nachgefragt bei: Burkhard Thiel

Burkhard Thiel. Foto: privat

Burkhard Thiel ist ein Bahn-Enthusiast. Der Ratinger betreibt die Webseiten zielbahnhof.de, bahnbauten.de und gleistrasse.de. Während auf der ersten, international erfolgreichen Webseite seit mehr als 17 Jahren Hunderte von Bahnhöfen dokumentiert wurden, stellt die Zweite Gebäude von Bahnbauten mit dem Schwerpunkt Stellwerke, Güterschuppen, Lockschuppen, Wassertürme und andere Bauten dar. Letztere informiert über Streckenbau und listet Viadukte und Stahlbrücken, Bahnübergänge sowie Schienenfahrzeuge und Schwebebahnen. Ein wesentliches Merkmal von zielbahnhof.de ist zudem die Streckenverfolgung, durch die man entlang einer Strecke von Bahnhof zu Bahnhof „fahren“ kann. Alle Seiten laufen parallel, um eine sorgfältige Übersicht zur gewährleisten. Thiel investiert viel Zeit in seine Projekte. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Woher kommt Ihre Leidenschaft für die Bahn und Bahnbauten im Allgemeinen?

Thiel: Meine Leidenschaft gilt eigentlich dem Computer. Aber wie viele in meiner Generation interessierte ich mich auch für die Eisenbahn.

rottenplaces: Seit wann beschäftigen Sie sich mit diesem Thema?

Thiel: Noch vor der Jahrtausendwende arbeitete ich an einem Internetauftritt. Ich wollte den Kunden unsere Produkte in einem kurzen Video vorstellen, hatte aber keine Erfahrung mit digitalen Filmkameras. Da ich beruflich viel unterwegs war, beschloss ich spontan Bahnhöfe zu filmen. So entstanden nebenbei die ersten Filme im Format 240×180. Durch die Erfahrung konnte ich die Produkte tatsächlich ins Internet stellen, was damals ein Novum in der Branche war.

rottenplaces: Ihre Webseiten sind neben dem hohen Informationsgehalt sehenswert gestaltet. Es gibt auch diverse fachliche Details. Welche Zielgruppe sind die Besucher? Überwiegend Menschen mit bahnaffinen Hintergrund?

Thiel: Im Laufe der Zeit wollte ich nicht nur Bildchen und ein paar allgemeine Textfloskeln, sondern fundierte Informationen zu den Filmen und Fotos anbieten. Dafür kaufte ich erst einmal die entsprechende Literatur. Danach konnte ich die Qualität der Webseite deutlich verbessern.

Natürlich kenne ich die Beweggründe der Besucher meiner Internetseiten nicht wirklich, dafür sind es zu viele. Sie reicht vom Architekturstudenten über den Eisenbahninteressierten bis hin zum Archivar. Es gibt auch vereinzelt Personen, die ein bestimmtes Bahngebäude erhalten möchten und meine Meinung dazu wissen wollen. Das Interesse ausländischer Besucher, speziell aus den USA, hat zugenommen. Deswegen haben alle Bahnhofseiten eine englische Übersetzung.

rottenplaces: Glauben Sie, dass Ihre Seiten einen ganz speziellen und wichtigen Zweck erfüllen können, und zwar aufzurütteln und das Interesse der Bürger für das bauliche Erbe – in Ihrem Fall der Bahngeschichte – aktivieren?

Thiel: Im Laufe der Jahre meine ich, ist mit den Webseiten eine Art Zeitdokumentation entstanden, die heute so nicht mehr darstellbar ist. Das macht die Webseite so besonders.

rottenplaces: Haben Sie spezielle Bauten der Bahn die Sie ganz besonders faszinieren und interessieren? Und wenn ja, warum?

Thiel: Neue Empfangsgebäude, aber die gibt es kaum noch.

rottenplaces: Webseiten mit einem extrem hohen, teilweise historischen Informationsgehalt benötigen ein gut strukturiertes Netzwerk an Partnern, Informanten und Experten. Wie handhaben Sie die Erfassung, Aktualisierung und Pflege Ihrer Daten?

