Nachgefragt bei: Alexander Calvelli

Der Kölner Maler Alexander Calvelli. Foto: Alexander Calvelli

Der Kölner Maler Alexander Calvelli beschäftigt sich mit der fotorealistischen Darstellung von Überresten der vergangenen, stillgelegten Industrie, aber auch mit Darstellungen der noch verbliebenen Arbeitsplätze, insbesondere in den traditionellen Bereichen der Montanindustrie und der Schifffahrt. Anhand der fotografischen Dokumentation fertigt er Skizzen an, die er anschließend in Öl auf Leinwand überträgt. Die ästhetischen Kunstwerke des Malers dokumentieren seit mehr als 30 Jahren den kosequenten Niedergang der deutschen Industrie.

Calvellis Bilder erzählen Geschichten aus dem Arbeitsalltag verschiedenster Gewerke, die dem Betrachter größtenteils unbekannt sind. Seine Werke sind wertvolle Zeitdokumente einer traditionsreichen Epoche, die immer schneller dem Untergang geweiht ist. Die Werke des Malers werden seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Museen und Einrichtungen gezeigt.

Das Calvelli der Bruder des bekannten Schauspielers Hannes Jaenicke ist, verschweigt der Maler gerne. Denn immerhin sollen die Besucher die Ausstellungen in erster Linie wegen seiner Kunst besuchen. Calvelli wurde 1963 in Frankfurt (Main) geboren und studierte Malerei an der Kölner Fachhochschule. Nach Studienaufenthalten in Florenz, Rio de Janeiro und Córdoba kehrte er 1993 zurück nach Deutschland und wurde Stadtmaler der Stadt Leverkusen. Seitdem zeigt der Maler mit seinen Ausstellungen faszinierende, aber auch mahnende Motvie aus der Welt der Industrie, des Bergbaus und der Schifffahrt. Arbeitswelten, dessen Niedergang immer schneller voranschreitet. Wir haben nachgefragt …

rottenplaces: Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Calvelli: Letztendlich durch meine Eltern, die mit ihren Kindern oft ins Museum gegangen sind; und dann vermutlich auch ein gewisser Hang, gerne im stillen Kämmerlein zu sitzen bzw. an der Staffelei.

rottenplaces: Woher stammt Ihre Faszination für den Fotorealismus?

Calvelli: Einerseits ist der gewählte Stil vermutlich eher eine Veranlagungsfrage: Der eine ist ein eher kreativer oder expressiver Typ und drückt sich in einer eigenen und freien Sprache aus, während der andere sich an der Wirklichkeit orientiert und vielleicht zur Pedanterie neigt, andererseits liegt der Fotorealismus auch aus inhaltlichen Gründen nahe: Bei meinen Bildern geht es ja um eine Art Dokumentation und um den Versuch, Arbeitswelten (und ihr Verschwinden) zu schildern; das läßt sich mit dem (Foto)Realismus am angemessensten bewerkstelligen: Werften, Hochöfen oder Bergwerke sind recht nüchterne, gleichzeitig aber auch vielschichtige Orte, die einiges über eine Region erzählen können, gleichzeitig aber auch über die Produktionsprozesse oder Arbeitsumstände usw. Da liegt eine gewisse Sachlichkeit nahe, die vor allem den dargestellten Ort zu Wort kommen lassen soll. Auch wenn die Motivauswahl subjektiv ist, versuche ich einen interpretierenden oder gar propagandistischen Blick zu vermeiden.

rottenplaces: Was beeinflusst Sie und Ihre künstlerische Arbeit?

Calvelli: Während des Studiums waren es vor allem die Maler der Neuen Sachlichkeit oder die alten Holländer des 17. Jahrhunderts; vielleicht auch der eine oder andere zeitgenössische Realist. Den größten Einfluss aber hat vermutlich die Wirklichkeit: Die Architektur, der Raum, das Licht, die Atmosphäre einer Fabrik; die Geschichte, die hinter einem Werk steckt und die Zukunft, die oft unsicher ist; die Produkte, die dort hergestellt werden oder wurden…

rottenplaces: Wie treffen Sie die Entscheidung welches Motiv sie malen wollen?

