Nachgefragt bei: Kai Fricke

Kai Fricke dokumentiert den Verfall, vielseitig, bunt und faszinierend. Auf seiner Webseite www.lost-places.com zeigt er die Schönheit des Verfalls in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Nach der Veröffentlichung werden die „Trophäen“ auf der Webseite zu den Objekten zusätzlich mit einer Auswertung nach Verfall, Tourismus, Kulisse und Vandalismus versehen, das ist einzigartig und wunderbar gelöst. Seine Fotografien erzählen allesamt eine Geschichte und der Betrachter kann förmlich erahnen, was dort vor Jahrzehnten tagtäglich passiert ist. Fast täglich findet der interessierte Besucher hier ein neues Objekt.

rottenplaces: Kai, woher kommt die Faszination für diese besondere Art der Fotografie?

Fricke: Bereits als Kind hatte ich ungeheuren Spaß daran, mit Freunden und Bekannten Plätze zu erkunden, die nicht öffentlich zugänglich waren. Dazu zählten für mich früher Orte aller Art. Ob es sich um Eisenbahntunnel, Höhlen in benachbarten Wäldern oder einfach nur eine zerfallene Hütte auf einem Feld handelte, war für mich dabei nicht relevant. Es ging dabei (oder geht es nach wie vor immer noch) darum, meine „Abenteuerlust“ zu befriedigen. Das hält bis heute an. Nur sind es statt dem kleinen morschen Geräteschuppen des Nachbarn inzwischen weitaus größere Objekte, wie etwa in der Ferne gelegene Schlösser.

rottenplaces: Du bist auf deinen Touren oft mit deiner Frau unterwegs. Ist sie ebenfalls begeisterte Explorerin und woher nehmt ihr (nimmst du) die Zeit und Lust für die vielen Touren und Unternehmungen?

Fricke: Ich, oder vielmehr wir, sind auf meinen Touren fast ausnahmslos zusammen unterwegs. Dazu sollte man anmerken, dass wir uns durch das Urban Exploring vor zwei Jahren kennengelernt haben. Seither ziehen wir gemeinsam durch die Welt und erkunden in unserer freien Zeit so viele Orte wie nur möglich. Das beansprucht mittlerweile so viel Zeit von uns, dass unsere anderen Hobbys momentan ein wenig auf der Strecke bleiben, was wir aber keinesfalls bereuen.

rottenplaces: Auf deiner Webseite finden sich zahlreiche, ausgewählte und beeindruckende Gebäude, deren Glanzzeit längst verflogen ist. Einige wurden mittlerweile bereits abgerissen oder sind stark beschädigt und vergessen. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt – welches war das – und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Fricke: Ich glaube, mein erster Ort, den ich auf eigene Faust erkundet habe, war als kleiner Stöpsel ein altes verlassenes Bahnhofshaus in Duisburg. Das liegt allerdings so weit in der Vergangenheit, dass ich kaum noch Erinnerungen an diesen eigentlich historischen Moment habe.

rottenplaces: Deine Fotografien werden auf deiner Webseite überwiegend in Farbe und großformatig veröffentlicht. Warum entscheidest du dich für diese Art der Darstellungen?

Fricke: Viele Orte bieten eine Fülle von Details und Farbspielereien. Besonders in den Bereichen der Architektur kommen die Fassaden von alten Gemäuern meiner Meinung nach in Farbe und großformatig am besten zur Geltung.

rottenplaces: Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, der eine lichtet die Gebäude nur von außen ab, der andere legt Wert auf eine bunte Mischung zwischen Innen- und Außenaufnahmen und wieder andere dokumentieren fotografisch jeden Winkel und noch so kleinen Raum. Auch bei dir gibt es eine „bunte“ Mischung. Wie ist deine bevorzugte Herangehensweise?

Fricke: Das kommt bei mir zum Großteil auf den Ort selbst an. Ist es ein Herrenhaus, so stehen der Stuck, die Verzierungen und eine Gesamtansicht im Vordergrund. Ist es ein eher industriell genutzter Bau, dann fixiere ich mich meistens auf einzigartige Details, das kann ein Bleistift mit der Firmengravur sein oder eine Palette mit alten Waren des Betriebs. Alles, was man in jedem X-beliebigen Gebäude findet wie beispielsweise Toiletten, Graffitis oder 0815-Räumlichkeiten, dem schenke ich kaum Beachtung.

rottenplaces: Welche Kamera(s) setzt du auf deinen Fototouren ein und was für ein Equip-ment wird von dir bevorzugt?

