Manchmal im Schuppen – Sebastian Wolfram

pixelio/Rainer Sturm

Sein Vater reichte Martin einen gusseisernen Eimer mit Blut darin und einigen Eingeweiden. Es war das Blut eines der Schweine im Stall, von Martin immer liebevoll Bohne genannt.
„Bring ihn in den Schuppen, Martin. Auf den Tisch. Es wird Zeit, dass du was lernst“, sagte Horst Warder und wischte sich die blutigen Handschuhe an der Latzhose ab.
Martin blickte über seine Schulter und sah zum Schuppen am Ende des Hofzauns, der immer verschlossen gewesen war, so weit Martin sich zurückerinnern konnte.
Die Sonne stand den Feldern am Horizont bereits nahe und warf ein Licht auf den Schuppen, dass an Grippe und Gesichtsblässe erinnerte. Ein kalter Windzug fuhr Martin durchs Haar.
„Du bringst den Eimer in den Schuppen, stellst ihn auf den Tisch in der Mitte. Dann gehst du raus und schließt die Tür hinter dir. Mach schnell und fass nichts an.“ Horst Wader sah zum Schuppen, legte dann abwechselnd den Daumen an jeden Nasenflügel und schniefte Rotz auf den Rasen.
„Es wird bald dunkel. Mach schon. Und kipp nichts aus.“
Mit diesen Worten ging sein Vater wieder Richtung Schweinestall und streifte sich dabei die dreckigen Handschuhe ab.
Martin hielt den Eimer dicht an die Brust, damit nichts überschwappte und machte sich auf den Weg zum Schuppen. Er betrachtete den roten Sud im Eimer. Es roch leicht metallisch, irgendwie süß, aber nicht schlimm. Mehr wie der Geruch von frischem Schweiß als wie der von Fäulnis.
„Vergiss nicht die Tür abzusperren, Junge!“, rief Horst ihm noch hinterher. „Wehe du vergisst es.“
„Mach ich, Papa“, antwortete der Junge und sah auf zum Schuppen. Neugierde packte Martin, aber auch eine gewisse Unruhe. Was ist im Schuppen, fragte er sich und spielte mit der Zunge an der Unterlippe.

Der Schuppen war ein alter Holzverschlag ohne Fenster und warf jetzt lange Schatten über den sonnenverbrannten Rasen. Als Martin näher kam, bemerkte er, dass der Rasen entlang der Wände des Schuppens schwarz war. Die Rillen im Holz waren finster. Eine Eisentür wurde von zwei Schieberiegel festgehalten, die ungefähr so breit waren wie Martins Unterarm.
Den Eimer stellte er neben die Tür und wartete dann, als würde der Junge darauf warten, dass eine Stimme ihn höflich herein bat. Aber das tat niemand.
Sein Vater war inzwischen nicht mehr auf dem Hof. Wahrscheinlich war er am Wasserhahn im Stall und wusch sich das Gesicht, wie er es immer nach der Arbeit tat.
Martin legte ein Ohr an die Tür und lauschte. Die Oberfläche war eiskalt und es war nichts zu hören, außer das Rauschen in Martins Ohren.
Er schob den ersten Riegel beiseite und seine Nackenhaare stellten sich auf, weil Metall auf Metall kratzte.
Er schob den zweiten Riegel beiseite, diesmal mit mehr Kraft weil er ein wenig klemmte, und öffnete dann gespannt die große Tür.
Hinter der Eisentür befand sich eine Gittertür. Diese war mit zwei Blockierstangen sowohl im Boden, als auch im oberen Rahmen der Tür verkeilt. Die Stangen ließen sich nur hinaushebeln, wenn die erste Tür offen war.

Martin konnte jetzt den Tisch in der Mitte des Raumes sehen. Er zog die untere Stange aus dem Boden und stellte sich dann auf die Zehenspitzen, um an die obere anzukommen. Es gelang ihm und er öffnete die Gittertür.
Außer dem fahlen Rechteck Licht der Dämmersonne, das sich durch die offene Tür auf den Boden legte, und dem schwarzen Schatten von Martin darin, war das Innenleben des Schuppen unwirklich düster.
Martin hob den Eimer wieder an und ging in den Schuppen. Er machte es genau so, wie sein Vater gesagt hatte. Er platzierte den Eimer ohne zu trödeln auf dem Tisch in der Mitte und lief dann wieder zurück zur Tür. Dinge knackten unter seinen Schuhen und brachen entzwei. Es fühlte sich an, als wenn man über dünnes Geäst lief.
Niemand packte Martin von hinten an der Schulter. Nichts knurrte in der Ecke oder tappste ihm hinterher.
In der Sicherheit des Türrahmens und im letzten Licht des Tages sah Martin nocheinmal zurück und kniff die Augen dabei etwas zusammen. Der Raum war leer. Keine Möbel oder Tiere oder Menschen im Raum. Nur der Tisch in der Mitte mit dem Eimer darauf.
Dann schloss Martin das Gitter, verankerte die Stangen im Rahmen, schloss die Eisentür und versperrte auch sie wieder.
Warum will Papa, dass ich einen leeren Raum füttere, fragte er sich und ging Richtung Haus zurück.

