Nachgefragt bei: Jens Kuhl

Der Wiesbadener Jens Kuhl erkundet seit Jahren Ruinen der Stadt- und Industriekultur und hält diese auf seiner Webseite www.geisterstadttaxi.de fest. Das Geisterstadttaxi nimmt den Betrachter mit an teilweise vergessene Orte und Plätze und bringt Selbigem die Schönheit des Verfalls näher. Zum zehnjährigen Bestehen der Kreativfabrik am Wiesbadener Kulturzentrum Schlachthof hat Kuhl einen 48-seitigen Bildband herausgebracht, die den Wandel einer Industrielandschaft zeigen. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Jens, du bist auch dem Virus der Faszination für verlassene Orte und Industriekultur verfallen. Seit wann und warum?

Kuhl: Ganz genau kann ich gar nicht sagen, seit wann. Als ich 1982 umgezogen bin, hat mich eine verfallene Kirche in der neuen Stadt total fasziniert. Betreten habe ich sie leider nie und ab Anfang der Neunziger wurde sie restauriert, zumindest konnte ich da zu Beginn der Bauphase noch ein paar Außenaufnahmen des noch recht verfallenen Zustandes machen. Streng genommen habe ich eigentlich schon da diese Faszination gespürt. Wann ich dann so richtig anfing, zu urbexen, ist auch schwer zu sagen. 1999 habe ich das erste Mal einsturzgefährdete und schon teilkollabierte Häuser betreten und ab da bin ich regelmäßig auf Schleichtouren gewesen. Aber schon 1998 war ich in einem Gebäude unterwegs, in dem ich teilweise offiziell war, aber das nur in einem Flügel. Der größte Teil dieses Ende der 1920er Jahre erbauten Warenlagers stand leer und war tabu – eigentlich.

Einerseits war die Weite der leeren Hallen faszinierend, andererseits die alte Technik. Die Aufzüge waren teilweise ebenso von 1929 und offenbar nur unwesentlich verändert, im Innenhof stand ein verwahrloster Armee-Sanitätslastwagen, der offenbar noch aus der Zeit des 2. Weltkriegs stammte. Betätigte man im Keller den Lichtschalter, sprach ein Relais mit sattem Schlag an, der in den Hallen widerhallte. Deshalb sage ich mal, es begann 1998. Warum? Also genau weiß ich es nicht. Ich habe die Vermutung, dass es an meiner Kindheit liegt. In einem Leipziger Viertel, das Industrie und Gründerzeithäuser mit DDR-typischem Grau bot, habe ich eine wunderbare Kindheit erlebt. Vielleicht ist es ein bisschen wie bei dem pawlowschen Hund: Heruntergekommene Gebäude erinnern mich unterbewusst an Geborgenheit und viele kleine Wunder.

rottenplaces: Du bezeichnest dich selbst als Urban Explorer. Besuchst du deine ausgewählten Objekte nur um sie zu erkunden und fotografisch „abzulichten“, oder steckt ein tieferer Gedanke dahinter?

Kuhl: Manche Objekte besuche ich tatsächlich in erster Linie für Fotos und Erkundungen. Andere wieder fesseln mich, berühren mich, laden zum Verweilen ein. Hier werden dann oft auch andere Intentionen wach, die, etwas zum Erhalt beizutragen. Die Ölmühle Philipp Lorenz Fauth in Wiesbaden, Werk Steinmühle, war für mich so ein Ort und das szeneberühmte Kasteel van Mesen sowie eine Fabrik im Frankfurter Raum. Da wächst der Wunsch, den Ort irgendwann nicht nur noch auf Fotos erleben zu können, sondern ihn dauerhaft zu sichern, so weit es irgendwie geht. Die Erfahrung, dass dann, wenn man wirklich versuchen will, etwas in der Richtung zu bewegen, man auf viele Urban Explorer offenbar nicht zählen kann, ist für mein Empfinden bitter. Ich denke, die Orte geben uns so viel und ab und an können wir ihnen auch etwas zurückgeben. Allein schafft man es meist nicht, so einen Ort zu sichern, aber: Ich habe jedenfalls schon etliche Nicht-Urbexer kennenlernen dürfen, die unserem Hobby offen und oft sogar interessiert gegenüberstehen und mit denen sich durchaus Synergien ergeben könnten, die „unsere“ Orte ab und an vor endgültiger Zerstörung bewahren.

