Nachgefragt bei: Jean-Claude Horlacher (EISENTANZ)

Jean-Claude Horlacher. Foto: privat

EISENTANZ umgeht die gängigen Werksounds und Voreinstellungen der üblichen Synthesizer und ähnlichen elektronischen Instrumenten, pflegt den aufwändigen, herausfordernden Weg der Klangforschung. EISENTANZ entlockt Metall, Holz oder Stein faszinierend-archaische Klänge und findet damit seine eigene Umsetzung eines zeitlosen, modernen Industrial-Sounds. Seine Instrumente baut er selbst und schafft musikalische Prototypen aus Alltagsschrott. EISENTANZ komponierte bisher unter anderem für David Lynch und spielte ein Konzert für Carlos Perón (Yello).

Die Vielfalt an Samples und Loops, die er mit Alteisen, Fässern und Metallfedern zu erzeugen vermag, ist spektakulär. Auf der Bühne prescht er mit Hämmern auf Rohre, lässt Metallplatten flirren und ist selbst Teil eines fließenden, elektronischen Stroms. EISENTANZ bewegt sich im Groove eines roboterbetonten Soundsystems, in dem er sein selbst gesteuertes, musikalisches Raumschiff in erweiterte Hörschlaufen führt. Alle Live-Elemente werden schließlich ineinander verwoben und mit minutiös platzierten Mikrofonen in ein Gesamtkonzept verwoben, das den Zuhörer auf eine Reise ins spannende, rhythmische Herz der elektronischen Musik entführt. Dieser „Sound of the Underground“ spricht den Liebhaber von dunklen, düsteren, aber auch perkussiven Klangcollagen genauso an wie die Anhänger von sphärischer, konzeptioneller Filmmusik und wird Besucher von Kunst-Ausstellungen und Stil übergreifenden Performances aufs Neue erfreuen.

Der visuelle Aspekt seiner Darbietungen ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des EISENTANZ-Konzepts. Nebst abstrakten Visuals, welche ihren Platz auf den Monitoren finden, vertont er live einen surrealistischen Stummfilm von 1928. EISENTANZ bespielte mit seiner anspruchsvollen Musik wichtige Plätze auf der Welt zwischen Berlin und Delhi – er ist ein Kosmopolit, der seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht und in kein musikalisches Korsett gehört. Mit traumwandlerischer Offenheit stößt EISENTANZ auch nach einem Vierteljahrhundert substanzieller Klangtechnik auf neugierige Ohren.

Wir haben beim Schweizer Klangkünstler Jean-Claude Horlacher aka EISENTANZ nachgefragt …

rottenplaces: Jean-Claude, seit wann beschäftigst du dich mit der Klangkunst und seit wann gibt es Eisentanz?

Horlacher: Seit gut 25 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Klangkunst. Bereits im Kindesalter versuchte ich in Vinylschallplatten Kratzer zu machen, um an der richtigen Stelle, durch Springen der Nadel, „Loops“ zu erzeugen. Mit etwa 17 Jahren kaufte ich mir dann meinen ersten Synthesizer. Nach mehreren verschiedenen Studioprojekten mit jeweils anderen Künstlernamen entschloss ich mich 2006 für das Projekt Eisentanz.

rottenplaces: Welchen Musikrichtungen siehst du Eisentanz zugehörig, welche Botschaft möchtest du mit Eisentanz transportieren und wer inspiriert dich bei deiner Musik?

Horlacher: Mich inspiriert alles, was irgendwie klingt. In meiner Kindheit hörte ich von Chuck Berry, Bill Haley, den Beatles und Pink Floyd über AC/DC bis ABBA alles, was mir in die Finger kam. In meiner frühen Jugend dominierte dann alles von Jean Michel Jarre, Kraftwerk, Italo-Disco, Acid und Chicago House. Als ich dann aber mit etwa 15 Jahren den Sound der Gothic-, EBM- und Industrial-Szene entdeckte, war es um mich geschehen. Front 242, Dead Can Dance, die Einstürzenden Neubauten und Skinny Puppy haben mir gezeigt, welche akustischen Ereignisse ich gesucht hatte. Meine Botschaft ist ganz klar: Alles ist Klang. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

rottenplaces: Du baust die Instrumente, die du für deine Klangstücke und Live-Performances benötigst, selbst. Woran orientierst du dich und woher nimmst du die Ideen?

Horlacher: Da ich seit Anfang an meine Sounds in den Synthesizern stets selber programmierte, und sehr bald mit Mikrofon und Sampler arbeitete, machte ich viele Experimente und zeichnete alles auf. Ich bearbeitete die Aufnahmen im Sampler und entdeckte so ein breites Spektrum in den Klängen. All diese Aufnahmen wollte ich auf die Bühne bringen, diese aber nicht bloß aus der Retorte abspielen. So baute ich Instrumente, versah sie mit Mikrofonen und spiele die auf der Bühne live zu meinen im Tonstudio vorproduzierten Tonspuren.

rottenplaces: Mit deinen Werkzeugen oder Elementen in deiner Umgebung produzierst zu Samples, die neben Synthieflächen ein Hauptbestandteil eines Tracks sind. Hast du im Vorfeld eine gewisse Base, um die du die Klänge aufbaust, oder puzzelst du im Studio frei herum, bis ein Grundgerüst für einen Track steht?

