Lost Places: Trilogie „Vergessen im Harz“ erfolgreich beendet

Schulungszentrum auf dem Großen Ziegenberg vor der Premiere. Foto: A. Winternitz

Ballenstedt (aw). Am vergangenen Wochenende wurde der imposanten Immobilie hoch auf dem Großen Ziegenberg in Ballenstedt (Landkreis Harz) im Rahmen der Premierenveranstaltung zu „Vergessen im Harz 3“ wieder neues Leben eingehaucht. Zwei Diktaturen hat das Schulungszentrum im 20. Jahrhundert hinter sich. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde hier die „Elite für den Führer“ herangezüchtet, zu DDR-Zeiten funktionierte das Ensemble als SED-Parteischule. Seit Mitte der 1990er Jahre steht der Gebäudekomplex unter Denkmalschutz. Ein Teil wird von einem Sportverein genutzt, der Hauptteil gehört einem Investor aus Österreich. Was dieser mit dem Baudenkmal vorhat, steht in den Sternen.

Die drei Filmabende waren im Vorfeld zügig ausverkauft. Der filmische Abschied vom Harz war zugleich die größte Veranstaltung in der Geschichte der Dokumentarfilmreihe „Geschichten hinter vergessenen Mauern“ rund um den Leipziger Filmemacher Enno Seifried. Die perfekte Organisation zeigte diesmal besonders deutlich, wie sehr das gesamte Filmteam über die Jahre zusammengewachsen ist und mit welcher Leidenschaft ans Werk gegangen wird. „Einige haben sich extra Urlaub genommen, um hier mit auf- und abbauen zu können, oder gewisse Aufgaben während der Filmvorführungen zu übernehmen“, schwärmte Seifried. „Jeder sucht sich seine Aufgaben, man muss niemanden überreden oder einteilen“, so der Filmemacher weiter. Aus den anfänglichen „Filmmitarbeitern“ wurden später dicke Freunde. Zeit, um nach dem Ende der zweiten Trilogie einmal zurückzublicken.

Von einer Vision zum großen Erfolg

In den vergangenen Jahren ist viel passiert. Angefangen hat alles mit einer Idee von Enno Seifried. Den Filmemacher und Regisseur – zu damaligen Zeiten in der noch überschaubaren Geocachingszene durch die äußerst beliebten „Trau dich!“-Caches bundesweit bekannt – interessierten neben den zahlreichen „vergessenen Orten“ in der Heldenstadt gerade die Erzählungen von ehemaligen Beschäftigten, sowie die verschiedenen Stationen des Verfalls – die ihn ergriffen, und begeisterten zugleich. Oftmals, wenn Seifried an jenen, teilweise surrealen Orten unterwegs war, hatte der die Videokamera bei sich.

So entstand die Motivation, eingefangenes Material in einem Film zusammenzufassen. Der erste Dokumentarfilm „Geschichten hinter vergessenen Mauern – Lost Place Storys aus Leipzig“ war geboren. Seifried bezeichnete diese Idee damals als „logische Konsequenz“ seiner Leidenschaft – wenn auch zuerst nur als „Hirngespinst“. Publik werden sollte die Dokumentation ursprünglich gar nicht. Doch als das Projekt auf der Leipziger Crowdfunding-Plattform eingestellt und über Facebook bekannt gemacht wurde, begann eine wahre Euphorie, ausgelöst durch die Unterstützer – die den Film im Rahmen einer Premiere sehen wollten. Die damalige Sensation: Der Film, für den 5.000 Euro eingesammelt werden mussten, finanzierte sich innerhalb weniger Tage.

Beeindruckende Unterstützung

Infolge des Crowdfundig-Erfolges fand 2012 die Premiere des ersten Leipzig-Teils im Sowjetischen Pavillon (Achilleion) in Leipzig statt. Die Resonanz im Vorfeld, aber auch hinterher war gigantisch. Nicht nur die Kulisse des denkmalgeschützten Baus auf dem alten Messegelände beeindruckte die Zuschauer, sondern vor allem die Gestaltung des Dokumentarfilms und die Menschen hinter dem Leipziger: das Filmteam. Schon damals spürten die Unterstützer des Films, dass hier etwas Besonderes geschaffen wurde. Die logische Konsequenz auf den Erfolg war das Versprechen, einen weiteren Dokumentarfilm zu produzieren. Kritiker, die den Film als eine „Eintagsfliege“ bezeichneten, wurden in den folgenden Jahren eines besseren belehrt. Denn was da noch kommen sollte, übertraf auch die kühnsten Vorstellungen von Seifried und seinen Mitstreitern.

