Nachgefragt bei: Dieter Klein

Dieter Klein. Foto: Privat

Die Leidenschaft des Fotografen Dieter Klein für Autowracks begann mit einem alten Citroén-Laster im französischen Aquitaine, der mitten in einem Holunderbusch vor sich hin rostete. Von da an suchte Klein nach weiteren morbiden Motiven fernab der Abwrackprämie, nach vergessenen Fahzeugen auf noch vergesseneren Schrottplätzen in Europa. Schnell wurde seine neue Faszination zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Denn nicht nur der Verfall der zurückgelassenen Automobile schritt ständig voran, auch das Beräumen jener Schrottplätze. Als Ergebnis erschien 2013 „Forest Punk“, mit 105 Fotografien von Plätzen in Deutschland, Belgien, Frankreich und Schweden.

Für den zweiten Teil der „Forest-Punk-Reihe“ verschlug es Klein mehrere Male in die USA, auf den nordamerikanischen Kontinent, wo das automobile Kulturgut vergangener Tage links und rechts des Weges in jedwedem Verwitterungszustand zu finden ist und nicht nur nostalgische Gefühle bei Oldtimer-Fans weckt. Mehrere Reisen, mehrere Wochen und Zehntausende Kilometer: Ausgewählt wurden 400 einzigartige Fotografien, lesenswerte Geschichten und Anekdoten für zwei beeindruckende Bildbände. Wer das erste Buch „Forest Punk“ von Klein kennt, den zieht auch das neue Werk „Forest Punk – The Fabulous Emotion – Retired Automobiles of North America“ sofort in den Bann. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Das letzte Interview mit unserem Magazin ist fast vier Jahre her. Seitdem ist bei Ihnen viel passiert. Jetzt sind Ihre neuen beiden Bildbände erschienen. Wie ist die Resonanz darauf?

Klein: Ich habe inzwischen eine tolle Fangemeinde. Liebhaber von Automobilen leiden sicherlich immer noch ein wenig beim Betrachten meiner Bilder; doch es überwiegt der Anteil positiver Resonanz. Es sind Freunde sowohl von Automobilen als auch Liebhaber von Fotografie. Neben den Büchern präsentiere ich die Bilder auf Ausstellungen und ich biete einen Vortrag über das Projekt an. Auf Oldtimer-Messen meist die 30-Minuten-Version, bei anderen Veranstaltungen erzähle ich 90 Minuten über meine Erlebnisse. Neben der Fotografie sind die Zuhörer schon recht fasziniert von den vielen Geschichten drum herum.

Nach wie vor sehe ich in den Motiven neben den alternden Fahrzeugen, der Geschichte der Mobilität vielmehr den Wandlungsprozess, den die Zeit mit sich bringt. Fahrzeuge an sich sind uns seit Kindesbeinen vertraut. Der Zustand, dass sich die Natur alles zurücknimmt, ist allerdings nicht sichtbar in unserem Alltag. Dieses Fremde mit all seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen macht einen Reiz aus, der zum Schmunzeln wie auch zum Nachdenken führen kann. Die Betrachter staunen und träumen. Die einen würden gerne restaurieren, andere fühlen eine beruhigende Wirkung bei der Stille der Bilder. Und vielleicht träumt so mancher davon, auch solche Reisen zu unternehmen, um in diese sonderbare Welt einzutauchen.

rottenplaces: Für „Forest Punk – The Fabulous Emotion“ waren Sie mehrere Wochen in den Staaten unterwegs. Wie waren Ihre Eindrücke?

Klein: Insgesamt verbrachte ich mit vier Reisen 20 Wochen in den USA. Mit ca. 42.000 Kilometern durchkreuzte ich insgesamt 39 Bundesstaaten. Die Bandbreite an Eindrücken über die unterschiedlichsten Mentalitäten, Landschaften und Städte war gewaltig. Ich habe die scheinbar unendlich langen Straßen durch Wüsten in Kaliforniern, Nevada und Arizona ebenso durchfahren wie die Agrarlandschaften im mittleren Westen mit den Feldern, die sich bis zum Horizont erstrecken. Naturparks wie auch verlassene Städte, Hitze bis 45 Grad und 5 Prozent Luftfeuchtigkeit sowie Wolkenbrüche, die das Ende der Welt vermuten ließen.

