Nachgefragt bei: Roger Liesaus zu „MIMO – Geschichte eines Werkes“

Roger Liesaus. Foto: Anne Schädel

Vor und während des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich Leipzig zu einem bedeutenden Luftrüstungsstandort. Hier wurden Flugzeuge und Motoren gebaut. Der Tauchaer Roger Liesaus hat jetzt seinen ersten Dokumentarfilm über besagte Industrie im Raum Leipzig fertiggestellt und mit „MIMO – Geschichte eines Werkes“ ein beeindruckendes Zeitdokument abgeliefert. Der Film handelt von den Geschichten und Erinnerungen der Zeitzeugen, wurde ergänzt mit Bildern und Filmen von Motoren, Flugzeugen und Fahrzeugen, mit Aufnahmen aus den Standorten des Werkes und Geschichten der Menschen, die damals die MIMO erlebt und miterlebt haben.

Für seinen rund 135-minütigen Dokumentarfilm hat Liesaus Akten durchstöbert, Museen besucht, Fotos und alte Filmstreifen digitalisiert, Historiker, Sammler, Zeitzeugen und Nachgeborene interviewt, Karten ergänzt und mit Gebäuden und Ruinen im Gelände verglichen. Einige Szenen wurden speziell für diesen Film nachgestellt. Diese erheben laut Liesaus zwar nicht den Anspruch, authentisch zu sein, sollen aber sehr wohl ein Gefühl für die Geschehnisse in dieser Zeit vermitteln.

DVD-Cover zum Film. Foto: ROG-Film

Gearbeitet wurde im Vorfeld ohne Gagen und finanzielle Hilfen. Um den Film aufführen und eine DVD produzieren zu können wurde eine Crowdfunding-Aktion gestartet. Diese endete sehr erfolgreich. Unterstützer konnten eine gewisse Summe an finanziellen Mitteln zur Verfügung stellen und bekamen dafür die DVDs, die Karten für die Filmpremiere, den MIMO-Werksplan oder einen MIMO-Kalender.

Die Premiere findet – natürlich – in Taucha statt. Wie Liesaus berichtet, besteht in der Stadt traditionell ein hohes geschichtliches Interesse, welches durch die Stadtverwaltung, dem Museum und Vereinen, bis hin zu einigen engagierten Hobbyhistorikern ständig lebendig gehalten wird. So war es dem Bürgermeister Tobias Meier auch ein Bedürfnis, für die Premiere einen Raum zur Verfügung zu stellen, der von vielen Tauchaern als Treffpunkt gerne angenommen wird. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Die Crowdfunding-Aktion zur DVD-Produktion deiner Dokumentation „MIMO – Die Geschichte eines Werkes“ war ein voller Erfolg. Wie ist das Befinden?

Liesaus: Zunächst bin ich überrascht, dass eine Summe deutlich über dem angestrebten Mindestfinanzierungsbetrag zusammengekommen ist. Dafür danke ich allen Unterstützern. Mein Entschluss weiterzumachen wurde dadurch bestärkt. Auch wenn mir bewusst ist, dass hinter dem nächsten Thema keine Stadt wie Taucha steht, so wie es bei der MIMO ist.

rottenplaces: Nach „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ startet nun also eine neue Filmreihe aus und über Leipzig. Möchtest du hier an die zurückliegende Erfolgsstory anknüpfen oder gibt es hier einen anderen Hintergedanken?

Liesaus: „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ ist absolut Enno Seifrieds Projekt. Dabei habe ich nur im dritten Teil mitgewirkt. Der ist dann auf Grund meiner umfangreichen Kontakte zu potenziellen Interviewpartnern zwar doppelt so lang ausgefallen, wie ursprünglich geplant, aber mein Arbeitsanteil war gering. Eher gleichberechtigt haben wir die beiden Filme „INDUSTRIEkultur LE“ hergestellt, die auf YouTube verfügbar sind.

Für das Thema Luftrüstungsindustrie hatten wir bereits einiges im Rahmen dieser beiden Arbeiten gedreht, damals noch konzeptionell anders gedacht. Das habe ich aufgegriffen, weil es aus meiner Sicht nicht verloren gehen sollte.

rottenplaces: Was fasziniert dich an der Geschichte der Luftrüstungsindustrie im Leipziger Raum so besonders?