rottenplaces: Auf deiner Webseite finden sich zahlreiche Gebäude und Objekte, deren Glanzzeit längst verflogen ist. Einige wurden bedauerlicherweise bereits abgerissen. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt, als du im Jahr 1998 mit dem Hobby begonnen hast – welches war das – und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Kuhl: Siehe Antwort 1. Welches Objekt das Erste war, ist schwer zu sagen. Das Erste, nachdem ich regelmäßig losgezogen bin, war jedenfalls ab 1998 jenes 1929 erbaute Warenlager. Die Weite der Hallen, eine irgendwie faszinierende Stimmung und ein paar alte technische Prachtstücke machten für mich hier das Besondere aus – die Lastenaufzüge von 1929, der Armee-Sanilastwagen und die alte Küchentechnik. Die Letztere hatte Großkochkessel, die ähnlich den Großkochkesseln im Chateau Noisy sind, sogar der Hersteller ist der Gleiche. Der Unterschied bestand in erster Linie in der Energiequelle. Während die Noisy- Kessel mit Gas liefen, wurden die aus dem Warenlager elektrisch betrieben.

rottenplaces: Vierzehn Jahre bis du auf Entdeckungstour. Gibt es bei dir ein besonderes Erlebnis oder ein spezielles Vorkommnis, an das du sich besonders erinnerst, wenn du zurückblickst? Oder gibt es eventuell sogar etwas Kurioses zu berichten?

Kuhl: Definitiv, da gibt es Einiges. Kurios war eine Besteigung eines Industrieschornsteines. Gesichert mit einem Klettergurt, habe ich angefangen, ihn über die Außenleiter zu besteigen. In ungefähr 50, 55 Metern Höhe hörte ich auf einmal jemanden von unten pfeifen. Unbemerkt von mir hatten sich unten 2 Streifenwagen postiert, deren Insassen natürlich in dem Moment etwas Anderes wollten als ich … Naja, meine Tour war, nur rund 10 Meter unterhalb der Spitze, dann natürlich zu Ende. Aber da man nicht jeden Tag so hohen Besuch bekommt und diesen dann aus so einer Perspektive betrachten darf, habe ich vor dem Abstieg von meinem Logenplatz aus noch ein paar Bilder von der Szenerie gemacht.

Ein besonderes Vorkommnis, das ich nie vergessen werde, war ein Besuch in einem stark verfallenen Kesselhaus. Der Besuch war wirklich gefährlich, das Haus rottete seit Jahrzehnten vor sich hin und ich kletterte dort in bestimmt 10 Metern Höhe über stark verrostete Bühnen und Leitern aus Eisen, deren Zusammenbruch mein Ende gewesen wäre. Das Dach war teilweise schon kollabiert und im Inneren wuchsen Bäume, auf den Resten des Daches lag Schnee; jederzeit hätte mich etwas erschlagen können. Ich kletterte dennoch durch die Anlage. Der Gefahren war ich mir bewusst und bewegte mich entsprechend. Sicher hat das auch mit dazu geführt, dass mich das Bauwerk sicher wieder aus seinem Bauch herausließ, ein bisschen war es vermutlich auch Glück. Als ich daheim ankam, erfuhr ich von dem Unglück in Kattowitz, bei dem eine offiziell freigegebene Hallendecke unter der Schneelast zusammenbrach und mehrere Menschen unter sich begrub. Es geschah genau in den Stunden, als ich durch das Kesselhaus kletterte. Mir jagt das noch heute Schauer über den Rücken. Menschen halten sich in einem Gebäude auf, vertrauen auf Ingenieure und ihr Können und sterben, ich betrete gleichzeitig ein Gebäude mit dem Wissen um Gefahr und komme heil wieder zurück.

Sicher auch unvergesslich ist etwas, was ich geschenkt bekam. In einer leer stehenden Halle am Wiesbadener Schlachthof sollte ein Musikvideo gedreht werden. Eine Gothic-Band, der Name sagte mir damals nichts. Ich fragte freundlich an und durfte im Hintergrund dabei sein und Fotos machen, in einer kurzen Drehpause haben sie sich sogar einmal kurz für mich aufgestellt und ich durfte ein paar schöne Bilder von ihnen schießen, an ihren Instrumenten, in der mir vertrauten Halle. Heute weiß ich, wie wertvoll diese Fotos sind, denn es gibt sie schon nicht mehr in dieser Aufstellung. Tarja, die sich heute noch viele Nightwish-Fans zurückwünschen, stand damals nur wenige Meter von mir entfernt. Immer mal kommt sie in’s Leben zurück, die seit 2004 abgerissene Halle, wenn „I wish I had an angel“ über den Bildschirm flimmert …

rottenplaces: Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, der eine lichtet die Gebäude nur von außen ab, der andere legt Wert auf eine bunte Mischung zwischen Innen- und Außenaufnahmen und wieder andere dokumentieren fotografisch jeden Winkel und noch so kleinen Raum. Auch bei dir gibt es eine „bunte“ Mischung. Wie ist deine bevorzugte Herangehensweise und warum?