Nur ein Jahr später startete die nächste Crowdfunding-Aktion für den zweiten Teil der Leipzig-Dokumentation rund um das bauliche Erbe der Messestadt. Die Vision, „Geschichten hinter vergessenen Mauern – Fortsetzung“ im „KulturKino zwenkau“ südlich von Leipzig uraufzuführen, schlug ein wie eine Bombe. Noch schneller als der Vorgänger finanzierte sich der zweite Teil in nur wenigen Tagen. Doch nicht nur das! Denn „GHVM 2“ punktete mit neuen Herangehensweisen, Sidekicks und modernerer Technik. Das Ergebnis wurde entsprechend honoriert – nicht nur mit viel Applaus am Premierenwochenende, sondern mit steigenden Verkaufszahlen der DVDs und einer rasant wachsenden Fangemeinde. Was lag da näher, als einen weiteren Teil anzukündigen.

Gesagt, getan! 2014 fand – nach einem erneuten Crowdfunding-Rekord (finanziert nach 26 Stunden) – die Filmvorstellung in der ehemaligen, denkmalgeschützten Hauptpost am Augustusplatz in Leipzig statt. Erstmalig stellte man die Dokumentation mit dem Titel „Geschichten hinter vergessenen Mauern – Lost Place Storys aus Leipzig – Abschied“ in einer überlangen Version (180 Minuten, mit Pause) dem Publikum vor. Eine Dokumentation länger als 100 Minuten war bis dahin undenkbar. Zu trocken das Thema, zu langweilig für die Zuschauer. Falsch gedacht! Selbst diese Variante wurde von den Zuschauern gebührend gefeiert. Zum letzten Mal konnte die alte Bausubstanz der Hauptpost erlebt werden. Danach starteten die Baumaßnahmen und die denkmalgerechte Rekonstruktion für zukünftige, vielfältige Nutzung. Die Unterstützer jedoch waren mit den Gedanken woanders. Schon damals fragten sie sich: Geht es mit den GHVM-Dokus weiter? Und wenn ja, wo?

Von Leipzig in den Harz

Viel wurde in den sozialen Netzwerken spekuliert und diskutiert, doch Seifried ließ erst im Frühjahr 2015 die Katze aus dem Sack. Ihn und einige Mitglieder des Filmteams hatte es in der Vergangenheit des Öfteren in den Harz gezogen. Neben der malerischen Natur des Mittelgebirges verschlug es die Leipziger immer weiter abseits der offiziellen Touristenpfade. Was sie hier entdeckten, sollte der Stoff für eine neue Dokumentarfilm-Trilogie werden. Begonnen hatte alles mit einer erneuten Crowdfunding-Aktion für eine Uraufführung von „Vergessen im Harz“. Seifried sagte damals gegenüber rottenplaces.de, dass er sein Filmteam mit dieser Vision zwar überraschte, aber nach kurzer Rücksprache jeden für das neue Projekt gewinnen konnte. Nur wenige Stunden nach dem Start wurde das Vorhaben dreifach finanziert – mehr noch, die Zahl der Unterstützer wuchs kontinuierlich weiter.

Als Veranstaltungsort für „Vergessen im Harz“ hatten die Verantwortlichen eine ganz besondere Location ausgesucht: den so genannten „Goethesaal“ mit künstlich angelegtem Wolfgangsee in der Baumannshöhle in Rübeland, eine der ältesten Schauhöhlen Deutschlands. Johann Wolfgang von Goethe zählt zu den bekanntesten Personen, der die Höhle 1777, 1783 und 1784 besuchte. Den Unterstützern bot sich nicht nur eine mystische und atemberaubende Kulisse, die Veranstaltung war zudem auch eine echte Steigerung zu den Vorjahren, obwohl zwischen dem „Goethesaal“ – und dem eigentlichen „Platz des Geschehens“ drumherum – ein munterer Fußmarsch vorbei an Stalagmiten und Stalaktiten unternommen werden musste. Gerade diese Gegebenheiten machte dieses Event so einzigartig.

