Nachgefragt bei: Enno Seifried – Dokumentation „700 km Harz“

Enno Seifried 700 km Harz Portrait. Foto: Enno Seifried

Den Leipziger Enno Seifried mit wenigen Worten zu beschreiben, gestaltet sich so schwierig, wie zu Architektur zu tanzen. Seifried arbeitete bisher als Bühnenbildgestalter, Licht- und Tontechniker, komponierte an verschiedenen Stadt- und Off-Theatern die Theatermusik, wanderte mehrere Monate durch die USA und Mexiko, fuhr mit dem Fahrrad von der Ostsee zum Kap Finisterre, reiste durch Thailand und entlang der Florida Keys, durchlief das Velebitgebirge, die Alpen und wanderte zuletzt durch den Harz – 700 Kilometer – kreuz und quer ohne speziellen Plan und ohne wirkliches Ziel. Klingt erst mal nach purer Entspannung.

Zuvor lieferte der Leipziger, so wirkt es zumindest für Außenstehende, mal eben sechs Dokumentarfilme ab. Neben den drei Filmen rund um die Leipziger „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ legte der Tausendsassa drei weitere zeitgeschichtliche Werke unter dem Namen „Vergessen im Harz“ nach. Man konnte über die Jahre förmlich spüren: Lost Places hatten es Seifried angetan.

Während seiner Harz-Wanderung schlief Seifried unter freiem Himmel oder baute sein Zelt dort auf, wo er sich gerade befand, wenn die Dunkelheit über ihn hereinbrach. Wie es der Zufall nun mal so wollte, hatte der Leipziger neben Schlafsack, Isomatte und Campingkocher auch seine Kameraausrüstung dabei, um „im Nachhinein auch anderen Menschen eines der schönsten und interessantesten Landschaftsgebiete der Bundesrepublik näher zu bringen“, so Seifried.

Den Zuschauer erwartet ein 98-minütiger Dokumentarfilm, mit Einblicken in Seifrieds persönliche Reiseerlebnisse. Es werden Hintergrundinformationen zu landschaftlich besonders reizvollen und historischen Orten vermittelt und Gespräche mit Protagonisten gezeigt, die einen Einblick in die abwechslungsreiche Vielfalt der Harzer Region bieten. Finanziert wurde der Film wieder äußerst erfolgreich durch das Crowdfunding. Die Realisierung von „700 km Harz“ samt aller nötigen finanziellen Mittel hatte der Leipziger selbst getragen und aus vorangegangenen Projekten finanziert. Um den Film zu veröffentlichen und im Kino sowie auf DVD einem breiten Publikum zu präsentieren, nutzte er die Schwarmfinanzierung. Wir haben nachgefragt …

Lager im Harz. Foto: Enno Seifried

rottenplaces: Bisher machte Benno Schmidt alias „Brocken Benno“ von sich reden, wenn es um das Wandern in und um den Harz geht. Wobei „Benno“ mehr als achttausend Mal zu Fuß den Brocken auf Schusters Rappen erklommen hat und das mit spritzigen 86 Jahren. Nun hast du, parallel zu deinen „Vergessen im Harz-Dokumentationen“ den Harz aus einer anderen Perspektive erleben wollen. Du hast deinen Rucksack geschnürt, bist 700 Kilometer durch das höchste Gebirge Deutschlands gewandert, hast unter freiem Himmel geschlafen und alles mit der Kamera eingefangen. Quasi eindrucksvolle Natur pur. Warum?

Seifried: In den Jahren während der Dreharbeiten zu „Vergessen im Harz“ habe ich die Region wirklich lieben und schätzen gelernt. Und tatsächlich war es so, dass ich dem Harz nicht den Rücken kehren wollte, ohne in noch einmal aus einer anderen Perspektive abseits der Lost Place Geschichten kennen zu lernen. Davon abgesehen sind Reisen und Weitwanderungen ohnehin eine Leidenschaft von mir. Ich bin auch schon zu Fuß bis zur weißrussischen Grenze gelaufen oder mit dem Rad zum Kap Finisterre in Spanien gefahren. Draußen unterwegs sein gibt mir einfach unheimlich viel und wenn wir so eine schöne Ecke wie den Harz direkt vor der Haustür haben, warum dann nicht dort Mal den Rucksack packen und die Gegend erkunden.

