, jedenfalls nicht, wenn ich solche Orte besuche. Wie gesagt: Details interessieren mich weniger, daher schleppe ich zwar immer eine 24-105er mit mir rum, um später festzustellen, dass das Mal wieder fruchtlos war.

rottenplaces: Fotografen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die den Gebäuden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund für die Zerstörung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigentümer und harte Strafen für Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Deicke: Eine gute Frage. Ich weiß, dass ich mit meiner Antwort bei vielen Fotografen anecke. Und sie ist komplex: Einerseits, wenn ich ein Objekt betrete, welches gut erhalten ist, ist es bitter mir vorzustellen, dass die Räume ggf. in einigen Monaten nicht wiederzuerkennen sind. Dann ärgere ich mich über die Vorstellung, dass dort irgendwann Menschen sind, die Freude daran haben, alles zu zerstören. Ich gehe dabei sogar so weit, dass ich selbst nicht einmal eine Kleinigkeit verrücke. Ich empfinde es immer ziemlich komisch, wenn sich Fotografen die Location drapieren. Hier einen Staubsauger, hier einen Rollstuhl. Es entstehen meist tolle Aufnahmen, keine Frage. Aber mir ist das eine Spur zu leicht. Die Herausforderung ist doch, aus dem, was man vorfindet, etwas zu machen und nicht die Realität zu verändern, um ein tolles Bild zu erstellen.

Andererseits, wenn ich dann einen Ort besuche, der nur noch Bruch und Trümmer ist, haben diese meist auch ihren eigenen Reiz. Man muss nur genauer hinsehen. Und natürlich ist es schwieriger, aus solchen Orten etwas herauszuholen. Und klar schaue ich mir anschließend auch oft meine Bilder von solchen Orten an, um festzustellen, dass dort nichts mehr ist, was lohnenswert wäre. Außer dem Licht …

Affig finde ich die Geheimnistuerei der Szene. Das grenzt für mich oft schon an Wichtigtuerei. Teilweise geht das so weit, dass Objekte, die offiziell bei Wikipedia eingestellt sind, als TOP-Geheimnis gehandelt werden. Und man findet geheimnisvolle Namen dafür, damit kein Dritter dort hinfährt, um sie zu zerstören. Glauben diese Fotografen denn wirklich, dass ein Baseball-Schwinger 100 bis 300 Kilometer weit fährt, um Fenster, Türen und Scheiben einzuschlagen. Das machen doch nur Fotografen. Die Übrigen kommen aus der Gegend, wo das Haus, die Fabrik etc. sowieso bekannt ist.

Aber ich scheine mit dieser Ansicht ziemlich allein zu sein.

rottenplaces: Du hast auf deinen Touren durch Deutschland und ins europäische Ausland bereits viel gesehen und erlebt. Gibt es eine Location – wo auch immer – die du gerne einmal aufsuchen würdest?

Deicke: Man wird meine Antwort nicht glauben. Ich kann mir gut vorstellen, jede Location nochmals aufzusuchen. Denn mit jedem Besuch entdecke ich neue Dinge. Ich kann mir gut vorstellen, jede Location nochmals aufzusuchen. Insofern gibt es für mich mit Leichtigkeit immer neue Dinge zu entdecken.

rottenplaces: Welche Ratschläge gibst du Einsteigern, die auch von diesem Virus – der extravaganten oder urbanen Fotografie, infiziert worden sind?

Deicke: Sie sollten versuchen, sich schnell einer Gruppe anderer Fotografen anzuschließen, die Erfahrungen mit solchen Touren haben. Ich war lange Zeit allein unterwegs. Es war nicht mein Wunsch, aber es ergab sich so, weil ich stetig in Regionen (neu) lebte, in denen ich keine Menschen kannte. Wenn ich heute an einige Touren zurückdenke, mag ich gar nicht glauben, wie viel Glück ich hatte. Natürlich hoffe ich, dass mir das Glück weiter hold ist.

rottenplaces: Was gibt es demnächst von Thomas Deicke zu lesen, sehen oder hören, bzw. wie lauten deine Zukunftspläne?

Deicke: Ich habe in den letzten Monaten ein Buch erstellt, dies war ein schöner Zeitvertreib im Winter. Es ist bereits fertig, jedenfalls als Probedruck. Und ich habe es vor wenigen Tagen auf meiner Homepage eingestellt. Derzeit suche ich einen Verleger, der sich dafür interessiert.

Zukunftspläne im Sinne von „hochtrabenden Zukunftsplänen“ gibt es nicht, da habe ich nichts Konkretes vor. Ich fotografiere an solchen Orten aus Begeisterung. Und für mich. Das will ich auch gar nicht, weil ich Sorge habe, mich dann selbst einzuengen. Was ich damit meine? Ich erlebte seit 2008 einige Fotografen, die anfangs (also als ich sie kennen lernte) wirklich individuelle Arbeiten erstellten. Dann verkauften sie einige Bilder, irgendwann richteten sie sich auf die Motive, Bildgestaltung etc. aus, die verkaufbar ist. Heute empfinde ich die Arbeiten genau dieser Fotografen als kreativlos. Diesen Weg will ich nicht gehen bzw. ich möchte mich nicht einmal der Chance auszusetzen, dass mir vielleicht Ähnliches passieren könnte.

Ich bleibe dabei, dass ich für mich fotografiere und gern Dritte daran teilhaben lasse. Gefallen ihnen meine Arbeiten, so freut mich das. Gefallen sie nicht, so ist mir das eigentlich egal. Denn es geht darum, dass mir meine Arbeiten gefallen.

Wir danken Thomas Deicke für dieses Interview.

Das Interview führte André Winternitz

Vorheriger ArtikelAlbrechtshaus
Nächster ArtikelFDGB Erholungsheim „Hermann Duncker“
André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here