Nachgefragt bei: Constantin Alexander

Constantin Alexander. Foto: Kevin Münkel

Der Nachhaltigkeitsberater, Politikwissenschaftler und freie Journalist Constantin Alexander widmet dem größten Betonfundament Europas – dem Ihme-Zentrum in Hannover – eine eigene Dokumentation. Alexander zog 2014 selber in das Zentrum und betreibt dort seitdem eine Umweltanalyse. Er untersucht, welche Faktoren zu dem partiellen Scheitern geführt haben, vor welchen Herausforderungen die Bewohner stehen und welche Möglichkeiten es gibt, das Ganze zu reparieren. Seine Ergebnisse und Erfahrungen dokumentiert er im Stil des subjektiven und konstruktiven Journalismus auch auf einem Blog ihmezentrum.org. Wir haben nachgefragt.

rottenplaces: Seit einigen Jahren widmen Sie sich voller Leidenschaft dem Ihme-Zentrum in Hannover und setzen sich für eine nachhaltige und vor allem ökonomisch soziale Zukunft des Stadtviertels ein. Warum?

Alexander: Es geht schlicht um unsere Zukunft. Bei meiner Arbeit stelle ich am Beispiel des Ihme-Zentrums die Fragen: Wie gehen wir mit Ressourcen um, wie wollen wir später leben, wie gelingt es uns, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das Quartier bietet aufgrund seiner Geschichte, seines Potenziales und des Charakters als komplexes Problem die idealen Voraussetzungen, um eine nachhaltige und kreative Transformation einzuläuten. Hier könnten Menschen erleben, wie gelebte Nachhaltigkeit funktioniert. Es ist ein ideales Beispiel für das, was Experten Transformationsimmobilie nennen – Gebäude und Viertel auf der ganzen Welt, die nicht mehr so funktionieren wie sie mal geplant waren: verlassene Industrieareale, ehemalige Hafenanlagen, aufgegebene Kasernen und eben die Großkomplexe der 1960er- und 1970er-Jahre.

rottenplaces: Wenn Sie Menschen, die das Ihme-Zentrum nicht kennen, selbiges in wenigen Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Alexander: Das Ihme-Zentrum ist ein Symbol für die Hochs und Tiefs der Stadtentwicklung in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Es wurde in den 1970er-Jahren als Stadt in der Stadt gebaut und galt damals europaweit als urbane Utopie. Hier leben rund 2.800 Menschen in bester Lage und direkt am Fluss. Außerdem bietet es Platz für mehrere hundert Büroarbeitsplätze sowie etwa 100.000 Quadratmeter Gewerbefläche. Durch eine unglückliche Verkettung aus Missmanagement, falscher Kommunikation und unnachhaltigem Wirtschaften ist der Gewerbebereich seit rund zehn Jahren eine verlassene Baustelle und das, was Psychologen einen Angstraum nennen. Doch die Wohnungen sind fast alle belegt, barrierefrei und sehr gut gepflegt.

rottenplaces: 2014 sind Sie selbst in das Zentrum gezogen. Was waren Ihre Beweggründe?

Alexander: Ich betreibe eine sogenannte Umweltanalyse. Dafür untersuche ich, welche Faktoren zu dem partiellen Scheitern geführt haben, vor welchen Herausforderungen die Bewohner stehen und welche Möglichkeiten es gibt, das Ganze zu reparieren. Das Ganze dokumentiere ich im Stil des subjektiven und konstruktiven Journalismus auf einem Blog und in einer Filmdokumentation.

Ich fand es immer zynisch, den Abriss zu fordern, dafür fasziniert mich das Quartier viel zu sehr. Auch entspricht diese Haltung nicht meiner Überzeugung als Nachhaltigkeitsberater. In anderen Städten kann man außerdem verfolgen, was aus solchen vermeintlich gescheiterten Quartieren entstehen kann. Ich habe mir in London das Barbican Centre angesehen, dass aus der gleichen Zeit stammt und in den 1980er-Jahren ähnlich kaputt war. Dort hat die britische Regierung inzwischen jedoch das größte Kulturzentrum der Insel angesiedelt. So etwas wünsche ich mir auch in klein im Ihme-Zentrum.

rottenplaces: Sie bieten kommentierte Spaziergänge durch das Zentrum an. Wie sind die Reaktionen der Teilnehmer auf den Betonriesen und was sagen diese zu ihren Projektplänen?

