Kursdorf – Ein Dorf verschluckt vom Flughafen

Kursdorf (aw). Wer denkt, ganze Ortschaften verschwinden nur, weil das Militär die Fläche für ihre Übungsplätze benötigt oder Energiekonzerne an das schwarze Gold im Erdreich wollen, der irrt gewaltig. Spricht man vom lautesten Dorf Deutschlands, denkt man unweigerlich an die Gemeinde Wacken im Kreis Steinburg, wo jedes Jahr im August das gleichnamige Metal-Festival ausgerichtet wird und 80.000 Besucher lautstark ihre musikalischen Helden feiern. Doch weit gefehlt. Etwa 14 Kilometer nordwestlich von Leipzig, nahe der Landesgrenze Sachsen–Sachsen-Anhalt, befindet sich ein Dorf, das vollständig von den Anlagen des Flughafens Leipzig/Halle umschlossen ist. Und damit nicht genug: Nebenan verläuft eine ICE-Strecke und das Schkeuditzer Autobahnkreuz. Die Rede ist von Kursdorf (bis 1815: Cursdorf), dessen erste urkundliche Erwähnung auf das Jahr 1497 zurückzuführen ist.

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1952 wurde Kursdorf bei der Kreisreform der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) dem Kreis Leipzig-Land im Bezirk Leipzig zugeteilt, der 1994 zum Landkreis Leipziger Land kam. Im selben Jahr erfolgte die Eingemeindung nach Schkeuditz, mit dem der Ort 1999 zum Landkreis Delitzsch und 2008 zum Landkreis Nordsachsen kam. Zu DDR-Zeiten starteten hier nur wenige Flieger. Zweimal im Jahr lud die Messe Besucher aus aller Welt nach Leipzig ein, dann wurde es auch im Dorf etwas lauter. Aber dies hielt sich in Grenzen, es starteten und landeten nur wenige Flieger. Heute trennt Kursdorf ein zwanzig Meter hoher Lärmschutzwall – davor ein Stacheldrahtzaun – von der Start- und Landebahn. Früher gab es die innerdeutsche Grenze, für die Kursdorfer wirkt es heute so, als wäre diese nie verschwunden.

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Kursdorf hatte 1950 stolze 537 Einwohner, 2015 waren es noch ganze 10. Mehr als 70 Prozent der Einwohner verließen seit den 1990er Jahren Kursdorf. Die hohen Schadstoff- und Lärmbelastungen des umschließenden Flughafens sind der Hauptgrund dafür. Die noch dort lebenden Kursdorfer halten ihre Türen und Fenster geschlossen, denn der Geruch von Kerosin ist, gerade in den Sommermonaten, kaum auszuhalten. Die Betreiber des Flughafens wollten den Dorfbewohnern das Leben so angenehm wie möglich gestalten. Sie bezahlten Lärmschutzfenster, Lüftungen im Schlafzimmer und zahlten 5.000 Euro Außenlärmentschädigung pro Grundstückseigentümer. Was wie das Handeln eines echten Samariters klingt, wird hinfällig, wenn laufend neue Baufahrzeuge anrollen und der Flugplatz erweitert wird – natürlich immer zulasten des kosequent schrumpfenden Siedlungsraumes von Kursdorf.

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Dabei hätte alles gut ausgehen können, so derbe dies auch in Anbetracht der aktuellen Situation klingt. Die Dorfbewohner nahmen sich vor einiger Zeit einen Anwalt und forderten gegenüber der Flughafengesellschaft „ein Haus für ein Haus“. Wer ein Haus verliert, dem steht ein neues Haus zu, so lautete zumindest die Theorie des harten Kerns der Dorfgemeinschaft. Doch der Kern zerbrach. Im Planfeststellungsbeschluss war diese Option nicht vorgesehen. Gutachter und Anwälte der Flughafengesellschaft taxierten den Wert der Kursdorfer Häuser, legten die Höhe der Entschädigungssummen fest. Wie erwartet stuften die Experten neuere Häuser hochwertiger ein als Alte. Heute ist auf den meisten unbewohnten Gebäuden ein „A“ gesprüht. „A“ bedeutet Abbruch.

Viele Kursdorfer leben heute auf der anderen Seite von Schkeuditz in Altscherbitz (auch Neu-Kursdorf genannt). Sie haben das Angebot zur Umsiedlung angenommen. Stimmten die Kursdorfer einer Umsiedlung zu, gingen die Häuser und Grundstücke in den Besitz der Flughafengesellschaft über. Diese berechnete den aktuellen Zeitwert und stellte ein Grundstück samt Haus zur Verfügung. Die Differenz zahlten die „Umsiedler“. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass dies für viele ehemalige Kursdorfer einem Neuanfang gleichkam.

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Die geografische Lage des Ortes inmitten eines Flughafengeländes und die daraus resultierenden Lebensumstände inspirierten den Dramatiker und gebürtigen Schkeuditzer Dirk Laucke (Koautor David Richter), der das Dorf als Vorlage für das Theaterstück Start- und Landebahn auswählte. Die Uraufführung fand am 16. Mai 2010 im Theater Osnabrück statt.

Die Zeit nagt an der Substanz von Kursdorf. Vermutlich wird in wenigen Jahren nicht mehr viel von der urigen Gemeinde übrig sein. Der Flughafen rückt immer näher. Und wenn die Abbruchbirne kreist, macht diese auch nicht vor der 700 Jahre alten, denkmalgeschützten Feldsteinkirche von Kursdorf halt, die vom Pfarrer liebevoll als ein „Kleinod aus Findlingen, Sandstein und Porphyr“ bezeichnet wird.

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