Wie bei der Leipzig-Trilogie legte man auch nur ein Jahr später eine Fortsetzung vor. „Vergessen im Harz 2“ wurde 2016 beworben – auf demselben Weg wie die Jahre zuvor und konnte erneut in rekordverdächtiger Zeit finanziert werden. Als Ort für die Premiere suchte man das leerstehende Hotel Zehnpfund in Thale aus, ein früheres renommiertes Ensemble. Theodor Fontane war prominentester Gast im Hotel Zehnpfund, 1868, 1877, 1881 und 1882 verbrachte er seinen Sommeraufenthalt hier. Literarisch fand Fontane hier für seinen Roman Cécile den Stoff, der zu einem großen Teil im Hotel Zehnpfund und in der Umgebung spielt, und das Vorbild für Effi Briest. Erstmalig erhielt das Filmteam eine breite Unterstützung seitens der Stadt. Die Zuschauer sahen eine bewegende Dokumentation und honorierten diese mit viel Applaus.

Wer in jedem Jahr – und das seit 2012 konsequent – einen neuen Dokumentarfilm vorlegt, der muss sich über eine „Zielgruppe auf Entzug“ nicht wundern. Umso verständlicher waren die vielen Diskussionen und Spekulationen, als die Crowdfunding-Aktion zum dritten Teil von „Vergessen im Harz“ einfach nicht starten wollte. Und das, obwohl Seifried nach der Premiere der zweiten Harz-Dokumentation eine Fortsetzung versprach. Wie sich später herausstellte, tat er dies aus einer Emotion heraus zur Verwunderung des eigenen Filmteams. Und da es kein weiteres Material mehr gab, musste man kurzerhand welches produzieren. Über eineinhalb Jahre hat dieser Prozess gebraucht. Dann kam aus Sicht der GHVM-Fans im März dieses Jahres endlich die erlösende Nachricht: die Crowdfunding-Aktion für den dritten und letzten Harzteil war gestartet. Und auch diese wurde ein fulminanter Erfolg. Die Aktion finanzierte sich gleich mehrfach (wir berichteten).

Der letzte Teil von „Vergessen im Harz“ hatte Überlänge. „Der Film ist 105 Minuten lang“, verkündete Produktionsleiter Tilo Esche vor dem Film auf der Bühne im ehemaligen, blitzblanken und frisch bestuhlten Hörsaal des Schulungszentrums. „Wir hoffen, es wird keinem zu lang „, so Esche. Die Sorgen waren unberechtigt. Jeder einzelne Zuschauer verharrte gespannt bis zum letzten Schnitt auf seinem Platz. Besonders emotional wurde es noch einmal zum Schluss des Films. Vor dem Abspann hatte man noch einmal einige Protagonisten zusammen geschnitten, die in den drei Harz-Filmen zu sehen waren. Zwei davon, darunter auch der Brockenwirt Hans Steinhoff, verstarben noch vor der Filmpremiere im Jahr 2016. Ihre letzten Erzählungen und Anekdoten als Zeitzeugen sind somit für die Ewigkeit auf DVD gepresst.

Erste Äußerungen zur Zukunft von GHVM

Wie geht es nun weiter? Das fragen sich nicht nur die vielen Unterstützer, die die Trilogien „Leipzig“ und „Harz“ in den vergangenen Jahren so zahlreich unterstützt haben. Im Rahmen eines Interviews mit unserem Magazin vor der Filmpremiere in diesem Jahr hatten wir Seifried gefragt, auf welchen neuen Film sich die Unterstützer und Freunde zukünftig freuen können. Doch anders als vielleicht vermutet äußerte sich der Filmemacher zur Zukunft der GHVM-Filmreihe. „Natürlich könnten wir jetzt Europa bereisen und die verschiedensten, atemberaubenden „Lost Places“ einfangen. Doch Dokumentationen, gerade wie wir sie machen, brauchen einen regionalen Bezug“, so Seifried gegenüber rottenplaces.de.

Damit dürfte also klar sein, dass Seifried und sein Filmteam in der Bundesrepublik bleiben und ein Bundesland auswählen, indem nicht nur zahlreiche verlassene Orte zu finden, sondern auch spannende Geschichten dahinter zu erzählen sind. Man denke z. B. an Brandenburg mit seinen zahlreichen Militärbrachen und historischen Bauten oder an Mecklenburg-Vorpommern mit seinen vielen verlassenen, prunkvollen Herrenhäusern in ambitionierter Lage. Möglichkeiten gäbe es genug, aber natürlich auch in anderen Bundesländern, keine Frage!

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