Eine Hand packte den Jungen von hinten an der Schulter und Martin schrie laut.
Es war sein Vater. Der große Mann stand hinter ihm und betrachtete den Jungen mit fressendem Ernst im Weiß seiner Augen.
„Du solltest die Tür absperren, Martin“, sagte Horst Wader.
„Das hab ich doch, Papa. Du tust mir weh.“
Horst lies seinen Sohn los, stapfte zur Schuppentür und hämmerte mit der Faust dagegen.
„Sieht das für dich abgesperrt aus?“, fragte er.
Martin zitterte. Er wusste nicht, was sein Vater meinte.
„Ja“, stammelte er.
Horst Wader schob den zweiten Riegel vor die Eisentür. Martin hatte einen der Riegel vergessen.
„Abgesperrt …“

Martin schämte sich ein wenig dafür, dass er die Anweisungen seines Vaters nicht endgültig befolgt hatte, fühlte sich aber dennoch etwas zum Narren gehalten.
„Aber man kann die Tür auch nicht öffnen, wenn nur ein Riegel sie hält. Und das Gitter kann man doch auch nicht aufmachen, solange die Tür außen zu ist.“
Sein Vater schüttelte den Kopf, lehnte sich an den Schuppen und verschränkte dann die Arme.
„Ich bin dir nicht böse, Martin. Aber wenn ich dir sage, dass du die Schuppentür absperren musst, dann sperrst du sie auch ab.“
„Was ist im Schuppen, Papa?“
Horst fixierte jetzt einen Punkt, der offensichtlich irgendwo hinter Martin war und zuckte dann mit den Schultern.
„Diese Tür darf niemals offen bleiben. Wenn ich mal später nicht mehr da bin, dann musst du dich darum kümmern.“
Er fischte sich eine Schachtel Zigaretten aus der Latzhose und steckte die erstbeste an. Martin mochte den Geruch von Rauch nicht, blieb aber brav bei seinem Vater stehen.
„Warum füttern wir den Schuppen, Pa?“
Rauch stieg aus Horsts Nasenlöchern und waberte dann langsam zu seinem Sohn.
„Weißt du, Martin. Es ist wichtig, dass du die Regeln lernst. Nur falls mir oder Mama was passieren sollte.“
Martin steckte die Hände in die Taschen und nickte.
„Einmal im Jahr einen Eimer Blut. Immer um dieselbe Zeit. Am einundzwanzigsten September. Kannst du dir das merken?“
Martin nickte wieder und wiederholte das Datum.
„Papa du machst mir Angst.“
Jetzt nickte sein Vater und pustete Rauch.
„Du kennst doch diesen Song von Earth, Wind and Fire, nicht?“
September„, antwortete Martin und erwischte seine Gedanken dabei, wie sie bereits jetzt einen Ohrwurm vom Refrain hatten.
„Sehr gut“, sagte Horst Wader und lächelte. „Do you remember, twenty-first night of September?“, sang der alte Mann mit seiner kratzigen Stimme und Martin musste auf einmal Grinsen.

Als sein Vater das sah, schaukelte er ein wenig mit den Schultern und sang weiter: „Ba de ya, say do you remember?
Ba de ya, dancing in September?“
Martin kamen fast die Tränen vor Lachen, seinen Vater so schunkeln zu sehen und auch der alte Mann lachte ein wenig. Die Sonne verschwand am Horizont.
„Sehr gut, ja. Du kennst den Song.“ Er inhalierte und nahm dann wieder eine ernstere Miene an. „So konnte ich mich zumindest immer an das bescheuerte Datum erinnern. Es hilft ungemein. Ein Eimer Schweineblut am einundzwanzigsten September. Vergiss das nie. Und wenn du kein Schweineblut hast, nimm anderes. Egal welches. Jedes Jahr bloß ein Mal.“
Sein Vater schmiss die Zigarette auf den Boden und trat sie aus. Dann legte er den Arm um seinen Jungen und sie gingen gemeinsam zum Haus.
„Und jetzt hauen wir uns die Bäuche voll. Mama hat Fleischrouladen auf dem Herd.“
„Was ist in dem Schuppen, Papa?“, fragte Martin wieder. „Was füttern wir denn da drin?“
Horst öffnete die Verandatür und hielt sie seinem Sohn auf.
„Nichts“, sagte er. „Da ist irgendwie nichts im Schuppen.“
„Gar nichts?“, fragte Martin enttäuscht.
„Nein“, antwortete sein Vater.
Martin schluckte. „Dann verstehe ich das aber nicht.“
Horst Wader schien jetzt angestrengt nachzudenken und antwortete nach einer langen Pause: „Manchmal ist da was, Junge. Aber meistens ist es nichts.“

