Nachgefragt bei: Beat Hauser

Viele kennen ihn unter dem Namen „Mr. Sperrzone“ – die Rede ist von dem sympathischen Schweizer Beat Hauser, der auf seiner Webseite www.sperrzone.net neben verlassenen Orten und Industriekultur zu selbigen zahlreiche geschichtliche Runduminformationen, historisches Material, aber vor allem ein sehenswertes fotodokumentarisches Archiv bereithält. Hausers „Spezialgebiet“ ist die Brauereigeschichte in der Schweiz und der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, aber auch Ruinen aller sonstigen Gewerbe und Nutzungen treiben ihn immer wieder rund durch Europa. Wir haben nachgefragt.

rottenplaces: Beat, woher kommt deine Faszination für verlassene Orte und Industriekultur?

Hauser: Die Faszination an der Industrie und verlassenen Orten scheint irgendwie angeboren. Schon als ich Kind war und mit den Eltern in den Süden in Urlaub fuhr, fand ich das Monteforno-Stahlwerk mit seiner rund 700m langen Halle direkt entlang der Autobahn absolut faszinierend. Vor allem natürlich bei Nacht, als das düstere Werk beleuchtet war und besonders gespenstig aussah. Naja, die Schweiz ist halt nicht Deutschland. Wir haben nicht ein Stahlwerk am anderen. Die Stahlwerke der Schweiz kann man an einer Hand abzählen, selbst wenn die Hälfte der Finger fehlen… Auch verlassene Orte faszinieren mich schon seit der Kindheit. 1981 – als ich 10 Jahre alt war – gab es im Nachbarort Kaiseraugst eine Bauruine einer Villa (oder so), spezielle Architektur mit riesigem halbrundem Wohnzimmer im Erdgeschoss, ein paar Schlafzimmer im ersten Stock und einer Garage mit einem vergammeltem Volvo 141 drin. Ich fuhr damals fast jede Woche mit dem Fahrrad mit einem Kollegen dorthin, und wir haben uns jeweils den ganzen freien Nachmittag dort rumgetümmelt.

Einen leichten Schock erfuhr ich dann Mitte der 80er Jahre, als dort in „unserer“ Villa-Bauruine die Leiche einer Frau gefunden wurde, und danach sämtliche Türen und Fenster mit Holzbrettern verschlossen wurden. 1983 habe ich angefangen, Bieretiketten zu sammeln. Ich weiss nicht mehr warum genau, aber vielleicht weil meine Mutter damals in der Cardinal Brauerei Rheinfelden AG gearbeitet hatte. Während der Schulzeit hatte ich wohl etwas andere Prioritäten, erst im Jahre 2000, als ich die größte Etikettensammlung der DDR (ohne Berlin) gekauft habe, kam das Interesse für Industrie- bzw. Brauereikultur definitiv zurück. Ich habe damals eine Website über Brauereien der Schweiz und der DDR erstellt und mir 2001 eine Digicam gekauft, um Fotos von Brauereien in Ostdeutschland und der Schweiz für selbige zu machen. Als ich dann 2002 in Chemnitz unterwegs war, um eine Bieretikettenbörse dort zu besuchen und Bilder der Chemnitzer Brauereien zu machen, sind mir die zahlreichen Industrieruinen an der Zwickauer Strasse in Chemnitz aufgefallen. Das war ja echt der Hammer, ich hatte sowas noch nie gesehen, ganze Straßenzüge einfach verlassen und tot! Dies war dann definitiv der Anfang von „Sperrzone“.

rottenplaces: Fotografen, die ihre Berufung in der extravaganten oder urbanen Fotografie sehen, durch verlassene und teilweise einsturzgefährdete Gebäude streifen, werden sofort dem Urban Exploring zugeteilt. Würdest du das so unterschreiben oder ordnest du dich lieber als Fotograf zu Dokumentationszwecken – oder Hobby-Historiker – ein?

Hauser: Ich mag den Ausdruck „Urbex“ überhaupt nicht, werde ihn niemals gebrauchen und sehe ihn als einen etwas dämlichen Modeausdruck an. Ich denke mal nicht, dass die meisten Leute in Europa, die sich als „Urbexer“ bezeichnen, überhaupt wissen, woher der Ausdruck stammt und was er bedeutet. Der Ausdruck deckt ja nur einen Teil dessen ab, was die sogenannten europäischen „Urbexer“ tun, und lässt einen anderen, nicht irrelevanten Teil völlig weg. Ich interessiere mich für Industriekultur und die Geschichte von Firmen und verlassenen Objekten, aber weiss nicht, wie man das sinnvoll und korrekt bezeichnen könnte, denke aber auch, dass es nicht zwingend notwendig ist, für alles einen Namen zu haben. Für mich verhält es mit dem Ausdruck „Urbex“ ähnlich wie mit „Industrial“ im Musikbereich. Der Ausdruck ist populär, tönt irgendwie „cool“ und man fasst alles darunter zusammen, wofür man keine andere Bezeichnung kennt. Aber genau das ist das Schubladendenken der meisten Menschen, das ich nicht mag.

