It’s Teatime – Von Lutz v. Kohlenbeisser

Foto: pixelio/Manfred

Charlotte hatte die Fahrt in das kleine Dörfchen im Westen Englands viel kürzer eingeschätzt. Vor fünf Uhr wäre sie bei diesem Regen nicht dort. Und jetzt im Spätherbst würde es zu dieser Zeit längst dämmern. Mutter hatte sie gebeten ihrer Tante Elisabeth ein paar Blümchen auf das Grab zu legen. Ihr Todestag jährte sich heute zum dreißigsten Mal.

Als Charlotte vor dem Friedhof parkte hatte es zwar aufgehört zu regnen, aber der Dunst legte sich wie eine Glocke über den Friedhof. Die alte Fabrik wurde ebenfalls vom Nebelschleier umhüllt. Charlottes Jagdinstinkt war geweckt. Sie schnappte sich ihre Kamera und ging auf die löchrige, alteingefallene Mauer zu. Es war für Charlotte ein leichtes sie zu überklettern.

Diese alte Fabrik, mit ihren bizarren Maschinen und rostigen Werkzeugen bot Charlotte unzählige schaurig-schöne Bilder an. Etwas erschrocken über die derweil eingebrochene Dunkelheit stolperte sie über die Mauersteine zurück zur Straße.

„Noch schnell die Blumen zum Grab der Tante bringen und dann nichts wie weg hier“, dachte sie. An der Straße angekommen, schaute sie sich suchend nach links und rechts um. Der Mini war weit und breit nicht zu sehen. Ihr Herz pochte. Hatte sie auf der anderen Seite der Fabrik geparkt? Nein, sie konnte sich genau an das Eingangstor des Friedhofs erinnern. Weggerollt? Auf gerader Straße? Wohl nicht. Jemand musste ihn gestohlen haben! Ihr Herz schlug schneller. Verdammt, wäre sie doch nur nicht wieder so motivbesessen gewesen.

Sie kramte ihr Handy aus der Handtasche und wählte die 999. Nichts, kein Tuten. Hier in dieser Einöde funktionierte selbst der Notruf nicht.

Vom Friedhof klang leises Stimmengewirr. Sie konnte hinter einigen Bäumen eine kleine Hütte erkennen in der Licht flackerte. Charlotte nahm all ihren Mut zusammen und eilte festen Schrittes durch die Dunkelheit des Friedhofs. Ihr Blick war fest auf die Hütte gerichtet und wich nicht zur Seite aus. Sie klopfte zaghaft an die Tür. Stimmen drangen heraus, doch niemand öffnete. Charlotte klopfte erneut, diesmal energischer. Ohne Vorwarnung öffnete ihr ein Mann in altmodischem Frack. An einem Tisch saßen Herrschaften bei Tee und Keksen.

Charlotte prasselte ihr Erlebtes heraus: „Eigentlich wollte ich meiner Ur-Tante ein paar Blümchen aufs Grab stellen. Da sah ich das verwitterte Gelände der Fabrik und habe ein paar Fotos geschossen. Als ich zurückkam, war mein Auto verschwunden. Spurlos verschwunden!“

„Nimm doch erstmal Platz, Mädchen!“, kümmerte sich Miss Molly, eine dickliche Frau mit gestecktem Haar. Sie wandte sich zum Buttler. „Tom, bitte hol ihr einen Tee mit Schuss. Einen starken!“

„Was mache ich denn jetzt?“, jammerte Charlotte, „Wie komme ich hier weg? Ohne Auto! Kann jemand die Polizei rufen?“

„Ach Kind, die Polizei hilft hier nicht. Es braucht alte Kontakte“, stellte ein älterer Herr fest.

„Als ob Sie noch alte Kontakte hätten!“, warf ein aristokratisch gekleideter Weißhaariger ein. „Nein, hier hilft nichts, außer einem Taxi. Und dieses sollten wir schleunigst besorgen.“

Tom kam aus der Küche. „Hier, Miss Molly, der Tee.“

„Trink, Mädchen, trink. Das wird dir gut tun“, sagte Miss Molly und tätschelte Charlottes Schulter. Doch diese sah Miss Molly unentwegt und erstaunt an. „Was ist, Kindchen?“, forschte die Dicke.

„Molly? Sie heißen … Molly?“

„Ja, so wahr ich hier stehe!“

„Mein Name ist auch Molly, Charlotte Molly. Kennen Sie zufällig meine Ur-Tante? Miss Elisabeth Molly?“ Das blasse, blutleere Gesicht Miss Mollys wurde noch fahler und nur Augenblicke später stieg ihr die Röte in die Wangen.

Es war totenstill in der kleinen Hütte hinter dem Friedhof. Charlotte schaute fragend in die Runde. Jeder wich ihrem Blick aus. „Was ist?“, fragte sie.

Miss Molly ließ sich auf den Stuhl neben Charlotte plumpsen. „Mädchen, also …“, stockte sie, „Wie soll ich es sagen. Ich … bin … Elisabeth Molly.“

„Nein!“, empörte sich Charlotte, „Nein, das ist Zufall. Meine Tante ist schon viele Jahrzehnte tot.“

Ein Herr mit kalten Augen erhob sich, stupste Miss Molly in die Seite und sprach: „Richtig, liebes Kind, es ist sicher eine Verwechslung, So etwas kann ja nicht sein. Erheben wir jetzt das Glas und stoßen auf den Geburtstag von Elisabeth an. Alles Gute, alte Freundin.“

„Aber nein“, warf der Graf ein, „Schluss mit der Heimlichtuerei. Wie soll das Mädchen das Dasein ihrer Tante sonst verstehen?“ Er wandte sich Charlotte zu. „Liebes Kind, du wirst von jedem von uns einen Grabstein auf dem Friedhof finden. Mancher dieser Steine ist verwittert und die Namen darauf sind kaum lesbar. Alle in dieser Runde treffen sich hier regelmäßig auf ein Pläuschchen bei Speis, Trank und gepflegter Gesellschaft. Alsdann warten wir erneut. Auf unser nächstes Treffen oder den jüngsten Tag, bis der Allmächtige uns endlich aus dem Fegefeuer erlöst.“

Charlotte schloss einen Atemzug lang die Augen, als der heiße Dampf ihres Tees aufstieg. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Sie sollte „Geister“ aus dem Fegefeuer sehen? Ihre Ur-Tante; ein Geist?

Als sie die Augen öffnete, stand ihr Tee dampfend auf dem Tisch. Die Herrschaften jedoch waren verschwunden.

Es klopfte an der Tür. „Taxi!“

Lutz v. Kohlenbeisser

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