Nachgefragt bei: Enno Seifried

Wenn es am schönsten ist, sollte man aufhören, heißt es so schön. Genauso handhabt es der Leipziger Filmemacher Enno Seifried mit seinen Dokumentationen „Geschichten hinter vergessenen Mauern“. Was 2011 als „Sprung ins kalte Wasser“ startete, entwickelte sich über die Jahre quasi als Selbstläufer. Seifried zog mit einer Vision bewaffnet los, rekrutierte Mitstreiter, investierte eine hohe Summe und machte es sich zur Aufgabe, Lost Places in Leipzig filmisch zu dokumentieren, deren Geschichte aufzuarbeiten und das Ergebnis auf die Kinoleinwand zu bringen. Jetzt, einige Jahre später verabschieden sich Seifried und sein Team mit dem letzten und dritten Teil der Dokureihe. Wir haben nachgefragt…

rottenplaces: Die Crowdfunding-Aktion hat in etwas mehr als 24 Stunden bereits das Ziel erreicht. Was sagst du dazu?

Seifried: Wahnsinn! Viel mehr fällt mir dazu leider nicht ein …

rottenplaces: Hast du nach den Erfolgen in den letzten Jahren heimlich mit so einer Resonanz gerechnet?

Seifried: Ich habe natürlich heimlich auf so eine Resonanz gehofft, aber nicht damit gerechnet. Genau wie bei Teil 2 der Dokfilmreihe hatten wir wieder Angst, die Leute könnten genug haben und wollen so langsam von unserem Projekt nichts mehr wissen. Das wäre insofern tragisch gewesen, da wir uns die doppelte Arbeit gemacht haben und diesmal 180 Minuten geschnittenes Filmmaterial rausbringen. Aber jetzt sind zum wiederholten Male all diese Bedenken egal und wir sind einfach nur dankbar und glücklich, dass die Crowd nach wie vor hinter uns und unserem Projekt steht.

rottenplaces: Blickst du auf mehrere Jahre Produktion und drei Dokumentationen zurück, gab es da einen Moment, der besonders in Erinnerung geblieben ist?

Seifried: Natürlich haben die Dreharbeiten mit dem Team, die Interviewtreffen und das Tüfteln an den Filmen unheimlich Spaß gemacht. Aber als ganz besondere Momente sind mir tatsächlich die Premierentage im Kopf hängen geblieben. Die Aufregung vor der Premiere, die Vorbereitungstage, das erste Mal den Film der Öffentlichkeit präsentieren und mit dem Publikum und unseren Unterstützern das fertige „Produkt“ feiern. Das ist schon der Hammer und ein sehr schönes Gefühl. Auch die Gespräche und Kontakte, die sich daraus ergeben haben. Würde man mich fragen, was ich das nächste Mal anders machen würde, würde ich „Nichts!“ antworten. Und unsere Unterstützer und Fans geben uns das Gefühl, dass genau das der richtige Weg war und ist. Und diese Energie und Bestätigung sind extrem spürbar, wenn man mit dem Publikum zusammen im Saal sitzt und gespannt den Film guckt.

rottenplaces: Wenn du den letzten Teil von „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ in wenigen Worten zusammenfassen müsstest, welche wären das?

Seifried: Abschied (lacht)

rottenplaces: Ein Regisseur ist nur gut, wenn dahinter ein starkes Team steckt. Was sagt Enno Seifried nach dieser langjährigen Zusammenarbeit über sein Team?

Seifried: Ohne Mist, und das soll keine falsche Beweihräucherung des Teams sein. Das Team ist für mich in der Tat das Beste, mit dem ich je zusammengearbeitet hab. Schon viele Jahre bin ich in der Theaterszene unterwegs, wo ich auch Tilo kennengelernt habe und immer wieder haben wir zusammengesessen und gesagt: Es ist ein Traum, wenn man zu 100% mit den Leuten arbeiten kann, mit denen man arbeiten will. Und genau das ist bei dem Filmprojekt der Fall. Wir wissen was wir wollen und wir wollen alle das Gleiche. Wir freuen uns alle wie kleine Kinder, wenn Falk mit der neuen Animation um die Ecke kommt, Patrick uns seine Zeichnungen zeigt, Peter eine neue Szenenmusik präsentiert, Roger der erst in diesem Jahr neu dazu gekommen ist plötzlich Interviewpartner vor die Kamera zaubert an die wir nie gedacht hätten. An der Motivation und den Momenten, wenn wir zusammensitzen, an neuen Ideen feilen und uns vor Lachen kaum noch halten können, wenn wir schlussendlich mit Lars das Projektvideo für die VisionBakery drehen, hat sich einfach nichts geändert. Es ist einfach ein riesen Spaß!

Von dem Projekt abgesehen, sind wir mittlerweile auch privat alle eng befreundet und das hat sich teilweise erst durch das Projekt ergeben. Jeder hat unheimlichen Respekt vor der Arbeit des Anderen. Die meiste Zeit während der Dreharbeiten bin ich mit Susann und Nina J. unterwegs und das fühlt sich nicht an als würden wir irgendetwas „schaffen“. Das ist wie, wenn Freunde zusammen um die Häuser oder in unserem Fall um verlassene Häuser ziehen. Mit Nina F. wohne ich mittlerweile sogar zusammen in einer WG. Ich meine das sagt doch alles … An der Stelle sei dem Team also endlich auch mal gesagt: Ihr seid die GEILSTEN! 🙂

rottenplaces: Bei den Arbeiten zum ersten und zweiten Teil stand das Team oft vor verschlossenen Türen, was beispielsweise Drehgenehmigungen, Interviews, Zeitzeugen usw. angeht. Hat sich diese Situation beim dritten Teil entspannt oder ist die Zurückhaltung der „Verantwortlichen“ nach wie vor präsent gewesen?

