Nachgefragt bei: Christian Sünderwald

Foto: Christian Sünderwald

Der Chemnitzer Fotograf Christian Sünderwald (1968 in München geboren), absolvierte seine schulische Ausbildung in München, Luxemburg und Oberfranken, arbeitet als Versicherungskaufmann und lebt seit 1991 in Sachsens drittgrößter Stadt Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt). Die weltoffene Metropole, die Hauptsitz der Landesdirektion Sachsen und Teil der Metropolregion Mitteldeutschland ist, bietet nicht nur touristische und somit hochfrequentierte Hotspots, sondern ist vor Allem für seine 200-jährige Industriegeschichte bekannt. Chemnitz ist heute Technologiestandort, besonders mit den Branchenschwerpunkten Automobil- und Zulieferindustrie, Informationstechnologie sowie Maschinen- und Anlagenbau.

Sünderwalds Motive finden sich jedoch in und an verlassenen und meist weitgehend vergessenen, dem Verfall preisgegebenen Orten. Dort wo einst die Kraft von Produktionsmaschinen und sie bedienenden Arbeitern wirkten, entfaltet heute die Natur ihre stille Kraft und erobert sich das Terrain zurück. Spezialisiert hat sich der Wahl-Chemnitzer auf die Schwarzweiß-Fotografie. Und die kann sich wirklich sehen lassen, hebt sie sich doch deutlich vom heutigen Mainstream ab. Sünderwalds Fotografien betrachtet man länger als üblich, sie fesseln den Betrachter und erzählen Geschichten. Seine Fotografien lassen sich gedanklich „ausmalen“.

Sünderwald konnte seine Werke bereits in diversen Ausstellungen einem breiten Publikum näherbringen. Gerade ist sein zweiter Bildband „Lost Places Mitteldeutschland – verlassene Hospitäler, Kurheime und Badeanstalten“ (Sutton-Verlag) erschienen. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Herr Sünderwald, woher kommt die Faszination für das Vergängliche, Verlassene im Allgemeinen?

Sünderwald: Einerseits, dass es sich bei meinen Motiven um Orte bzw. Gebäude handelt, die absolut aus ihrer Zeit gefallen und in ihrer Atmosphäre in dieser stehengeblieben sind. Es sind stets riesigebegehbare Zeitkapseln,in denen die Vergangenheit konserviert ist.Andererseits ist es auch der Verfall, der das Motiv in seiner unaufhaltsamen Vergänglichkeit zeigt, gleichzeitig aber auch eine scheinbar konservierende Wirkung hat. Es ist zudem die ganz besondere Ruhe und Stille an diesen Orten, die mich immer wieder in ihren Bann zieht: Ballsäle, in denen einst rauschende Feste gefeiert wurden bis spät in die Nacht, in denen man heute nur noch Wassertropfen auf das aufgeworfene Parkett fallen hört, die durch die undichte Decke dringen, Fabriken, durchdrungen von Maschinenlärm und bevölkert von hunderten Arbeitern,die an nie stillstehenden Fließbändern arbeiteten, in denen man nur noch den Wind heulen hört, der durch die geborstenen Fenster zieht oder ehemalige Hospitäler, in denen hektische Betriebsamkeit herrschte und die Chefärzte mit ihrer Entourage mit wehenden Eppendorfern durch die Flure zur Visite eilten und in denen man heute nur noch Artefakte längst überkommener Behandlungstechniken findet. Also alles Orte, die einst voller Leben waren und heute von diesem gänzlich verlassen wurden.

rottenplaces: Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich der Schwarzweiß-Fotografie. Gibt es dafür spezielle Gründe? Welchen Reiz übt dieser Bereich auf Sie aus?