1958er Ford 4Door Sedan. Foto: Dieter Klein

Ich befuhr sowohl sechsspurige Autobahnen wie auch meilenlang unbefestigte Straßen (Dirty Roads). Letztere im Zustand, der bisweilen nur maximal 5 km/h erlaubte. Da brauchte ich schon manches Mal mehrere Stunden, um an einen Standort zu gelangen. In Kalifornien habe ich auf diese Weise sowohl die Schönheit des Yoshua-Tree Nationalparks als auch abgelegene Bereiche des Death Valley (National Park) erlebt. Und am Ende solcher Ausflüge wurde ich fast immer mit einem Autowrack belohnt. Mal als Zeugnis der Familiengeschichte auf dem Grundstück ab- bzw. ausgestellt, oder einfach zurückgelassenen in der Ödnis und inzwischen von hunderten Schüssen durchsiebt.

Außer ein paar Moskitostichen und Zeckenbissen hat mich die Fauna zum Glück verschont. Giftige Schlangen oder Skorpione z. B. sind mir nicht begegnet – allerdings häufig Warnschilder. Ich habe mich vor der Reise eingelesen in diese Thematik, um mich entsprechend vorsichtig zu verhalten.

rottenplaces: Ein solches Projekt braucht fähige Leute um einen herum, ein gutes Team. Nach welchen Kriterien haben Sie sich Ihre Unterstützer und Experten zusammengestellt?

Klein: Zur Fotografie: Ich arbeite tatsächlich nicht im Team – ich bin eine One-Man-Show. Aber Unterstützung in Form von Standortinformationen holte ich mir meist online über verschiedene Informanten. Da gibt es inzwischen eine Szene von Gleichgesinnten, die Informationen nur noch teilen, wenn man einander kennt. Denn leider werden Orte nach einer Veröffentlichung oft von vielen Menschen besucht bzw. von einigen heimgesucht. Da gibt es tatsächlich Leute, die nach ihren Fotos die Szene zerstören, damit niemand mehr fotografieren kann. Ziemlich bizarr.

Zur Buchproduktion: Inzwischen bin ich mit dem Produzent Stefan Bernhard befreundet. Wir haben bereits ein Dutzend Bücher vor „Forest Punk“ zusammen produziert. Es wurden gemeinsam alle Aspekte für die Druckvorstufe besprochen, Papier ausgewählt und getestet, Varianten der Papieroberfläche diskutiert. Proofs wurden gedruckt, um optimale Tonwerte und Farbe zu verifizieren. Letztlich habe ich mich für ein glänzendes Papier entschieden, das zusätzlich UV-lackiert wurde, um eine optimale Fotoqualität zu erreichen. Und da meine Daten recht groß sind – ich fotografiere mit einem 80-Megapixel-Rückteil – konnte mit dem Druck im 80er-Raster ein fotorealistischer Druck erreicht werden.

Für die Texte habe ich Christian Vogeler als Autor gewählt. Uns verbindet eine lange berufliche und private Freundschaft. Ich habe ihm alle Freiheiten für die Texte gegeben, wie beim ersten Band auch. Dieses Mal hat er Städte, Landschaften und Geschichten zu Personen nachrecherchiert und Köstlichkeiten herausgefunden, die wunderbar zu den Bildern passen.

rottenplaces: Das aktuelle Fotoprojekt war mit einem enormen Aufwand verbunden. Haben Sie alle Destinationen und Locations zuvor geplant oder haben sich auch spontane Tipps ergeben?