rottenplaces: Auf deiner Webseite finden sich kategorisch hunderte Gebäude und Objekte, deren Glanzzeit längst verflogen ist. Viele wurden bedauerlicherweise bereits abgerissen. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt – welches war das – und wie war das Gefühl, ein solches zu erkunden?

Hauser: Ich habe bereits fast 1.200 stillgelegte Objekte in 16 Ländern Europas besucht, und erinnere mich an jedes einzelne Objekt. Das Fotografieren der Objekte ist ja nicht das Einzige, was ich mache. Nach dem Fotografieren kommt die Recherche über die Geschichte von jedem Objekt und das hilft wohl auch, das Objekt bzw. dessen Besuch in Erinnerung zu behalten. Und das ist auch wichtig für mich, denn das ist ja gerade das Interessante am Fotografieren stillgelegter Objekte. Jedes Objekt hat einen (oder über die Zeit mehrere) Namen, eine Geschichte und viele Details zu vermitteln. Aber nun zu deiner Frage: das erste Objekt war die „Zürcher Papierfabrik an der Sihl AG“ („Sihl-Papier“) in Zürich, das ich im Februar und März 2003 zuerst besucht habe. Dabei war vor allem das alte Bleichereigebäude mit den Kugelkochern sicherlich ein spektakulärer Eindruck, den ich wohl nicht mehr vergessen werde. Mittlerweile ist die Papierfabrik schon längst abgerissen bzw. einige Gebäude in die neue „Sihl-City“ integriert worden. Ich war insgesamt 5-mal dort, zuletzt im Mai 2003 mit einer Kollegin und dem Grafen von Unheilig (sie hat Band-Bilder für Unheilig gemacht). Das Gefühl war vor allem Spannung, vielleicht teilweise auch Anspannung. Spannend, weil man in jedem neuen Raum, den man betritt, von neuen Eindrücken überrascht wird. Etwas Anspannung, weil man ja nie weiss, was einen da erwartet. Ab und zu kommt mir halt immer noch die Leiche in dieser Bauruine in Kaiseraugst in den Sinn.

rottenplaces: Neben deinen Fotografien zu Gebäuden und Objekten sind auf deiner Webseite auch historische und geschichtliche Informationen sowie historisches Material zu finden. Wie erfasst du dieses und gibt es dafür Zuspruch und Unterstützung durch Behörden, Archive und ähnliches?

Hauser: Ich habe bisher nie Unterstützung gesucht, weder für Objekte zum Fotografieren noch für historische Belege bzw. deren Kopien oder Scans. Alle abgebildeten Dokumente sind gescannte Originale aus meiner privaten Sammlung. Ich habe mittlerweile 8 Schränke voll mit historischen Dokumenten wie Bücher, Broschüren, Briefköpfe, Ansichtskarten, Postkarten, Etiketten, etc. Es interessiert mich sehr, die fotografierten Objekte (ob stillgelegt oder nicht) in Zusammenhang mit historischen Belegen zu bringen und deren Geschichte so vollständig wie möglich zu erfahren und zu beschreiben. Dafür habe ich bisher noch nie ein Archiv besucht, auch wenn ich genau weiss, dass dort mit Sicherheit noch unendliche Schätze an Informationen schlummern.

Die Erfassung der Dokumente gestaltet sich schon ein bisschen schwieriger. Ich zerbreche mir schon seit Monaten den Kopf, wie ich das sinnvoller gestalten könnte. Im Moment ist das nicht so wirklich relevant, da ich ja sämtliche Belege der stillgelegten Objekte, die noch nicht abgerissen sind, wieder von der Website genommen habe. Ziel ist es jedoch, eine Art „Informationssystem“ zu erstellen, wo sämtliche Informationen zu einem Betrieb übersichtlich dargestellt werden. Dazu gehören die Fotografien, historischen Belege, Bücher sowie Etiketten (diese sind z.T. schon in der Datenbank, aber noch nicht auf der Website verlinkt). Mein Ziel ist es nicht, möglichst viele stillgelegte Objekte zu fotografieren, sondern möglichst viele Fabriken/Firmen und andere Objekte historisch dokumentieren zu können, und dazu gehören meine Bilder genauso wie Originaldokumente.

rottenplaces: Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, der eine lichtet die Gebäude nur von außen ab, der andere legt Wert auf eine bunte Mischung zwischen Innen- und Außenaufnahmen und wieder andere dokumentieren fotografisch jeden Winkel und noch so kleinen Raum. Auch bei dir gibt es eine „bunte“ Mischung. Wie ist deine bevorzugte Herangehensweise und warum?