Liesaus: Außer dass ich als Kind bereits von diesem mysteriösen Wald „MIMO“ hörte, war es später die Tatsache, dass in Taucha der einzige Flugdieselmotor in Großserie hergestellt wurde und dass dieser außerdem ein Gegenkolbenmotor war. Und ich wusste, was bei Dieselmotoren normalerweise geht. Mein Vater hat im Dieselmotorenwerk Leipzig gearbeitet. Am Ende des Krieges wurden in der MIMO über 3.000 Strahltriebwerke Jumo 004 gefertigt, also die erste Serienproduktion von Antrieben für Düsenflugzeuge. Das sind zwei herausragende Ereignisse in der Luftfahrtgeschichte.

150 bis 200 Jahre Industriegeschichte in der Stadt Leipzig sind nicht lang, sollte man meinen, aber es ist erstaunlich, wie viel bereits wieder vergessen wurde. Dass Leipzig einmal das Zentrum der Musikautomatenherstellung mit über 100 Firmen war, dass Elektrofahrzeuge produziert wurden, die Galvanotechnik auf deutschem Boden hier ihren Ursprung hatte, dass in der Rauchwarenindustrie Unmengen Pelze verarbeitet wurden, dass Gasmotorstraßenbahnen fuhren und eben dass es einer der größten Luftrüstungsstandorte zwischen 1935 und 1945 war. All das ging nicht ohne die Menschen und die ständige Veränderung. Ich finde, wir vergessen zu schnell.

rottenplaces: Was erwartet den Zuschauer bei dieser Dokumentation und wie habt ihr den Film – der ja Überlänge hat – spannend gehalten?

Liesaus: Das mit dem „spannendhalten“ war mir ursprünglich egal. Ich wollte eigentlich nur das noch vorhandene Wissen archivieren. Irgendwann reifte in mir die Einsicht, dass es überraschende Einschübe geben muss, dass Musik dazu gehört, dass man etwas Werbung machen muss und und und. Ich bin da nicht ganz beratungsresistent und die erfolgreichen Berater sind neben Enno Seifried noch Tilo Esche, Frank Zalich und meine Frau Heike.

In der Zwischenzeit habe ich Rückmeldungen von Unterstützern, die sich zwei Abende für den Film eingeplant hatten und ihn an einem Abend geguckt haben, weil sie ihn spannend fanden. Denen sage ich dann immer: Gut, dass ihr zwei Abende eingeplant habt, ihr müsst ihn sowieso zweimal schauen – es sind zu viel Informationen.

rottenplaces: Spricht man von der Rüstungsindustrie zur Zeit des Nationalsozialismus, fällt das Licht immer zuerst auf das Thema Zwangsarbeiter. Wie seid Ihr mit diesem ganz sensiblen Thema im Film umgegangen?

Liesaus: Hier muss ich etwas weiter ausholen. Für mich fällt das Licht bei dem Thema Rüstungsindustrie zur Zeit des Nationalsozialismus nicht zuerst auf das Thema Zwangsarbeiter, sondern mir fällt dabei zuerst skrupelloser und menschenverachtender Kapitalismus ein, der das Thema Zwangsarbeit beinhaltet. Das Thema Rüstungsindustrie auf die Zwangsarbeiter zu reduzieren oder zu fokussieren stellt für mich ein Ablenkungsmanöver dar.

Neben den sich bereits in den frühen Jahren des Nationalsozialismus abzeichnenden Verbrechen, wie die Unterdrückung politisch Andersdenkender, deren Inhaftierung und Ermordung usw., muss man aber auch sehen, dass die Menschen nach dem ersten Weltkrieg, der Inflationszeit und der Weltwirtschaftskrise, alles durch ein ausuferndes kapitalistisches System verursacht, auch Hoffnung in diesen neuen Staat, in dieses neue System setzten. In der Zeit wurde unglaublich viel gebaut, wie wir noch heute sehen können und das trotz der auch damals vorhandenen Querelen zwischen Firmen und Behörden, wie ich in den Akten der Mitteldeutschen Motorenwerke lesen konnte.