Thiel: Für die ersten Informationen suche ich in meiner kleinen Eisenbahnbibliothek (Literaturverzeichnis unter zielbahnhof.de) nach Fakten. Wenn diese nicht ausreichen, recherchiere ich im Internet. Dort sammele ich alle Informationen, die ich zu einem Bahnhof finden kann und füge alles zu einem Gesamtbild zusammen. Vor Ort filme ich den Kernbereich eines Bahnhofs. Aus dem Video entstehen nicht nur die Filme, sondern auch alle Fotografien.

Ohne Navigationsgerät und Internet gäbe es die Webseiten nicht. Heute arbeite ich an Bahnhöfen, die 2015 von mir besucht wurden. Diesen Vorlauf brauche ich, da jede Woche zwei neue Bahnhöfe veröffentlicht werden. Die Reisen werden von mir sehr gut vorbereitet. Eine wesentliche Informationsquelle dafür ist eine Publikation der Deutschen Bahn AG, in der alle deutschen Bahnstationen einer Kursbuchstrecke mit Bild und Adresse aufgelistet sind.
Die Pflege der Daten ist nicht so umfangreich wie man meint. Da sich die historischen Daten nicht ändern braucht es keine Pflege. Aktualisierungen fallen nur manchmal an.

rottenplaces: Blickt man zurück auf die Zeit der Dampfloks, bevor Diesel- und Elektrotriebfahrzeuge im Rahmen der Elektrifizierung selbige nach und nach aus dem Landschaftsbild verdrängten – gerade auch, was die Bauten der Bahn zu frühen Zeiten angeht, hat das Thema heute nicht an Charme und Romantik verloren?

Thiel: Nein, denn heute gibt es noch Schmalspurbahnen, die nach Fahrplan zum Teil täglich fahren. Dort kann man die Vergangenheit ein wenig einfangen. Deswegen gibt es im Zielbahnhof zurzeit 59 Seiten zum Thema Schmalspur.

rottenplaces: Der rasante Strukturwandel – vor allem in den 80er- und 90er-Jahren, hatte zur Folge, das Bahnhöfe, Güter- und Rangierbahnhöfe, Ausbesserungswerke, Lokschuppen, Drehscheiben, Wassertürme (… man könnte die Aufzählung beliebig weiterführen) uvm. nicht mehr benötigt wurden. Die Folge: Leerstand und Verfall. Was geht Ihnen bei diesen Anblicken im Rahmen Ihrer „Dokumentations-Streifzüge“ durch den Kopf?

Thiel: Es ist immer eine Sache des Standpunkts, wie man die Welt sieht. Ich halte es für sehr wichtig, das Bauten die unter Denkmalschutz stehen, wirklich erhalten bleiben. Leider habe ich viele Bahnbauten gesehen, die trotzdem abgerissen wurden. Wenn das jede Generation so gemacht hätte, wäre es nicht möglich, zum Beispiel nach Rothenburg ob der Tauber zu fahren, um zu sehen wie es damals war.

rottenplaces: Heute wird der Großteil der einst strukturierten Bahnbauten, samt der oftmals historisch wertvollen Substanz gnadenlos abgerissen. Darauf verweisen Sie auch auf Ihren Webseiten. Welchen Umgang wünschen Sie sich persönlich mit den „Altimmobilien“ der Bahn?

Thiel: Einen gut finanzierten Denkmalschutz, mit wesentlich weitreicheren Kompetenzen als momentan. Es gibt aber auch positive Beispiele für die Sanierung von Empfangsgebäuden. Sie sind meistens Eigentum von lokalen Unternehmen oder Privatleuten. Ein sehr schönes Beispiel ist das sanierte Gebäude im Bahnhof Hilden. Wenn man das Stationsgebäude betritt, meint man, in einem Erste-Klasse-Hotel angekommen zu sein.

rottenplaces: Wie sehen die Zukunftspläne bezüglich Ihrer Projekte aus? Was ist geplant?

Thiel: Erst vor kurzem habe ich die Arbeiten, allen Bahnhofsseiten eine eingebettete Karte von Bing einzufügen, abgeschlossen. Außerdem liegt es immer an den Möglichkeiten die man noch hat.

Wir danken Burkhard Thiel für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

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