Kulturpark Windhöhe

Längst vergessen finden sich hier noch heute die Überreste der naturgetreuen Nachbildungen des Kulturparks Windhöhe, die dem Besucher einen 8000-jährigen Überblick über die Wohnkultur der Menschheit von der Steinzeit bis zur Gegenwart vermittelten. Die einst prachtvollen Modellbauten und Dorfgruppen in den Maßstäben 1:10 und 1:20, wurden seit der Schließung des Parks – im Jahr 1980 – dem natürlichen Verfall überlassen, oder durch erheblichen Vandalismus sowie Diebstähle zerstört. Wo zu aktiver Zeit Wanderer einkehrten, Autofahrer rasteten und zahlreiche große und kleine Besucher auf historische Entdeckerreise gingen, ist heute ein Teppich aus Moos, Gräsern und Laub einziger Zeuge einer besseren Zeit. Einzig der einmalige Fernblick von der „Windhöhe“ ist geblieben.

Die eigentliche Geschichte des Kulturparks beginnt 1954, doch die Weichen dafür stellten mehrere Ereignisse in den Jahren zuvor. Der Gründer, Hermann Stephan, geboren 1905 in Dresden, verbrachte seine Jugend in vielen Ländern der Erde. Seine späteren Jahre waren mit gleich mehreren Schicksalsschlägen behaftet. 1940 kaufte Stephan das Anwesen auf der Windhöhe und gründete eine Spielzeugfabrik, die er zehn Jahre später aufgrund unseriöser Partner aufgegeben musste und sein ganzes Vermögen verlor. Kurze Zeit später brach bei ihm eine alte Tropenkrankheit wieder auf und kostete ihn mehrere harte Jahre der Entbehrung. Stephan litt zudem an extremer Schlaflosigkeit und Epilepsie, sein Arzt verordnete ihm statt der Einnahme von Tabletten viel Frischluft. 1952 schenkten ihm seine Frau Luise und seine Kinder ein Zwerghuhnpärchen und aufgrund dieser Basis beschloss er zwei Jahre später den Aufbau einer Geflügelzucht.

Innerhalb kurzer Zeit wuchs seine Zucht auf beachtliche 70 Hühnerrassen an. Um diese zu beherbergen, konstruierte Stephan mit seinem Sohn Friedhelm zahlreiche kleine, maßstabsgetreue Häuser und Gebäude verschiedenster Bauweisen – der Grundstein des späteren Kulturparks.

Konsequenterweise baute Stephan das Gelände immer weiter aus, es entstand der Geflügelpark „Liliputstadt Märchenland“, der später in „Geflügelpark Windhöhe“ umbenannt wurde. Zu dieser Zeit erstreckten sich die Bauten über eine Fläche von 5.000 Quadratmetern und beherbergten neben verschiedenen Zwerghuhn-, Vogel- und Taubenrassen auch Zwergziegen, Pfauen, Fasane und andere Kleintiere. 1962 musste Hermann Stephan – der mittlerweile langjähriges Mitglied der Rassegeflügelzüchter war und seine Tiere in ganz Deutschland verkaufte – die Geflügelzucht wegen stark zurückgehender Nachfrage bedingt durch die von den Gewerkschaften aufgestellte Forderung nur an fünf Werktagen in der Woche zu arbeiten, einstellen. Die Menschen genossen nun lieber ihre Freizeit an den Wochenenden, als sich mit der Geflügelschau oder anderen zeitintensiven Themen zu beschäftigen. Für Stephan war dies allerdings kein Grund, seine ehrgeizigen Ziele weiter zu verfolgen.

Hermann Stephan erweiterte seinen Park unaufhaltsam. Waren bisher rund 30 Miniaturbauten, darunter eine holländische Windmühle, das Knochenhauer Amtshaus, die Hofapotheke in Detmold, das Rathaus in Michelstadt und der „Tempel zum großen Buddha“ in seiner Sammlung historischer Bauten zu finden, erweiterte er durch die Konstruktion immer weiterer Gebäude – jetzt mit weltweiten, geschichtlichen Abrissen über die Baukunst des Menschen – das Parkgelände um weitere 5.000 Quadratmeter auf eine Fläche von 10.000 Quadratmetern. Nach der Auswahl der Baugruppen holte sich Stephan die entsprechende Literatur aus der Landesbibliothek in Detmold. Meistens waren dies Bücher, die nicht ausgeliehen werden durften. Eine Sondergenehmigung des Leiters der Bibliothek erlaubte Stephan jedoch, Bücher für wenige Tage mitzunehmen. Da die Möglichkeit zur Nutzung eines Kopierers nicht gegeben war, zeichneten Stephan und sein Sohn Friedhelm die Bilder und Skizzen ab, nummerierten Farben und hielten diese in Skalen fest. Da die Umsetzung in den erforderlichen Maßstab oft aufgrund fehlender Maßangaben sehr aufwändig war, wurden solche Angaben anhand von Fotos und Zeichnungen von Friedhelm Stephan errechnet. Nach diesen Zeichnungen modellierte Hermann Stephan dann die Figuren, Reliefs oder Bauteile und fertigte Gipsabgüsse, die dann als Form für Betongüsse diensten. So entstanden immer mehr naturgetreue Miniaturbauten und somit eine wohl einzigartige Anlage in Deutschland.

