Mein Bruder Aaron – Von Josef Bohnhoff

Symbolfoto. Foto: pixelio/Sybille Daden

Etwa um Mitternacht hatte ich mich nach vielen Stunden des Computerspielens schlafen gelegt. Ich liebte es wenn meine Eltern, wie an diesem Wochenende, verreisten, denn so konnte ich so lange Zocken wie ich wollte. Ich war ganz alleine in der Wohnung, denn mein großer Bruder Aaron war noch auf einer Feier bei einem Freund und würde daher erst spät wiederkommen. Sein Zimmer lag direkt hinter meinem, man musste also durch mein Zimmer laufen um hinein zu gelangen. Mich ärgerte der Umstand zwar und ich hatte mich, seit wir vor ein paar Jahren in die Wohnung gezogen waren auch mehrmals darüber beschwert, doch waren meine Eltern der Meinung, dass dem älteren Kind das bessere Zimmer zustand. Nur weil ich jünger war als mein Bruder, sollte ein Durchgangszimmer für mich also gut genug sein! Die Logik meiner Eltern hatte mir noch nie ganz eingeleuchtet. Ich konnte noch eine Weile nicht einschlafen, denn der Soundtrack und die Bilder des Computerspiels wollten mir einfach nicht aus dem Kopf gehen.

Mitten in der Nacht wurde ich schlagartig wach, ohne dass ich direkt hätte sagen können, was es war, das mich geweckt hatte. Ich hielt den Atem an und lauschte in die Dunkelheit, ein mulmiges Gefühl hatte mich beschlichen. Und da, tatsächlich waren eindeutig Geräusche aus der Dunkelheit wahrzunehmen, doch ich konnte sie nicht richtig lokalisieren. Auf einmal fiel ein Lichtschemen durch die Tür zu dem Zimmer meines Bruders, und im Türrahmen war der Dunkle Schemen einer leicht nach vorn gebeugten, großen Gestalt zu erkennen. Ich zuckte zusammen, mein Herz schien sich vor Schreck zu verkrampfen. Da erinnerte ich mich, klar: Mein Bruder war wohl zurückgekommen, und hatte aus Rücksicht mir gegenüber das Licht in meinem Zimmer nicht angemacht. Man war ich vielleicht ängstlich! Allerdings, dachte ich mir, wäre wohl jeder erst mal erschrocken, wenn er mitten in der Nacht im dunklen Zimmer von Geräuschen geweckt würde.

Ich drehte mich auf die andere Seite und versuchte wieder einzuschlafen. Drüben im Zimmer meines Bruders war zu hören, wie er sich ebenfalls in sein Bett legte. Nun wieder beruhigt dauerte es nicht lange, und ich glitt hinüber in einen angenehmen Halbschlaf. Die Ruhe war nicht von langer Dauer. „Pling“ eine eingehende Nachricht auf meinem Handy riss mich aus dem Dämmerzustand. Schlaftrunken griff ich neben mich und angelte mein Handy vom Nachttisch. Die Nachricht kam von Aaron. „Hey“, schrieb er, „ich wollte dir nur bescheid geben, dass ich heute bei nem Kumpel übernachte, bis morgen dann :)“

Mein Magen fühlte sich an, als hätte jemand einen festen Knoten reingemacht. Wer war in Aarons Zimmer wenn nicht Aaron. Ich versuchte ruhig zu atmen, um einen klaren Gedanken zu fassen. Mir kam der Gedanke, dass es auch einer der blöden Scherze sein könnte, die mein Bruder manchmal ausheckte. Später würde er sich dann anschleichen, und mich aufwecken oder so etwas. Ich biss die Zähne zusammen, wann war ich eigentlich so verdammt ängstlich geworden? Aaron lag gerade mit sicherheit auf seinem Bett und freute sich schon darauf im richtigen Moment zu zuschlagen. Jetzt kahm mir eine Idee, wie ich ihn würde enttarnen können. Ich nahm mein Handy zur Hand tippte, „Okay“, als antwort und schickte es ab. Das charakteristische Pfeifen vom Handy meines Bruders war leise aus seinem Zimmer zu hören. Er war also eindeutig dort. „Ha!“, dachte ich, so leicht kriegst du mich nicht dran.

Ich hatte eine Idee, wie diesmal ich ihm ein Schnippchen schlagen konnte. Ich stand aus dem Bett auf, und schlich mich in die Küche. Dort nahm ich den größten Schwamm, den wir hatten, und saugte ihn so voll mit Wasser, wie es ging. Anschließend legte ich ihn in eine Schale und stellte diese griffbereit unter mein Bett. Aaron konnte kommen!

Tatsächlich dauerte es nicht lange, und ich bildete mir ein, wahrzunehmen, wie die Tür zu Aarons Zimmer vorsichtig aufgeschoben wurde. Sicher war ich mir allerdings nicht, den es war keinerlei Licht zu sehen, in meinem Zimmer war es stockfinster. Erneut überkam mich ein mulmiges Gefühl, und ich war drauf und dran das Licht anzumachen, dabei wusste ich doch ganz genau, dass das mein Bruder war, der sich da in mein Zimmer schlich! Wenn ich jetzt den Schwanz einziehen, und das Licht an machen würde, wäre die gesamte Überraschung dahin. Ich blieb also ruhig liegen und konnte ein leises Tapsen hören, das sich langsam auf mein Bett zu bewegte.

