Nachgefragt bei: Holger Bär

Fotos jenseits des Gewöhnlichen – so betitelt Holger Bär seine Webseite www.visual-dreams.de und verspricht damit wahrlich nicht zu viel. Ob People- oder Naturfotografie, Lightpainting, Geocaching oder Urban Exploration, die Interessengebiete von ihm sind vielfältig. Gerade dem Urban Exploring widmet der leidenschaftliche Fotograf eine beachtliche Rubrik mit altbekannten, verlassenen Orten und Gebäuden aber auch mit kleinen „Geheimtipps“. Neben kurzen Dialogen fällt das Augenmerk gleich auf die massigen Bilder, die er zu jedem Artikel zeigt. Die gefertigten und aufbereiteten Fotografien können nicht nur im Netz – sauber sortiert und beispielhaft präsentiert – bewundert werden, man kann manche auch käuflich erwerben – z. B. als Foto, Poster oder aber als Wandkalender. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Holger, was ist für dich der Reiz an vergessenen und/oder verfallenen Orten und Gebäuden?

Bär: Der Reiz ist seit meiner Kindheit da. Damals überwiegend aus Neugier und auf der Suche nach Abenteuern. Mich haben alte Gebäude schon immer angezogen. Mittlerweile bin ich natürlich älter und so was von vernünftig geworden. Einen von mir erstellten Kalender habe ich „Die Faszination des Vergessenen“ betitelt. Der Reiz ist für mich wirklich die Faszination, die von diesen alten, für viele in Vergessenheit geratenen Gebäuden ausgeht. Mich beeindruckt es immer wieder, wie diese oft als leblos bezeichneten Objekte es ganz und gar nicht sind. Wenn langsam aber sicher die Natur wieder die Herrschaft über die Location übernimmt und sie dadurch einen völlig neuen Charakter erhält. Die Rückkehr der Natur- und Pflanzenwelt an oftmals unwirklichen und lebensfeindlichen Orten, aber auch die Geräusche die diese Plätze wiederbeleben sind etwas Besonderes für mich. Wenn Licht durch Fenster und Ritzen seinen Weg ins Innere findet, geheimnisvolle Schatten die Räume beleben, oder Staub sich auf hinterlassene Gegenstände legt. Dies sind Momente, die mich jedes Mal aufs Neue in ihren Bann ziehen. Man merkt sicher, dass ich hier ins schwärmen komme.

Sehr reizvoll finde ich auch schöne alte Architektur oder Gegenstände, die zurückgelassen wurden. Teilweise ist es so, dass ich schon etwas über die Location erfahren habe und dadurch diese Geschichte live und in Farbe erleben kann. Nicht selten überkommt mich das Gefühl einer Zeitreise. Ich stelle mir gerne vor, wie Menschen hier gelebt und gearbeitet haben, wo ich jetzt mit der Kamera umherstreife. Des Öfteren versuche ich mich in die Zeit hinein zu versetzen, als die Räume mit Leben gefüllt waren. Das Erforschen der Gebäude, nicht zu wissen was einen hinter nächsten Tür oder Ecke erwartet, ist wirklich immer wieder reizvoll.

Vielleicht ist es auch etwas die „Flucht“ aus dem Alltag, der oft genug hektisch, laut und in sehr engen Bahnen verläuft. Sich in alten, meist menschenleeren Gebäuden zu bewegen, kann eine Vielzahl dieser Faktoren minimieren.

rottenplaces: Du bezeichnest dich selbst auch als Urban Explorer. Besuchst du deine ausgewählten Objekte nur um sie zu erkunden und fotografisch „abzulichten“, oder steckt ein tieferer Gedanke dahinter?