Kuhl: Oh, ob ich eine bevorzugte Herangehensweise habe, weiß ich gar nicht. Ich denke, es kommt auf das Objekt an. Bei manchen Objekten bieten sich Außenaufnahmen an, weil die Fassade schön ist oder sich eine beeindruckende Vegetation vor oder auf dem Gebäude entwickelt hat. Andere Objekte mögen von außen schäbig wirken, enthalten innen aber wahre Fundgruben an Inventar, Technik oder Schriften. Diese schreien natürlich nach Innenaufnahmen, teils Details. Was ich auch gern mache, sind Langzeitbelichtungen im Dunkeln. Hier kann man mit Taschenlampen die schönsten Bilder zaubern. Hier erfährt man, was Fotografieren ja eigentlich ist: Malen mit Licht.

rottenplaces: Welche Kamera(s) setzt du auf deinen Fototouren ein und was für ein Equipment wird von dir bevorzugt?

Kuhl: Angefangen habe ich fotografisch im Urbex-Bereich mit einer einfachen kompakten Kamera für analogen Kleinbildfilm. Ich habe sie 1996 für 8 Mark auf einem Flohmarkt erworben und sie bot wirklich die einfachste Ausführung, die man sich nur vorstellen konnte: Der Auslöser, das Rändelrad zum Weiterdrehen des Filmes und die Riegel für das Filmfach und den Linsenschutz waren nahezu die einzigen Funktionen. Dennoch leistete sie mir immer treue Dienste und wurde erst 1999 durch die ebenfalls analoge Minolta Dynax 500si abgelöst, meine erste Spiegelreflexkamera. Diese betrieb ich bis 2004. Außer Betrieb nahm ich sie nicht, weil sie kaputt gewesen wäre, sondern weil mir der Platz für die analogen Fototaschen langsam knapp wurde. Ich stieg auf digital um mit einer Panasonic Lumix FX-5, 2006 kam dann die Nikon D50 dazu. Seitdem fotografiere ich zweigleisig – die Kompakten filmen und sind die Geräte „für die Hosentasche“, die ich immer mitführe, die DSLR übernimmt die Aufnahme der hochwertigeren Fotos. Als die FX5 außer Dienst ging, kam eine weitere Funktion für die Kompakten hinzu: Mit der Pentax W10 erwarb ich erstmalig eine wasser- und staubdichte Kamera, die in der Pentax WG-1 einen würdigen Nachfolger fand.

Manche Touren und die dabei auftretenden Wünsche ließen mich auch ab und an selbst an Dingen basteln. So baute ich mir mit dem „Schmetterling“ eine Konstruktion, durch die man eine filmende Kamera an einem Seil durch Fenster, Löcher im Boden etc. in tiefere Bereiche herablassen und so auch unzugängliche Bereiche filmen kann. Das System ist noch nicht ausgereift, da zum Beispiel das Schwanken der Kamera um die Vertikal-Achse am Seil schwer zu kontrollieren ist und das um so mehr, je weiter man sie heruntergelassen hat, aber ein erster Einsatz ist mir schon mal ganz gut geglückt. Video im neuen Fenster öffnen!

Eine weitere Idee entstand beim Begehen von Katakomben, Tunneln und Kanälen: Wie leuchtet man eine beispielsweise hundert Meter lange Röhre so aus, dass man seine Dimensionen auf einem Video voll erfassen kann? Auf dem Markt gibt es eine Menge guter Taschenlampen, doch ich habe keine gefunden, die mich in diesem Punkt zufriedenstellte. So baute ich mir die „Tunnelratte“, die ein bisschen an eine Panzerfaust erinnert. Das „Mutterschiff“ ist bei mir eine bis 1000 Lumen helle und mit 6 D- Zellen bestückte LiteXpress Workx 503. Sie wird auf den Nahbereich eingestellt, den sie mit ihrem satten Licht mehr als gut ausleuchtet. Für den Fernbereich sind hingegen andere Lampen besser geeignet. In einem ersten Prototyp befestigte ich an der Unterseite der Workx eine 200 Lumen helle und laut Hersteller bis 210 Meter weit leuchtende Zweibrüder Led Lenser P7, in einem 2. Typ verbaute ich eine Led Lenser X7R, die 500 Lumen und 320 Meter Reichweite bietet. Oberhalb der Lampe wird die Pentax WG-1 befestigt, der Blickwinkel der Kamera und die Lichtkegel der Lampen aufeinander abgestimmt und dann kann das Abenteuer auch schon beginnen. Hier ein Video zum Aufbau. Video im neuen Fenster öffnen!