Fricke: Leichte kompakte Ausrüstung, die robust ist, reicht mir vollkommen aus. Keine teure große Kamera mit unendlich vielen Funktionen wird es je in meine Auswahl schaffen. Meine Canon 1000D hat und wird mich in Zukunft treu begleiten. Wechselobjektive oder sonstiger Schnickschnack sind für mich eher unwichtig und nicht von Bedeutung.

rottenplaces: Fotografen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die den Gebäuden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund für die Zerstörung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigentümer und harte Strafen für Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Fricke: In jedem Land bzw. jeder Region sind andere Formen von Vandalismus zu sehen. Hierzulande sind es überwiegend Graffitis und sinnlose Zerstörung, die von halbstarken Jugendlichen ausgehen, in Polen sind es die Diebe, die durch ihre Armut ganze Türen, Fensterrahmen oder sogar verzierte Wände zur weiteren Verwendung herausreißen, wieder andere Länder haben gar keine oder fast keine Probleme mit Vandalismus durch eine vernünftige Gesellschaft oder nur wenig Population. Die Eigentümer haben das Recht und meiner Meinung nach auch die Pflicht, ihre Liegenschaften vernünftig zu sichern und mit harten Strafen Raub, Vandalismus und Tourismus zu unterbinden. Niemand wird aber in unseren Landen einen Fotografen mit guten Absichten zu einer harten Strafe verurteilen wollen oder können. Es hat sich bei mir in der Vergangenheit gezeigt dass ein vernünftiges Gespräch zwischen Urbexern einerseits und Sicherheitsdienst, Hausmeister oder Verwalter andererseits die beste Medizin gegen eine eventuell auftretende Konfliktsituation ist.

rottenplaces: Du hast auf deinen Touren in verschiedene Städte und Länder bereits viel gesehen und erlebt, darunter Chateaus, Schlösser, Botschaften, öffentliche Gebäude, oder zahlreiche industrielle Objekte. Gibt es noch eine Location – wo auch immer – die du gerne einmal aufsuchen würdest?

Fricke: Da gibt es nicht nur eine, da gibt es Hunderte. Jeder Ort hat seinen eigenen Reiz und seine eigene Ausstrahlung. Aber zurzeit reizen mich wohl die alten Pyramiden in Ägypten, die Maya-Ruinen in Mexiko oder die Forschungsstationen in der Antarktis am meisten. Wann und ob so ein Besuch zu den außergewöhnlichsten aller Objekte allerdings überhaupt zu realisieren ist, kann ich jetzt noch nicht sagen.

rottenplaces: Auf deiner Webseite ist – als kleiner Zusatz – eine Urbex-Topliste eingebunden. Diese ist, neben zwei anderen, eine der einzigen deutschen Toplisten, hier finden sich einige namhafte Webseiten zum Thema im Votingverfahren. Wie bist du auf diese Idee gekommen und wie ist die allgemeine Resonanz darauf?

Fricke: Die Resonanz ist positiv. Einen Anlass dazu gaben mir die Anfragen zur gegenseitigen Verlinkung als Partner. Ich betrachte seit einiger Zeit nur enge Bekannte und Freunde als „Partner“. Damit wir aber eine übersichtliche internationale Liste von schönen Internetpräsenzen zum Thema Leerstand und Architektur haben, habe ich die Toplist ins Leben gerufen, wo sich jeder mit einer interessanten Homepage eintragen kann.

rottenplaces: Was gibt es demnächst von Kai Fricke zu lesen, sehen oder hören, bzw. wie lauten deine Zukunftspläne?

Fricke: Pläne gibt es zahlreiche. Wann das Ganze allerdings realisiert werden kann steht momentan in den Sternen, ich gebe aber mein Bestes, um jede Woche neue, interessante Objekte aus aller Herren Länder vorstellen zu können.

Wir danken Kai Fricke für dieses Interview.

Das Interview führte André Winternitz

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.