Seifried: Ich muss sagen dass hat sich schon bei Teil 2 etwas gelockert. Wir hatten schon etwas vorzuweisen und da fast der ein oder andere dann doch mehr Vertrauen. Bei Teil 3 war es insofern schwieriger, da wir uns diesmal all die Locations vorgenommen haben, für die wir in den ersten beiden Filmen keine Interviewpartner gefunden haben. Aber wie ich vorhin schon erwähnte, war hier die neue Bekanntschaft mit Roger ein wahnsinniges Plus. Er hat es irgendwie geschafft für alle Wunschlocations Leute zu finden und zu motivieren, die uns gerne Rede und Antwort stehen. Nur das hat uns überhaupt erst die Vision ermöglicht den dritten Teil als 180-minüter durchzusetzen.

rottenplaces: Auf welche Lost Places können sich die Unterstützer des Films freuen? Verrate uns doch bitte ein, zwei davon und warum ausgerechnet diese Bestandteil des Films sind.

Seifried: Na toll, so wie ihr fragt, kann man euch die Antwort kaum ausschlagen 🙂 Aber zu viel wird hier trotzdem nicht verraten. Den zweiten Teil hatten wir ja mit dem Kraftwerk Thierbach beendet. So wllten wir auch erstmal südlich von Leipzig weiter machen und haben uns das ehemalige Wasserwerk und die Brikettfabrik vorgenommen … So, mehr verrate ich aber nicht!

rottenplaces: Die Filmpremiere findet im Hauptpostamt 1 statt, warum fiel die Wahl auf dieses Gebäude?

Seifried: Nachdem wir die Premiere letztes Jahr im KultuKino Zwenkau gefeiert haben, wollten wir mit dem letzten Teil der Leipzig-Trilogie zurück in die Stadt, und zwar direkt in die Stadt. Da gibt es natürlich nicht so viele Lost Places, wie in den einzelnen Stadtteilen oder am Stadtrand. Von den wenigen Orten, die also infrage kamen, hat die ehemalige Hauptpost die besten Räumlichlichkeiten um eine Filmpremiere zu veranstalten. Und auch wenn das Gebäude von außen vielleicht nicht den Anschein macht, finde ich die Innenräume sehr beeindruckend. Auch war alles sehr unproblematisch mit dem Eigentümer Jörg Zochert von der KSW, der uns die Räumlichkeiten ohne Bedenken zur Verfügung stellt.

rottenplaces: Die Trilogie ist komplett. Eine Fortsetzung gibt es nicht. Wirklich nicht, oder halten sich die Macher eine kleine Option offen?

Seifried: Nein, eine weitere Fortsetzung der Geschichten hinter vergessenen Mauern aus Leipzig wird es definitiv nicht geben.

rottenplaces: Zurückblickend gefragt, welches Feedback gab und gibt es von den Leipzigern im Allgemeinen auf die Dokumentarfilm-Reihe über ihre Stadt?

Seifried: Schwer zu sagen. Also die Leute mit denen ich bis jetzt gesprochen hab, waren eigentlich begeistert und finden es gut, die Stadt auch mal aus dem Blickwinkel zu sehen. Wobei nicht ganz: Als ich mal in der Videothek meines Vertrauens war, wo die Filme auch im Reagl standen, hörte ich plötzlich, wie sich jemand mächtig aufregte über diese schlechten Filme. Das war sehr lustig, weil ich daneben stand und er es nicht wusste. Das hat sich dann aber schnell aufgeklärt und dann begann ein noch lustigeres Gespräch. Wir hätten das doch so und so machen müssen und andere Kameras hätten wir auch gebraucht. Er würde wohl irgendwie auch „was mit Film“ arbeiten, allerdings vorwiegend in Berlin. Auf die Frage ob er uns vielleicht die „richtige Kamera“ spendieren will und nach seinen bisherigen Filmprojekten war das Gespräch dann irgendwie plötzlich beendet 🙂 Davon aber mal abgesehen, denke ich, findet der Großteil der Leipziger unsere Reihe ganz gut. Zumal es ja auch tatsächlich irgendwie ein zeitgeschichtliches Dokument für die Stadt darstellt.

rottenplaces: Nach dem Projekt ist vor dem Projekt – was gibt es in naher Zukunft von Enno Seifried zu lesen, hören oder sehen?

Seifried: Ich habe mich über ein Jahr lang mit dem Wissen geplagt, dass ich Teil 3 schon angekündigt hatte. Über Projekte zu sprechen, die nicht wirklich stehen rede ich ungern. In der Kneipe am Tresen nach dem fünften Bier mit Visionen um sich zu schmeißen, die man alle verwirklichen will, ist das Eine, darüber nüchtern in der Öffentlichkeit zu reden das Andere 🙂

Wir danken Enno Seifried für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz

Mehr Informationen zum Film und zum Crowdfunding-Projekt unter www.lostplace-dokfilm.de und www.visionbakery.com/ghvm

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