Das Geräusch der Schritte wurde von einem seltsamen, schleifenden Geräusch begleitet, wie als würde jemand einen schweren Besen über einen alten Teppich ziehen. Was Aaron da wohl wieder plante? Die Geräusche kahmen immer näher, bis sie vor dem Fußende meines Bettes haltmachten. Jetzt konnte ich sogar ein leises Schnaufen aus der Dunkelheit wahrnehmen. Ob Aaron wohl betrunken war? Bestimmt, schließlich war er erst spät von der Party nach Hause gekommen.

Ich fühlte deutlich, wie jemand am anderen Ende des Bettes auf die Matratze geklettert kahm. Ich konnte an den Erschütterungen genau spüren, wie Aaron sich immer näher in meine Richtung bewegte, er wich meinen Beinen aus und kroch rechts an ihnen vorbei. Unterdessen hatte ich meine Hand bereits leise um den Schwamm unter meinem Bett geschlossen, ich freute mich bereits auf Aarons Schrei, wenn ich ihm eine nasskalte Überraschung bereiten würde! Plötzlich zerriss eine laute elektronische Melodie die stille Finsternis. Das Display das Festnetz Telefons, welches auf dem Computertisch lag, warf ein kaltes Licht an die weiße Decke. Verflucht! Dachte ich. Wer ruft den um diese Zeit noch an?

Naja vermutlich war der Anruf wichtig, schließlich rief man mitten in der Nacht niemanden an, um über die Pläne für nächstes Wochenende zu quatschen. Ich sprang aus dem Bett auf, und lief vorsichtig durch mein dunkles Zimmer auf den Lichtkegel hin. Ich ging ans Telefon: „Hey, hey kleiner Bruder!“ Es war Aaron. Und er war betrunken. „Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt, ich wollte dir nur kurz bescheid geben, dass ich hier bei meinem Kumpel schlafe, ich hätte dir ja eine SMS geschrieben, aber ich hab wohl mein Handy zu Hause liegen lassen“ Ein sehr ungutes Gefühl überkam mich, und plötzlich hörte ich wieder das tapsen, wie es sich vom Bett aus langsam auf mich zu bewegte. „Aaron“, sagte ich heißer, mir blieb fast die Luft weg, meine Stimme war nicht viel mehr als ein Fiepen. „Aaron verarsch mich jetzt nicht!“ „Was? Ich kann dich nicht richtig verstehen, es ist so laut hier.“

Im Hintergrund am Telefon war laute Musik zu hören, welche sich in meinem inneren Ohr mit den leisen Taps und Schleifgeräuschen zu einem Surrealen Geräuschebrei verschwamm. Überhaupt kahm mir die ganze Situation völlig unwirklich vor. „Also dann bis morgen kleiner Bruder.“ „Aaron!“, krächzte ich ins Telefon, doch er hatte bereits aufgelegt.
Angsterfüllt horchte ich in die Dunkelheit, doch es war nichts zu hören, kein Tapsen, kein Schleifen, kein gar nichts. Mit butterweichen Knien tastete ich mich zittrig an der Wand entlang auf den Lichtschalter zu. Als ich glaubte nur noch eine Armeslänge vom Schalter entfernt zu sein, streckte ich vorsichtig meine Hand aus. Doch, noch bevor ich ihn erreichen konnte, wurde mein Arm urplötzlich von einer kalten langfingrigen Hand so fest gepackt, dass ich vor Schreck und vor Schmerz laut aufschrie.

Ich spürte das Adrenalin durch meinen Körper jagen, als wäre ein Blitz in mich eingeschlagen. Mein Herz pochte so stark, dass es mich wunderte, dass es mir nicht aus der Brust sprang. Instinktiv boxte ich mit meiner freien Hand in die Richtung, in der ich den Angreifer vermutete. Ich traf tatsächlich, die Fläche meiner Faust prallte auf einen rauen, kalten Körper, doch irgendwie wirkte mein Schlag kraftlos und löste keinerlei Reaktion aus. Auf einmal spürte ich eine weitere Hand, wie sie sich um mich schlang, und ich wurde von der Wand weg gezogen.

Als mein Bruder am nächsten Morgen heimkam, bot sich ihm ein schrecklicher Anblick: Mein Zimmer war blutverschmiert und ich lag mit seltsam vertreten Gliedmaßen auf meinem einst so blauen Teppich. Mein Gesicht war zerfetzt, mein Kiefer lag ein Stück entfernt von meinem grotesk entstellten, toten Körper. In meinem Hals klaffte ein schreckliches Loch, dort, wo eigentlich der Kehlkopf hätte sitzen müssen. Doch das Schlimmste, würde mein Bruder später immer wieder sagen, waren die Angsterfüllten, schreckgeweiteten Augen.

Als mein Bruder das alles sah, brach er einfach neben mir auf dem Boden zusammen, und blieb dort zusammengesackt sitzen, bis meine Eltern am nächsten Tag und einen Tag früher als geplant, nach Hause kamen. Meine Eltern riefen direkt die Polizei, welche meine Nachbarn und meinen Bruder so wie meine Eltern verhörte. Mein Bruder blieb stumm und sprach mit keinem ein Wort. Es würde noch viele Monate dauern, bis er etwas sagen würde. Meine Eltern sind umgezogen, in eine andere Stadt und Aaron, mein großer Bruder Aaron, wurde in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Die Polizei wirft ihm vor, seinen kleinen Bruder auf grausame Art und Weise ermordet zu haben.

Josef Bohnhoff

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