Nachgefragt bei: Henning Bökamp

Henning Bökamp (Bökamp Architekten). Foto: privat

Alte Fabrik, neue Idee. Mitte 2013 erwarb der Architekt Henning Bökamp die einstige Fabrik vom Vorbesitzer. Für den Kauf hatte der neue Eigentümer die „Alte Schokoladenfabrik Bad Oeynhausen GmbH“ gegründet. Zwei Jahre planten die Architekten Bökamp am Konzept zur „Reanimation“ der verfallenen Immobilie. Herausgekommen ist ein beeindruckendes Konzept – das ohne Abbruch auskommt. Ab Anfang 2018 wird ein Ort für Kreativität, Austausch und Kommunikation, ein visionäres Leistungszentrum in der Hauptstadt von Bad Oeynhausen, dem Stadtteil Rehme, entstehen. Das Architekturbüro zeigt mehr als vorbildlich, wie ein solches Projekt gestemmt werden kann. Wir haben bei Henning Bökamp nachgefragt …

rottenplaces: Was begeistert Sie am Gebäude der ehemaligen Schokoladenfabrik Lammert, bzw. warum fiel die Wahl gerade auf diese Immobilie?

Bökamp: Der alte Charme einer verlassenen Arbeitsstätte, der Charakter des Gebäudes. Die Aussage zur Architektur im Zeitgeist der Industriearchitektur des ausklingenden 19. Jahrhunderts und das letzte verbliebene Gebäude in Bad Oeynhausen aus dieser Zeit.

rottenplaces: Altes zu erhalten ist wünschenswert. Gleiches gilt auch für die alte Schokoladenfabrik. Ist eine Sanierung nicht teurer als ein Neubau? Was ist die größte Herausforderung?

Bökamp: Das Gebäude zu sanieren ist teurer als ein Neubau. Nach Kostenberechnung etwa 160 Euro pro Quadratmeter. Allerdings ohne den Charakter des Gebäudes in einem Neubau 1 zu 1 wieder herstellen zu können. Die größte Herausforderung im Ortsteil Rehme (Bad Oeynhausen) an dieser Stelle ein so ambitioniertes Projekt in eine Vermarktung und Finanzierung zu bringen. Das Kleinod in der „Bronx“ als Leuchtturmprojekt für die Zukunft und die Revitalisierung umliegender Brachflächen.

rottenplaces: Sie planen die „Denk- und Energiefabrik“, quasi die neue alte Schokoladenfabrik. Für dieses Konzept haben Sie nach eigenen Angaben mehr als zwei Jahre geplant und kalkuliert. Wie sehen die Pläne für das historisch wertvolle Gebäude im Detail aus?

Bökamp: Es entstehen im Altbau in Summe heutiger Stand fünf autarke Nutzungseinheiten auf gut 1.400 Quadratmeter Nutzflächen. Das Grundstück hat eine Größe von gut 3.000 Quadratmetern gesamt. Zwei separate Neubauten ergänzen das neue Ensemble mit einer zusätzlichen Fläche von gut 400 Quadratmeter. Auf dem Grundstück werden circa 45 Parkplätze für die Nutzungseinheiten direkt auf dem Grundstück angeordnet. In den Nutzungen wird darauf geachtet, dass es Gemeinflächen für Events und externe Anmietungen gibt. Die mehrfache Nutzung von Teilflächen für Mieter und externe Besucher/Gäste ist ein zentraler Ansatz.

Der Altbau wird im Wesentlichen ähnlich einem Denkmal behandelt. Dabei werden die historischen Fensteröffnungen mit der ursprünglichen Fassadengliederung, die Dachform nach den Änderungen der 20/30er Jahren in der Sanierung wieder aufgenommen. Der ganz ursprüngliche Hallenbau mit Ziergiebel aus dem Ursprung von 1913 ist nicht mehr herzustellen, da während des ersten Eingriffs eine Zwischendecke eingezogen wurde und ein Flachdach, statt Satteldach im Teilbereich nach Osten entstand. Dieses Flachdach wird in der Zukunft als Dachterrasse für die Nutzungseinheiten und zum Bespielen für externe Veranstaltungen im Altbau genutzt. Der zentrale Eingang nach Westen und das alte Treppenhaus werden auch in Zukunft wieder die Erschließung der geschossigen Nutzungen ermöglichen. Ein neuer Aufzug ergänzt die Anforderungen an die heutige Zeit.

