Nachgefragt bei: Marc Mielzarjewicz

Wir starten ab sofort jeden Monat ein Interview mit einem bekannten Gesicht oder einem Newcomer aus dem Lost Places Genre. Offen und frei sprechen wir über die Beweggründe der Fotografie, die Erfahrungen und Ziele sowie die Visionen. Uns interessieren die Menschen hinter den zahlreichen Fotos. Exklusiv werden diese Interviews dann immer zu Beginn eines jeweiligen Monats auf www.rottenplaces.de veröffentlicht.

Marc Mielzarjewicz ist wohl einer der bekanntesten, deutschen Fotografen, wenn es um verlassene und verfallene Gebäude und Ruinen rund um Halle, Leipzig und Umgebung geht, die meisterhaft in Szene gesetzt sind. Neben seiner Webseite www.marodes.de , auf der zahlreiche Objekte detailliert verewigt sind, hat Mielzarjewicz bereits drei Bücher veröffentlicht, die die Schönheit des Verfalls mit Schwarz-weiß-Fotografien dokumentieren.

rottenplaces: Marc, woher kommt die Faszination für diese besondere Art der Fotografie?

Mielzarjewicz: Schon die erste Frage ist abendfüllend 🙂 Es ist eine Mischung aus vielen Dingen, die diese spezielle Form der Architekturfotografie so interessant für mich macht. Vor allem ist es die Schönheit der Gebäude, die ja vorrangig aus der Gründerzeit stammen. Jetzt den Verfall zu sehen, gepaart mit der Vorstellung, dass dort zum Teil einmal bis zu Tausende Menschen gearbeitet haben löst in mir den unbändigen Wunsch aus, meine Eindrücke anderen mitzuteilen, bevor es zu spät ist. Und mit der Fotografie kann ich das am besten. Die Spannung und der Nervenkitzel beim Erkunden der Objekte und die Stille vor Ort – das ist Erholung für mich, besser als Urlaub.

rottenplaces: Fotografen, die ihre Berufung in der extravaganten oder urbanen Fotografie sehen, durch verlassene und teilweise einsturzgefährdete Gebäude schleichen, werden sofort als Urban Explorer bezeichnet. Würdest du das so unterschreiben oder ordnest du dich lieber als Fotograf zu Dokumentationszwecken ein?

Mielzarjewicz: Nun ja, ich fotografiere ja Einiges. Der Verfall ist ein Sujet, was ich auch bediene. Aber wenn ich es mache, sehe ich es schon als eine spezielle Form der Urban Exploration. Als einen Teil davon, denn Urbex ist mehr. Zum einen bezieht sich Urbex nicht nur auf verfallende Architektur. Und auch der Urbexer muss ja nicht „nur“ Fotograf sein. Da gibt es viele Formen der Dokumentation.

rottenplaces: Auf deiner Webseite und in deinen Büchern finden sich ausgewählte und beeindruckende Gebäude, deren Glanzzeit längst verflogen ist. Einige wurden mittlerweile bereits abgerissen. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt – welches war das – und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Mielzarjewicz: Ja. Es war sozusagen die Initialzündung für meine LOST PLACES Fotografie: Die Hildebrandsche Mühle in Halle. Sehr imposant – wie eine Burg steht sie an der Saale. Anfang der 90er war ich dort zum ersten Mal – und hatte nur ein Film in der Kamera. Die Mühle war gigantisch, alles aus Holz und alle Gerätschaften und Transmissionsantriebe, Turbinen etc. wie in einem Museum erhalten. Ich war Feuer und Flamme. Ich hatte dann zwei Wochen Urlaub und wollte danach das Shooting starten. Leider war nicht nur ich Feuer und Flamme – sondern auch die Mühle war in der Zwischenzeit in Flammen aufgegangen. Ein paar Bilder könnt ihr auch auf marodes.de sehen. Sehr tragisch und für mich der Ansporn, schneller zu sein.

rottenplaces: Deine Fotografien werden – auf deiner Webseite und in deinen Büchern – in Schwarz-weiß veröffentlicht. Warum wählst du diese Art der Darstellung?