Das ich die Kamera mitnehme, liegt bei mir ja auch sehr Nahe. Und da es schon eine große Community gibt, die sich auch für dei Lost Place Dokus im Harz interessiert hat, wollte ich auf der Wanderung gerne versuchen alles so gut wie möglich einzufangen, um auch hier im Nachinein interessierte teilhaben zu lassen und den Harz etwas näher zu bringen.

rottenplaces: Du sprichst im Rahmen deiner Crowdfunding-Aktion – mit der du deinen Film finanzieren wolltest, was ja auch mehr als beachtlich funktioniert hat – von besonderen Reiseerlebnissen und Besonderheiten auf deiner Wanderung. Erzähl unseren Leser*innen doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen.

Seifried: Natürlich kann diese Frage der Film am besten beantworten. Ich habe einfach wirklich unglaublich beeindruckende Orte entdeckt, die mich wirklich fasziniert haben. Viele Orte und landschaftliche Besonderheiten, von denen ich bis zu meiner Wanderung noch nie etwas gehört hatte. Neben den visuellen Eindrücken ist es aber der Alltag bei so einer Tour, der mich besonders reizt. Morgens noch nicht zu wissen, wo ich am Abend schlafen werde und was ich am Tag so alles sehen und hören werde. Dieses ungewisse Gefühl vermittelt eine unglaubliche Freiheit. Man beschränkt sich nur auf das Nötigste, stellt fest, dass alles was man eigentlich zum Leben braucht, in einen Rucksack passt und genießt einfach nur den kompromisslosen Alltag eines Wanderers.

rottenplaces: Jetzt fragt sich jeder aus den „neumodernen“ Videokanälen des World Wide Web – unter allen selbst ernannten „YouTube-Survival-Experten“ – was um aller Welt sich der Dokumentarfilmer Seifried, dessen Hauptaugenmerk bisher abseits der Touristenpfade im Harz (Lost Places; Anm. d Red.) lag, mit seinem neuen Projekt bewirken wollte? Vor einer Antwort sollte man Kritikern sagen, dass du nicht nur oberflächlich den Harz durchquert hast, sondern auch lange vor diesem Abenteuer einst bis zur weißrussischen Grenze gelaufen, mehr als 18.000 Kilometer durch die USA zurückgelegt, das Velebitgebirge in Kroatien und die Alpen überquert hast, sowie nach eigenen Angaben 3.000 Kilometer von der Ostsee bis zum Kap Finisterre im Nordwesten Spaniens geradelt bist. Worauf können sich Harz-Fans und vor allem Einheimische freuen?

Pause im Nachtlager. Foto: Enno Seifried.

Seifried: Auf jeden Fall liegt es mir fern, mich mit dem Projekt in die Riege der selbst ernannten Survival Experten einreihen zu wollen. Da gibt es für mich ohnehin nur einen, dem wirklich mein ganzer Respekt im Bezug auf dieses Thema gilt. An der Stelle verneige ich mich vor Rüdiger Nehberg! Ich bin ja auch nicht nur mit Badehose und Messer losgezogen und habe tote Ratten von der Straße gekratzt, um sie später über dem Feuer zur Nahrung zu grillen. Also mit Survival hatte das weniger zu tun. Ich weiß schon wie man ein Feuer ohne Feuerzeug macht, oder sich auch ohne Schlafsack in der Nacht warm halten kann. Ich habe in den Alpen im Winter auch schon bei minus 20 Grad im Freien geschlafen, aber darauf lag bei der Tour durch den Harz nicht mein Augenmerk.

Ich wollte genießen und nicht überleben. Auch den Film bin ich ganz locker angegangen. Ich hatte während der Wanderung kein Konzept für den Film oder habe mir Gedanken darüber gemacht, wie der Film später werden soll. Im Gegenteil, ich habe einfach drauf los gedreht, mit der Kamera geredet und wollte abwarten, ob sich im Nachhinein überhaupt ein Film daraus machen lässt. Als ich dann einen groben Schnitt fertig hatte, habe ich mein Filmteam und Freunde gefragt, was sie davon halten. Sie haben es sich angesehen und mich bestärkt das raus zu bringen. Freuen kann man sich nun auf 100% Harz. Muss aber damit klar kommen, dass ich immer wieder durchs Bild schleiche und Dinge von meiner Tour und dem Erlebten erzähle.