Hauser: Grundsätzlich möchte ich ein Objekt in möglichst vielseitiger Hinsicht fotografieren, d.h. von innen und aussen, Totalen wie auch Details. Dennoch sind meine bevorzugten Motive Totalen von innen, d.h. ich fange immer mit dem Standard- oder Weitwinkelobjektiv innen an und wechsle dann gegebenenfalls zu Detailaufnahmen mit dem Standard- oder Zoomobjektiv im gleichen Raum. Dann geht’s weiter zum nächsten Raum. Um ein Objekt zu dokumentieren finde ich es wichtiger, den Raumeindruck festzuhalten, als irgendwelche Lichtschalter, Rohre/Leitungen oder sonstige Details. Ok, zugegebenermassen vergesse ich auch oft die Details, wenn die Raumeindrücke sehr ergiebig sind. Oft ist es aber auch so, dass es kaum Motive für sinnvolle Detailaufnahmen gibt. Außenaufnahmen kommen typischerweise immer am Schluss. Mit Außenaufnahmen anzufangen wäre taktisch sehr ungeschickt, denn – je nach Objekt – kann man bei Passanten, Nachbarn, etc. ungewollt Aufsehen erregen, wenn man mit Kamera ums Objekt spaziert und es fotografiert. Es soll ja auch „pflichtbewusste Bürger“ geben, die die Polizei rufen, wenn eine suspekte Gestalt mit schwerem Gerät um so eine Ruine schleicht.

rottenplaces: Welche Kamera(s) setzt du auf deinen Fototouren ein und was für ein Equipment wird von dir bevorzugt?

Hauser: Ich verwende seit Oktober 2011 eine Nikon D7000 mit den Objektiven Nikon 18 – 70 mm (Standard), Sigma 8 – 16 mm (Weitwinkel), Nikon 70 – 300 mm (Zoom), Nikon 50 mm (Festbrennweite, brauche ich sehr selten) und Sigma 10 – 20 mm (Weitwinkel, brauche ich kaum mehr, seitdem ich das 8-16mm habe). Zuvor hatte ich bis Juli 2003 eine Fuji Kompaktkamera bei der ich das Modell gar nicht mehr weiss, dann bis Januar 2005 eine Olympus Z5050, dann bis 2011 erst eine Fuji S2 und eine Fuji S3. Dazu ein stabiles Manfrotto-Stativ und was auch nicht ganz irrelevant ist, eine gute LED-Taschenlampe. Die sorgt für natürliches Licht in total finsteren Räumen, wie z.B. Lagerkellern von Brauereien oder Bunkeranlagen.

rottenplaces: Fotografen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die den Gebäuden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund für die Zerstörung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigentümer und harte Strafen für Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?

Hauser: Ich bin ein sehr umgänglicher und friedliebender Mensch und kann jegliche negative Energie, die anderen Schaden zufügt, nicht nachvollziehen und verstehen. Ich respektiere stillgelegte Objekte genauso wie jedes andere Eigentum, das noch genutzt wird. Deshalb verstehe ich nicht, was für kranke Gedanken jemanden dazu führen können, fremde Gebäude so zu zerstören. Total schockiert war ich auch, als ich in Gümligen bei Bern war und versuchte, in die stillgelegte Teigwarenfabrik zu kommen. Gerade aus dem Auto ausgestiegen, kamen ein paar sehr junge Schüler vorbei, die grundsätzlich erst einmal sympathisch aussahen. Plötzlich warfen sie mit Steinen in die z.T. noch intakten Fensterscheiben der zwar stillgelegten, aber noch nicht vergammelten Fabrik. Und das mitten im Ort, direkt gegenüber des Bahnhofs, wo scharenweise Menschen herumstanden und auf den nächsten Zug warteten. Dabei habe ich mir so überlegt, was wohl geschehen wäre, wenn ich per Zufall einen Einstieg gefunden hätte und in diesem Raum gestanden hätte, als plötzlich die Steine geflogen kamen.