Alexander: Ich habe im Winter 2014 mit den Rundgängen angefangen, um die Hemmschwelle gegenüber dem Gebäude abzubauen. Die Reaktionen sind überwiegend positiv. 2015 habe ich mehrere tausend Interessierte durch das Zentrum geführt. Alle sind sich einig, dass wir die Herausforderung, hier einen positiven Wandel anzugehen, nicht weiter aufschieben können. Inzwischen sind auch einige Menschen selbst ins Zentrum gezogen, nachdem sie bei einem Rundgang von mir waren. Das große Interesse hat mich ein wenig überrascht, zeigt aber, dass den Menschen in Hannover das Ihme-Zentrum nicht egal ist.

Mir geht es darum, zu zeigen, dass Stadtentwicklung demokratisch und nachhaltig sein muss. Das Ihme-Zentrum ist dabei nur ein Beispiel. Wenn die Menschen von meinem Rundgang das Gefühl mitnehmen, dass sie ein Recht darauf haben, eine bunte, lebenswerte Stadt zu haben, dann haben alle gewonnen.

rottenplaces: Ein Abbruch des Viertels wurde in der Vergangenheit oft empfohlen, auch wenn dieser nicht realistisch wäre. Warum Ihrer Meinung nach und warum wäre auch der Denkmalschutz-Status nicht empfehlenswert?

Alexander: Ein Abriss des Ihme-Zentrums ist schlicht unmöglich: Es ist das größte zusammenhängende Betonfundament Europas. Die Menge an Bauschutt und Feinstaub wäre nach einem Abbruch immens. Außerdem ist es schlich zynisch, so ein Viertel abzureißen und die Ressourcen für so etwas zu verschwenden. Gleichzeitig bietet es etwa 2.500 Menschen eine Heimat, in einer Stadt, in der der Druck auf den Wohnungsmarkt stetig steigt. Mal eben rund 800 Wohnungen abreißen? Das ist Quatsch. Und zum Schluss ist es wirtschaftlich einfach nicht tragbar, das Zentrum abzureißen: Die Kosten für einen Abriss liegen geschätzt bei 250 Millionen Euro, plus die Entschädigungszahlungen an die Wohnungseigentümer. Das Grundstück hier ist aber nicht so viel wert.

Ich halte jedoch auch nichts davon, das Zentrum unter Denkmalschutz zu stellen. Es muss an einigen Stellen umgebaut und modernisiert werden, und dies würde so ein Schutz nicht zulassen.

rottenplaces: Wie reagieren Wirtschaft und Politik auf Ihre Pläne? Beide müssten ja ein besonderes Interesse an einem freundlichen und modernen Stadtquartier haben …

Alexander: Das Interesse von Seiten der Wirtschaft ist sehr hoch. Viele Unternehmen fragen bei mir an, wie sie etwas im Ihme-Zentrum mieten können. Hannover ist eine wachsende Stadt, hier steht in bester Lage sehr viel Raum zur Verfügung. Auch in der Politik ändert sich inzwischen das Bewusstsein, wie man mit dem Ihme-Zentrum umgehen sollte. Es ist inzwischen ein bestimmendes Thema des Kommunalwahlkampfes in Hannover. Ich führe Gespräche mit Vertretern unterschiedlicher Verbände und Interessensgruppierungen sowie mit Politikern auf kommunaler, inzwischen aber auch auf Landesregierungsebene. Im Grunde wollen alle das Gleiche: ein lebendiges Ihme-Zentrum. Und das gelingt nur, wenn alle Ebenen miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten.

rottenplaces: Derzeit arbeiten Sie an der Dokumentation „Das Ihme-Zentrum – Traum Ruine Zukunft“. Was erwartet den Zuschauer bei diesem Werk und wann erscheint es?

Alexander: Wie der Titel schon verrät, plane ich mit meinem Filmpartner Hendrik Millauer einen Dreiakter: Im ersten Teil „Traum“ erklären wir, warum das Ihme-Zentrum einmal gebaut wurde und wieso es als Utopie galt. Im zweiten Akt „Ruine“ erklären wir den Niedergang des Gewerbeteils und warum dies symptomatisch für eine unnachhaltige Immobilienwirtschaft ist. Im letzten Akt „Zukunft“ erläutern wir, welche Entwicklungsmöglichkeit das Zentrum hat. Uns geht es darum zu zeigen, dass solche Gebäude und Quartiere überall auf der Welt stehen und dass wir generell die Art zu bauen und Städte zu planen umdenken müssen, damit wir nicht wieder eine Immobilienblase bekommen. Das Ihme-Zentrum ist ein Symbol für viele Dinge, die in unserem Wirtschaftssystem schief laufen.

rottenplaces: Sie haben für die Dokumentation mit vielen Bewohnern des Ihme-Zentrums gesprochen. Wie nehmen diese die häufig negativen Außendarstellungen ihres „Wohnorts“ zur Kenntnis?