Auch technische Entwicklungen wurden rasant vorangetrieben, wie das immer in kriegs- oder kriegsvorbereitenden Zeiten der Fall ist. Um das alles leisten zu können, wurden Deutsche ab 1935 dienstverpflichtet und Menschen aus anderen Ländern angeworben, die freiwillig nach Deutschland zum Arbeiten kamen. Ebenfalls frühzeitig wurden Gefangene aus Arbeits- und Umerziehungslagern zu den Arbeiten herangezogen. Später kamen dann verschleppte Menschen aus den besetzten Ländern hinzu, KZ-Insassen und Kriegsgefangene.

In der Gedenkstelle für Zwangsarbeiter in Leipzig wurde mir gesagt, dass man in der heutigen Forschung all diese Menschen unter dem Begriff Zwangsarbeiter zusammenfasst. Aus den Erzählungen der Zeitzeugen und meinem eignen Wissen glaube ich, dass man an der Stelle schon etwas differenzieren sollte. Der größte Teil der ausländischen Arbeitskräfte waren Zwangsarbeiter, die das nicht freiwillig gemacht haben und die das unter sehr schlechten Bedingungen machen mussten und die dafür keinen oder nur einen sehr geringen Lohn bekommen haben.

Andere hingegen waren Fremdarbeiter, die ab einem bestimmten Kriegsfortschritt sicher auch nicht mehr die freie Wahl hatten, nun in ihre Heimatländer zurückzukehren, was in dieser Zeit wahrscheinlich auf einen Großteil der Bevölkerung in Europa zutraf. Diese nun alle gleich als Zwangsarbeiter zu bezeichnen tut aus meiner Sicht besonders denen Unrecht, die von vorherein dazu gezwungen wurden.

Eine DVD mit meinem Film ist nach Belgien gegangen und der Sohn eines ehemaligen Fremdarbeiters berichtete mir, dass sein Vater bis an sein Lebensende stolz war in den Mitteldeutschen Motorenwerken gelernt und gearbeitet zu haben. Nach dem Krieg musste der Vater in Belgien als Kollaborateur ein Jahr ins Gefängnis. Er hat sich aber nie als Zwangsarbeiter gesehen. Eine andere Geschichte ist die von einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, die auch bereits während des Krieges von den deutschen Angestellten Unterstützung erfuhr, zumeist in Form von Essen. Wenn das rauskam, haben auch die Deutschen dabei ihr Leben riskiert. Sie hat dann nach dem Krieg einen Deutschen geheiratet und bis ans Lebensende in Seegeritz, gleich neben der MIMO gelebt.

Ich will damit sagen, dass die Einzelschicksale sich oft durch Pauschalisierung nicht fassen lassen. Heutzutage wird oftmals bei jeder kritischen oder anders denkenden Bemerkung die rechte Schublade aufgemacht. Es findet statt Dialog oft Konfrontation und Polarisierung statt und die Menschen stellen sich oder lassen sich in die eine oder andere Ecke stellen. Mir drängt sich dabei immer die Frage auf. Warum geschieht das? Wird das bewusst befördert und befeuert? Divide et impera.

rottenplaces: Ihr habt für die MIMO-Dokumentation spezielle Szenen nachgestellt. Warum und welche zum Beispiel?

Liesaus: Weil wir es konnten. Das müsste die erste spontane Antwort darauf sein. Es gibt in Taucha und im Raum Leipzig doch einige Enthusiasten von alten Fahrzeugen, die das Thema ebenfalls spannend finden und die gern bereit waren, sich gemeinsam mit mir noch einmal vorzustellen, wie es wohl gewesen sein muss, wenn die Fahrzeuge die im Wald gelegenen Straßen lang fuhren oder die Arbeiter früh ins Werk gingen. Allerdings gibt es da Grenzen. Zu Spitzenzeiten waren bis zu 9.500 Menschen in der MIMO beschäftigt, wir waren eher eine Gruppe um die 20 Leute.

Es ging mir auch nicht so sehr darum, authentisch zu scheinen, wie es vielleicht Spielfilme anstreben, ich will dem Zuschauer eine Vorstellung von den damals üblichen Techniken und Maschinen geben. Manchmal soll bewusst verschwimmen, was alt ist und was nachgestellt ist, nicht so schwarz-weiß, und tatsächlich gibt es Szenen, die sind aus den Neunzigern – grau eben.

rottenplaces: Für die geschichtlichen Abläufe und Kapitel der Dokumentation zum Werk habt ihr viel recherchiert, studiert und zu Papier gebracht. Gab es irgendwelche besonderen Entdeckungen oder spezielle neue Erkenntnisse?

