Nachgefragt bei: Enno Seifried zu „Vergessen im Harz 3“

Enno Seifried. Foto: Mine Seumel.

Am 25. Mai 2018 feiert „Vergessen im Harz III“ aus der Dokumentarfilmreihe „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ Premiere in der ehemaligen Nationalpolitischen Lehranstalt (NAPOLA) in Ballenstedt. Mit dem aktuellen Teil endet die Harz-Trilogie. Zwei Jahre mussten die Fans und Unterstützer auf dieses Highlight warten. Wir haben mit dem Leipziger Filmemacher und Regisseur Enno Seifried über den neuen Teil, die Finanzierung über Crowdfunding und persönliche Sichtweisen gesprochen.

rottenplaces: Die letzte Filmpremiere zum zweiten Teil von „Vergessen im Harz“ liegt schon wieder zwei Jahre zurück. Fans und Unterstützer eurer Dokumentationen liefen in Erwartung des neuen Teils der Harz-Trilogie im wahrsten Sinne auf dem Zahnfleisch. Warum hat es so lange gedauert?

Seifried: Ursprünglich hatten wir tatsächlich nicht geplant, noch einen dritten Teil der Vergessen-im-Harz-Reihe zu machen. Als ich bei der Premiere von Teil 2 vor dem begeisterndem Publikum in Thale stand und der Applaus einfach nicht aufhören wollte, platze es vor Begeisterung etwas unüberlegt aus mir raus: „Wollt ihr noch einen dritten Teil?“. Wie fast zu erwarten war, lautete die Antwort „Ja“. Auch mein Filmteam wusste bis dahin nichts davon. Auf jeden Fall hatten wir keinen Vorlauf. Sonst hatten wir schon immer etwas vorgearbeitet, wenn wir wussten, dass es eine Fortsetzung geben soll. Somit brauchten wir einfach mehr Zeit.

rottenplaces: Vor Kurzem habt ihr die Katze aus dem Sack gelassen und zur Premiere zu „Vergessen im Harz III“ eingeladen. Wie laufen die Vorbereitungen zwischen Postproduktion und Premierenfeier?

Seifried: Es läuft so weit ganz gut. Die Postproduktion ist abgeschlossen und das DVD-Master ist im Presswerk. Das war schon alles sehr knapp diesmal, da wir noch mit einigen technischen Problemen zu kämpfen hatten. Ähnlich ist das mit den Vorbereitungen zur Filmpremiere. Es ist die größte Veranstaltung, die wir bisher geplant haben und auch das gestaltet sich nicht alles ganz einfach. Aber ich bin mir sicher, dass davon am 25. Mai keiner etwas merken wird und wir alle gemeinsam eine wunderbare Premiere feiern können.

rottenplaces: Sechs Dokumentarfilme aus der Reihe „Geschichten hinter vergessenen Mauern“, sechs Mal Crowdfunding, sechs Mal Rekordfinanzierung! Habt ihr bisher eigentlich schon einmal in Ruhe realisieren können, was ihr da geschafft habt?

Seifried: Sieben Jahre, sechs Filme. Da wächst man natürlich mit und vergisst manchmal, wie das alles angefangen hat. Wenn ich mir heute überlege, dass das erste Projekt nur ein Freizeitprojekt war, von dem niemand wusste, was daraus mal werden wird, ist das schon abgefahren. Hin und wieder sitze ich schon da und denke mir: „Was für ein geiler Scheiß!“ J Und das denke ich bei jeder Crowdfundingaktion und bei jeder Premiere. Wirklich, ich liebe die Arbeit an den Filmen. Und da ist es natürlich auch mega, dass sich ein Publikum findet, welches sich auf das Ergebnis freut und uns unterstützt. Wer hätte vor 7 Jahren gedacht, dass 1.400 Tickets für das Premierenwochenende immer noch zu wenig sind. Wahnsinn. Ich bin stolz auf uns, unsere Unterstützer und Fans.

rottenplaces: Ihr habt euch ja für die Premiere zu „Vergessen im Harz III“ einen besonderen, geschichtsträchtigen Ort ausgesucht – nämlich die frühere NAPOLA und spätere SED-Parteischule in Ballenstedt. Warum fiel eure Wahl gerade auf dieses Objekt, mal abgesehen von der Lage und der fulminanten Aussicht?