Alexander: Die Nachbarschaft im Ihme-Zentrum ist toll. Etwas, dass viele Menschen von außen wegen des Zustandes in den unteren zwei Etagen nicht erwarten. Viele Bewohner eint so eine Art trotziger Stolz. Von außen wurde das Ihme-Zentrum lange stigmatisiert, auch von der örtlichen Presse. Doch inzwischen ändert sich das ein wenig. Es ziehen viele junge Menschen hier hin, die keine Lust mehr auf die üblichen Altbauten haben und gerne ein wenig anders leben möchten. Gleichzeitig ist das Ihme-Zentrum ja fast durchgängig barrierefrei. Gerade meine älteren Nachbarn sind weiterhin überzeugte und begeisterte Bewohner und sehen überhaupt nicht ein, wegzuziehen.

rottenplaces: Sie erhalten viele Einsendungen mit Vorschlägen, wie man das Ihme-Zentrum zukünftig gestalten und nutzen könnte. Nennen Sie uns einige davon?

Alexander: Die Ideen reichen von Ausflugslokalen in den Hochhäusern, über begrünte Fassaden, Solarzellen auf den Dächern, eine Markthalle mit Food-Truck-Imbisswagen im ehemaligen Einkaufszentrum, Proberäume und Ateliers, ein Hostel, eine Konzerthalle, Urban-Gardening-Projekte oder schlicht ein Begegnungsort oder Café für die Bewohner. Auch kommt immer wieder die Idee, ein Teil der Hochschule hier anzusiedeln. Mein Traum ist eine Artist Residency: Eine Wohnung für zwei oder drei Künstler, Designer, Autoren, Handwerker oder Architekten aus der ganzen Welt, die sich ein halbes Jahr in ihrer Disziplin mit der Verbesserung des Ihme-Zentrums auseinandersetzen und dafür Unterkunft, Verpflegung und ein Taschengeld bekommen.

rottenplaces: Können Sie Experten, Kritiker und selbsternannte Fachleute verstehen, die Ihre Visionen nicht teilen? Jene, die einen Abbruch fordern, das Viertel als Schandfleck sehen und nicht an eine sinnvolle, urbane Gestaltung in der Zukunft glauben? Wie können Sie diese vom Gegenteil überzeugen?

Alexander: ich verstehe Menschen, die das Ihme-Zentrum ästhetisch herausfordernd finden und hier nicht wohnen möchten. Rein pragmatisch gesehen müssen wir hier aber etwas machen: Die Stadt und die Bewohner verlieren jedes Jahr sehr viel Geld, weil der Gewerbebereich kaputt ist. Meine Untersuchung hat jedoch gezeigt: Alle Teilprobleme sind technisch lösbar. Wenn es uns gelingt, das Ihme-Zentrum zu transformieren, dann gewinnen alle. Und Hannover würde zeigen können, dass es nicht die langweilige und graue Stadt ist, als die viele sie bezeichnen. Das hätte positive finanzielle Effekte auf die ganze Region.

rottenplaces: Wie sähe Ihrer Meinung nach das perfekte und vor allem realistisch umsetzbare Gesamtkonzept für eine Transformation des Ihme-Zentrums aus? Wie kann aus der Betonburg eine Märchenburg werden?

Alexander: Das Ihme-Zentrum ist ein Viertel und muss als solches organisch entwickelt werden. Zurzeit arbeite ich mit einer Gruppe aus Architekten, Ingenieuren, Stadtplanern und Juristen daran, hier neben einem neuen Image auch konkret infrastrukturelle Impulse umzusetzen. Das Idealziel ist eine ideale, nachhaltige Stadt in zehn bis fünfzehn Jahren: Das Ihme-Zentrum erzeugt dann mehr Strom, als es selbst verbraucht, in urbanen Gärten wachsen Obst und Gemüse, es ist ein sicherer und generationsgerechter Ort, an dem sich Menschen aus der ganzen Welt wohlfühlen. Und Menschen aus der ganzen Welt kommen her, um sich anzuschauen, wie so eine Transformation gelingen kann.

Die Stadt Hannover möchte in einigen Jahren Kulturhauptstadt Europas sein. Anstatt ein teures Ausstellungsgelände zu entwickeln, wie es mit dem Expo-Gelände ja leider schon passiert ist, könnten wir das Ihme-Zentrum zu einem neuen Typ eines Kulturzentrums umbauen. Denn zu Kultur gehört ja nicht nur Kunst, Musik oder Literatur, sondern auch eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit überhaupt: das Reparieren.

Wir danken Constantin Alexander für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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