Filmplakat „700km Harz“

rottenplaces: Jedem, der die Harzregion nur vom Hörensagen oder nur sporadisch kennt – gerade was den Niedergang einstiger stark frequentierter Urlaubsorte, touristischer Entwicklungen nach der Wende und dem nicht zu ignorierenden Problem der Demografie betrifft – wie waren deine persönlichen Erfahrungen mit Protagonisten oder Gesprächspartner im Allgemeinen?

Seifried: Also ich muss sagen auf der Tour habe ich kaum Menschen getroffen. Außer an den touristischen Highlights ist auf den Harzer Wanderwegen wirklich nichts los. Da kann man tagelang laufen, ohne auch nur eine einzige Person zu sehen. Ich muss auch zugeben, dass ich das sehr genossen habe. Ich bin gerne alleine unterwegs und mit mir und meinen Gedanken ungestört. Natürlich schätze ich es auch sehr, mit Freunden und Menschen die ich mag, solche Touren zu planen, aber hin und wieder alleine sein tut einfach gut. Für den Film habe ich mich allerdings bewusst mit ein paar Menschen getroffen, die über ihre Rolle im Harz, ihre Leidenschaft oder Berufung sprechen und somit ein paar sehenswerte Orte dem Zuschauer gezielt näher bringen. Auch das war mir in erster Linie nicht nur für einen Film wichtig, sondern stillte mein eigenes Interesse an der Region und zu dem ein oder anderem Ort, von dem ich in den Jahren davor nur gehört ihn aber nie besucht hatte.

rottenplaces: Deine Unterstützer – heute sagt man in Zeiten der sozialen Medien „Fans“ waren von deinen zurückliegenden Filmen zu Recht überzeugt, begeistert und haben selbigen aus naheliegendem Grund unterstützt. Gleichzeitig fragen sich jene, wohin es den Dokumentarfilmer Seifried und sein Team nach dem Harz-Triple bezüglich „Vergessen im Harz“ verschlägt. Wir wissen es bereits. Möchtest du den Leser*innen verraten, was als Nächstes kommt?

Seifried: Mit euch habe ich ja wirklich schon Mal darüber gesprochen. Das Projekt, von dem ihr wisst, ist nur vorerst auf Eis gelegt, da ich mir im Januar erstmal ein paar schöne Wochen in Myanmar gönne und dann einen Auftrag für eine Musikkomposition am Theater habe. Aber ich bleibe dran und das Projekt wird früher oder später sicher auch umgesetzt. Allerdings weiß ich derzeit gar nicht was als Nächstes kommen wird. Dem Dokumentarfilm bliebe ich sicher treu, da mir das wirklich unheimlich Spaß macht. Ob es allerdings wieder zurück zu den Lost Places geht, oder erst mal ein weiterer Reisebericht folgt, das weiß ich derzeit selber nicht so recht. Ich muss zugeben, dass mich „700km Harz“ ganz schöne getriggert hat, auch in der Richtung weiter zu machen und neben den Lost Places andere Dinge durch die Kamera zu betrachten.

An dieser Stelle möchte ich mich auf jeden Fall auch noch mal ganz herzlich bei meinen Unterstützern bedanken, die auch diesmal wieder dafür gesorgt haben, dass der Film und das Projekt ein voller Erfolg geworden ist. Wirklich, ich bin unheimlich dankbar dafür, dass es so viele Menschen gibt, die nun schon seit Jahren auf meine Arbeit schauen und immer wieder bemüht sind mich zu unterstützten. Das ist für mich keine Normalität und ich bin bei jeden neuem Projekt gespannt, wie es laufen wird. Besonders bei meinem letzten Film war ich natürlich gespannt, wie die Community das aufnimmt, wenn es plötzlich Mal nicht um Lost Places, sondern um Enno mit Rucksack in Harzer Wälder geht. Um so glücklicher bin ich, dass auch das so begeistert aufgenommen wurde. Vielen Dank an dieser Stelle an jeden Einzelnen!

Wir danken Enno Seifried für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz

Mehr Informationen und Bestellmöglichkeit der DVD unter www.ennoseifried.de

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