Bär: Bei mir dominiert ganz klar die Suche nach reizvollen Motiven. Ich halte das Gesehene in Bildern fest, bei denen mir persönlich der künstlerische Aspekt, klar vor dem dokumentarischen steht. Somit könnte man auch sagen, dass ich den Urgedanken, nämlich das Erkunden, nicht an erster Stelle setze. Ich gehe häufig den umgekehrten Weg und recherchiere bei interessanten Objekten im Nachhinein intensiver. Das auf meiner Webseite meist wenig Informationen zu den gezeigten Objekten zu finden sind hat nur den Grund, diese dadurch zu schützen. Es bedeutet aber nicht, dass ich nicht über mehr Hintergrundwissen verfüge.

Außerdem gefällt mir der Gedanke, diesen Locations dadurch auf meine Weise noch einmal dadurch Respekt zu zollen. Viele von ihnen werden nicht mehr lange existieren und so bleiben, wenn auch nur durch Bilddokumente, kleine Stücke davon erhalten.

rottenplaces: Auf deiner Webseite findet der Betrachter stumme Zeugen längst vergangener Zeiten. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt, als du mit dem Hobby Urban Exploration begonnen hast – welches war das – und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Bär: Mein erstes Objekt war eine alte Ziegelei, ca. 100 Meter von meinem Elternhaus entfernt. Allerdings nannte ich es damals noch nicht Hobby und schon gar nicht Urban Exploration. Trotzdem habe ich hier wohl Blut geleckt. Manchmal geht es mir heute sogar noch so, dass ich an manchen Plätzen eine Art Déjà-vu erlebe, welches mich an diese alte Ziegelei erinnert und Kindheitserinnerungen wach werden lässt. Dann gab es eine Zeit, in der ich durch mein anderes Hobby Geocaching viel in Lost Places unterwegs war. Damals habe ich schon alles fotografiert, oder sagen wir besser geknipst. Mein erstes verlassenes Gebäude, welches ich nur wegen Fotos besucht habe, war ein altes Kalkwerk. Ab diesem Zeitpunkt habe fing ich damit an Urban Exploring so zu betreiben, wie ich es bis heute tue.

rottenplaces: Wie wählst du deine Locations aus, die von dir angesteuert werden und warum?

Bär: Neuzeitliche verlassene Lost Places sagen mir meist nicht so zu. Zwar kann auch hier das ein oder andere interessante Objekt dabei sein, aber im Grunde genommen bin ich auf der Suche nach architektonisch schönen Häusern und Industrieanlagen, die von sich aus eine Geschichte erzählen. Am liebsten noch in einem Zustand, bei dem die Natur schon wieder Einzug genommen hat. Ich mag sehr gerne verwinkelte und verspielte Lost Places, die trotz ihres Verfalls immer noch eine Ausstrahlung und nichts an ihren Charme verloren haben. Wenn dann diese Gebäude dann noch verschiedene Gegenstände beinhalten, kann man mich echt strahlen sehen.

Eine Auswahl geschieht meist nach Auswertung von vorhandenen Infos, aber auch durch Zufall. Teilweise sieht man Fotos oder hört Geschichten. Dann wird versucht an weitere Infos zu kommen, oder es eben auf gut Glück versucht.

rottenplaces: Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, einige suchen ausschließlich Details, andere dokumentieren jeden Winkel einer Location. Wie ist deine Herangehensweise wenn du auf Fototour bist und warum?