Klein: Ich habe über Bekannte, Verlinkungen auf Netzwerken und durch Internetrecherche viele Orte vor der Reise entdeckt – immer mit dem Risiko, ob die Bilder und Informationen noch aktuell sind. So konnte ich zumindest eine vorläufige Reiseroute planen. Auf der Fahrt ergaben sich dann meist zahlreiche weitere Hinweise. Manchmal waren es Entdeckungen beim Fahren, aber meist Hinweise von Menschen vor Ort. Ich habe an allen möglichen Stellen nach Automobilen gefragt. Beim Bezahlen an der Tankstelle, aber auch im kleinen Supermarkt, bei Werkstätten oder Zubehörshops. Mit ein paar Beispielbildern war sofort klar, worum es mir ging. Oft wurde ich auch angesprochen, was mich in den Ort geführt habe. So begannen häufig nette Gespräche.

Es blieb nicht nur bei der Begeisterung für die Fotos oder einfach nur beim Spaß sich mit jemand aus Deutschland zu unterhalten. Das ein oder andere Mal begleiteten mich Leute ganz spontan, um mir verborgene Stellen zu zeigen. Man erzählte sich Geschichten aus allen Lebensbereichen, aß und trank etwas zusammen – ich habe so viele freundliche Begegnungen gehabt, dass ich allein aus diesem Grund wieder reisen möchte. Einmal z. B. bekam ich einen Tipp über einen großen Platz mit vielleicht 300 Fahrzeugen.

Trotz Beschreibung habe ich die Stelle nicht gefunden, obwohl ich vier Mal hin und her gefahren bin. An der Tankstelle, die mir auch als Markierung benannt wurde, habe ich nach diesem Platz gefragt. Die Dame an der Kasse griff einfach zum Telefon, avisierte einen Fotografen aus Deutschland, schickte mich gerade mal 50 Meter weiter zu einem Tor. Dort wurde ich abgeholt. Das Tor war völlig eingewachsen, deshalb hatte ich vorher nichts erkennen können.

Nach ein paar Minuten kamen zwei Mitarbeiter dieses Schrottplatzes und öffneten mir das Tor. Aus Versicherungsgründen solle ich nicht mit dem Wagen über den Platz fahren, sondern zu Fuß gehen. Wenn ich fertig bin, bitte das Tor schließen und das Schloss wieder verriegeln. Viel Spaß. Und nach drei Minuten Fußweg stand ich vor einer alten Holzscheune und da schaute auf der linken Seite die Front des Cadillac heraus. Solch eine Szene nenne ich „Big Picture“. Das kann man nicht einfach finden – da gehört auch ein bisschen Glück dazu.

rottenplaces: Wie waren die Reaktionen der „Eigner“ im Allgemeinen auf Ihre Anfragen oder Besuche, um die automobilen Schätze abzulichten?

Klein: Es ist wichtig, ein paar „Spielregeln“ einzuhalten. Verlassene Automobile stehen nicht auf öffentlichem Grund. Privatbesitz fällt in den USA unter den Freiheitsbegriff – und da hat niemand auch nur einen Fuß drauf zu setzen ohne Einverständnis. Das machen Hinweisschilder wie „No trespassing“ deutlich. Und deshalb habe ich immer den Eigentümer gefragt, bzw. erst ausfindig gemacht und dann um Erlaubnis gefragt. Dann war immer alles möglich. Wenn ich niemanden fand, habe ich verzichtet. Eigentlich ganz einfach. Meist sprachen wir ein paar Minuten über das Projekt und dann hieß es: „Feel free“, und oft bekam ich nach einer Weile die wirklichen Schätze gezeigt. Alte oder auch ganz moderne Hallen wurden geöffnet nach der rhetorischen Frage: „You want to see some more?“.