Sünderwald: In der Architekturfotografie geht es im Besonderen um räumliche Geometrie und um darauf treffendes Licht und sich daraus abzeichnende Schattenwürfe. Darin muss Farbe nicht zwangsläufig stören, ich halte sie aber für entbehrlich. Der Kontrast aus Licht und Schatten, tritt aus meiner Sicht in der Schwarzweiß-Fotografie besonders hervor.

rottenplaces: Ihre Fotografien zeigen architektonische Ansichten, Einsichten, Totalen, Details usw. Wie gehen Sie bei der Motivsuche vor? Was reizt Sie besonders, was überhaupt nicht?

Sünderwald: Die Motivsuche hat keine bestimmte Methodik. Meist ist es aber sehr aufwändig und ein langer Weg bis zu einem letztendlich Fototermin, da es mitunter sehr schwierig ist, den Eigentümer eines verlassenen Gebäudes ausfindig zu machen. Ansonsten reizt mich die Architektur an sich, wobei ich nicht auf einen bestimmten Architekturstil besonders festgelegt bin. Ich nehme ein neogotisches Schloss genauso gern vor die Linse, wie eine ehemalige Hauptverwaltung eines Versicherungskonzerns aus den frühen 70ern. Der besondere Reiz verlassener Gebäude ist auch, dass sie allermeist keinerlei Interieure mehr haben. Sie präsentieren sich heute genau so, wie sie der Architekt einst geplant hat – nichts ist verstellt durch Mobiliar, das durch die Nutzung einst eingebracht wurde und die architektonischen Strukturen verstellen und optisch unterbrechen.

rottenplaces: Gibt es verlassene Bauwerke, die bei Ihnen eine besondere Leidenschaft auslösen?

Sünderwald: Ja, wenn sie besonders und einzigartig sind – das kann eine besondere Architektur sein, eine besondere Lage oder auch die Seltenheit, dass ein Bauwerk seiner Art aufgegeben und verlassen ist. Als Beispiel kann ich hier die Gebäude der EXPO 2000 in Hannover nennen oder die bereits erwähnte Hauptverwaltung eines Versicherungskonzerns in Hannover. Solche Gebäude werden entweder museal konserviert oder umgenutzt oder sehr schnell abgerissen. Sie mit Verfallsspuren aus längerer Zeit des absoluten Leerstandes vorzufinden, ist extrem selten.

rottenplaces: Gerade ist Ihr Bildband „Lost Places Mitteldeutschland“ (Sutton-Verlag) erschienen. Dies ist bereits der zweite Bildband beim Verlag. Wie ist die Resonanz darauf?

Sünderwald: Medial groß und auch der Absatz lässt sich gut an. Der Verlag ist zufrieden. Scheinbar habe ich mit dem zweiten Band ganz besonders einen Nerv des Publikums getroffen. Alte und verlassene Hospitäler, Heilstätte und Krankenhäusertriggern offensichtlich menschliche Urängste an. Der damaligen Medizin und ihrer im Vergleich zu heute nur sehr bedingten Möglichkeit, Schmerzen zu lindern und Krankheiten zu heilen, ausgeliefert zu sein, lässt erschaudern. Die eigene unausweichliche Vergänglichkeit wird einem vor Augen geführt. Sich dem in der sicheren Distanz als Betrachter meiner Bilder zu nähern, bietet die Möglichkeit,einzutauchen in die Melancholie des alles erfassenden Verfalls, der alles scheinbar ach so unbedingt wichtige im Leben relativiert – zumindest für den Moment.

rottenplaces: Hatten Sie bei der Gestaltung und beim Layout freie Hand und wie verlief die Auswahl der Objekte?

Sünderwald: Das ist – und das werfe ich dem Verlag überhaupt nicht vor – immer ein Kompromiss. Der Autor will sich weitestgehend verwirklichen und der Verlag will bzw. muss das Buch bestmöglich vermarkten. Das fängt beim Titel und Titelbild an und hört bei der Motivauswahl nicht auf. Das vorliegende Werk finde ich in diesem Spannungsfeld jedoch sehr gelungen und das Publikum bestätigt dies.

rottenplaces: Gibt es ein Objekt im aktuellen Bildband mit dem Sie eine ganz besondere Geschichte oder Anekdote verknüpfen?