Das ganze Ensemble wird mindestens im KFW-Standard 100, voraussichtlich KFW Standard 70 hergestellt. Sämtliche Energie wird regenerativ und nachhaltig selbst erzeugt bzw. extern bezogen. Das Gebäude erhält eine Pellet-Anlage und auf vier Dachflächen PV-Elemente. Die Mieter erhalten eine Warmmiete für Strom und Heizung mit einem soliden, gedeckelten Sollverbrauch pro Jahr. Circa 40 Prozent der Wärmelasten werden über Strom abgedeckt.

rottenplaces: Wie waren die Reaktionen der Öffentlichkeit auf diese Pläne?

Bökamp: Grundsätzlich sehr Positive, wobei auch viele ihre Sorgen bezüglich der Finanzierbarkeit äußerten, ihren Respekt vor dem Mut bei dieser Aufgabe zollten. Ursprünglich angestrebt war eine Co-Finanzierung, die bis heute nicht zustande kam. Die Stadt Bad Oeynhausen begrüßt das Projekt im Zuge ihres Stadtentwicklungskonzeptes und stellt die besondere Bedeutung heraus.

rottenplaces: Welche Entwurfshaltung kommt beim Schokoladenfabrik-Konzept in puncto Architektur und Design zum Ausdruck?

Bökamp: Der Charme der alten Industriearchitektur muss erhalten bleiben und gilt bei allen Entscheidungen als Designvorgabe. Die Fassade wird daher von außen nur mit einer 3 cm starke Putzfassade versehen (wie Bestand, nur andere Putzqualität/-zusammensetzung), um den Charakter der Fassade, der Proportionen nicht zu verändern. Innen werden die alten Ziegelwände wieder sichtbar gemacht und optisch als Gestaltungselement für die Nutzungen eingebunden. Der alte Boden bleibt im Wesentlichen erhalten und wird nur beschichtet.

Die ursprünglichen Holzfenster werden durch Alufenster ersetzt, wobei die Proportionen übernommen werden. Die kleinteilige Sprossenaufteilung muss allerdings aus Kostengründen verbleiben. Installationen werden Aufputz/-ziegel geführt bzw. mit Trassen unter der Decke verteilt. Es werden keine abgehängten Decken geplant, mit Ausnahme der WC-Einheiten. Alte Geländer werden soweit möglich aufgearbeitet und wieder verwendet. Der alte Schriftzug am Gebäude wird in aufgearbeiteter Form wieder erstrahlen.

rottenplaces: Wie sollen die Räume, die als Nutzungseinheiten im Gebäude angegeben werden, zukünftig gestaltet/genutzt werden? Was ist möglich, was nicht?

Bökamp: Gewerbliche Nutzungen mit Büros und Einzelhandel, etwa 20 Prozent der Flächen als Gemeinflächen für Eventanmietungen, kleine Kongresse, aber auch private Feste.

rottenplaces: 2018 soll es Neubau-Cubes am Gebäude geben. Was kann man sich darunter vorstellen und welchen Zweck sollen diese erfüllen?

Bökamp: Der kleinere Cube wird nach jetziger Planung ein „Allraum“ mit einer Vollküche und einer Fläche mit gut 70 Sitzplätzen. Er soll mittags unter der Woche zum Ersten als erweiterter Sozialraum für alle Chocolatiers genutzt werden. Voraussichtlich wird der Mieter der Erdgeschossnutzung im Altbau diesen Bereich zu einem erweiterten, temporären Nutzungsbereich zu 50 Prozent anmieten. Und zuletzt soll der Raum extern von der Schokoladenfabrik GmbH für externe Nutzungen vermietet werden können, bzw. es werden dort eigene Events/Veranstaltungen stattfinden. Der Zweite, größere Cube wird in seiner Form gerade noch einmal überarbeitet. Durch Veränderungsanforderungen der jetzigen Mieter sind wir als Architekturbüro in diese Fläche gegangen. Der Raumbedarf für uns liegt bei gut 250 Quadratmeter, voraussichtlich dann aber in der zweigeschossigen Nutzung.

Beide Cubes werden nach heutigem Stand als reine Holzbauten konzipiert. Energetisch nach KFW-55-Standard. Beide Gebäude erhalten nach außen eine sichtbare Holzfassade. Die Fenster werden ebenfalls als Alufenster ausgeführt werden. Energetisch werden die beiden Gebäude technisch an das Hauptgebäude angebunden. Die Dachflächen nach Süden ausgerichtet sollen komplett mit PV-Anlagen belegt werden.

rottenplaces: Welche Nachhaltigkeit verfolgen Sie mit der „Denk- und Energiefabrik“?

