Nachgefragt bei: Thomas Bocian

Den Bochumern ist und war das Hotel Eden an der Rottstraße stets ein Dorn im Auge. 1956 eröffnet, diente es nur für einen kurzen Zeitraum dem ursprünglichen Zweck als Gastgewerbe und konnte – laut Zeitzeugen – auf allerhand prominente Gäste aus Funk und Fernsehen verweisen. Die Glanzzeit und vorbildliche unternehmerische Führung dauerte an bis ca. 1983. Danach ging es für das Hotel bergab – teilweise wurden im Gebäude Plätze für Asylbewerber eingeplant. Der Ruf litt und andere gesellschaftliche Schichten und Gewerbe ließen sich dort nieder. Die Bausubstanz litt sehr unter der Vernachlässigung. Seitdem wurde das ehemalige Garni-Hotel – später Eden – seinem Schicksal überlassen. Nur der Verfall gastiert bis zum Ende in den Räumen, auf den Fluren und den Stockwerken, bis in den Keller – würde man denken. Die Rede ist von illegalen Partys und „Nachtquartierern“, die Graffitischmierereien und der Vandalismus zeugen jedenfalls von heimlichen Begehungen.

Jetzt geht eine Ära im Stadtzentrum zu Ende. Viel wurde über die Jahre geschrieben und diskutiert. Die Gemüter in der Stadt teilen sich. Während die meisten Bochumer froh sind, dass nach jahrelangen Planungen und Bauvorhaben endlich Bewegung in die Sache kommt, haben Hobbyhistoriker oder Fotografen weniger Verständnis für den Abriss und die Neunutzung. Der 28-jährige Fotograf und Wahl-Bochumer Thomas Bocian tauchte vor zwei Jahren mit offizieller Genehmigung in die vergessene und verdrängte Geschichte des „Eden“ ein und erstellte eine ausführliche Fotodokumentation in wochenlanger Kleinarbeit – die es 2011 zu einer Ausstellung mit Event Charakter schaffte. Dieses Jahr wird selbige auch im Bochumer Landgericht und der Volkshochschule zu sehen sein. Wir haben nachgefragt.

rottenplaces: Thomas, für die Nicht-Bochumer: woher kam und kommt die Faszination gerade für das Hotel Eden und deine Fotoarbeit?

Bocian: Seit Jahren regen sich viele Gerüchte um das Hotel Eden, vor allem wohin dessen Weg führt. Mich interessieren dabei die persönlichen Geschichten meiner Freunde und Bekannten. Seit der Eröffnung des Hotels hat es zu fast jedem Jahrzehnt jemanden gegeben, der mich über seine Zeit in dem Hotel, seine Erfahrungen mit selbigem informierte und köstlich mit Anekdoten unterhalten hat. Es war an der Zeit, mir ein eigenes Bild zu verschaffen.

rottenplaces: Wie wirkte das Hotel auf dich und wie war der Eindruck, als du dieses dann betreten und erkundet hast? Hast du dir das Eden hinter den Mauern so vorgestellt, oder warst du eher enttäuscht?

Bocian: Ich war sehr ergriffen, als ich es zum ersten Mal betrat. Der Reiz war es, das Rätsel, was hinter der Fassade ist, für mich zu erkunden. Ich war überrascht, wie viel „intaktes“ Mobiliar noch erhalten war, denn vorgestellt habe ich es mir viel zerstörter und verfallener.

rottenplaces: Du hast deine Fotografien mit ausgewählten Motiven gefertigt und dir mit der Aufarbeitung etwas Besonderes einfallen lassen – zeigst dem Betrachter eine perspektivische „Aufsicht“ der abgebildeten Räume. Wie kann man sich das genau vorstellen?

Bocian: Ausgewählte Motive erstellt jeder Fotograf bei einer Dokumentation. Am Anfang verschaffte ich mir erst mal einen Gesamtüberblick des Hotels. Ich war von der Atmosphäre überwältigt. An jeder Ecke konnte man Geschichte sowohl sehen als auch spüren. Es erschien mir unmöglich den Gesamteindruck eines Raumes mit einem Bild zu vermitteln. Selbst ich musste mich im Raum um die eigene Achse drehen, um jede Ecke einsehen zu können. Durch die von mir gewählte Aufsicht der Räume ermögliche ich dem Betrachter, sich einen Eindruck eines Raumes mit einem Bild zu machen. Er schaut wie in einem Puppenhaus von oben – nach entfernen der jeweilig störenden Decke – auf den Raum hinunter. Der Gesamteindruck des Bildes bleibt erhalten, auch wenn die Augen das Bild abtasten, denn die Details sind Teil des Ganzen. Ergänzt wird die Serie mit atmosphärisch aufgeladenen Einzelbildern von stillen Momenten.

rottenplaces: Unter welchen fotografischen Aspekten hast du deine Bilder gefertigt? Die einen dokumentieren in Schwarz-Weiß, andere schwören auf Langzeitbelichtungen, hohe Kontraste oder sonst etwas. Warum zeigst du deine Bilder gerade entsättigt?