Bär: Meist verschaffe ich mir von der Location erst einen groben Überblick, bevor ich überhaupt mit dem Fotografieren beginne, da meine Priorität auf für mich lohnenswerte Fotomotive gerichtet ist. Ich versuche den Ort mit offenen Sinnen zu erkunden und ganz wichtig, auch mal inne zu halten und nicht von Motiv zu Motiv zu hetzen. Hierbei entwickeln sich schon gewisse Vorstellungen, wie ich ein Motiv in Szene setzen möchte, sozusagen schon ein inneres Bild vor Augen. Ich verändere oft den Blickwinkel, schaue auf Licht, Schatten, Staub und was die Natur und die Zeit mit dieser Location angestellt hat. So ergeben sich eine Vielzahl an Fotomotiven. Bei vielen meiner Fotos möchte ich eine gewisse Stimmung transportieren oder eine kleine Geschichte damit erzählen. Wenn sich das Kopfkino beim Betrachter einschaltet, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Ich bin auf meinen Fototouren nicht auf der Suche nach dem perfekten Foto. Perfekt, was ist das überhaupt? Ich lasse dem Ort die Chance, mir seine Besonderheiten selbst zu zeigen. Wenn man sich wirklich etwas Zeit nimmt und genauer mit allen Sinnen umherwandert, wird man überrascht sein, was sich alles entdecken lässt. Beim Fotografieren beschränken sich Viele meist auf das Sehen. Man kann aber auch z. B. riechen, fühlen, hören. Auch solche Eindrücke kann man in Fotos weitergeben, wenn man sich nur etwas Gedanken darüber macht. Bei meinen Fotos sind sowohl Weitwinkel-, als auch Detailaufnahmen zu finden. Je nachdem was ich auf dem Bild zeigen und vermitteln will, wähle ich das dafür Geeignete aus.

rottenplaces: Welche Kamera(s) setzt du auf deinen Fototouren ein und was für ein Equipment wird von dir gerne bevorzugt?

Bär: Ich muss zugeben, dass ich bei meiner Ausrüstung sehr leidensfähig bin. Damit meine ich, dass ich immer recht viel Gepäck dabei habe. Als Kamera benutze ich die Nikon D300, meist mit einem Weitwinkelobjektiv 10-24mm oder einer 50-mm-Linse. Die Wahl des Equipments hat für mich zum Großteil praktische Gründe. Wichtig ist mir das eine Kamera Einiges ab kann, da es für mich ein Werkzeug ist und das möchte ich auch benutzen. Die Marke ist eigentlich völlig egal, Hauptsache man kann sie bedienen, man fühlt sich damit wohl und sie erfüllt die eigenen Anforderungen. Man sollte immer bedenken, dass eine hochpreisige Ausrüstung noch lange keine guten Fotos garantiert.

Des Weiteren habe ich immer ein Stativ, Fernauslöser und mehrere Taschenlampen dabei. Diese Taschenlampen setze ich häufig gezielt ein, wenn das natürliche Licht nicht ausreicht. Oft arbeite ich damit bestimmte Objekte heraus, auf denen das Augenmerk liegen soll. Available light ist mir aber dennoch am liebsten, außer ich bin auf LightArt Fototour. Natürlich fehlt bei mir auch nicht die nötige Schutzausrüstung. Von Atemschutzmasken, Handschuhen bis zum Helm habe ich je nach Location das Nötige dabei. Ich bearbeite meine Fotos immer nach. Dazu verwende ich verschiedene Techniken. Teilweise mache ich auch Belichtungsreihen. Außerdem fotografiere ich immer im Rohformat (RAW), damit mir bei der Bearbeitung möglichst viele Möglichkeiten offenbleiben.

rottenplaces: Fotografen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die verfallenen Gebäuden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund für die Zerstörung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigentümer und harte Strafen für Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Bär: Ich kann Vorgehensweise der Eigentümer voll verstehen. Was gibt anderen das Recht fremdes Eigentum zu zerstören oder zu stehlen? Wenn man sich an solchen Orten aufhält, dann sollte man respektvoll damit umgehen. Eure UAV – URBEXERS AGAINST VANDALISM Kampagne unterstütze ich voll und ganz. Der Spruch „Mache nichts als Fotos, hinterlasse nur deine Fußabdrücke.“ sollte wirklich ernst genommen werden. Das Ganze fängt aber auch schon mit dem verantwortungsvollen Umgang und dem Weitergeben von Standorten an. Hier sollte man sich genau überlegen, was man tut. Wenn ich z. B. auf Fotos des Fragenden den Eindruck habe, sein liebstes Hobby ist eigentlich Dekorateur, dann werde ich es tunlichst unterlassen, ihm irgendwelche Infos mitzuteilen.