Sünderwald: Jedes der Objekte hat eine sehr eigene und meist alles andere als uninteressante Geschichte. Besonders ergreifend ist vielleicht der Hintergrund der kinderpsychiatrischen Anstalt im Vogtland. Wenn man sich vorstellt, wie damals verhaltensgestörte Kinder dorthin abgeschoben wurden und mit welchen „pädagogischen“ Methoden man versucht hat, sie wieder gesellschaftskonform „geradezubiegen“, dann hat das „Biegen“ im Ergebnis nur mit „Brechen“ zu tun. Die geschundenen Seelen, die hier anlandeten, fanden jedenfalls keinen Trost und keine Geborgenheit – sie trafen auf die kalte Sterilität der Medizin, die sie mehr als Objekt, denn als menschliches Subjekt behandelte und die sie seelisch endgültig erfrieren ließ. Ich hatte zufällig Gelegenheit, mit einer ehemaligen Krankenschwester zu sprechen, die dort war. Was sie mir von den Zuständen dort berichtete, sprengte zum Teil meine Vorstellungskraft. So sehr es meist zu bedauern ist, wenn die Nutzung von Objekten aufgegeben wird und diese verfallen. Hier bin ich froh darum. Über diesem Ort liegt eine schreckliche Finsternis.

rottenplaces: Im Ersten Bildband lautet der Sub-Claim „Schlösser, Villen, Kultur- und Ballsäle“, beim Aktuellen „Verlassene Sanatorien, Kurhotels und Badeanstalten“. Mit einem Augenzwinkern, darf man sich auf eine kommende Ausgabe „Militärische Anlagen und ehemalige DDR-Betriebe“ freuen?

Sünderwald: Vielleicht! Gar keine schlechte Idee diese beiden Kategorien aus der Zeit gefallener Architektur in einem Bildband zu vereinen und literarisch aufzuarbeiten.

rottenplaces: Eine Auswahl Ihres fotografischen Schaffens haben Sie bereits in diversen Ausstellungen gezeigt. Wann kann man Ihre Werke – in absehbarer Zeit – wieder einmal sehen?

Sünderwald: Man kann meine Arbeiten derzeit in einer Dauerausstellung im sächsischen Archäologie-Museum (samc) sehen, im Kunstkraftwerk Leipzig und einige großformatige Arbeiten hängen unter anderem auch im Amtsgericht Chemnitz. Die nächste Vernissage ist für Januar in Chemnitz geplant, diesmal mit dem Schwerpunkt Industriearchitektur. Die Vorplanung läuft bereits. Details sind rechtzeitig über meine Webseite www.suenderwald.de oder bei Facebook (www.facebook.com/suenderwald) zu erfahren.

rottenplaces: Was sind Ihre nächsten Projekte oder Herausforderungen, auf die Sie sich besonders freuen?

Sünderwald: Ich war Anfang des Jahres für 3 Wochen auf Kuba und habe einige der dort verlassenen Gebäude aus der vorrevolutionären Zeit fotografiert. In dem immer noch kommunistisch regierten Land ist es sehr schwer, Zugang zu den Bauwerken zu bekommen.Im Januar des kommenden Jahres bin ich nochmal dort und will so viel Fotomaterial mitbringen, dass es für einen Bildband über das karibische Eiland reicht, der einen gänzlich anderen Blick auf das Land wirft – fernab von bunter Fassade mit Oldtimer und Palme davor, was freilich auch schön sein kann.

Wir danken Christian Sünderwald für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

Buchcover. Foto: Sutton Verlag

Lost Places Mitteldeutschland. Verlassene Sanatorien, Kurhotels und Badeanstalten.
Christian Sünderwald
Gebundene Ausgabe: 168 Seiten
Verlag: Sutton Verlag GmbH;
Auflage: 1 (24. September 2019)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3963030925
ISBN-13: 978-3963030925
Preis: 29.99 EUR

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