Genau dieser Vandalismus ist es auch, der mich vor ein paar Monaten schweren Herzens veranlasst hat, sämtliche Objekt- und Ortsnamen der verlassenen Objekte von der Website zu nehmen. Somit ist mein Ziel, die verlassenen Orte mit Geschichte und historischen Belegen zu dokumentieren, nicht mehr möglich. Aber die Würde der Objekte ist mir wichtiger als meine persönlichen Interessen. Insofern kann ich nur hoffen, dass die von mir fotografierten Objekte baldmöglichst abgerissen werden, sodass ich die kompletten Details wie Geschichte, Chronik, Belege, etc. wieder veröffentlichen kann. Das ist zwar irgendwie paradox, aber so ist die Welt heute…

rottenplaces: Du hast auf deinen Touren durch ganz Europa bereits viel gesehen und erlebt, darunter viele industrielle Highlights aber auch Objekte mit wesentlichem geschichtlichem Hintergrund. Gibt es überhaupt noch eine Location – wo auch immer – die du gerne einmal aufsuchen würdest?

Hauser: Ich finde es immer wieder schön, „Hightlights“ einfach so per Zufall zu finden, ohne sie speziell gesucht zu haben. Es ist nun auch die Frage, was man als sogenanntes Highlight bezeichnet. Habe ja auch schon öfters den Tip bekommen, mal Beelitz zu besuchen. Dies ist wohl ein absolutes Highlight aus historischer Sicht, aber aus fotografischer Sicht ist es heute nichts weiteres als eine Tragödie. Im letzten Urlaub (Mai/Juni 2012) war ich in und um Chemnitz, Halle, Dessau und Magdeburg unterwegs, also alles Orte, wo ich ja schon öfters war. Aber dennoch würde ich behaupten, auch diesmal wieder einige neue „Highlights“ gefunden zu haben. In einer Brauerei waren z.B. die Kessel im Sudhaus noch komplett vorhanden, Graffitis gab es kaum, die Bilanzen von 1946-1949 lagen noch in einem Nebenraum rum und auf dem Tisch im Büro lag ein VLB* Bericht von 1930. Sowas bezeichne ich als Highlight. Und sowas kannst du nicht suchen, sowas findest du einfach per Zufall. Und ich bin überzeugt, dass ich auf meiner nächsten Fototour – die noch nicht geplant ist – auch wieder solche Highlights finden werde.

In den letzten beiden Jahren habe ich einige neue Länder besucht, wo ich vorher noch nicht war, wie z.B. Österreich, Ungarn, Slowakei, Slowenien, Kroatien, Luxemburg oder die Niederlande. Ich möchte in Zukunft weitere neue Länder besuchen wie z.B. Griechenland, Mazedonien und Bulgarien, wo ich bereits auch schon nach Objekten gesucht habe. Ob ich dann da auch Highlights finden werde kann ich nicht sagen, bin aber absolut überzeugt, dass sich auch dort tolle Motive und schöne Objekte finden werden lassen, die die Geschichte des Landes oder der Region geprägt haben und die den Horizont meiner Dokumentation stillgelegter Objekte in Europa erweitern werden.

rottenplaces: Beat, du hast neben deiner Website viele Projekte an denen du dich beteiligst und einbringst. Ein eigenes aber ist ein musikalisches: AYWASSCREAMING – ein Industrial-Noise-Projekt. Hier kombinierst du industrielle oder militärische Soundelemente mit düsteren Alltagsklängen – die viele als störend oder nervenaufreibend bezeichnen würden – und schaffst so klanggewaltige Kompositionen. Woher stammt diese Idee und wie würdest du AYWASSCREAMING beschreiben?

Hauser: Unter dem Namen AYWASSCREAMING mache ich schon seit 1994 Musik – naja, wenn man den „Lärm“ als Musik bezeichnen mag. Meine Eltern bezeichnen meine „Musik“ als „Eisenbahnunglück“, was auch gar nicht so abwegig ist. Damals war ich noch sehr aktiv in der Wave-Gotik-Industrial Szene und wollte einfach meine eigenen Soundideen umsetzen. Nach einer längeren Pause (zwischen 1997 und 2007) habe ich dieses Projekt wieder aufgenommen, verwende nun aber nur noch Computer und Software, also keine Synthies, Sampler, Effektgeräte etc. mehr. Darüber könnte ich nun seitenlang berichten, aber ich will versuchen, mich kurz zu fassen. Zwischen den Bildern und der Musik, die ich mache, sehe ich klare Parallelen. Du schreibst, dass viele diese Art von Musik als „störend oder nervenaufreibend“ bezeichnen würden. Das ist absolut korrekt, auch wenn die meisten es eher etwas neutral als „gewöhnungsbedürftig“ bezeichnen – naja, vielleicht um mich nicht zu beleidigen. Genauso ist es doch bei den Bildern.