In natur- und originalgetreuer Nachbildung schuf Stephan dort ein Überblick über die Wohnkultur der Menschheit von altgermanischen Pfahlbauten bis zu bekannten Baudenkmälern des Mittelalters und der Neuzeit aus allen Teilen der Erde. Die mächtigen Bauten, wie Tempelpyramiden, Kirchen, römische und indianische Bauten, japanischem Teehaus, Stufenturm, Festungen, einer Moschee, dem Taj (Tadsch) Mahal und zahlreichen weiteren Gebäudekomplexen entstanden in den Wintermonaten in Stephans Werkstatt und wurden im Frühjahr im Park an Ort und Stelle zusammengesetzt. Abschließend erfolgte die liebevolle Verzierung und Bemalung der maßstabsgetreuen Bauwerke.

Um die Realitätsnähe des Parks noch zu erhöhen, goss, formte und bemalte Stephan während seiner gesamten Konstruktionszeit weit über 2500 Figuren, die er den Baugruppen und Epochen zuordnete. Diese figürlichen Nachbildungen wurden in späteren Jahren zum Teil zum Leben erweckt, Stephan entwickelte mechanisch bewegte Figurengruppen. So entstand beispielsweise eine Waffenschmiede aus dem 11. Jahrhundert, in der auf Knopfdruck des Besuchers gehämmert wurde, oder aber ein Wagenrennen im römischen Zirkusrund 100 vor Christus sowie die Kulisse einer Austragung von Ritterturnieren vor der Burg Hedingham in England und die Schlacht im Teutoburger Wald.

Parallel zum Kulturpark grenzte ein geräumiger Parkplatz, der von Bussen angefahren wurde und Stephan gewann 1963 einen namhaften Getränkehersteller, der einen Getränke-Ausschank mit Tischen und Stühlen einrichtete. Im selben Jahr stellte er für den Park den Antrag auf Förderungswürdigkeit und Anerkennung als kulturelles Ausflugsziel für Schulen. Gleichzeitig versuchte er mit Zeitungsveröffentlichungen, Plakaten, Postkarten und weiteren Marketingmaßnahmen, die allesamt von Sohn Friedhelm erstellt und übernommen wurden, den Kulturpark einem neuen, breiteren Publikum bekannt und zugänglich zu machen.

Doch diese Rechnung ging leider nicht auf. Die Schulaufsichtsbehörde machte Stephan zahlreiche, kleinbürgerlich anmutende Auflagen, wonach er beispielsweise unzulängliche Bauten ergänzen und eine Gruppe der Märchenwelt weiter von den Nachbildungen historischer Bauten entfernen sollte, da sonst – nach Ansicht der Behörde – Verwechslungsgefahr bestünde. Auch die Bezeichnung als Geflügelpark wurde von den Beamten strikt abgelehnt. Der unerschütterliche Hermann Stephan behob all diese Mängel und teilte dies Ende 1964 der Aufsichtsbehörde mit. 1965 benannte Stephan seinen Park endgültig in „Kulturpark Windhöhe“ um und bat das Schulamt, erneut seiner Einladung zu einer Besichtigung zu folgen. Letztendlich scheiterten jedoch all seine Bemühungen und Anträge an den vom Schul- und Kulturamt als unzureichend bezeichneten sanitären Anlagen im Park, die aus einem Plumpsklo bestanden. Somit musste Stephan all seine Hoffnungen aufgeben, als Kulturpark anerkannt zu werden und infolgedessen auch keine finanzielle Förderung erhalten zu können. Eine weiteres Resultat waren schlussendlich auch die nicht weiter steigenden Besucherzahlen, die sich Stephan durch seine Planungen und Realisierungen so erhofft hatte. Die Einnahmen aus dem Park reichten nicht einmal für Farben und Material. So musste Stephans Sohn Friedhelm oft mit einer „kleinen Spende“ aushelfen.