rottenplaces: Fotografen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die den Gebäuden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund für die Zerstörung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigentümer und harte Strafen für Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Kuhl: Ich denke, die ist der vieler anderer Urbexer ähnlich: Zusätzlich zur bekannten Ethik heißt das, dass man die Lage von Orten, die noch nicht bekannt und hoffnungslos randaliert, saniert und neu genutzt oder abgerissen sind, eben nur mit Menschen teilt, die man kennt und denen man vertrauen kann. Reine Internetbekanntschaften erfüllen das in der Regel nicht. Ich vergleiche das immer wieder so: Du hast ein kleines Kind: Würdest Du es einem Menschen anvertrauen, den Du nur aus dem Internet kennst? Und genauso schutzlos wie das Kind sind die Orte oft auch. Leider habe ich da schon Einstellungen erlebt, die mich nur hilflos zurücklassen.

Ein ehemaliges Mitglied meiner Urbex-Gruppe auf WKW hat im Forum öffentlich die Weitergabe von Lagebeschreibungen angeboten. Auf meine Bitte, das doch auf persönlich bekannte und vertrauenswürdige Personen zu beschränken, erfuhr ich, ich solle es ihr überlassen, was sie mit ihren Locations tue. Wieder ein anderes Mitglied hat seine Ortsinfos im Tausch gegen für ihn neue Ortsinfos angeboten. Ich frage mich: Haben manche Leute vergessen, dass wir in „unseren“ Locations meistens zu Gast sind und die wirklichen Eigentümer Andere sind? Wo ist eigentlich die gesunde Portion Demut, die jeder haben sollte, der irgendwo zu Gast ist? In diesen Momenten kann ich Eigentümer verstehen, die ihre Tore und Ohren für uns verschließen. Ich denke, wir sind verdammt noch mal Urbexer und keine Heuschrecken.

rottenplaces: Du hast auf deinen Fototouren bereits viel gesehen und erlebt. Gibt eine Location – wo auch immer – die du gerne einmal aufsuchen würdest, oder bleibst du bei einem „Liebling“, der immer wieder besucht wird?

Kuhl: Ja, aber diese sind meist unerreichbar geworden. Die Ölmühle Fauth, Werk Steinmühle, im Südosten von Wiesbaden gelegen, besteht seit 2003 nicht mehr. Vom Kasteel van Mesen ist Vieles zerstört und die Fabrik im Frankfurter Raum ist so bewacht und ihre Bewacher so aggressiv, dass es keinen Spaß mehr macht. Was mir aber jeder dieser Orte an wundervollen Momenten geschenkt hat, kann kein Vandale und kein Bagger zerstören. Aufsuchen würde ich alle diese Orte gern wieder und so mache ich dies immer wieder in Gedanken, beim Betrachten von Fotos und Filmen über sie. Das sind die Wichtigsten, aber nicht einzigen Orte, die ich gern immer wieder besuchen würde. Oft geht es nur noch in der Fantasie.

rottenplaces: Am 12. Oktober diesen Jahres hast du dein Buch „Freiräume im Wandel – 10 Jahre Kulturpark“ zum zehnjährigen Bestehen der Kreativfabrik am Wiesbadener Kulturzentrum Schlachthof veröffentlicht. Was hat es mit diesem Buch auf sich und was erwartet den Interessierten?