Mein Fazit: Mit Offenheit und ehrlicher, klarer Ansprache war ich immer willkommen. In Nord Dakota z. B. habe ich einen Farmer besucht. Er hat etwa 1.200 Automobile in Zweierreihen geparkt auf einem Feld, aufgebockt auf Baumstämmen oder alten Felgen, damit die Reifen und Lager nicht einseitig belastet werden. Die Farm erreicht man erst nach etwa 20 Meilen „Dirty Road“. Das Grundstück liegt so weit im Abseits, dass es noch nicht einmal mit einem Zaun begrenzt ist. Weder Haus, Scheunen oder die Pkw´s sind hier abgeschlossen. „Bitte die Adresse nicht angeben“, bat mich der Besitzer, damit nicht ungebetene Gäste eingeladen werden. Nach einem netten Gespräch öffnete er mir dann seinen größten Schatz: eine Scheune mit rund 70 unrestaurierten Chevrolets aus den 1920er bis 1930er Jahren. Als ich bemerkte, dass ich allein dafür mindestens einen Tag brauchen würde, wünschte er mir mit einem stolzen Lächeln „Gut Licht“.

rottenplaces: Thema Planung: Haben Sie im Rahmen Ihres aktuellen Projektes strukturiert Objekte für die beiden Bildbände recherchiert und fotografiert, oder wurde die Auswahl des Materials erst nach der Rückkehr getroffen?

Klein: Nach der ersten Reise hatte ich bereits eine schöne Bandbreite unterschiedlicher Motive. Die reichten bereits aus, um eine Grundstruktur zu planen. Doch fand ich nach weiteren Recherchen – ca. drei Monate Arbeit – viele faszinierende Orte, die ich noch bereisen wollte. Da habe ich mich gerne treiben lassen, natürlich behielt ich die vorhandenen Motive im Hinterkopf, um nicht Duplikate zu erstellen. Ich habe dabei nicht versucht, alle Modelle oder Jahrgänge von Autos zu komplettieren, sondern die Entscheidung wurde geprägt von der fotografischen Umsetzbarkeit. Kurz gesagt: Tolles Auto vor langweiligem oder störendem Hintergrund habe ich erst gar nicht fotografiert.

rottenplaces: Ein perfektes Foto eines Automobils benötigt neben dem Motiv auch eine visuelle Geschichte. Auf den zahlreichen Schrottplätzen, die Sie besucht haben, mit teilweise Hunderten Fahrzeugen und den unterschiedlichsten Gegebenheiten, wie und worauf haben Sie Ihre Tiefen fixiert?

Klein: Die erste Reise war schon geprägt vom Wunsch, möglichst viele, unterschiedliche Fahrzeuge zu fotografieren. Die erste Tour ging über Oklahoma, dann westlich durch Texas, New Mexico bis Arizona, zurück über Utah, Colorado, Kansas und Missouri. Großartige und abwechslungsreiche Landschaften mit den verlassenen Autos ließen mich spannende Motive sammeln. Die zweite Tour startete ich in Seattle. Ein Platz mit einigen Hundert Fahrzeugen, wunderbar eingewachsen und mit Moosen und Flechten verzierte Autos brachten wieder andere Motive. Dann ging es südlich durch Oregon und Nevada bis Las Vegas.

1954er Cadillac. Foto: Dieter Klein

Die ungeheuren Weiten, die Gebirge, Wüsten und die Lichtszenen waren wunderbar. Über Utah, dann östlich durch Wyoming, in einem großen Bogen durchfuhr ich Montana. Dort entstand in einem kleinen Dorf auch das Titelbild mit dem rosaroten Dodge Pioneer aus dem Jahr 1960. Im südlichen Idaho hatte ich einen Platz recherchiert, der verkauft werden sollte. Larry Harms, inzwischen 82 Jahre alt, möchte sein Areal mit den 8.000 Autos verkaufen.