Was Hermann Stephan antrieb, ist ungewiss. Denn auch nach den letzten Rückschlägen ging seine künstlerische Schaffensphase unermüdlich weiter. Immer mehr detailgetreue, historische Bauten und Figurengruppen kamen hinzu und ließen den Kulturpark rasant anwachsen. Seine Liebe zum Detail zeigt sich in jeder Nachbildung. Zahlreiche Fotokopien von Fotos oder Texten über historische Bauten, wie auch eigene Skizzen, Zeichnungen oder schriftliche Aufzeichnungen belegen eine äußerst sorgfältige und aufwändige Vorbereitung für die einzelnen Nachbildungen. Über jedes historische Bauwerk, wie auch über jede dargestellte Epoche, lagen erstaunlich präzise Kenntnisse und Informationen vor, bevor sie dargestellt wurden. Stephan informierte sich auch über die jeweiligen geschichtlichen Zusammenhänge und Ereignisse der einzelnen Abschnitte. Genau diese wurden dann durch die Figuren dargestellt, indem historisch bedeutende Personen auftauchten, die die Szene bestimmten.

Im Jahre 1971 konnten die Besucher des Kulturparks schon über 50 verschiedene Szenen mit rund 2500 Figuren, deren Zeitraum der gezeigten Epochen 8000 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte sowie Baukonstruktion aus 28 Ländern umfasste, bewundern. Die Orientierung in immer fernere Länder und die immer stärker ansteigende Detailtreue, bis hin zur Bewegung einzelner Figurengruppen, entsprach Stephans Wunsch, ein möglichst geschlossenes Bild von der Baukunst des Menschen zu schaffen.

1974 erlebte Stephan den Höhepunkt der Aufmerksamkeit für seine Arbeit. Es erschien ein Artikel in einer chinesischen Zeitung in Singapur. Die Übersetzung des Artikels wurde ihm – mit der Gratulation, eine wohl einmalige Anlage geschaffen zu haben – vom deutschen Botschafter Singapurs zugeschickt. In den folgenden Jahren wurde es ruhiger um den Parkvater aus dem Lipperland. 1981 starb Hermann Stephan im Alter von 76 Jahren. Da seine Frau Luise – die ihm während der ganzen Jahre unermüdlich zur Hand ging – gerade erst selbst aus dem Krankenhaus entlassen war und noch nicht wieder Laufen konnte, musste der Kulturpark geschlossen werden.

In den darauf folgenden Jahren wurden sämtliche Figuren, ganze Häusergruppen und Fassadenteile der Großbauten aus dem Park gestohlen. Hermann Stephans Sohn Friedhelm stellte noch einmal einen Antrag auf Förderungswürdigkeit, aber auch dieser wurde abgelehnt. So sah er sich gezwungen, große Teile der übrig gebliebenen Fassaden abzubauen. Die im Kulturpark zurückgelassenen Gebäude und Konstruktionen wurden durch erheblichen Vandalismus zerstört und sind seither dem Verfall ausgesetzt.

Heute ist der einzige, fast komplett erhaltende und vom Vandalismus größtenteils verschonte Nachbau der Moschee Selim II. mit seinen hohen Minaretttürmen noch immer an seinem ursprünglichen Platz zu finden. Das Bauwerk trotzt sämtlichen Witterungseinflüssen und Fremdeinwirkungen. Einem muslimischen Verein sollte die Moschee vor Jahren überlassen werden, doch dieser hatte nach einigen Planungen und dem Versuch das imposante Konstrukt abzutransportieren, das Vorhaben bereits im Vorfeld aufgegeben. Es scheint, als habe Hermann Stephan mit diesem Gebäude in seinem „Kulturpark Windhöhe“ ein Denkmal für die Ewigkeit geschaffen!

Man kann das Werk von Hermann Stephan klar als Lebenswerk bezeichnen, eine Vision, Menschen und Kultur zusammenzuführen. Unter enormen Zeitaufwand, jahrelanger aufopfernder Hingabe und handwerklichem Können sowie der unermüdlichen Hilfe seiner Frau Luise und seines Sohnes Friedhelm, hat er den Menschen Freude bereitet, die Geschichte greif- und erlebbar gemacht. Hermann Stephan, ein Mann, vor dessen grenzenloser Willens- und Schaffenskraft wir auch gerade in der heutigen Zeit den Hut ziehen müssen.

Dokumenten Information
Copyright © rottenplaces 2010
Dokument erstellt am 26.09.2010
Letzte Änderung am 30.06.2014

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