Nachgefragt bei: Roswitha Schmid

Foto: Roswitha Schmid

Die Baiersbronnerin begeistert sich seit 2005 für Lost Places – selbige fotografiert sie seit 2011. Mit dem Virus für verlassene Orte wurde Schmid vom Bochumer Fotografen und Multimediakünstler Olaf Rauch infiziert. Mit gekonntem Auge fängt sie die teilweise skurrilen aber faszinierenden Motive ein, präsentiert diese auf ihrer Webseite unter www.l-p-f.de und begeistert den Betrachter mit farbenfrohen und stets fotografisch spannenden Sichtweisen. Ihre Werke zeigte Schmid bereits bei mehreren Ausstellungen und seit 2012 ist sie Teil des Organisationsteams der Fotografie-Ausstellung urbEXPO in Bochum. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Du wurdest von der Faszination für verlassene Orte angesteckt. Was begeistert dich an Lost Places besonders?

Schmid: Die Stille, die in den meisten verlassenen Orten herrscht, finde ich faszinierend. Man taucht in eine andere Welt ein. Es ist wie eine Zeitreise.

rottenplaces: Ist die Lost-Place-Fotografie für dich eine Art Zivilisationsflucht, hat sie einen dokumentarischen Charakter oder ist es einfach eine Betätigung aus Freude an den Lost Places?

Schmid: Hauptsächlich fotografiere ich Lost Places aus Freude. Wie oben schon erwähnt genieße ich dabei die Ruhe, die dort herrscht. Irgendwie ist es schon eine Flucht, um dem Alltag zu entrinnen, aber es soll für mich auch immer etwas Besonderes sein. Ich muss nicht jedes Wochenende 30 verschiedene. Lost Places fotografieren und 2000 Kilometer fahren, Ich genieße es auch, zwischendurch einfach mal einen Kaffee zu trinken.

rottenplaces: Welche Lost Places ziehen dich magisch an, warum und welche eher nicht?

Schmid: Am meisten liebe ich verlassene Industrieanlagen. Wenn ich mir vorstelle, dass früher Hunderte von Menschen dort gearbeitet haben und jetzt alles stillsteht, finde ich das ziemlich krass. Auch Hotels, in denen früher die Menschen ein- und ausgingen, erzählen einem viele Geschichten. Bunker und Unterirdisches interessiert mich nicht so. Das liegt wohl auch daran, dass ich lieber 50 Meter über dem Boden als 5 Meter unter der Erde bin.

rottenplaces: Gab es während deiner Fototouren ein besonderes Erlebnis oder ein spezielles Vorkommnis, wenn du zurückblickst? Oder gibt es eventuell sogar etwas Kurioses zu berichten?

Schmid: Eigentlich nicht. Von jeder schönen Fototour bleiben Erinnerungen. Ich will da nichts besonders herausheben. Manchmal ist es eher die Atmosphäre vor Ort, manchmal die Leute, mit denen man unterwegs ist oder die man zufällig trifft oder eine Mischung aus allem.

rottenplaces: Gibt es für dich aus fotografischer Sicht ein perfektes Lost-Place-Motiv?

Schmid: Nein, das gibt es für mich nicht. Es kommt immer auch auf die Perspektive an. So kann auch aus einem „langweiligen“ Motiv ein schönes Foto entstehen.

rottenplaces: Auf deiner Webseite findet der Betrachter stumme Zeugen längst vergangener Zeiten. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt, als du mit der Lost-Place-Fotografie begonnen hast – welches war das – und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Schmid: Das war in Belgien in Cheratte. Es war ein spannendes Gefühl. Mir war erst etwas mulmig zumute bis wir drinnen waren. Dann legte sich die Aufregung aber langsam und ich konnte die Atmosphäre auf mich wirken lassen. Es war ein sehr schönes Erlebnis für mich.

rottenplaces: Was sagst du zu dem Hype, den es derzeit rund um das Thema „Lost Places“ gibt und dieVerhaltens-, Vorgehens- sowie Sichtweisen einiger Zeitgenossen?

Schmid: Man sieht inzwischen deutlich mehr Lost Places-Bilder als vor vier oder fünf Jahren. Jeder soll das machen, woran er Spaß hat, aber manchmal nervt mich auch die Bilderflut „angesagter“ Locations speziell bei Facebook. Ich habe das Gefühl, dass es einigen Fotografen vor allem darum geht, als Erster irgendwo gewesen zu sein.

rottenplaces: Gibt es einen Lost Place, den du gerne einmal besuchen würdest und wenn ja, welcher wäre das?

Schmid: Nein. Ich lasse mich gerne überraschen. Momentan interessiere ich mich für Lost Places in Frankreich. Neben Chateaus gibt es dort auch viel verlassene Industrie. Und Frankreich ist für mich ja nicht so weit weg.

rottenplaces: Thema urbEXPO – als Teil des Organisationsteams siehst du viele Werke von Bewerbern und potentiellen, ausstellenden Fotografen. Gibt es einen Trend oder eine Motivrichtung die du erkennen kannst und wie ist der Qualitätsanspruch der „Künstler“ in diesen Zeiten, die ihre Bilder einreichen?

Schmid: HDR ist ja seit Jahren schon eine Modeerscheinung. Das spiegelt sich auch in den Bewerbungen wieder. Bei den Motiven fällt auf, dass viele Treppen und Treppenhäuser eingereicht werden. 2014 war deutlich zu merken, dass sich viele Fotografen auf Chateaus und Hotels konzentrieren. 2012 und 2013 haben wir wesentlich mehr Industrie gezeigt. Aber am Ende geht es bei der urbEXPO um die Mischung; das gilt für Motive und Bearbeitungsstil. Über den Qualitätsanspruch der Bewerber kann ich nicht viel sagen. Da fragst du besser die jeweiligen Fotografen. Wir haben bei der Auswahl der Bilder und Künstler natürlich auch unsere Kriterien und Ansprüche. Die sind aber eher handwerklicher Art. Ansonsten lassen wir uns gerne von ungewöhlichen Arbeiten überraschen.

rottenplaces: Welche Pläne hast du aus fotografischer Sicht in naher Zukunft?
Schmid: Wie schon gesagt, möchte ich in nächster Zeit mehr in Frankreich fotografieren.

Wir danken Roswitha Schmid für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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