Seifried: Die ehemalige NAPOLA in Ballenstedt war einer der ersten Lost Places, die ich mir im Harz angeschaut hatte. Das war noch zu Beginn der Produktion von Teil 1. Schon damals stand ich in dem Raum und hatte die Vision hier einmal eine Filmpremiere zu machen. Zweimal sollte es allerdings nicht sein und wir haben wunderschöne Premieren an anderen sehenswerten Orten gefeiert. Aber für den Abschluss der Trilogie musste es jetzt einfach sein. Der Weg dahin, das zu realisieren war langwierig und steinig, aber mit Ausdauer zum Erfolg war hier der richtige Weg.

rottenplaces: Orte wie der der früheren NAPOLA oder Ähnliche mit einem teilweise düsteren Hintergrund politischer Systeme sind ein sensibles, wenn auch wichtiges Thema. Wie geht ihr an solche Gegebenheiten heran? Genauso wie bei anderen dokumentierten Objekten auch oder mit dem nötigen Fingerspitzengefühl?

Seifried: Ich glaube, das nötige Fingerspitzengefühl gegenüber der Location haben wir in Teil 2 der Reihe gezeigt, als wir die Location behandelt haben und auch einen Zeitzeugen zu Wort kommen ließen, der sehr emotional über seine Zeit als NS-Elite-Schüler in der NAPOLA Ballenstedt berichtete. Heute darf man auch nicht vergessen, dass dieser Ort zu DDR-Zeiten und selbst nach der Wende noch lange Zeit genutzt wurde und verschiedene weniger heute historisch bedeutende Aufgaben erfühlte. Was ich damit sagen möchte, wir behandeln grundsätzlich jeden Ort mit dem nötigen Respekt. Das nötige Fingerspitzengefühl fehlt bei dieser Location an ganz anderer Stelle. Denn es stellt sich die Frage, wie solch ein Gebäudekomplex so sehr vernachlässigt werden kann und vor sich hin gammelt.

Da du übrigens politische Systeme ansprichst, will ich es mir nicht nehmen lassen, an dieser Stelle einen dicken Mittelfinger an jegliches rechtes Gedankengut raus zu schicken. Und wenn wir einmal dabei sind: Ich hab noch eine Hand und einen Mittelfinger frei. Den widme ich der AfD.

rottenplaces: Worauf dürfen sich die Zuschauer im aktuellen Film besonders freuen? Der Trailer verrät ja schon einiges. Plaudere doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen …

Seifried: Du weißt, ungern nehme ich die Dinge vorweg. Auf jeden Fall kann ich sagen, sind in Teil 3 einige der für mich beeindruckendsten Lost-Place-Location der Harzregion vertreten. Es gab einige Orte, bei denen es mir unmöglich war, sie im ersten oder zweiten Teil zu behandeln. Bei den Dreharbeiten zu Teil 3 gab es einige glückliche Fügungen und plötzlich standen im wahrsten Sinne einige Türen offen, die vorher verschlossen schienen. Ich glaube, damit ist Teil 3 auch der abwechslungsreichste Film der Reihe, da wir diesmal vom Militärgelände, über verlassene Schlösser, Kinos, LPGs und Bergwerke alles dabei haben.

rottenplaces: Welcher Ort oder welche Geschichte hat euch im aktuellen Film besonders bewegt? Da gibt es sicherlich das ein oder andere zu erzählen … ?

Seifried: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Für mich ist jedes Treffen mit Zeitzeugen sehr spannend und jedes Gespräch ist auf völlig andere Weise emotional. Aufgrund der unterschiedlichen Locations im Film, fallen natürlich auch die Interviews völlig unterschiedlich aus und jeder hat etwas anderes zu erzählen. Für jeden Einzelnen ist die eigene Erinnerung und Vergangenheit sehr wichtig und die Zeitzeugen verbinden damit teilweise viele Jahre ihres Lebens. Natürlich bleibt einen bei Erinnerungen, wie sie Klaus Kleinau über die Zeit in der ehemaligen NAPOLA erzählt hat, der Kloß im Hals stecken und man bewundert ihn für seine heute so reflektierte Sicht.