Am Besten ist es, bei sich selber anzufangen. Ich bewege mich in Gebäuden so, dass man eigentlich nicht merken sollte, dass ich jemals dort war. Wenn etwas zu ist, ist es zu und etwas mitzunehmen oder zu zerstören geht schon einmal gar nicht.

rottenplaces: Ein weiteres Hobby von dir ist Geocaching. Du betreibst unter anderem das Portal www.geocaching-franken.de und hast dir etwas Besonderes – auch speziell was Lost-Place-Caches angeht – zum Thema Vandalismus beim Geocaching einfallen lassen. Die Aktion „Geocacher against Vandalism“ ist eine Onlinekampagne, bei der man aktiv mitwirken kann. Was hat es damit auf sich?

Bär: Das Hobby Geocaching betreibe ich schon seit ca. 8 Jahren. Es ist für mich eben eine andere Freizeitbeschäftigung, die ich auch gerne ausführe. Die Kampagne Geocacher against Vandalism ist natürlich sehr stark an eure UAV Kampagne angelehnt. Im Grunde genommen verfolgt sie die gleichen Ziele. Zusammengefasst, den respektvollen Umgang mit Lost Places und der Natur. In der Urbex Szene kommt es immer wieder vor das über Geocacher hergezogen wird. Manchmal kommt es mir aber so vor, als ob nur versucht wird einen Sündenbock zu suchen. Leider gibt es sowohl bei den Geocachern als auch bei den Urbexern Leute, die einfach nicht auf solche Plätze losgelassen werden sollten. Dies lässt sich nicht wegdiskutieren und deswegen sollte man bei sich und in den eigenen Reihen dafür sorgen, dass dieser Anteil möglichst gering bleibt.

Ich denke die Kampagnen sind leider aus dem Grund entstanden, um Schadensbegrenzung durchzuführen und für Aufklärung zu sorgen. Jeder von uns weiß, dass das gegenseitige Beschimpfen und Schuldzuweisungen nichts an der jetzigen Lage ändern wird. Dennoch hilft es, wenn jeder selber anfängt, sich verantwortungsvoll zu verhalten, egal ob Geocacher oder Urbexer. Was allen aber bewusst sein sollte ist die Tatsache, dass die Locations weder den Urbexern oder Geocachern gehören. Wir sind alle dort nur zu Gast und sollten uns deshalb auch entsprechend verhalten.

rottenplaces: Du hast auf deinen Fototouren zu verlassenen Orten und Gebäuden bereits viel gesehen und erlebt. Gibt eine Location – wo auch immer – die du gerne einmal aufsuchen würdest, oder bleibst du bei einem „Liebling“, der immer wieder besucht wird?

Bär: Ich bin offen für Neues … Altes. Natürlich gibt es Orte, die ich wirklich noch gerne sehen möchte, dennoch kann ich hier nicht von irgendeinem Favoriten sprechen. Ich finde ja die Vielfalt macht unser Hobby so interessant. Zwar habe ich manche Location schon öfters einen Besuch abgestattet, dies aber eher aus den verschiedensten Gründen und Projekten (Fotoshootings, Videodreh, LightArt etc.). Nur einen Lost Place habe ich aus geschichtlichem Interesse schon mehrfach besucht. Dort habe ich bisher immer das Gefühl, Geschichte hautnah zu erleben.

rottenplaces: Was gibt es demnächst von Holger Bär zu lesen, sehen oder hören, bzw. wie lauten deine Zukunftspläne?

Bär: Ich hoffe natürlich weiterhin neue und interessante Fotos liefern zu können, außerdem spiele ich seit geraumer Zeit mit dem Gedanken eine Ausstellung zu machen. Auch möchte ich in diesem Jahr wieder mehr auf dem Gebiet LightArt/LAPP aktiv sein und dies evtl. mit Peopleshootings und Urbex kombinieren.

Wir danken Holger Bär für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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