Bocian: Für eine Dokumentation gibt es keine grundlegende Technik, die anzuwenden ist. Selbst die Reduktion der Farbe auf S/W bleibt ein bewusster Eingriff des Fotografen und kann die Aussage verändern, ja sogar verfälschen. Der S/W Dokustil ist damit begründet, da es in den Anfangszeiten der Fotografie einfach keine Farbfilme gab und daher viele Fotografen dies immer noch als die anzuwendende Technik bei Dokumentationen nutzen. Diese ist auch wie alle anderen Methoden legitim. Aufgrund des heutigen Standpunkts der Technik können wir aus einer Fülle von Umsetzungstechniken schöpfen.

Ich habe mich für eine stark entsättigte Umsetzung entschieden, um auf der einen Seite eine Verblassungsoptik (das Leben ist aus dem Hotel gewichen – es ist nur noch eine energetisch aufgeladene Hülle) zu erzielen, auf der anderen Seite ermögliche ich dadurch dem Betrachter, sich dem Bild langsam anzunähern zu können. Grelle Farben würden zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sie würden aus dem Kollektiv – dem Bild als Ganzes – herausbrechen und stören den harmonischen Gesamteindruck.

rottenplaces: Wie ist es zu der Ausstellung im letzten Jahr gekommen? Hast du dieses Ziel bewusst vor Augen gehabt oder ist diese eher zufällig entstanden?

Bocian: Ich habe die Arbeit von Anfang an mit dem Ziel verfolgt, mir und vor allem den Bochumern zu ermöglichen, dass sie das Hotel Eden von innen erleben können. Dadurch ist das Hotel leicht entmythisiert worden. Meine Projekte haben nicht viel mit Zufall zu tun, sie sind wohl überlegt und organisiert. Die akribische Planung ist für mich und meine Arbeit ein gutes Fundament und gibt mir bei der Umsetzung Sicherheit. Ich streite nicht ab, dass auch Zufälle passieren, jedoch sind es wohl eher durch die intensive Beschäftigung des Sujets von mir erzwungene Zufälle.

rottenplaces: Wie war die Resonanz auf deine Ausstellung?

Bocian: Die Resonanz war überwältigend. Im Zeitraum von zwei Wochenenden (der Ausstellungszeitraum umfasste 10 Tage) hatten wir circa 1200 Besucher an den drei Ausstellungsorten. Es kamen auch viele Interviewanfragen, z.B. von Radio Bochum, bodo usw. und es zeigte mir, dass ich sowohl mit dem Thema als auch mit dem Zeitpunkt der Ausstellung einen Nerv getroffen habe. Ich hoffe, für zukünftige Ausstellungen dieses starke Interesse beibehalten zu können.

rottenplaces: Du zeigst deine Foto-Dokumentation zum Hotel Eden in diesem Jahr auch im Bochumer Landgericht und der Volkshochschule. Stehen schon Termine fest?

Bocian: Die Vernissage in der VHS Bochum findet am 20. April 2012 um 18 Uhr in deren Räumlichkeiten statt. Ich würde mich freuen, wenn hierzu zahlreiche Besucher erscheinen. Mit dem Landgericht befinde ich mich gerade noch in der Planungsphase, jedoch ist der Zeitraum um den September angedacht.

rottenplaces: Was hat Thomas Bocian zukünftig vor? Nimmt er sich nun das nächste verlassene Objekt vor? Reizvoll wäre es doch, oder?

Bocian: Reizvoll auf jeden Fall, aber ich habe bisher nur zu diesem Gebäude eine starke Bindung gehabt, die ich bei keinem anderen verlassenen Gebäude bisher gespürt habe. Ich habe vor kurzem mein neues Projekt zum Thema „Natur“ mit speziellem Blick auf den Aspekt von individuellen Baum- Portraits fertiggestellt und befinde mich gerade in der kreativen Findungsphase für ein neues Projekt.

Wir danken Thomas Bocian für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

Fotos zum Thema und der Ausstellung findet man auf www.thomas-bocian.de – diese können auch direkt über den Fotografen käuflich erworben werden.

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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