Nach drei Tagen Arbeit fuhr ich weiter nördlich in den Bundesstaat Washington. Dort hatte ich vor, mehrere Plätze zu besuchen. Der spannendste hatte ca. 120 Automobile, die meisten aus den 1920er Jahren. Auch eine ehemalige Werkstatt steht auf dem Areal mit tausenden Ersatzteilen, die um ein 1930er Hupmobil standen und hingen. Das war eine Szenerie, die ich mir nicht erträumt hatte. Diese Sammlung wird gerade abverkauft …

Nun hatte ich bereits einen ausreichend großen Fundus mit unterschiedlichsten Szenen, Landschaften, Wettersituationen und Autotypen. Insbesondere bei der vierten Reise durch Kalifornien, Nevada und Arizona hatte ich mir vorgenommen, mich nur noch auf spannende Landschaft und schönes Licht zu konzentrieren. Dafür verbrachte ich auch schon mal zwei Tage für ein einziges Motiv. Z. B. in der Dämmerung, nach Sonnenuntergang, war in diesem südlichen Bereich dann nur noch 15 bis 25 Minuten Zeit für das Foto. Dann wurde es schlagartig schwarze Nacht. Ich habe mit etwas Lightpainting verschiedene Stimmungen erreicht.

rottenplaces: Die Fotografien für die aktuellen Bildbände sind größtenteils unbearbeitet. So entsteht ein besonderer, natürlicher Eindruck einer jeweiligen Szenerie. Warum verzichten Sie auf Photoshop-Skills oder andere „Spielereien“?

Klein: Ich retuschiere nicht an den Bildern. Kontrast und Farbe korrigiere ich für den Druck. Aber inhaltlich verändere ich nichts. Und da ich immer mit dem Stativ arbeite, lege ich auch den Ausschnitt fest, sodass ich hinterher das ganze Motiv verwende. Außer bei Panoramaformaten, bei denen ich den Beschnitt beim Fotografieren berücksichtige. Ich halte das Thema für so spannend und ereignisreich, dass ich inhaltliche Retusche für unangebracht halte. Es gibt keinen Grund, an den Bildern „Pixel zu schieben“. Ich habe beispielsweise ein Motiv bei einem Kollegen gesehen, das ich ebenfalls fotografiert habe. Ich habe die Stromleitungen, die an dem verfallenen Haus hingen, in die Komposition einbezogen.

Der andere Fotograf hat dieselbe Szene von einem etwas anderen Standpunkt fotografiert und die Leitungen samt Halterung wegretuschiert. Das wird niemand wissen oder bemerken, aber trotzdem ist das Bild manipuliert, ein Fake, der nicht benannt wird. Da sage ich ganz frech: Das habe ich nicht nötig. Das Einzige, was ich verändert habe an manchen Bildern: Ich habe Vorort schon mal Müll wie Getränkedosen oder Plastiktüten aus dem Bild genommen oder einen Zweig umgebogen oder abgebrochen. Mehr nicht.

rottenplaces: Ihre USA-Reisen waren ja voller Emotionen und Eindrücke. Gab es ein besonders skurrile Erlebnisse in den Staaten?

Klein: Zwei Beispiele. Das Titelbild mit dem rosa Dodge habe ich beim Cruisen gefunden. Ich schaute mir die Szene an und war ganz begeistert. Nach ein paar Minuten kam ein Nachbar und erkundigte sich, was ich dort zu suchen habe. Dann zeigte er mir das Haus des Eigentümers. Es war leider niemand zu Hause. Ich hatte Glück, denn er kehrte nach einer viertel Stunde zurück. Er wurde ein wenig traurig und erzählte die Geschichte des Wagens. Den hatte sein Vater vor seinem Haus abgestellt, zwei Tage, bevor er verstorben ist.

Seitdem wurde weder Grundstück, Haus noch Auto mehr angefasst, aus Respekt wird diese letzte Szene einfach belassen. Und das ereignete sich im Jahr 1977. Faszinierend wie auch ein bisschen schräg für europäische Vorstellungen. Ich verbrachte einige Stunden mit diesem Motiv und erhielt zum Schluss die rosa Wölkchen, die zum Auto passen als hätte ich sie bestellt.

In der Nähe der Stadt Mojave in Kalifornien sah ich mitten im Wüstenbereich eine Autowerkstatt. Im Vorbeifahren sah ich ein paar Autowracks im hinteren Teil des Areals. Ich wendete und sah ein paar interessante Fahrzeuge. Wie üblich bat ich um Erlaubnis für Fotos. Alles kein Problem. Auch war es möglich, im Abendlicht nochmals zu fotografieren. Ein Mitarbeiter sagte, ich solle mich melden, wenn ich die Mittagsfotos fertig habe – dann stelle man mir den Besitzer vor.