Zerfall, Dreck und sehr oft eben leider auch Vandalismus wird auch als störend und nervenaufreibend empfunden. Und davon Bilder zu machen ist auch eher „gewöhnungsbedürftig“. Weitere Parallelen bestehen darin, dass ich grundsätzlich genau das widergebe, was ich vorfinde. Bei den Bildern ändere ich das Motiv nicht, ich erstelle also nicht meine eigenen Szenarien, indem ich Objekte verrücke oder zurechtlege. Ebenso verwende ich bei der Musik Sounds oder Samples, die ich irgendwo finde. Vor allem verzichte ich üblicherweise auf Lyrics und verwende eher Sprachsamples. Gerne mache ich Songs zum Thema Industriekultur, z.B. über die Schliessungvon Firmen, wie z.B. die Tracks „VEB Schwermaschinenkombinat“, „Maximilianshütte“ oder „VEB Pentacon Dresden“ (letzteres ist noch nicht publiziert).

AYWASSCREAMING ist sehr experimentell, man kann die meisten Tracks durchaus dem Genre „Industrial“ zuordnen, aber ich achte nicht auf Zuordnungen oder Schubladen. Auch Vergleiche zu anderen Bands sind ganz klar unbeabsichtigt, auch wenn mich Vergleiche bezüglich meines Songs „Sewastopol Bunkerlinie“ mit der Chemnitzer Band Feindflug natürlich freuen, da ich diese Band sehr gerne mag. Ich sehe AYWASSCREAMING eher als Studioprojekt, d.h. ich bastle gerne an Sounds und Songs herum, aber Live-Auftritte sind derzeit definitiv nicht geplant. In der Vergangenheit sind wir schon als Supporting-Act von Bands wie Dive (Basel, 1996), EvilsToy (Sursee, 1998) oder VNV Nation (Strasbourg, 2000) aufgetreten. Bisweilen versuche ich auch, durch die Musik meinen Gefühlszustand auszudrücken, der nicht immer so ist, wie ich ihn gerne hätte, z.B. in den Tracks „Soll das mein Leben sein“, „Hermann spielt…“ oder „Wie eine Leiche“.

rottenplaces: Was gibt es demnächst von Beat Hauser zu lesen, sehen oder hören, bzw. wie lauten deine Zukunftspläne?

Hauser: Ich habe so viele Ideen, da müsste ich wohl die Welt überleben, um alle umsetzen zu können. Im Moment arbeite ich jedoch an einem Fotobuch, das eine Reise durch Europa beschreibt. Es zeigt nicht Sehenswürdigkeiten, die in jedem Reiseführer stehen, sondern stillgelegte Objekte, die durch ihre Geschichte oder Architektur überzeugen. Vom Bergbau in Asturien (Spanien) bis zur Geisterstadt Pripyat (Ukraine) werden quer durch Europa stillgelegte Objekte gezeigt, die die Geschichte der Regionen geprägt haben und nun ungenutzt als „Schandfleck“ dastehen.

Weitere Publikationen sind bereits geplant und auch bereits in Vorbereitung. Grundsätzlich möchte ich weitere Bücher zum Thema Industriekultur veröffentlichen, die auch historische Belege, Geschichten und Firmenchroniken beinhalten, nicht nur meine Fotografien. Mit AYWASSCREAMING möchte ich demnächst auch die erste CD rausbringen. Material dazu habe ich mehr als genügend. Auch die SPERRZONE Website wird erweitert werden, sodass die historischen Belege und weitere Infos wieder übersichtlicher präsentiert werden. Dies jedoch nur für verlassene Objekte, die bereits abgerissen sind. Ich habe auch bereits Karten erstellt, um die Objekte auf Land- oder Regions-Karten anzuzeigen. Dies wäre jedoch nunmehr nur möglich für Objekte, die wie gesagt bereits abgerissen sind.

Wir danken Beat Hauser für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

*VLB = Versuchs- und Lehranstalt für Brauereien in Berlin; hier wurden u.a. Biere getestet und der entsprechende Testbericht an die Brauereien abgeliefert.

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André Winternitz, Jahrgang 1977, ist freier Journalist und Redakteur, lebt und arbeitet in Schloß Holte-Stukenbrock. Neben der Verantwortung für das Onlinemagazin rottenplaces.de und das vierteljährlich erscheinende "rottenplaces Magazin" schreibt er für verschiedene, überregionale Medien. Winternitz macht sich stark für die Akzeptanz verlassener Bauwerke, den Denkmalschutz und die Industriekultur.

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