Liesaus: Ein wirklich konkretes Ergebnis ist der überarbeitete Werksplan. Gemeinsam mit Uwe Kober und seiner Frau Silke haben wir immer wieder diskutiert, welche Mauerreste wozu gehörten und was es gewesen sein könnte. Dazu habe ich auch alte Pläne herangezogen und die bereits 1939 beginnende Umnummerierung berücksichtigt. Aber die Hallen sind im Wachsen der Firma und im Schrumpfen, durch Bombardierung und Auslagerung, auch umgenutzt worden. Das kann man sicher nicht mehr bis ins Detail nachvollziehen.

Ein paar Mythen wie “die MIMO war voll unterbunkert“, „wurde nie bombardiert, weil sie von den Amis nicht gefunden wurde“, „es wurden Teile für die V2 gefertigt“ usw. habe ich wiederlegt. Ich glaube, es ist wichtig, immer bestrebt zu sein, sich den wahren Geschehnissen so weit wie möglich anzunähern. Wenn man nun das Buch von Peter Kohl und Peter Bessel „Auto Union und Junkers“ liest, den Film schaut und eventuell noch den Werksplan und den Kalender mit seinen Informationen her nimmt, hat man wirklich in ziemlich komprimierter Form einen Einblick in die Gesamtheit der Geschichte des Werkes und das Leben der Menschen. Eine dieser Komponenten allein kann das nicht leisten.

rottenplaces: Du hast für die MIMO-Dokumentation zwei Dutzend Zeitzeugen interviewt, die bereits 90 Jahre und älter sind. Welche Erzählungen sind bei dir besonders hängen geblieben?

Liesaus: Neben August Katz, der dort gelernt hat und Gertraude Kühn, die in den MMW, wie die damals offizielle Abkürzung hieß, als Kontoristin arbeitete, war es vor allem Hellmut Drubig, der mir im Mai noch kurz nach seinem 106. Geburtstag lebhaft die wachsende Stadt Taucha dieser Jahre schilderte. Sehr habe ich mir gewünscht, dass er den Film noch sehen kann, aber leider ist er im August gestorben. Am meisten hat sich aber die Aussage einer Zeitzeugin eingebrannt, die nicht genannt werden wollte. Sie sagte über den Direktor einer dieser Leipziger Rüstungsfabriken: „Der Direktor war zu uns Kindern immer sehr nett und hat uns Bonbons mitgebracht.“ Entschuldigend fügte sie hinzu: „Wir wussten doch nichts von Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion. Aber wissen wir denn, mit wem wir heute so Umgang haben. Was diese Leute tun und wofür sie im Endeffekt produzieren?“

rottenplaces: Wird man den Film nach der Filmpremiere noch an anderen Orten in kleineren Kinos oder ähnlichen Orten sehen können?

Liesaus: Hier im Umland von Taucha, aber auch in Leipzig haben sich schon einige Gaststätten und Programmkinos dafür angemeldet. Das werde ich nach Möglichkeit auch persönlich begleiten, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und um eventuell auch Hinweise auf Zeitzeugen oder Dokumente zu erhalten.

rottenplaces: Als nächstes Projekt willst du die Geschichte der „Erla Maschinenwerk GmbH“ aufarbeiten und darüber einen weiteren Dokumentarfilm produzieren. Wie lauten die zukünftigen Pläne?

Liesaus: Tja Erla, dass sagt ja wenigstens noch einigen Menschen etwas, aber noch schlechter sieht die Bekanntheit bei der ATG (Allgemeine Transportgesellschaft) aus, die Firma kennt fasst keiner mehr. Irgendwie bin ich durch Enno vorgeprägt und glaube, dass es eine Trilogie über das Thema Luftrüstungsindustrie im Raum Leipzig sein sollte. Und danach schauen wir mal. Aber ich glaube, bei mir wird es sich immer hier in und um Leipzig bewegen, hier gibt es viel Spannendes, was bewahrt werden sollte.

Wir danken Roger Liesaus für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

Mehr Informationen zur Dokumentation „MiMo – Geschichte eines Werkes“ sowie zum Erwerb der DVD und Filmvorführungen finden Sie auf der Webseite unter www.rog-film.de

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