Trotzdem hat für mich bei meiner Arbeit der Landarbeiter einer ehemaligen LPG oder die ehemalige Eigentümerfamilie eines heute verlassenen FDGB-Heimes den gleichen Stellenwert und bekommt die gleiche Aufmerksamkeit. Jedes Leben hat den gleichen Wert und jede Lebensgeschichte hat für die Person, die sie erlebt hat, die gleiche Wichtigkeit und ist es wert, erzählt zu werden.

rottenplaces: Entscheider, Experten oder Zeitzeugen vor die Kamera zu bekommen – gerade wenn es um Altimmobilien oder historische Bauwerke geht, ist nicht immer ganz einfach. Es bedarf oftmals einer großen Vertrauensleistung um jene zu bewegen. Welche Erfahrungen habt ihr in den Jahren bei euren Dokumentationen gemacht?

Seifried: Ich muss sagen, dass uns die meisten Menschen sehr offen gegenübertreten. Das liegt sicher nicht zuletzt daran, dass wir mit dem nötigen Respekt, dem nötigem Interesse und auf dankbare Art und Weise auftreten. Wir halten die Treffen immer so persönlich wie möglich und gehen nie mit mehr als zwei Leuten zu einem Interview, um unser Gegenüber nicht zu verschrecken. Wie sagt man so schön: Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus. Wenn man so auf andere Menschen zugeht, ist es oft leichter als erwartet, das nötige Vertrauen aufzubauen. Natürlich wurden auch wir schon abgewiesen. Aber auch das gehört bei dieser Arbeit dazu und an der Stelle geht man den Weg einfach weiter und trifft auf Neues.

rottenplaces: Ihr habt in den Jahren im Rahmen eurer Dokumentationen viel erlebt und gesehen. Verfall in allen Variationen, mangelhafter Umgang mit unserem baulichen Erbe, emotionale Erzählungen von Protagonisten, Vandalismus und diverse Kuriositäten. Wie ist deine Sicht auf das Thema „Umgang mit baulichem Erbe“ im Allgemeinen in der heutigen Zeit?

Seifried: Schwieriges Thema. Ich bin da oftmals hin und her gerissen. Auf der einen Seite denke ich mir manchmal: „Meine Güte, es ist nur ein Gebäude.“ Und an einem anderen Tag empfinde ich völliges Unverständnis für die fehlende Achtung vor unserem baulichen Erbe. Es wird immer viel geschimpft, warum dies oder jenes so vernachlässigt wird. Mittlerweile bin ich an einem Punkt, wo ich den Verfall vieler Gebäude teilweise verstehen kann. Was soll getan werden, wenn finanzielle Mittel und sinnvolle Nutzungskonzepte fehlen.

Die Zeiten haben sich geändert und ändern sich fortlaufend. Die Welt ist im stetigen Wandel. Und wenn wir das große Ganze betrachten, ist jeder Einzelne und sein Schaffen nur ein Fliegenschiss im Laufe von Jahrtausenden Entwicklung. Der Mensch nimmt sich und das, was er erschaffen hat in meinen Augen oft viel zu wichtig. Wenn ich so rede wie jetzt, denke ich: „Bauliches Erbe? Was soll´s, wir haben viel größere Probleme!“. Stell mir Morgen noch einmal die gleiche Frage und ich rege mich wie wild darüber auf, warum ein kleines schickes Gutshaus irgendwo im Nirgendwo verfällt und sich niemand kümmert. Es gibt unzählige Perspektiven und alle sind irgendwie falsch und richtig zugleich. Natürlich könnte man mir die Frage stellen, warum ich dann überhaupt diese Filme mache.

Auf der einen Seite sehe ich sie als wichtiges historisches Zeitdokument, auf der anderen Seite nehme ich das auch nicht zu ernst und weiß, dass die Welt ohne diese Filme auch nichts vermissen würde. Aber in meinem kleinen Universum sind mir die verschiedenen Perspektiven egal. Ich liebe die Arbeit an dem was ich da tue, ich schätze die Begegnungen mit Menschen während der Entstehung eines Films und möchte derzeit nichts anderes machen. Und irgendwie hat meine Leidenschaft wohl etwas mit der Auseinandersetzung mit unserem baulichen Erbe zu tun. Also irgendwie scheint es mir dann doch wichtig zu sein!

rottenplaces: Was ist in Zukunft geplant? Wird es weitere Dokumentarfilme zum Thema „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ geben? Vielleicht sogar „Vergessen in Europa“?

Seifried: Darüber können wir gerne mal unter vier Augen reden. Aber an dieser Stelle, kein Kommentar!

Wir danken Enno Seifried für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für eure Begleitung und Unterstützung seit dem ersten Teil der GESCHICHTEN HINTER VERGESSENEN MAUERN! Auf viele weitere gemeinsame Jahre! 🙂

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