Martin Wader erwachte aus einem wirren Traum und strampelte sich die verschwitzte Decke von den Füßen. Ihm war unglaublich heiß.
In seinem Traum war er wieder im Schuppen gewesen und die Türen öffneten sich langsam. Martin saß auf dem Tisch in der Mitte und hatte furchtbare Angst, als um ihn herum der Boden sich plötzlich bewegte.
Die Äste auf dem Boden wirbelten umher und setzten sich zusammen zu dürren Gestalten. Sie tanzten um Martin im Kreis und starrten ihn dabei an. Ihre Unterkiefer bewegten sich wild und ulkige Stimmen hauchten aus Mundhöhlen ohne Kehlkopf.
Ba de ya, say do you remember? Ba de ya, dancing in September?
Die dürren Wesen hatten coole Tanzmoves drauf, die sich sehen ließen und Martin hatte angefangen zu ihrem Rhythmus mitzuklatschen. Er lachte jetzt sogar, als zwei der Wesen die Hüften aneinander stießen.
Ba de ya de ya de ya. Ba de ya de ya de ya, sangen die Gestalten allmählich den Schlusstakt des Songs und tanzten hintereinander zur Tür hinaus. Sie winkten Martin dabei freundlich zum Abschied.
Ba de ya de ya de ya. Ba de ya de ya de ya. Martin applaudierte der Tanzeinlage heiter und winkte ihnen ebenfalls.
Der Gesang brach ab. Die doppelte Eisentür knallte zu. Martin saß alleine im Schuppen. Im Dunkeln. Draußen schrie jemand entsetzlich laut. Seine Eltern. Das Reißen von Fleisch war zu hören gewesen. Dann war Martin aufgewacht.

Martin sah aus seinem Fenster auf den Hof. Die Nacht hatte den Rasen blau gefärbt und ein halber Mond leuchtete am Himmel. Am Schuppen rührte sich nichts. Die Türen waren verschlossen.
Er öffnete die oberste Schublade seines Nachtschranks und nahm sich seine Taschenlampe heraus. Dann stieg er aus dem Bett und schlich sich barfuß über den Flur. An der offenen Schlafzimmertür seiner Eltern hielt er die Luft an und sah zum Ehebett, das in weißes Mondlicht getaucht war. Sein Vater lag neben seiner Mutter. Seine Mutter schnarchte unter der Decke.
Sachte auftretend stieg er die Treppenstufen hinab und ließ mit einem großen Schritt die letzte Stufe aus, weil sie knarrte. Martin knippste die Taschenlampe an und ging hinaus in den Garten.
Der zweite Riegel der Tür klemmte dieses Mal nicht mehr. Sie ließ sich so unglaublich leicht öffnen, als hätte sein Vater die Tür vor dem Schlafengehen noch einmal geölt.
Die Gittertür öffnete Martin nicht. Zur Sicherheit.
Er leuchtete mit seiner Lampe zwischen den Stäben hindurch. Der Eimer stand noch immer auf dem Tisch. Dort wo er ihn gelassen hatte.
Martin nahm sich einen kleinen Kiesel vom Boden und versuchte damit in den Eimer zu treffen. Der zweite Wurf traf und Martin hörte ein leises Gluck.
Das Blut musste noch drin sein. Er ließ das Licht der Lampe durch den Schuppen wandern. Da waren wirklich vereinzelte, weiße Äste auf dem Boden. Die waren aber alle sehr dünn und kaum größer als Finger und es waren auch überhaupt nicht viele.
Manchmal ist da was. Aber meistens ist es nichts, hörte er in Gedanken seinen Vater sagen.
„So ein Schwachsinn“, flüsterte Martin.
Ein Geruch kroch Martin in die Nase, als er Schwachsinn sagte.
Es war ein zarter, fast unauffälliger Geruch, wie der von kalten Wildlederjacken. Und dann verschwand er auch schon wieder.

Martin Wader lag noch eine Zeit lang wach, rollte sich im Bett herum, dachte über den Schuppen nach und über das, was sein Vater ihm über das Nichts darin erzählt hatte und über das Manchmal.
Irgendwann döste er für einige Minuten in einem angenehmen Zustand des Halbschlafs und als die unterste Stufe der Treppe im Erdgeschoss knarrte starrte er unsicher durch seine Zimmertür in den Flur und lauschte.

Sebastian Wolfram

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