Gene Winfield. Foto: Dieter Klein

Gene, ein älterer Herr begrüßte mich freundlich und bat mich dann in sein Haus. Das war sehr unauffällig, eher wie ein Baracke oder Container. Er öffnete mir die Eingangstür und schon stand ich inmitten einer historischen Tankstellenausstattung. „Die Tankstelle hat meine Mutter damals gegründet, hier in diesem ehemaligen Hühnerstall. Ich habe die Tankstelle 1946 übernommen.“ Uuups, dachte ich, 1946?. „Wie alt bist Du denn, Gene?“ „89“ antwortete er mit einem verschmitzten Lächeln. Doch dann ging es erst richtig los.

Im Wohnzimmer stand ein Designwagen in leuchtendem Rotorange mit einer Glaskuppel für den Fahrer, Vitrinen voller Pokale, andere mit ungezählten Spielzeugautos. „Das sind nur ein paar Pokale – die meisten sind in Kartons untergebracht – dafür habe ich keinen Platz mehr. Und die Spielzeugautos – schau, auf allen steht mein Name. Die habe ich entworfen“. Dann durchschritten wir eine fünfeckige Schiebetür und standen in einer Star-Trek Steuerzentrale. Und zum Ende der privaten Führung zeigte Gene mit die neueste Gitarre für ZZ Top. Die hat er designt. Dann erst habe ich begriffen, dass mich der Zufall zu Gene Winfield geschickt hatte, die amerikanische Rennfahrer-Legende und Ikone für Customcars und Filmfahrzeuge (z.B. für: Blade Runner, Robocop, Star Trek, Batman und Mission: Impossible).

Ein herzlicher Empfang gepaart mit einer riesigen Portion Understatement. Und Gene sprach von seinen Zukunftsplänen, Ausstellungen und neuen Entwürfen für Customcars. Respekt!

rottenplaces: Wie lauten Ihre Zukunftspläne? Gibt es einen dritten Teil von „Forest Punk“ oder auf was können sich Freunde der Schönheit des Verfalls freuen?

Klein: Ich gebe es ja zu: Das Thema hat mich ergriffen. Gerade komme ich aus Frankreich zurück. Dort konnte ich in einer Kalksteinhöhle fotografieren. Ein vergessener Ort mit ca. 40 Autos aus den 1930er bis 1940er Jahren. Mehrere Renault Monaquattre standen unter anderen dort, in dieser feuchten, dunklen Behausung, inzwischen in einem recht desolaten Zustand. Solche Ereignisse sind schon aufregend und fotografisch einmalig. Jetzt ist die Höhle allerdings geräumt und die Bilder bekommen zusätzlich den Status der Dokumention.

Der Inhaber der kleinen Pension, in der ich übernachtete, stellte mir im Nachbarort den Besitzer einer Werkstatt vor. Spezialisiert auf Citroën DS und Maserati arbeit ein ganzes Team von Fachleuten fast unsichtbar als Spezialisten für Autorestaurierung. Die Halle war gefüllt mit über 100 Fahrzeugen. So „musste“ ich noch zwei Tage länger in Frankreich bleiben.
Neben dieser Arbeit werde ich an verschiedenen Kunstmessen teilnehmen und ich möchte weiterhin den Kreis erweitern für den Vortrag über dieses nunmehr 8-jährige Projekt. Und sollten mir die Kunden treu bleiben, dann könnte ich noch weitere Bände fertigstellen. Ganz einfach: Eins nach dem Anderen.

Wir danken Dieter Klein für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz

Forest Punk – „The Fabulous Emotion“
Retired Automobiles of North America
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Klein, Dieter
Sprache: Englisch, Deutsch
ISBN-10: 3937907475
ISBN-13: 978-3937907475
Teil 1 und 2 Preis: 68,00 EUR
www.forest-punk.de

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