Bökamp: Energetisch wollen wir 100 Prozent Fossil freie Nutzungen für den Altbau sowie die beiden Neubauten, also Energieversorgung durch regenerative bzw. nachwachsende Erzeugung erreichen. Wir streben eine möglichst hohe, autarke Eigenversorgerbilanz an. Die Zukunft und letztlich die Menschen vor Ort werden zeigen, in welcher Größenordnung wir unseren Energiebedarf (nur Strom) extern zusätzlich einkaufen. Pellets werden natürlich auch extern eingekauft. Im Augenblick gehen wir davon aus, dass wir 70 Prozent des Energiebedarfs selbst vor Ort erzeugen. Dabei wird ein Überschuss an erzeugten Strom öffentlich eingespeist, ggf. später auch gespeichert.

Carsharing und E-Mobilität vor Ort durch alle Nutzer ist das erklärte Ziel. Ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Stadt eine Haltestelle der ÖVM´s. Durch einen gemeinsamen Sozialraum aller Nutzer an der Schokoladenfabrik streben wir eine gelebte Netzwerkarbeit aller Mitarbeiter und Partner an. Eine gemeinsame Essensauswahl auf 100 Prozent ökologischer Basis (auch Fleisch und Fisch), erzeugt und angerichtet durch einen Mieter vor Ort, soll das Thema gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit stärken, weitere Möglichkeiten anstoßen. Wieder wird es hier auf die Menschen ankommen, inwieweit all diese Voraussetzungen dann auch gemeinsam gelebt werden. Einen Zwang darf und kann es nicht geben. Es soll monatliche/ggf. auch Quartals massige Treffen geben, die gemeinsame Ziele, gemeinsame Veranstaltungen besprechen und planen.

rottenplaces: Bei Umgang mit Altbauten kommt es oft zu Überraschungen, die mit unerwarteten Zusatzkosten verbunden sind. Gab es bei der Schokoladenfabrik-Immobilie so einen Fall? Und wenn ja, wie haben Sie diesen gelöst?

Bökamp: Wir haben mit unserem Know-how die letzten 2 Jahre versucht, mögliche Überraschungen für die Bauphase auszuschließen und zumindest auf ein Minimum zu beschränken. Herausforderung bei der Bestandsaufnahme war unter anderem, das durch die neue Decke im OG aus den 20/30 er Jahren ein Überzug die Querung von Westen nach Osten im 1. OG vom Treppenhaus für potenzielle Nutzungen/Aufteilungen erschwert.

rottenplaces: In der ehemaligen Schokoladenfabrik haben bereits mehrere Veranstaltungen mit Künstlern stattgefunden. Sind Kunst und Architektur eng miteinander verbunden?

Bökamp: Grundsätzlich ist Architektur erst mal Funktion und Nutzen. Architektur kann aber gewollt oder ungewollt eine Synergie mit der Kunst eingehen. In der Schokoladenfabrik galt und gilt es, ein neues Bewusstsein für den Ort, für das „vergessene“ Gebäude in der Bevölkerung und der Stadt zu formen. Kunst und Veranstaltungen haben den Ort in den letzten Monaten auf eine neue und sehr spannende Art und Weise für alle neugierigen Menschen erlebbar gemacht. Alte Geschichten, Erinnerungen an ehemalige Arbeitsplätze, Besuche konnten so wieder nahe gebracht werden. Der Lost Place findet wieder Erinnerungen und Identifikationen bei den Menschen.

Eine alte Ruine neu inszeniert war und ist natürlich eine traumhafte Symbiose für Kunst, Kultur und Architektur. Das Unvollkommene, morbide in einen neuen Kontext der Gesellschaft des Lebens zu stellen, war das Besondere bei den letzten Veranstaltungen, was jeden auf unterschiedliche Art und Weise in seinen Bann gezogen hat. Diese Spannung auch nach der Sanierung weiter zu versprühen ist die große Herausforderung an uns, vielleicht sogar ein gewünschtes Versprechen.

Mehr Informationen
www.schokoladenfabrik-badoeynhausen.de
www.architekten-boekamp.de

Wir danken Henning Bökamp für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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