Mielzarjewicz: Ich weiß, mit der Antwort mache ich mir jetzt keine Freunde. Aber ich kann HDR nicht mehr sehen. Nicht weil HDR schlecht ist, sondern weil es wirklich schlecht umgesetzt wird. Ehrlich, ich bekomme davon Augenkrebs. Für mich kommt bei der Darstellung des Verfalls nur schwarz-weiß in Frage. Die Motive haben soviel zu sagen, da bedarf es keiner Farbe. Konzentration auf das Wesentliche.

rottenplaces: Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, der Eine lichtet die Gebäude nur von außen ab, der andere legt Wert auf eine bunte Mischung zwischen Innen- und Außenaufnahmen und wieder andere dokumentieren fotografisch jeden Winkel und noch so kleinen Raum. Auch bei dir gibt es eine „bunte“ Mischung. Wie ist deine bevorzugte Herangehensweise?

Mielzarjewicz: Ich möchte mit meinen Bildern eine Geschichte erzählen und somit auch Außenstehende für die Objekte begeistern. Dazu gehören neben Außen- und Innenaufnahmen auch Details. Sie sind für mich wie das Salz in der Suppe. So eine Geschichte bekommt man, meiner Meinung nach, nicht mit reinen Außenaufnahmen oder einer wissenschaftlichen Abhandlung jedes einzelnen Zimmers hin.

rottenplaces: Welche Kamera(s) setzt du auf deinen Fototouren ein und was für ein Equipment wird von dir bevorzugt?

Mielzarjewicz: Schon immer Spiegelreflex. Schon sehr lange Canon. Digital. Canon 1er. Dazu ein lichtstarkes Weitwinkelzoom. Stativ. Weitere Objektive.

rottenplaces: Fotografen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die den Gebäuden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund für die Zerstörung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigentümer und harte Strafen für Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Mielzarjewicz: Vandalismus ist schlimm. Er entsteht vor allem bei Partys mit viel Alkohol im Spiel. Noch schlimmer sind die Schrottdiebe, die die Gebäude erbarmungslos ausweiden. Klar, dass sich da die Eigentümer schützen müssen. Viel besser wäre es aber von den Eigentümern, die Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen.

rottenplaces: Kommen wir zu deinen Büchern. Du hast drei veröffentlicht, „Lost Places – Schönheit des Verfalls“, „Lost Places Leipzig – Verborgene Welten“ und das Special „Lost Places – Beelitz Heilstätten“. Wie bist du auf die Idee gekommen, ein Buch zu verfassen und nach dem Dritten, wie ist die Resonanz?

Mielzarjewicz: Eigentlich bin ich ja ein Kind des Internets – es ist die ideale Plattform für Künstler, sich zu präsentieren. Die Kosten sind überschaubar bis nicht vorhanden. Das Publikum ist riesig. Ein Bildband in der Hand – das ist aber noch einmal eine ganz andere Qualität.Und da der Verlag vom Konzept überzeugt war, ging es schnell an die Umsetzung. Dass es mittlerweile drei Bildbände gibt und der Erste schon ausverkauft ist, sagt eigentlich alles zur Resonanz. Die Kombination schwarzes Buch (die Seiten sind komplett schwarz), kurzen Texten in Deutsch und Englisch, einer Übersichtskarte mit den Adressen und natürlich den Bildern
kommt nicht nur bei Urbexern sehr gut an.

rottenplaces: Welche Ratschläge gibst du Einsteigern, die auch von diesem Virus – der extravaganten oder urbanen Fotografie, infiziert worden sind?

Mielzarjewicz: Nur einen: Unbedingt machen und dran bleiben. Jeder hat seinen eigenen Blickwinkel. Die unterschiedlichen Interpretationen sind wichtig und können auch andere inspirieren.

rottenplaces: Was gibt es demnächst von Marc Mielzarjewicz zu lesen, sehen oder hören, bzw. wie lauten deine Zukunftspläne?

Mielzarjewicz: Die Lager sind gut gefüllt. 🙂 Will heißen, ich habe noch viele LOST PLACES im Archiv, muss die Bilder aber erst noch bearbeiten. Meine ToDo Liste für neue Objekte ist auch recht lang. Es gibt also genug zu tun – und es lohnt sich bestimmt, immer mal wieder auf marodes.de vorbeizusehen. Wer weiß, vielleicht gibt es ja auch noch etwas auf Papier. Gern würde ich auch international etwas machen – das ist aber schwer mit der Familie unter einen Hut zubekommen.

Wir danken Marc Mielzarjewicz für dieses Interview.
Das Interview führte André Winternitz

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