Calvelli: Das hängt meistens mit Ausstellungsprojekten zusammen, die zum Teil schon Jahre im voraus geplant sind: Vor zehn Jahren hatte ich beispielsweise eine Ausstellung im Deutschen Bergbaumuseum – zu einer Zeit, als schon absehbar war, daß die Tage deutscher Kohlezechen gezählt sein würden; also bin ich in alle damals noch fördernden Bergwerke gefahren und habe sie nach und nach gemalt. In den letzten Jahren stand dann die Stahlindustrie im Mittelpunkt und die Schifffahrt; alles Branchen, die von zum Teil radikalen Umbrüchen geprägt sind; und – das Wortspiel liegt nahe – Abbrüchen …

rottenplaces: Was wollen Sie mit Ihren Werken zum Ausdruck bringen?

Calvelli: Es ist vielleicht der Versuch, den Reiz und auch den Zwiespalt einer ebenso alltäglichen wie verborgenen und verdrängten Welt zu schildern: Wir nutzen sehr gerne die Errungenschaften unserer technisierten Welt, haben aber kaum eine Ahnung, wie es hinter den Werkszäunen aussieht und wünschen industrielle Komplexe in irgend ein ferne Welt. Kurz gesagt: Ich male all das, was jeder braucht, keiner aber in seiner Nähe haben möchte.

rottenplaces: Wo finden Sie die Motive für Ihre Arbeiten?

Calvelli: Wie angedeutet hinter dem Werkszaun; das können die erwähnten Bergwerke, Hochöfen oder Werften sein, aber auch Kraftwerke, Papier- oder Glasfabriken, Bahnhöfe oder Betriebswerke. Manchmal liegen die Motive aber auch „um die Ecke“: Das Thema Stadtlandschaft spielt in meinen Bildern auch eine große Rolle, zumal einige stillgelegte Industriebetriebe oder -hallen inzwischen umgenutzt werden und sich als Gewerbepark, Supermarkt oder auch als Museum der Nachbarschaft sozusagen geöffnet haben.. Das Ruhrgebiet ist da ein sehr markantes Beispiel, in dem ich auch die meisten meiner Motive finde (obwohl ich gerade dort versucht habe, die Werke noch in ihrer ursprünglichen Funktion, also noch vor dem „Strukturwandel“ festzuhalten…)

rottenplaces: Wenden Sie bei einem Bild verschiedene Techniken an?

Calvelli: Nein. Ich zeichne immer ziemlich detailliert mit Bleistift vor und male dann mit Acryl lasierend Schicht auf Schicht ganz konventionell mit dem Pinsel.

rottenplaces: Wie sieht Ihr Tagesablauf im Atelier aus?

Calvelli: Ziemlich bürgerlich: Ich stehe recht früh auf, frühstücke, arbeite dann aber zu Hause und habe auf diese Weise die Möglichkeit, öfters auch etwas unbürgerliche Arbeitszeiten bis tief in die Nacht einzuhalten.

rottenplaces: Wie würden sie sich stilistisch einordnen, als Realist oder Fotorealist?

Calvelli: Mit den Schubladen ist das so eine Sache: Die klassischen Fotorealisten haben meist eine offensichtlich fotografierte Wirklichkeit gemalt: Mit allen Unzulänglichkeiten der Fototechnik (unscharfe Hintergründe, stürzende Linien bei der Architektur etc.). Das versuche ich zu  vermeiden; deshalb ist die Bezeichnung „Realist“ sicher am unverfänglichsten; wenn auch einer, der möglichst viel Wirklichkeit abbilden möchte.

rottenplaces: Derzeit läuft Ihre aktuelle Ausstellung „Schiffsblicke“ noch bis zum 29. Oktober im Binnenschifffahrtsmuseum in Duisburg. Was ist als nächstes geplant?

Calvelli: Im Frühjahr 2019 wird eine Ausstellung im Welterbe Rammelsberg in Goslar zu sehen sein; da geht es dann um den Harz und seine Welterbestätten, die allesamt mit dem Bergbau zu tun haben; das Projekt ist für mich insofern ungewöhnlich, als es tief in die Geschichte zurückgeht und motivisch die ganze Spanne vom Mittelalter bis in die industrielle Neuzeit abdeckt. Möglicherweise wird vorher noch eine Ausstellung im Ruhrgebiet zu sehen sein, doch steht das noch nicht ganz fest.

Wir danken Alexander Calvelli für das Interview.
Das Interview führte André Winternitz.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here