Mit falschen Chalets gegen den Feind

10,5 cm Kanonen Bunker, Ennetberg-Chängel A 6730. Foto: Paebi/CC BY-SA 4.0

Überall und nicht nur an der Westgrenze der Schweiz finden sich malerische Dörfer. Hier, wo die Kuhglocken klingeln, der Quellbach sprudelt und sich Fuchs und Hase noch Gute Nacht sagen, sind teilweise villenartige Häuser eingebettet. Doch nicht alle Häuser sind wirklich Häuser. Einige dienten noch bis vor kurzer Zeit militärischen Zwecken. Schaut man näher hin, so sind die Fenster, Gardinen, Balkone und Blumenkästen nur aufgemalt – ja sie sind „Fälschungen“, die den möglichen Feind im Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus in die Irre führen sollten. Künstliche Felswände an den Passstraßen oder Fassaden mit getäfelten, gemalten Holzmustern auf den Betonwänden – hinter selbigen verbergen sich Artilleriestellungen und Eingänge zu unterirdischen Bunkeranlagen.

Die Schweizer hatten ihr Land zu einer wahren Festung ausgebaut. Mit den Bunker-Chalets sollten potenzielle Angreifer frühzeitig ausgeschaltet werden. An diesen Bollwerken, getarnt als Felsen, Scheunen und Chalets durfte der Feind nicht vorbeikommen. Dieser hätte nicht mal reagieren können – aus der landschaftlichen Idylle wäre ein wahrer Feuersturm über die Eindringlinge hereingebrochen. Getreu der Schweizer Devise: „Wir kämpfen bis zum letzten Mann.“ Doch die Waffen blieben stumm.

Sperrstelle Näfels GL, Schweiz. Foto: Paebi/CC BY-SA 4.0
Sperrstelle Näfels GL, Schweiz. Foto: Paebi/CC BY-SA 4.0

Mit dem Reduitgedanken (Reduit = Verteidigungsanlagen in den Alpen, Anm. der Redaktion) bauten die Schweizer ab 1937 geheime Kampf-, Führungs- und Schutzbauten. Wie am Fließband wurden Infanteriebunker, Panzertürme, Artilleriestellungen, unterirdische Krankenhäuser, Kommandozentren, Mannschaftsunterkünfte, Offizierszimmer und Munitionsdepots, Regierungsbunker und vieles mehr im Baustil der jeweiligen Region in die Landschaft drapiert. Erbaut wurden die Gebäude nach Skizzen, diverse Baumaterialien wurden gebraucht verarbeitet. Für die Tarnung der Bauwerke setzte man so genannte „Tarngruppen“ ein, die aus Maurern, Malern, Schlossern und Hilfsarbeitern bestanden.

Einige „Festungen“ wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg getarnt. Die wieder in die Schweiz strömenden Touristen sollen eine Idylle vorfinden und keine militärische Festung. Die Bunker standen früher unter strengster Geheimhaltung. Selbst die Ehefrauen der Soldaten durften nichts vom Einsatzort der Soldaten – ihrer Männer – wissen. Viele Einheimische wussten bis zur Bekanntmachung vor einigen Jahren nichts von der Existenz des Gebäudes hinter der Fassade in ihrem Ort. Zu gut war die Tarnung, ein perfektes Bühnenbild war geschaffen worden.

26.000 militärische Anlagen in der Schweiz sollten die Neutralität des Landes verteidigen. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1989 zerbrach auch das letzte Feindbild der Schweiz. Als man 1995 damit begann, einzelne Anlagen stillzulegen, wurde deren Existenz überhaupt erst bekannt. Viele dieser Gebäude wurden und werden verkauft. Ein Abbruch kam bisher für die Schweizer nicht infrage. Die Unterhaltung dieser Bauwerke kostet nur wenige Tausend Franken pro Jahr, der Abbruch schnell mehrere zehntausend Franken. Viele der Bauwerke sind heute in privater Hand und neu genutzt – als Luxushotel, Null-Stern-Hotel, Kunstobjekt, Datencenter oder Pilzzucht. (aw)

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