Horlacher: Ich experimentiere immer herum, bis sich etwas heraus kristallisiert. So ist die Entstehung von jedem Track völlig anders.

rottenplaces: Thema Audio-Sampling: In Deutschand gab es einen viele Jahre andauernden juristischen Streit um eine zwei Sekunden lange Rhythmussequenz der Band Kraftwerk, das der Musiker und Produzent Pelham ungefragt als Loop für ein Musikstück nutzte. Das Verfassungsgericht urteilte jetzt zugunsten von Pelham.Wie ist deine Meinung zum Thema? Künstler-Samples als Selbstbedienungsladen oder bitte vor Nutzung auf offiziellem Wege anfragen?

Horlacher: Als Künstler ist für mich die Sache klar. Ich mache meine Kunst selber. Und wenn nicht, würde ich vor der Veröffentlichung nachfragen. Erst recht dann, wenn der Erkennungswert vorhanden ist. Dass heute viele auf andere Künstler zugreifen, stellt für mich kein Problem dar. Aber wenn sich dann der Urheber darüber beklagt, vor Gericht zu gehen, anstatt den Song vom Verkauf zu nehmen, oder Tantiemen zu zahlen finde ich fragwürdig. Zudem gibt es genügend Werke im Public Domain (PD), von welchen die Urheberrechte abgelaufen sind.

rottenplaces: Als Klangkünstler nutzt du bei Shows nicht nur spezielle Klangwerkzeuge auf der Bühne, sondern auch Akustik am eigenen Körper. Wie kann man sich das vorstellen?

Horlacher: Ich habe an Armen und Beinen zwei Platten und zwei Winkelprofile aus Metall und Aluminium befestigt und diese je mit einem Mikrofon bestückt. Die vier Tonsignale schleife ich dann durch verschiedene Effekte, um einen Klang zu formen. Das Spiel auf diesen Eisenteilen ähnelt einem Tanz. So wurde dieses Instrument zu meinem Markenzeichen als Eisentanz.

rottenplaces: Wie hat sich Eisentanz in den vergangenen Jahren bis zum aktuellen Album „Pulsate“ musikalisch entwickelt? Würdest du unterschreiben, dass der Sound kraftvoller und experimenteller geworden ist?

Horlacher: Kraftvoller ja, experimenteller nicht unbedingt. Es ist nicht einfach, nach über 25 Jahren experimentieren noch jungfräulich an die Arbeit zu gehen. Durch die enorme Entwicklung der Studiotechnik, und dem über Jahre gesammelten „Know-how“ klingen meine heutigen Tracks sicher kraftvoller als früher. Die Tracks sind auch strukturierter, was ich aber nicht unbedingt als erstrebenswert erachte, sofern es sich nicht um Popproduktionen handelt. Ich mag Songs, welche unvorhersehbar sind, in welchen ich beim Hören immer wieder Neues entdecken kann.

rottenplaces: Du hast im Rahmen deiner Shows schon viele Ort auf der Welt bereist, warst z.B. in Russland, Japan oder den USA. Gibt es einen Ort oder eine Show die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Horlacher: Shows sind meistens unvergesslich. Aber die Konzerte in Delhi und Bangalore waren wirklich sehr speziell. Ich wusste nicht, dass es in Indien eine Szene für experimentelle elektronische Klangkunst gibt (ausgenommen vielleicht GOA). Ich spielte da eine Dark-Ambient-Show und vertonte live einen Schwarz-weiss Stummfilm aus dem Jahr 1928. Indien ist bekannt für moderne Bollywood-Filme und farbenfrohe Freude. Dass sich das Publikum auch für z. T. düstere Tracks, und alte europäische Stummfilme begeistern ließ, war wirklich toll.

rottenplaces: Jede Show spielst du live – akustisch wie visuell. Der Zuschauer bekommt also keine fertige Konserve von der Festplatte präsentiert. Hattest du diesen Anspruch schon immer?

Horlacher: Das stimmt so nicht ganz. Wie oben erwähnt, spiele ich zu einem vorproduzierten Track. Das heißt, ich spiele zu Klängen, welche ich nicht auf der Bühne produzieren kann. Aber alles was ich spiele, ist 100 Prozent live, was das Publikum auch gut sehen kann. Ich demonstriere sozusagen meine Instrumente auf der Bühne, zur Musik, welche ich im Studio komponiert habe. Zum Teil erscheine ich in den Visuals mit den Klängen, welche ich z. B. in einem Kieswerk aufgenommen habe. Diese spiele ich dann synchron auf der Leinwand zum Song. Ich möchte keine Live-Show machen, um mich hinter einem Laptop zu verstecken. Ich habe zwar Laptops auf der Bühne, welche als meine Mischpulte fungieren, und die Visuals synchronisieren. Die stehen aber im Hintergrund.

rottenplaces: Was hat Eisentanz in naher Zukunft musikalisch und/oder showtechnisch geplant, worauf dürfen sich Fans und Freunde freuen?

Horlacher: Nach der Veröffentlichung von „Meson“ auf dem Eisentanz USB-Armband, und „Pulsate“ auf 12″ Vinylschallplatte, wird in absehbarer Zeit wieder eine CD erscheinen. Auf der Bühne möchte ich sicher noch weitere Schwarz-Weiß-Stummfilme vertonen, und bin natürlich immer auf der Suche nach neuen Instrumenten. Ebenfalls experimentiere ich seit drei Jahren mit dem Controller von Reactable herum, mit welchem ich nun auch Live auftrete. Alles in allem bleibt es also spannend.

Informationen zum Künstler und feine Musik unter www.eisentanz.com

Wir danken Jean-Claude Horlacher für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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