Kuhl: Der Anlass für das Buch war in der Tat das 10-jährige Bestehen der Kreativfabrik, die sich 2002 aus der „IG Schlachthof für die Jugend“ gegründet hat. Der alte Wiesbadener Schlachthof und die bereits erwähnte Ölmühle Fauth in direkter Nachbarschaft waren damals schon jahrelang weitgehendes Urbex-Gelände. Auf dem Gelände siedelte sich, meines Wissens seit den frühen 1990er Jahren, weitgehend alternative Jugendkultur an. Das Gelände galt in Wiesbaden als Schmuddelecke, umgekehrt konnte sich da autarke Kultur jenseits des Kommerzes entwickeln. Ein Kulturzentrum etablierte sich, dass mittlerweile ein international geachteter Konzertveranstalter geworden ist. Das internationale „Meeting of Styles“, in den ersten Jahren unter dem Namen „Wall Street Meeting“ am Start, holte internationale Graffiti-Könner auf das Gelände, die mit ihren Kannen wahre Kunstwerke zauberten.

Das Gelände bot einen Platz, an dem man legal sprühen konnte und hier passte auch zusammen, was es oft nicht tut: Urbexer und Graffitisprüher. Meines Wissens war es damals die größte Freiluft- Graffiti-Galerie Europas. Doch ab 2001 kamen die Bagger und machten in den kommenden Jahren immer mehr Gebäude dem Erdboden gleich. Im Gegensatz zu heute, wo der Schlachthof ein fest etablierter Veranstalter ist, mussten sie damals noch um ihre Existenz bangen, von der Stadtpolitik keineswegs so behandelt, wie man das erwarten kann. So wurden mal eben bei Arbeiten auf dem Gelände primäre Stromkabel beschädigt, sodass der Veranstalter im Dunkeln saß und sich über längere Zeit mit einem Notstromaggregat behelfen musste. Angesichts dieser Zustände gründete sich aus unterschiedlichen Jugendverbänden die IG Schlachthof für die Jugend, die Ideen für einen Kulturpark auf dem Gelände entwickelten und für diese auch kämpften. Kurz nach der Gründung stieß ich dazu und erlebte es mit: Demonstrationen, Sitzungen im Stadtparlament, Podiumsdiskussionen, Veranstaltungen und bald die ersten Erfolge. Und in all dem stromerte ich immer wieder durch die Ruinen, die für Jahre mein 2. Zuhause wurden.

Inzwischen ist der Kulturpark Realität, wenn auch nicht in allen Punkten so, wie von uns erhofft. Der Schlachthof ist ein fest etablierter Veranstalter und im Gegensatz zu 2002 traut sich heute auch kein Politiker mehr, das infrage zu stellen. Die aus der IG hervorgegangene Kreativfabrik ist ein eigener kleiner Veranstalter geworden. Zum 10-jährigen Bestehen hat sich die Kreativfabrik nun meiner vielen Bilder erinnert und sie gebaren die Idee zu diesem Bildband und ja, natürlich war ich gern dabei. Die Buchvorstellung und die dazugehörige Vernissage war für Viele von uns eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit, teilweise sogar die Jugend. Zu erleben, wie die Menschen vor meinen Bildern stehen, ins Gespräch kommen und wie ihre Erinnerungen erwachen, war für mich ein unbeschreiblich schönes Geschenk. Wenn es noch Beweise braucht, dass Urbex gute Früchte tragen kann, dann hat sie mir dieser Abend erbracht …

Herausgeber des Buches ist der Verein „Kreativfabrik Wiesbaden e.V.“ Erschienen ist eine erste Auflage mit 100 Stück. Das Buch kostet 25 Euro und ist bei der Kreativfabrik zu erwerben.

rottenplaces: Was gibt es demnächst von Jens Kuhl zu lesen, sehen oder hören, bzw. wie lauten deine Zukunftspläne?

Kuhl: In diesem Jahr habe ich es mit Urbex seit 1998 erstmalig etwas ruhiger angehen lassen. Ich habe weniger stark den Wunsch gespürt, auf Touren zu gehen. Ich denke, dann sollte man sich diese Pause auch gönnen und anderen Ideen zuwenden. Inzwischen ist die Lust aufs Schleichen zurückgekehrt, wie es weitergeht, werde ich erleben. Ich sehe das auch nicht tragisch. Es darf gern einmal Objekte geben, in denen Andere vor mir waren, die sie in unberührterem Zustand erleben oder auch solche, die ich gar nicht erlebe. Meine Seite „Geisterstadttaxi.de“ ist schon etwas länger liegen geblieben und viele unveröffentlichte Bilder warten auf ihren Platz. Auch meine früher betriebssamere WKW- Gruppe ist derzeit etwas ruhiger. Hier wieder etwas neuen Betrieb hereinzubekommen, sind noch Ziele, die mir wichtig sind.

Wir danken Jens Kuhl für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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